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London-TagebuchGroßbritannien wählt - so lief der Tag des Referendums

Die Briten entscheiden über den Ausstieg aus der EU. In den neuesten Umfragen liegen die Brexit-Gegner leicht vorn. Um 23 Uhr deutscher Zeit schließen die Wahllokale. Was unsere Reporter am Tag der Entscheidung erlebten.Lars Ophüls, Reuters , dpa und Martin Dowideit, Johannes Steger, Nils Rüdel 23.06.2016 - 20:14 Uhr aktualisiert Artikel anhören

London. Bis zum Wochenende erscheint das Handelsblatt aus London. Dutzende Reporter sind für Sie im Land und in der britischen Hauptstadt unterwegs - Eindrücke halten sie auch bei Twitter fest (#HandelsblattUK). Auch Sie können bei zahlreichen Veranstaltungen dabei sein.

  • Wahllokale von 8 bis 23 Uhr deutscher Zeit geöffnet.
  • 46,5 Millionen Briten sind stimmberechtigt. Hier alles zum Prozedere.
  • Umfragen sehen das Pro-EU-Lager leicht im Vorteil.
  • Märkte wetten auf einen Verbleib der Briten in der EU.
  • Ergebnisse in den frühen Stunden des Freitags erwartet - hier live verfolgen.

+++ Handelsblatt-Redakteure bereiten sich auf die Nacht vor +++

Um 23 Uhr deutscher Zeit schließen die Wahllokale und die Auszählung beginnt. Das Handelsblatt wird rund um die Uhr hier berichten. Im Laufe der Nacht werden die Ergebnisse aus den einzelnen Wahlbezirken nach und nach bekannt gegeben. Live-Daten finden Sie ständig aktualisiert auf unserer interaktiven Karte. Weitere Updates vom Abend gibt es in einer neuen Ausgabe des Liveblogs - Martin Dowideit wird die Ereignisse hier für Sie sammeln und aufschreiben.

+++ Wann gibt es Ergebnisse? +++

Die Wahllokale werden bis 23 Uhr deutscher Zeit geöffnet sein. Unmittelbar danach wird die Auszählung der Stimmen in den 382 Wahlbezirken beginnen. Prognosen und Hochrechnungen soll es nicht geben. Experten begründen dies mit dem Fehlen entsprechender Vergleichsdaten. Allerdings kündigte das Meinungsforschungsinstitut Yougov eine Nachwahlbefragung an, die um 23 Uhr (MESZ) veröffentlicht werden sollte. Sie sollte sich jedoch nur auf eine vergleichsweise kleine Stichprobe stützen – qualitativ also nicht mit einer echten Prognose vergleichbar sein.

EU-Referendum in Großbritannien

Live – Die Wahlergebnisse

Erste Auszählungsergebnisse wurden in den frühen Morgenstunden des Freitags erwartet. Die britische Nachrichtenagentur PA ging davon aus, dass bis 6 Uhr (MESZ) ein belastbares Ergebnis vorliegen könnte. Der Sender BBC rechnete damit, dass – je nachdem, wie eng das Rennen tatsächlich sein würde – zwischen 5 und 8 Uhr (MESZ) Klarheit über den Ausgang des Referendums herrschen könnte.

Im Laufe der Nacht sollten die Ergebnisse aus den einzelnen Wahlbezirken nach und nach bekannt gegeben werden. Live-Daten finden Sie ständig aktualisiert auf unserer interaktiven Karte.

+++ Wetterchaos könnte Abstimmung beeinflussen +++

Vor allem im Großraum London haben schwere Unwetter massive Störungen im öffentlichen Nahverkehr verursacht. Mehrere U-Bahn- und Zuglinien wurden zeitweise eingestellt. Wichtige Bahnhöfe wie Victoria, Waterloo, Charing Cross oder Cannon Street standen am Abend komplett oder teilweise still. Auf sozialen Medien sorgten sich viele Pendler, dass sie dadurch den Schluss der Wahllokale um 22 Uhr Ortszeit verpassen könnten.

+++ Start-ups bangen um Köpfe und Kapital +++

Lange war London das Start-up-Mekka in Europa. Doch nun sorgen sich viele um ihr Geschäft, sollte Großbritannien aus der Europäischen Union austreten. Einige Gründer drohen bereits mit einem Wegzug von der Insel. Unsere Reporterin Katrin Terpitz berichtet.

+++ Unterwegs am Tag des Referendums +++

Seit sieben Uhr morgens sind die Wahllokale in Großbritannien geöffnet. Unsere Reporter sind ausgeschwärmt, um die Eindrücke dieser historischen Entscheidung zu sammeln. In London ist das Bild dabei schnell klar.

+++ Zwischen Rindern und Referendum +++

Für britische Viehzüchter ist diese Wahl bedeutender als das Brexit-Referendum: In Edinburgh werden auf der Royal Highland Show Großbritanniens beste Züchtungen gekürt. Thema ist der mögliche EU-Austritt dort trotzdem. Christoph Kapalschinski berichtet aus Schottland.

„Ich habe nicht gegen Ausländer, aber einige kommen doch nur wegen unserer Sozialleistungen“

Foto: Christoph Kapalschinski

+++ Endspurt in Manchester +++

Langsam bereitet sich die nordenglische Industriestadt auf das große Finale vor, berichtet Handelsblatt-Reporter Martin Wocher. Das historische Rathaus wird derzeit weiträumig mit Sichtschutzzäunen abgeriegelt, auf dem Hof haben sich Übertragungswagen ausländischer Fernsehgesellschaften verteilt. Im Zentrum von Manchester wird irgendwann am frühen Morgen die Wahlkommission des Landes das Ergebnis des Referendums bekanntgeben. Ob ein führender Politiker dann hier auch vor die Kameras treten wird, ist noch offen. Spekulationen, dass sich David Cameron nach Manchester aufmacht oder sein Finanzminister, wollte ein Sprecher der Stadt nicht bestätigen: „Ich glaube, sie werden eher in London bleiben.“ Auch mit spontanen Siegesfeiern vor dem Rathaus nach der Bekanntgabe des Ergebnisses rechnet hier niemand: „Das ist den Leuten viel zu früh“, heißt es.

