USA: Joe Biden – Das ist der neue US-Präsident
Joe Biden umarmt seine Frau Jill Biden.
Foto: dpaWashington. Als Joe Biden im Januar 2017 das Weiße Haus verließ, schien seine politische Karriere endgültig vorbei zu sein. Acht Jahre hatte er Präsident Barack Obama als Stellvertreter gedient, sich als Krisenmanager bewährt, selbst politische Gegner schätzten seine Verlässlichkeit. Doch seine Zeit in Washington war abgelaufen - so glaubten es viele. Und so glaubte er es wohl auch selbst.
Biden hatte nie einen Hehl daraus gemacht, selbst Präsident werden zu wollen, zwei Mal hatte er kandidiert, zwei Mal war er gescheitert. Seine Ambition auf das höchste Amt der USA schien unerfüllt zu bleiben. Doch nun kommt es anders. Seit Samstag steht fest: Joe Biden wird der 46. Präsident der Vereinigten Staaten. Amtsinhaber Donald Trump ist abgewählt.
Erfolge und Tragödien sind in Bidens Leben eng miteinander verbunden. Vor 48 Jahren, als er erstmals in den Kongress gewählt wurde, verlor er seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall. Der nächste Schicksalsschlag ereilte ihn im Mai 2015. Sein ältester Sohn, Joseph Robinette Biden III., genannt „Beau“, starb an einem Hirntumor.
In seinem Buch „Promise me, Dad“ schildert Joe Biden ein Gespräch mit seinem todkranken Sohn. „Einmal sagte er, es sei meine Pflicht anzutreten, meine Pflicht“, schreibt der Politiker darin: „Pflicht war ein Wort, das Beau Biden nicht leichtfertig benutzte.“
Doch Beaus Tod nahm Vater Joe damals die Kraft für eine dritte Kandidatur. Der Vizepräsident überließ Hillary Clinton den Vortritt, der früheren Außenministerin. Das Ergebnis war der Wahlsieg Trumps im November 2016. Biden verabschiedete sich in den Ruhestand, seine verbliebenen Kraftreserven wollte er dem Kampf gegen den Krebs widmen. Er gründete eine Stiftung. In Gedenken an seinen Sohn.
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Doch im August 2017 sah Biden, wie fackeltragende Neonazis durch Charlottesville, Virginia, zogen. Wie eine junge Gegendemonstrantin ihr Leben verlor und wie Präsident Trump vor die Kameras trat und behauptete: Es habe „sehr anständige Leute auf beiden Seiten“ der Kundgebung gegeben. Biden gingen die Worte seines Sohnes durch den Kopf. Und er begann, so schildert es sein Biograf Evan Osnos, die erneute Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten.
Im dritten Anlauf gelangte Biden ans Ziel. 1988, bei seinem ersten Versuch, war er noch zu unerfahren, um sich gegen die parteiinterne Konkurrenz durchzusetzen. 2008 verblasste er neben der Lichtgestalt Obama. Nun also sein später und zugleich historischer Triumph. Am Samstagmittag amerikanischer Zeit kam die Meldung: Joe Biden liegt bei der Stimmenauszählung uneinholbar vorn.
Gleich aus mehreren Gründen schreibt Bidens Wahlerfolg Geschichte: Er erhielt mit landesweit rund 75 Millionen Stimmen mehr als jeder andere Präsident zuvor. Seine Stellvertreterin Kamala Harris ist die erste Frau und die erste Afroamerikanerin an seiner Seite. Und er wird der älteste Politiker sein, der je ins Weiße Haus eingezogen ist.
Dabei musste sich der Mann, dessen Aviator-Sonnenbrille zu seinem Markenzeichen geworden ist, anfangs gegen viele Kritiker durchsetzen. Biden galt als zu alt, zu moderat, zu langweilig, um die aufstrebende neue Generation in seiner Partei zu begeistern. Und als zu sehr in der alten Welt verankert, um es mit einem wie Trump aufzunehmen.
