Chipsoftware: China-Exportbeschränkungen für Siemens-Technologie aufgehoben
München, Peking. Siemens profitiert von der Annäherung zwischen China und den USA im Streit über Zölle und seltene Erden. Der deutsche Technologiekonzern konnte den zwischenzeitlich untersagten Verkauf von Software zur Entwicklung von Halbleitern in China wieder aufnehmen. Man sei vom US-Handelsministerium informiert worden, dass die Handelsbeschränkungen aufgehoben worden seien, teilte Siemens am Donnerstag mit.
Für Siemens – und die Konkurrenten Synopsys und Cadence – ist das eine wichtige Nachricht. Die sogenannte EDA-Software (Electronic Design Automation) gilt als Schlüsseltechnologie. Siemens, Weltmarktführer bei Industriesoftware, hat hier eine starke Position. Kern der Siemens-Sparte ist Mentor Graphics in den USA, das der Konzern 2016 in seiner bis dahin größten Software-Akquisition für 4,5 Milliarden Dollar übernommen hatte.
Um die Chipentwicklung in China zu bremsen, hatten die USA den Verkauf und Vertrieb von EDA-Software zwischenzeitlich eingeschränkt. Aufgrund der starken Auswirkungen auf die gesamte chinesische Halbleiterindustrie bezeichnete Jost Wübbeke vom auf China spezialisierten Beratungsunternehmen Sinolytics den Schritt als „Nuklearoption“, also als maximale Eskalation. Die überwiegende Mehrheit der chinesischen Chipdesign-Unternehmen sei auf die EDA-Werkzeuge aus den USA angewiesen. Dies betreffe beispielsweise auch Autohersteller, die eigene Chips designen.
USA erlauben auch den Export von Ethan wieder
Die Aufhebung der Restriktionen ist Teil einer Einigung zwischen China und den USA, die Anfang Juni von Vertretern beider Seiten in London erzielt wurde. Demnach sollen die USA Zugang zu seltenen Erden und Permanentmagneten aus China erhalten und im Gegenzug einige Exportbeschränkungen aufheben. Der Deal wurde vergangene Woche von den Staatschefs beider Länder bestätigt.
Wie am Donnerstag bekannt wurde, erlauben die USA nicht nur wieder den Verkauf von EDA-Software an chinesische Unternehmen, sondern auch den Export von Ethan. Keine neuen Informationen gibt es hingegen bislang bezüglich des US-Exportverbots von Flugzeugmotoren sowie Chemikalien zur Produktion von Halbleitern.
Die USA hatten die Beschränkungen eingeführt, nachdem China an seinen Beschränkungen beim Export von seltenen Erden und Permanentmagneten festgehalten hatte, obwohl sich beide Seiten im Mai in Genf auf eine Pause im Handelskonflikt geeinigt hatten. Die Permanentmagnete werden in Elektromotoren verbaut und werden in vielen Industrien, insbesondere der Autobranche, dringend benötigt.
China hatte die Exportkontrollen Anfang April als Reaktion auf die immer höheren US-Strafzölle auf chinesische Importe eingeführt. Diese beliefen sich zwischenzeitlich auf 145 Prozent. Peking erhob im Gegenzug Abgaben von 125 Prozent auf US-Einfuhren.
Seit mehr als 150 Jahren in China aktiv
Siemens erklärte nun, man habe vorbehaltlich der geltenden Exportkontrollvorschriften „den uneingeschränkten Zugang zu Software und Technologie“ wieder hergestellt und Verkauf und Support für chinesische Kunden wieder aufgenommen. Der Konzern, der seit mehr als 150 Jahren in China aktiv ist, entschuldigte sich bei seinen Kunden und dankte ihnen „für Ihre Geduld bei unserer Reaktion auf die Veränderungen im globalen Handelsumfeld“.
Auch der Konkurrent Synopsys plant laut der Nachrichtenagentur Reuters innerhalb von drei Werktagen System-Updates, um den Zugang und den Support für chinesische Kunden wiederherzustellen. Die Firma hatte ihre Gewinnprognosen ausgesetzt, nachdem die USA die Beschränkungen eingeführt hatten. Siemens, Synopsis und Cadence kontrollieren mehr als 70 Prozent des chinesischen EDA-Markts, wie die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua im April berichtete.
Laut Industriekreisen waren Synopsys und Cadence im Hinblick auf Volumen und Anteil am Gesamtgeschäft von den Einschränkungen stärker betroffen als Siemens. Der Dax-Konzern veröffentlicht die regionalen Umsätze von Geschäftseinheiten in China nicht.
Siemens erzielte im vergangenen Geschäftsjahr mit 8,1 Milliarden Euro knapp elf Prozent seiner Umsätze in China. Die Kernsparte Digital Industries, zu der das EDA-Geschäft gehört, hatte zuletzt mit empfindlichen Umsatzrückgängen in China zu kämpfen.
Aufgrund der Lieferengpässe in der Coronapandemie hatten Zwischenhändler unter anderem Automatisierungstechnik in großer Menge geordert. Als dann die Konjunktur nicht so schnell ansprang wie erhofft, waren die Lager übervoll. Zudem ist die kriselnde Autoindustrie ein wichtiger Abnehmer. Inzwischen hat sich die Situation etwas normalisiert.