So hält sich die Polizei-Präsenz in minimalen Grenzen: Zwar werden die Eingänge des Rathauses scharf kontrolliert – seit den Morgenstunden dürfen nur noch Personen mit speziellen Ausweisen passieren. Doch es sind gerade mal ein Dutzend Polizisten, die das Treiben lässig beobachten.

Britische Bremsen – Londons Sonderwege in Europa
Als Gegengewicht zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wird auf Initiative Londons die Europäische Freihandelszone (EFTA) gegründet, die keine politische Integration anstrebt.
Der französische Präsident Charles de Gaulle legt sein Veto gegen eine Mitgliedschaft der Briten in der EWG ein. 1973 tritt Großbritannien schließlich doch bei.
Erst nachdem Premier Harold Wilson die Vertragsbedingungen nachverhandelt hat, sprechen sich die Briten in einem Referendum mit 67,2 Prozent für einen Verbleib in der Gemeinschaft aus.
Mit den legendären Worten „I want my money back“ (Ich will mein Geld zurück) handelt die konservative britische Premierministerin Margaret Thatcher den sogenannten Britenrabatt aus. London muss fortan weniger in den Haushalt der Europäischen Gemeinschaft (EG) einzahlen.
EG-Länder beschließen im Schengener Abkommen die Aufhebung der Passkontrollen an den Binnengrenzen. Großbritannien macht nicht mit.
Der britische Premier John Major kündigt eine europafreundliche Politik seiner Konservativen Partei an, scheitert damit aber parteiintern. Er handelt aus, dass London nicht am Europäischen Währungssystem teilnimmt.
Der britische Premier Tony Blair gerät mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac über ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ in Streit.
Blair lässt einen EU-Gipfel zum mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen Union (EU) scheitern, stimmt Monate später aber doch zu und akzeptiert ein Abschmelzen des Britenrabatts.
Mit Inkrafttreten des EU-Vertrages von Lissabon kann London wählen, an welchen Gesetzen im Bereich Inneres und Justiz es sich beteiligt. Zudem erwirkt die britische Regierung den Ausstieg aus mehr als 100 Gesetzen aus der Zeit vor dem Lissabon-Vertrag.
Der britische Premier David Cameron verweigert seine Zustimmung zum EU-Fiskalpakt.
Cameron droht mit einem Veto bei den Verhandlungen zum mehrjährigen Finanzrahmen der EU.
Cameron kündigt eine Volksabstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU bis spätestens 2017 an. Bis dahin will er die Rolle seines Landes in der EU neu aushandeln und Befugnisse aus Brüssel nach London zurückholen.
London blockiert den Aufbau einer Europäischen Verteidigungsunion und lehnt grundsätzlich Doppelstrukturen von EU und Nato ab.
Nach Zugeständnissen der EU kündigt Cameron für den 23. Juni ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU an.

Überhaupt drängt sich der Eindruck auf, dass zumindest hier in Manchester die Bewohner der Stadt den Tag sehr entspannt verleben. Von Schicksalswahl oder historischem Einschnitt ist gar nichts zu spüren. Die Menschen laufen wie immer mit großen Tüten durch die Einkaufsstraßen, die vielen Cafés der Stadt sind schon seit den Vormittagsstunden voll besetzt: Die Menschen genießen es, dass nach zwei Wochen Dauerregen endlich der Sommer Einzug eingehalten hat – mit nur wenigen Wolken und Temperaturen, die die notorisch unempfindlichen Briten dazu verleiten, sich möglichst freizügig auf den öffentlichen Plätzen zu zeigen - ein Hauch von Ballermann liegt über der Stadt. Nach wie vor sind die Wahllokale nur mäßig besucht. Viele führen das allerdings darauf zurück, dass rund ein Drittel der Wahlberechtigten ihre Stimme schon per Briefwahl abgegeben hat.

+++ Die Märkte haben sich bereits entschieden +++

An den Börsen wetten die Investoren auf ein Ja der Briten zur EU. Doch die Angst der Finanzwelt ist damit noch nicht verschwunden. Mehr zu der Lage an den Märkten.

+++ Das Schweineorakel hat gesprochen +++

Großbritannien bleibt in der EU – zumindest, wenn es nach dem Schweinerennen im englischen Pennywell geht. Auf der Farm von Chris Murray müssen sich die Schweine David Hameron, George Hogsbourne, Boar-is Johnson und Iain Duncan-Sniff zwischen „Brexit“ und „Bremain" entscheiden. Das finale Rennen endet 3:1. „Genau wie die Buchmacher vorhergesagt haben“, sagt Murray. Unser Reporter Michael Brächer hat das historische Ereignis festgehalten:

+++ Briten stürmen die Wechselstuben +++

Am Tag des Brexit-Referendums herrscht in den britischen Wechselstuben erneut Hochbetrieb. Die Brexit-Sorgen erhöhen die Summen, die eingetauscht oder ins Ausland geschickt werden. Kirsten Ludowig und Katharina Slodczyk berichten.

+++ Fondsmanager Styles rechnet mit einem „In“ +++

Merrick Styles, Fondsmanager beim britischen Fondshaus Baring Asset Management, rechnet damit, dass sich seine Landsleute knapp für einen Verbleib in der Euro-Zone entscheiden. Seinen aus Aktien und Anleihen gemischten Fonds hat Styles auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen getrimmt, also etwas sicherer aufgestellt. Den Aktienanteil hat der Brite deutlich verringert von rund 40 Prozent vor zwei Monaten auf 28 Prozent. Und innerhalb der Aktienquote hat er die wohl am stärksten unter einem Brexit leidenden Industrieländer wie Großbritannien, aber auch Europa insgesamt abgebaut zugunsten von Schwellenländern. „Ich hoffe, dass sich Emerging Markets von dem Ereignis etwas abschotten können“, sagte Styles unserer Reporterin Anke Rezmer. Zuletzt hätten sich die Schwellenländer-Aktien stabiler gezeigt als etablierte Dividendentitel.