Biden feiert Ende November seinen 78. Geburtstag. Fahrig und vergreist sei er geworden, spotteten seine Gegner im Wahlkampf. Doch sie unterschätzten ihn.
Die Brille als Markenzeichen.
Foto: AFPSo präsentierte sich Biden den Wählern: Als Vater, der zwei seiner vier Kinder und seine erste Frau verlor – und gerade in der Coronakrise den Schmerz vieler Amerikaner wie kein anderer Politiker verstehen konnte. Als Krisenmanager, der in der Pandemie ganz bewusst darauf verzichtete, große Wahlkampfveranstaltungen abzuhalten. Und als Antithese zum Agitator Donald Trump. Biden ist ein Mann der Mitte, der für Stabilität und Berechenbarkeit steht in einer Zeit, in der der Präsident so viel Chaos stiftete.
Biden setzte nicht auf Großveranstaltungen mit Tausenden Fans, sondern auf kleinere Events mit strenger Maskenpflicht und Abstandsregeln. Immer wieder sprach er auf großen Parkplätzen bei sogenannten „Drive-in Rallys“ – bei denen seine Anhänger mit dem Auto vorfuhren. Das produzierte weniger eindrucksvolle Bilder. Doch die Strategie ging am Ende auf.
„Genieße diesen Moment“, diese Worte schickte Barack Obama zur Gratulation. Biden weiß, dass schwere Zeiten auf ihn zukommen. Aber er hat schon andere Herausforderungen gemeistert.
Als Obamas Vizepräsident trat er Anfang 2009 mitten in der Finanzkrise an: die Aktienmärkte eingebrochen, die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau, das Bankensystem kurz vor dem Abgrund. Die neue Regierung legte ein Konjunkturprogramm auf, das den Grundstein für die Erholung der US-Wirtschaft legte. Allerdings geriet der Finanzimpuls im Rückblick nach Ansicht vieler US-Ökonomen zu klein, die Konjunktur kam zunächst nur schleppend in Gang.
Biden wird daraus wichtige Lehren ziehen. Denn wieder steckt das Land in einer schweren Wirtschaftskrise, und wieder wird in Washington um ein Konjunkturprogramm verhandelt.
Zwar haben sich die Aktienmärkte nach dem Corona-Schock schnell erholt. Doch mehr Menschen sind ohne Arbeit. Das Gesundheitssystem ist infolge der rapide steigenden Infektionszahlen am Limit. Angesichts des ausgebliebenen Konjunkturpakets warnen Ökonomen der Ratingagentur Moody’s vor „sehr hohen Risiken“ für die US-Wirtschaft.
Erschwerend hinzu kommt, dass das Land gespalten und gereizt ist. Biden präsentiert sich als Einheitsstifter. „Wir müssen den Ärger und die Verteufelung hinter uns lassen und uns wenigstens darauf einigen, vernünftig miteinander umzugehen“, forderte er bei seinem Auftritt Freitagnacht. Er wolle der Präsident aller Amerikaner sein, betont er. „Ich habe als Demokrat kandidiert, aber werde als Präsident aller Amerikaner regieren, ob sie für mich gestimmt haben oder nicht.“
Die Pandemie zu bekämpfen hat oberste Priorität. Die Fallzahlen haben am Freitag mit 129.000 neuen Infektionen einen Rekord erreicht. Biden zufolge könnte es bald 200.000 Infektionen pro Tag geben.
Biden und sein gesamtes Wahlkampfteam trugen schon von Anfang an Masken, um sich und andere zu schützen. Mehrmals wurde er von Trump dafür verspottet. „Er hat die größte Maske, die ich je gesehen habe“, ätzte der Präsident im Oktober bei einem TV-Duell. Doch die Attacke verfing nicht. Amerikas Wähler haben entschieden, dass sie mitten in der Pandemie lieber einen erfahrenen Krisenmanager im Weißen Haus sehen wollen.