Den Rest des Fondsvermögens hält Styles in verschiedenen Anleihen, vor allem in Hochzinspapieren aus den USA. Der Fondsmanager glaubt nicht, dass „Aktien auch wegen des Brexit-Referendums die großen Performer in diesem Jahr werden“ und sucht daher intensiv Anleihen, die noch Zinsen bringen. Im Durchschnitt bringen seine Bonds rund sechs Prozent Rendite im Jahr.

+++ Last-Minute-Wetten auf den Brexit +++

Der Mitarbeiter in einem Wettbüro lehnt sich entspannt zurück. Nein, heute habe noch niemand auf das Referendum gewettet, sagt er unserer Reporterin Ina Karabasz. Allerdings hätten sehr viele danach gefragt. Die Quote stehe etwa 1/12 für den Verbleib Großbritanniens in der EU, meint der junge Mann und schaut aber sicherheitshalber noch einmal nach. Oh, sagt er, sie stehe nun nur noch bei 1/7. In den vergangenen zweieinhalb Stunden habe jemand eine große Summe auf dem Brexit gesetzt.

Bei einem Wettbüro unweit davon hat der Mitarbeiter eines anderen Wettanbieters mehr mit dem Referendum zu tun. Heute sei Hochsaison für diese Wetten, sagt er. Aber auch schon in den vergangenen Wochen sei die Wette auf den Brexit beliebt gewesen. Einer hätte 10.000 Pfund auf den Austritt gesetzt.

Die wichtigsten Personen in der Brexit-Debatte
Der britische Premierminister spielt mit dem Feuer. Die Idee eines Referendum brachte er ins Spiel, um seine Gegner und EU-Kritiker in der konservativen Partei ruhigzustellen. Bewusst definierte der 49-Jährige den Zeitraum anfangs eher vage, spätestens bis Ende 2017 solle abgestimmt werden, kündigte er vor der Parlamentswahl im Mai 2015 an. Öffentlich gab sich Cameron zunächst sehr EU-kritisch, forderte die Gemeinschaft zu Reformen auf.Beim EU-Gipfel im Februar verkündete er einen Durchbruch. Vor allem beim Thema EU-Einwanderer habe er sich durchgesetzt. Über Nacht wurde Cameron zum EU-Fan. Ein Austritt würde die Wirtschaft und Sicherheit des Landes gefährden, sagt er nun. Zugleich drückt er aufs Tempo und legte als Termin für das Referendum den 23. Juni fest: Er fürchtet, eine erneute europäische Flüchtlingskrise oder neue Euro-Turbulenzen könnten Wasser auf den Mühlen seiner Gegner sein. Insider meinen, falls der Brexit kommt, bleibe Cameron nur der Rücktritt.
Der frühere Londoner Bürgermeister hat sich erfolgreich als Galionsfigur der Austrittsbefürworter etabliert – und ist zum direkten Gegenspieler Camerons avanciert. Der rhetorisch begabte Populist, der am 19. Juni – kurz vor dem Referendum – seinen 52. Geburtstag feiern kann, ist ein Freund verbaler Zuspitzung und Provokationen. Jüngstes Beispiel ist seine Behauptung, die EU wolle den Superstaat – wie einst Napoleon und Hitler. Dafür erntete er zwar reichlich Kritik, doch der Mann mit den markanten weiß-blonden Haaren ist bei den Briten populär. Einer jüngsten Umfrage zufolge halten ihn viele Briten sogar für glaubwürdiger als Cameron. Brexit-Warnungen internationaler Organisationen wie etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) hält er für reine Angstmache. Ein EU-Austritt würde dem Londoner Parlament endlich Souveränität zurückgeben. Außerdem würden Mega-Zahlungen an Brüssel wegfallen. Doch Beobachter in London meinen, letztlich gehe es Johnson darum, Cameron zu beerben. Sollte das Austritts-Lager gewinnen, steigen seine Karriere-Chancen beträchtlich. Doch auch wenn es scheitern sollte, könnte Johnson gewinnen: Cameron könnte dann seinen Gegnern „Brücken bauen“ – und Johnson ins Kabinett holen.
Die 45 Jahre alte schottische Regierungschefin hat vor allem ein Ziel – Unabhängigkeit von London. Im vergangenen Jahr ist sie damit bei einem Referendum knapp gescheitert. Doch die Schotten sind zugleich mehrheitlich EU-Fans. Sollte London die EU tatsächlich verlassen, würde das den schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen erheblich Auftrieb verleihen. Für diesen Fall spekuliert Sturgeon mit einem zweiten Unabhängigkeitsvotum.
Ein waschechter EU-Fan ist auch der 67 Jahre alte linke Labour-Chef nicht. In der Vergangenheit reihte er sich eher unter den Gemeinschafts-Skeptikern ein. Auch jetzt spricht er von Mängeln und Schwächen der Union. Doch es gebe keine Alternative: Man könne die EU nur reformieren und verbessern, wenn man dabei sei. Daher kämpft Corbyn jetzt für den Verbleib. Doch er ist angeschlagen, jüngst musste Labour bei Regional- und Kommunalwahlen Schlappen einstecken.
Der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei gilt vielen als „Mr. Brexit“, ein Austrittskämpfer der ersten Stunde. Zunächst war er bei den Konservativen, doch als London 1992 dem Maastricht-Vertrag beitrat, verließ er die Partei und gründete Ukip. EU und Immigration sind die Leib- und Magenthemen des begabten Rhetorikers, der ebenfalls keine Spitze scheut.Gegner werfen dem 52-Jährigen vor, er spiele mit der Angst. Bei der Parlamentswahl im Mai 2015 gewann die Partei zwar hinzu – wegen des Mehrheitswahlrechts brachte sie aber nur einen Abgeordneten ins Parlament. Farage ist stets für eine Überraschung gut, jüngst brachte er etwa die Idee eines zweiten Referendums ins Spiel – falls die EU-Befürworter am 23. Juni knapp gewinnen sollten.

Auch Dean, 38, ist an diesem Tag im Wettbüro. Er setzt allerdings lieber auf Fußball. Gewählt hat er heute trotzdem schon: Er will raus aus der EU. Sein Kollege Rob auch. Großbritannien würde viel zu viel importieren, sagt Dean. Und zu wenig selber produzieren. Das würde sich hoffentlich durch einen Austritt ändern. Zudem könnten sie dann ihre Handelsabkommen selber aushandeln - mit besseren Konditionen für die Briten.

+++ Wahlkampf bis zur letzten Minute in Manchester +++

Sie stehen gerade mal 80 Meter auseinander: Auf der Market Street, der wichtigsten Einkaufsmeile Manchesters, kämpfen die beiden Lager noch um die letzten unschlüssigen Wähler, berichtet Handelsblatt-Reporter Martin Wocher. „Ich mache das nicht für mich“, sagt Paul Harris, der sich der Leave-Kampagne angeschlossen hat, „sondern für meine Kinder und Enkel. Die sollen in einem besseren Großbritannien eine Zukunft haben.“ Der 66-jährige Rentner räumt allerdings ein, dass auch seine Familie in der Frage Bleiben oder Gehen gespalten ist. der Sohn ist für den Ausstieg, die Tochter für den Verbleib in der EU. Deren Argumente mag Harris schon gar nicht mehr hören: „Brüssel ist eine korrupte Organisation, die die Hoffnungen Millionen junger Menschen in Südeuropa zerstört hat“, ereifert es. „Das ist alles nur ein Desaster.“ Auch für die deutsche Kanzlerin hat er noch eine Botschaft: „Tschüss Mutti.“

In der Innenstadt von Manchester müssen sich die Leave-Anhänger schon manche kritische Anmerkung anhören. Vieles dreht sich dabei um Jobs und die Wirtschaft. So glaubt Darren De Valley, der in Sichtweite von Harris noch Remain-Button verteilt, dass die Stadt selbst für die EU stimmen wird. Schwieriger wird es dagegen im Umland. Dort hat das Leave-Lager viele Anhänger. Jüngste Umfragen gehen davon aus, dass sich sieben von zehn Gemeinden rund um die frühere Industriestadt für einen Ausstieg entscheiden werden.

Für den Immobilienmakler, der sich extra diese Woche für den Wahlkampf Urlaub genommen hat, wäre das „eine Schande". Der gebürtige Ire, der ein paar Jahre in Frankreich und Schweden gelebt hat, lobt die Vorzüge eines gemeinsamen Marktes – und sogar einer Währung wie den Euro. Dennoch wird es seiner Ansicht nach eng werden bis zur Schließung der Wahllokale: „Ich hoffe ja immer noch, dass sich eine überzeugende Mehrheit für die EU ausspricht. Ansonsten bleibt das Land in zwei Lager gespalten. Aber sicher bin ich mir nicht.“

Auf der Market Street, der wichtigsten Einkaufsmeile Manchesters, kämpften die beiden Lager noch am Nachmittag um die letzten unschlüssigen Wähler

Foto: Martin Wocher

+++ Pöbelei gegen Remain-Helfer +++

Michael steht in London vor einer U-Bahn-Station und verteilt „In“-Aufkleber. Ein dunkelhäutiger Mann wehrt den angebotenen Sticker vehement ab. „Out, out!“, ruft er, während er weiterläuft. „I want a job!“. Das sei ihm schon einige Mal passiert, erzählt Michael unserer Reporterin Kerstin Leitel. „Beim Thema Einwanderung werden die Leute emotional“. Er selbst kommt auch aus dem Ausland, aus Australien und hofft, dass die Mehrheit der Briten gegen einen Austritt aus der Europäischen Union stimmt. „Wegen des Friedens“, sagt er. „Es ist wichtig, dass wir friedlich zusammenleben“.

+++ Welches Umfrageinstitut liegt richtig? +++

+++ Rooney hält Votum geheim +++

Wayne Rooney will seine Wahlentscheidung beim Referendum über einen möglichen EU-Austritt Großbritanniens nicht öffentlich machen. „Ich möchte nicht darüber sprechen und halte es geheim“, sagte der Kapitän der englischen Fußball-Nationalmannschaft am Donnerstag im EM-Quartier von Chantilly. Rooney ließ auch offen, ob er überhaupt abgestimmt hatte.

Der Verband hatte den Spielern eine mögliche Briefwahl vom Turnier aus Frankreich organisiert. „Ich weiß nicht, wie viele die Option wahrgenommen haben“, sagte Rooney. Keiner seiner Teammitglieder sprach sich bis zum Beginn des Votums am Donnerstag öffentlich für oder gegen einen Verbleib in der Europäischen Union aus.

+++ Tony Blair wirbt für Verbleib der Briten +++

Nahe dem angesagten Stadtteil Clifton ist die überwiegende Mehrheit dafür, in der EU zu bleiben.

Foto: Lukas Bay

+++ Glastonbury-Festival sticht Referendum aus +++

Der lokale Wahlinspektor hat Stephen Perry schon ermahnt, aber er verteilt trotzdem weiter seine „Remain“-Flugblätter. „Das ist schließlich eine Frage von Leben und Tod“, sagt er Handelsblatt-Reporter Lukas Bay. Außerdem sei es bei dieser Abstimmung – im Gegensatz zu den anderen Wahlen – erlaubt, auch direkt vor dem Wahllokal zu werben. Normalerweise müsse man 50 Fuß Abstand halten. „Und außerdem“, sagt er und lacht, „habe ich meinen Anwalt gleich mitgebracht“. Er zeigt auf seine Frau, die ihren beiden Hunden ebenfalls Wahlwerbung für die „In“-Kampagne übergestreift hat.

Direkt vor dem Richmond Building der „Student's Union“, nahe der Universität, muss Stephen kaum Überzeugungsarbeit leisten. Viele lehnen seine Flyer ab, weil sie ohnehin für den Verbleib in der EU stimmen werden. Stephens größter Gegner ist das Musikfestival in Glastonbury, das zeitgleich zur Abstimmung stattfindet – und für das viele junge Bristolians die Stadt verlassen haben. Gerade über die geringe Wahlbeteiligung der jungen Briten wurde in den vergangenen Tagen viel diskutiert. „Legt Instagram zur Seite, geht wählen“, sagt Stephen.

Nahe dem angesagten Stadtteil Clifton ist die überwiegende Mehrheit dafür, in der EU zu bleiben. Busfahrer Kier kommt aus der Türkei. „Ist doch klar, dass ich für den Verbleib stimme", sagt der 27-Jährige. Stephen erzählt, dass er zu keiner Partei gehöre. Aber ihm sei die europäische Idee so wichtig, dass er für die Kampagne den ganzen Tag auf der Straße steht. Er habe für mehrere internationale Konzerne gearbeitet, unter anderem in den USA, aber auch in Holland. „Ich weiß wie wichtig es ist, diese Freiheit zu haben.“

Keinerlei Schlangen vor den Urnen im Wahllokal an der Bellevue Chapel.

Foto: Christoph Kapalschinski

+++ Mittagsruhe in Schottland +++

Keinerlei Schlangen vor den Urnen in Edinburgh – im Gegenteil. Im Wahllokal an der Bellevue Chapel sind die drei Wahlhelfer froh über ein bisschen Abwechslung. „Zur Mittagszeit ist es bei allen Wahlen sehr ruhig“, sagt der erfahrene Helfer. Erst nach Feierabend würde es voll. Die letzten beiden Stunden vor Votumsende ziehen sich dann erfahrungsgemäß. So wie jetzt: mindestens 10 Minuten lang kreuzt nicht ein einziger schottischer Wähler auf. Die drei Pappkabinen mit der Wahlanleitung (Nur ein Kreuz, sonst ungültig) bleiben leer.

Alles muss seine Ordnung haben: Auch Handelsblatt-Reporter Christoph Kapalschinski wird offiziell als Besucher des Wahllokals registriert, Fotografieren is auch im leeren Lokal verboten. Dann taucht doch noch eine Wählerin auf. Margot hat für die EU gestimmt. „Ich bin Internationalistin“, sagt die Seniorin. ,„Aber es ist ärgerlich, dass Frankreich und Deutschland Premierminister David Cameron nicht mehr Zugeständnisse bei der EI-Reform gemacht haben und ihm so einen Knüppel zwischen die Beine geworfen haben. Andernfalls wäre es jetzt nicht so knapp.“

+++ Die Angst vorm Wahlbetrug +++

Die Wahlkommission weist per Twitter noch einmal darauf hin, dass es auch völlig in Ordnung ist, einen Bleistift beim Ausfüllen des Wahlzettels zu benutzen. Aus Angst vor Wahlbetrug benutzen viele Engländer allerdings lieber einen Kugelschreiber oder Füller. Das beobachtet auch unser Reporter Michael Brächer in Plymoouth.

+++ Börsen wetten auf ein "Yes" der Briten zur EU +++

Am Schicksalstag für die Briten haben die Anleger an Europas Börsen auf einen Verbleib des Vereinigten Königreiches in der Staatengemeinschaft gesetzt. Dax und EuroStoxx50 legten bis Donnnerstagnachmittag in der Spitze je 2,7 Prozent auf 10.340 und 3057 Punkte zu. Der Londoner Auswahlindex „Footsie“ gewann 1,9 Prozent. Das Pfund Sterling wertete um 1,6 Prozent auf und notierte erstmals seit Dezember 2015 wieder über 1,49 Dollar. Die Unsicherheit über das tatsächliche Ergebnis bremste allerdings Aktien- und Devisenkäufe.

„Der Markt preist jetzt ganz klar mit wachsender Gewissheit ein 'Remain'-Votum ein“, sagte Währungsstratege Adam Cole von RBC Capital Markets. Buchmacher taxieren die Chance auf einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU auf 86 Prozent. Deutlich über 50 Prozent der Briten befürworten den Verbleib in der EU, wie aus am Donnerstag veröffentlichten Umfragen hervorgeht. Diese waren allerdings vor Öffnung der Wahllokale geführt worden, die erst am Abend um 23 Uhr deutscher Zeit schließen. Die Ergebnisse der Auszählung werden Sie hier live von Wahlbezirk zu Wahlbezirk verfolgen können.

+++ Lange Schlangen vor Wahllokalen +++

Trotz schlechten Wetters haben sich beim EU-Referendum in Großbritannien lange Schlangen vor Wahllokalen gebildet. Wähler hätten geduldig in langen Reihen gewartet, um in Schulen, Kirchen oder Einkaufszentren ihre Stimme abzugeben, berichtete die britische Nachrichtenagentur PA. In der Nacht hatte es in London und im Südosten des Landes teils heftige Regenfälle und Gewitter gegeben. In der Hauptstadt hätten einige Wahllokale wegen Überflutungen geschlossen und in Ausweichquartiere verlegt werden müssen.

+++ Die verlorene Seeschlacht +++

Auch die britischen Fischer geben heute ihr Votum beim Brexit-Referendum ab. Sie werden für den Austritt aus der Europäischen Union stimmen. Dabei trägt die eigene Regierung die Schuld für viele ihrer Probleme. Michael Brächer berichtet aus Plymouth.

„Wir sollten aus der Krise Lehren ziehen.“

Foto: dpa

+++ 55 Prozent der Briten sind gegen Brexit +++

Etwa 55 Prozent der Briten befürworten den Verbleib in der EU, wie aus einer aktuellen Populus-Umfrage hervorgeht. Rund 45 Prozent sind demnach für einen Brexit.

+++ Touristen-Alltag am Piccadilly Circus +++

Referendum? Am Piccadilly Circus merkt man nichts davon, bemerkt Handelsblatt-Reporterin Kerstin Leitel. Weit und breit ist jemand im blauen oder roten T-Shirt zu sehen, der Broschüren verteilt. Wie immer stehen Dutzende Touristen an dem berühmten Brunnen vor der Anzeigetafel und machen Fotos. „Das Referendum? Hier ist es ein ganz normaler Tag“, sagt Adrian, der in einem der zahlreichen Touristenshops arbeitet und kurz eine Zigarettenpause macht. „Ich habe heute Morgen schon gewählt, natürlich für ‚Bleiben‘.“

+++ Leidenschaftlicher Appell an die Briten ++++

Der tschechische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka hat die Briten zum Verbleib in der EU aufgerufen. „Es wäre ein großer Fehler des demokratischen Westens, wenn er sich aufspalten und einem alten Nationalismus zuwenden würde, statt wie bisher zusammenzuarbeiten“, sagte der Sozialdemokrat am Donnerstag.

+++ Mehr deutsche Firmenpleiten bei einem Brexit erwartet ++++

Die Inkasso-Branche rechnet bei einem Brexit mit mehr Firmenpleiten in Deutschland. „Wir befürchten, dass sich ein Brexit langfristig negativ auf deutsche Unternehmen auswirken würde und sich in der Folge die Zahlungsmoral hierzulande verschlechtern und es wieder mehr Unternehmensinsolvenzen geben könnte“, sagt die Präsidentin des Branchenverbandes BDIU, Kirsten Pedd.

+++ Gauck fordert Europa-Debatte nach Brexit-Votum +++

Bundespräsident Joachim Gauck hat davor gewarnt, nach der Abstimmung der Briten über einen EU-Austritt einfach zur Tagesordnung überzugehen. „Wir sollten aus der Krise Lehren ziehen und weiter diskutieren, wie wir in Europa leben wollen“, sagte Gauck am Donnerstag in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. „Das Beste an der Debatte über den sogenannten Brexit war die Debatte selbst“, sagte Gauck. Sie habe Unmut über die Europäische Union ans Licht gebracht, der zuvor im Verborgenen geschwelt habe.

Die 90-jährige Joyce Guttridge hat 1973 noch für Europa gestimmt. „Ich dachte damals, dass ich für eine gemeinsame Handelszone mit Deutschland, Frankreich und die Niederlande stimme“, sagt sie. Dann sei das europäische Projekt immer größer und unübersichtlicher geworden. „Ich bin sehr enttäuscht von der EU“, sagt sie.

Foto: Lukas Bay

+++ Neue Umfrage sieht EU-Unterstützer vorn +++

Rund 52 Prozent der Briten befürworten den Verbleib in der EU, wie aus einer Umfrage von Ipsos Mori für die Zeitung „Evening Standard“ hervorgeht. Etwa 48 Prozent seien für einen Brexit. Die Umfrage war vor Öffnung der Wahllokale geführt worden. Die Ergebnisse der Auszählung werden Sie hier live von Wahlbezirk zu Wahlbezirk verfolgen können.

+++ Buchmacher sehen 85 Prozent Wahrscheinlichkeit für EU-Verbleib +++

In die Quoten der Buchmacher zum EU-Referendum ist am Donnerstagvormittag nochmals deutlich Bewegung gekommen. Am Mittag wurden auf der Wettbörse Betdaq für einen Verbleib der Briten in der EU für 1 Pfund nur noch 1,17 Pfund gezahlt. Die Quote signalisiert damit eine Wahrscheinlichkeit von etwa 85 Prozent für ein „Remain“ - also den Verbleib in der EU - und im Umkehrschluss ein Brexit-Risiko von nur noch rund 15 Prozent. Am Morgen lag dieses noch gut 10 Prozentpunkte höher.

Tasnin Khalid und ihr Mann Musa Oliva: „In der City sind die Menschen mehrheitlich für den Verbleib in der EU“

Foto: Martin Wocher

+++ Rauer Ton in Bristol +++

Auf den Straßen von Bristol herrscht wenig Wahlkampfstimmung, berichtet Handelsblatt-Reporter Lukas Bay. Vor den 392 Wahllokalen in der Stadt ist die Stimmung dafür umso kontroverser. „Ich beantworte keine Fragen, Hunne“, schimpft ein älterer Engländer als er vom deutschen Reporter nach seiner Meinung gefragt wird. Hier in den Arbeitervierteln von Bristol ist der Ton rauer als in den vornehmen Quartieren im Norden.

Es gibt allerdings auch hier einige, die sich offen für einen Verbleib aussprechen. „Unsere Wirtschaft wird mit einer EU-Mitgliedschaft stärker sein“, ist Daha Daud überzeugt. Er arbeitet in einem kleinen Büro um die Ecke des Wahllokals. Vor 10 Jahren ist er aus Somalia nach England gekommen – als Flüchtling. „Es ist besser, wenn wir ein Teil der Familie bleiben“, sagt er.

+++ Dax nimmt Remain-Sieg vorweg +++

Die Anleger am deutschen Aktienmarkt scheinen zunehmend überzeugt vom Verbleib der Briten in der EU und haben den Dax am Donnerstag in Richtung 10.300 Punkte getrieben. Am Tag der Volksabstimmung in Großbritannien legte der deutsche Leitindex bis zur Mittagszeit um 2,17 Prozent auf 10 290,17 Punkte zu und verzeichnete damit seinen fünften Gewinntag in Folge. Seit seinem zwischenzeitlichen Tief vor einer Woche legte das Börsenbarometer damit um 9,1 Prozent zu und machte seine seit Monatsbeginn erlittenen Verluste wett.

„Der Markt nimmt den Sieg der Brexit-Gegner vorweg“, sagte Analyst Jochen Stanzl von CMC Markets. „Die Kurse steigen wieder, weil weitere Umfragen Entwarnung gaben. Das alles zeigt, wie stark die Aktienkurse derzeit auf das Referendum fixiert sind.“ Dies bewies auch die kräftige Aufwertung des Pfund zum US-Dollar, das auf den höchsten Stand seit Dezember 2015 stieg. Mehr zur aktuellen Lage an den Märkten lesen Sie hier.

+++ Großer Andrang in Plymouth +++

An der idyllischen Barnabas Church in Plymouth ist viel los, berichtet Reporter Michael Brächer „Ich habe 'Out' gewählt“, sagt ein Wähler, „darauf habe ich vierzig Jahre gewartet“. Mehr will er erst nicht verraten, aber dann kommt er doch wieder zurück: „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag die Europäer, aber die Europäische Union mag ich nicht.“ Wie er denken viele Menschen in Plymouth: In der jüngsten Umfrage der örtlichen Zeitung liegen die Brexit-Befürworter klar vorne.

Auch in Plymouth gibt es jedoch „Remainer“ – Ann und Mike Rochester haben in ihrem Garten sogar eine Europa-Fahne gehisst. „Wir haben für ‚In‘ gestimmt, aber damit sind wir hier wohl in der Minderheit“, sagt Mike. „Die Leute in Devon und Cornwall geben die EU die Schuld an ihren Problemen, obwohl sie viel Geld von ihr erhalten", erklärt Ann. „Ich mag Europa. Hoffentlich müssen wir die Fahne morgen nicht einholen.“

+++ Pro-EU-Stimmung in Manchester +++

Der Premierminister am Donnerstagmorgen gemeinsam mit seiner Frau auf dem Weg in ein Londoner Wahllokal.

Foto: AFP

Langsam füllen sich auch in Manchester die Wahllokale, berichtet Reporter Martin Wocher. Überraschend: es mag sich kaum einer dazu bekennen, für den Austritt des Landes gestimmt zu haben: „In der City sind die Menschen mehrheitlich für den Verbleib in der EU“, sagt Tasnin Khalid, die mit ihrem Mann Musa Oliva für „Remain“ gestimmt hat. „Gerade Manchester hat der EU viel zu verdanken.“

In der Tat: es wird viel gebaut und investiert in der Stadt - und an vielen Projekten ist die EU über ihre regionalen Fördertöpfe beteiligt. Die Menschen hier vergessen das nicht, zumindest nicht im Stadtkern. „In den Außenbezirken sieht das schon ganz anders aus“, sagt Khalid. Während ihr Mann vor allem aus wirtschaftlichen Gründen für den Verbleib des Landes in der EU gestimmt hat („wir wissen einfach nicht, was auf uns zukommt“), ist seiner Frau auch das ideologische Bekenntnis zu Europa wichtig: „Wir teilen die gleichen Werte und die Kultur – nur zusammen schaffen wir die Zukunft.“

+++ Labour-Chef gibt sich zuversichtlich +++

Der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn hat sich bei der Stimmabgabe zum EU-Referendum demonstrativ zuversichtlich gezeigt. „Es ist ein guter Tag“, sagte er am Donnerstag im Londoner Stadtteil Islington. Zum erwarteten knappen Wahlausgang meinte der Pro-EU-Kämpfer: Man könne entweder den Finger in den Wind strecken oder die Buchmacher befragen. „Die Buchmacher liegen meistens richtig“, meinte er mit Blick auf die Wetten, die auf einen Sieg des Pro-EU-Lagers setzen.

+++ Hoher Andrang in den Wechselstuben +++

Die Mitarbeiterin einer Wechselstube in London hatte heute morgen schon gut zu tun, berichtet Handelsblatt-Reporterin Kirsten Ludowig. „Normalerweise tauschen Kunden im Schnitt 300 Pfund um, heute sind es zwischen 400 und 500 Pfund“, erzählt sie. Die meisten wollen Euro haben – und fast jeder spricht mit ihr über das Referendum. „Es bewegt die Leute sehr.“

+++ Ergebnisverkündung in Manchester +++

In Manchester wird am Freitagmorgen das offizielle Endergebnis verkündet werden. Martin Wocher ist für uns in der Stadt und schildert Eindrücke aus einem Wahllokal im Herzen sder Stadt: „Chris Lawson war einer der ersten, der auf dem Weg zur Arbeit schnell sein Kreuz gemacht hat, ganz in der Nähe des historischen Rathauses, in dem die Ergebnisse verkündet werden. 'Remain' natürlich, lautet fast entrüstet die Antwort auf die Frage, wie denn seine Entscheidung ausgefallen ist: 'Es ist doch naiv zu glauben, dass wir es ohne Europa besser haben werden', sagt der Direktor des lokalen Theaters in Manchester. 'Außerdem traue ich den führenden Köpfen der Leave-Kampagne nicht über den Weg.'“

Die schottische Regierungschefin hat in der Broomhouse Community Hall in Glasgow abgestimmt. Sie ist eine EU-Befürworterin.

Foto: Reuters

+++ Premierminister David Cameron gibt seine Stimme ab +++

Bereits um 9 Uhr morgens ist der britische Regierungschef im Wahllokal erschienen. Das Referendum über die Zukunft des Landes in der Europäischen Union war ein Kernwahlversprechen im Wahlkampf des vergangenen Jahres. Er selbst setzt sich vehement für einen Verbleib in der EU ein. Mehr zu seiner Strategie haben Carsten Herz und Dirk Heilmann aufgeschrieben.

Der Chef der Labour Party, Jeremy Corbyn auf dem Weg zur Stimmabgabe in Islington, London.

Foto: AP

EU-Referendum in Großbritannien

Live – Die Wahlergebnisse

„Wir müssen in der EU bleiben, weil es besser für uns ist. Wir schaffen es nicht alleine“, sagt Patricia Walters Smith, die für "Transport for London" arbeitet.

Foto: Handelsblatt

David, 40, und seine Frau Ali, 39, haben für den Verbleib in der EU gestimmt. „Ich habe schon ein wenig überlegt. Aber eigentlich bin ich ganz zufrieden mit dem Gedanken, Europäer zu sein“, sagt er. Und Sie fügt hinzu: „Das gilt doch umso mehr für die jüngere Generation - sie fühlen sich als Teil etwas Grösserem, nicht nur als Briten.“

Foto: Handelsblatt

+++ Anzeichen für hohe Wahlbeteiligung +++

Reporterin Diana Fröhlich ist in einem Wahllokal in Islington. Dort ist am frühen Morgen schon viel los, berichtet sie. „Ich bin positiv überrascht von der Menge an Menschen, die heute hier ihre Stimme abgeben“, sagt ihr ein Mitarbeiter der Wahlaufsicht. „Es wählen junge wie alte Menschen, sowie Leute aller möglicher Nationen.“ Er will sich nicht festlegen, geht aber davon aus, dass die Wahlbeteiligung hier am Ende des Tages bei mehr als 70 Prozent liegen werde – trotz des schlechten Wetters im Südosten des Landes.

+++ 8 Uhr: Die Wahllokale in Großbritannien sind eröffnet +++

In Großbritannien öffnen zur Stunde die Wahllokale für das historische EU-Referendum. Rund 46,5 Millionen registrierte Wähler können bis 23 Uhr deutscher Zeit entscheiden, ob das Königreich weiter in der Europäischen Union bleiben oder ausscheiden soll. Es gilt als eine der wichtigsten Entscheidungen des Landes seit Jahrzehnten. Der Ausgang gilt nach letzten Umfragen als völlig offen. Prognosen und Hochrechnungen soll es nach Schließung der Wahllokale nicht geben. Am frühen Freitagmorgen wird mit ersten Resultaten gerechnet, ein Endergebnis dürfte erst am Vormittag feststehen.

Reporterin Kirsten Ludowig meldet von einem Wahllokal im Osten Londons: "Bislang kommen nur vereinzelt Briten zur Wahl. Aber die Wahllokale sind ja auch gerade einmal zwanzig Minuten geöffnet. Schulkinder warten auf den Stühlen vor dem Wahllokal auf ihre Eltern, die gerade abstimmen.

Von einem anderen Stimmort berichtet Reporterin Kerstin Leitel. „Der 46-jährige Murray hat schon früh gewählt. In kurzen Jogginghosen mit Turnschuhen und schwarzem Schirm läuft er bei strömenden Regen in das Wahllokal. 'Das ist mir sehr wichtig', sagt er, 'ich fühle mich als Europäer, wie wohl alle Londoner'.“

+++ Das Referendum hat begonnen - in Gibraltar +++

Eine Stunde früher als im restlichen Vereinigten Königreich hat Gibraltar an der Südspitze der iberischen Halbinsel das EU-Referendum eingeläutet. Dort bleiben die Stimmlokale aber auch nur bis 22 Uhr deutscher Zeit geöffnet.

Brexit-Referendum: Der Zeitplan
Die Wahllokale öffnen.
Die letzten Wahllokale schließen. Die Auszählung beginnt. Hochrechnungen gibt es nicht.
Ergebnisse der 382 Wahlbezirken werden nach und nach bekannt gegeben. Sie sind nicht repräsentativ.
Die Wahlkommission veröffentlicht ein vorläufiges Endergebnis.
In Brüssel treffen sich die Spitzen der EU, um über den Ausgang des Referendums und die Folgen zu beraten.

+++ Märkte setzen weiter auf ein Bleiben +++

Am Tag der Abstimmung über die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens wird der Dax Börsianern zufolge erneut zulegen. Dominierte in der vergangenen Woche noch die Angst vor den Folgen des Brexit, setzten Anleger zuletzt auf den "Bremain" - den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der europäischen Staatengemeinschaft. Dies hatte den Dax am Mittwoch 0,6 Prozent in die Höhe auf 10.071,06 Punkte. Das britische Pfund steigt im fernöstlichen Devisenhandel vorübergehend auf 1,4847 Dollar. Das ist der höchste Stand seit Beginn des Jahres. Der Euro ist am Donnerstag ebenfalls gestiegen. Im frühen Handel lag die Gemeinschaftswährung bei 1,1340 US-Dollar und damit etwas über dem Wert vom Vortag. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs zuletzt am Mittwoch auf 1,1283 (Dienstag: 1,1314) Dollar festgesetzt.

+++ Heftiger Regen im Südosten Großbritanniens +++

Über Nacht sind Gewitter über London und den Südosten des Landes gezogen. Das britische Wetteramt hatte seit Tagen vorausgesagt, dass es am Referendum-Donnerstag dazu kommen dürfte. Schlechtes Wetter gilt als ein Faktor, der dem Brexit-Lager in die Hände spielen könnte. Denn Regen drückt die Wahlbeteiligung - und je weniger Briten abstimmen, desto wahrscheinlicher ist ein Sieg der Befürworter eines EU-Abschieds des Landes. Es ist also "Brexit-Wetter", allerdings nur in einem kleinen Teil des Landes.

+++ G7 bereiten Erklärung für Fall eines Brexit vor +++
Die Finanzminister der sieben führenden Industrienationen (G7) bereiten nach Angaben von Regierungsvertretern eine gemeinsame Erklärung für den Fall eines Brexit vor. Demnach wollen sie ihre Bereitschaft betonen, alle notwendigen Schritte zur Beruhigung der Märkte zu unternehmen, sollte Großbritannien aus der EU austreten. Die Erklärung solle veröffentlicht werden, sobald klar sei, wie das Referendum ausgegangen sei.

+++ Nach wie vor unklarer Ausgang des Referendums +++
Am Mittwoch und in den Donnerstagsausgaben von Zeitungen veröffentlichten Umfragen zeichnen ein uneinheitliches Bild: Das Meinungsforschungsinstitut Opinium spricht von 45 Prozent für das Brexit-Lager, 44 Prozent für das Bleiben-Lager (der Rest unentschlossen). Laut YouGov wird "Remain" mit 51 zu 49 Prozent vorne liegen, bei ComRes lautet das Stimmungsbild 48 Prozent gegen den Brexit, 42 Prozent dafür, der Rest unentschlossen.

Ein Institut sieht die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage des Brexit-Lagers bei 74 Prozent. Die Ergebnisse der Auszählung werden Sie hier live von Wahlbezirk zu Wahlbezirk verfolgen können.

+++ Star-Koch Jamie Oliver spricht sich gegen Brexit aus +++

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+++ Finanzbranche mit Forderungen für Brexit-Fall +++
Der britische Finanzbranchenverband TheCityUK hat nach Angaben des "Daily Telegraph" einen Forderungskatalog für den Fall eines Brexit erstellt. Die Politik wird demnach darin aufgerufen, für eine sanfte Übergangsphase zu sorgen. Grenzen sollen zudem geöffnet und eine Öffentlichkeitskampagne gestartet werden, die Großbritanniens Ruf als Finanzzentrum dann außerhalb der EU stütze, berichtet die Zeitung unter Berufung auf vertrauliche Unterlagen.

+++ EU-Austritt schlecht für die Kreditwürdigkeit +++
Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) würde Großbritannien im Falle eines Austritts aus der Europäischen Union die Spitzen-Bonitätsnote "AAA" entziehen. Sollte das Land sich für einen Brexit entscheiden, "dann wäre das 'AAA'-Kreditrating fällig und würde innerhalb kurzer Zeit danach zurückgestuft werden", zitiert "Bild" in einem Vorabbericht den S&P-Chef-Strategen für die Länder-Ratings, Moritz Kraemer. Die politische Lage im Land wäre bei einem Brexit weniger vorhersehbar, sagt er.

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