Capgemini-Chef: „Hundertprozentige Souveränität ist eine Illusion“
Hannover. Um den Industriestandort Europa zu erhalten, müssen Unternehmen sich zusammentun, meint Aiman Ezzat, CEO des Technologiedienstleisters Capgemini. Nur mit Kooperationen könnten europäische Konzerne mit den großen Tech-Akteuren am globalen Markt mithalten. Unabhängigkeit von anderen Standorten wie China oder den USA brauche es dafür aber nicht zwingend. „Hundertprozentige Souveränität ist eine Illusion. Die lässt sich nie erreichen“, meint Ezzat.
Der Capgemini-Chef ruft die Industrie dazu auf, ihr digitales Potenzial auszuschöpfen. Vor allem die europäische, denn die liegt hinter China und den USA zurück. Auf der Hannover Messe erklärt Ezzat, wie das trotz einer Überregulierung in Europa möglich sein soll – und gibt der Reindustrialisierung in Deutschland noch eine Chance. Der französische Beratungskonzern Capgemini hatte im vergangenen Jahr einen Rekordumsatz erwirtschaftet. Gerade Deutschland ist für die Franzosen ein wichtiger Wachstumsmarkt.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Herr Ezzat, Sie besuchen die Hannover Messe seit vielen Jahren. Was ist dieses Jahr anders?
Das Digitale trifft schon seit einigen Jahren auf das Physische. In diesem Jahr wird klar: Die intelligente Industrie von morgen besteht aus Partnerschaften. Wir sehen heute große Fortschritte dabei, wie Zusammenarbeit zwischen Unternehmen entsteht. Gegenwärtig dürfen wir beobachten, wie sich, gerade im Bereich KI und Automatisierung, die großen Kooperationen der Zukunft bilden. Keine Firma kann ein zukunftsfähiges Produkt vollkommen allein herstellen – es braucht ein Ökosystem an Unternehmen.
Welche Chance haben deutsche Unternehmen denn auf die Kooperationen der Zukunft?
Gute Chancen.
Aber?
Wir befinden uns in einer geopolitisch anspruchsvollen Lage. Es gibt eine Vielzahl von Vorschriften in Europa. Und langsam werden wir ein wenig überreguliert. Dieser Druck und Hang zur Regulation entsteht durch die Energiewende, damit müssen wir alle umgehen. Aber dieser Druck ist weltweit unterschiedlich groß, was sich auf die Wettbewerbsfähigkeit Europas und auch die von deutschen Unternehmen auswirkt.
Hat Deutschland den Anschluss verpasst? Viele Unternehmen erwägen gegenwärtig eine Abwanderung ins Ausland. Über Abwanderungen ins Ausland wird nachgedacht, da wir in Europa im Vergleich zu anderen Regionen überreguliert sind. Und das Problem der Regulierung erhöht die Kosten. Das wirkt sich natürlich auch auf die Wettbewerbsfähigkeit aus. China ist weniger reguliert, die Vereinigten Staaten sind weniger reguliert.
Geben Sie der Reindustrialisierung des Standorts trotzdem noch eine Chance?
Deutschland ist ein sehr großer Industriestandort. Die Produktionsbasis wird bleiben. Natürlich ist die verlangsamte Wirtschaft derzeit ein Problem. Genau wie die geopolitischen Herausforderungen, denen wir uns alle stellen müssen. Aber das stellt nicht grundsätzlich Deutschlands Fähigkeiten als Industriestandort in Frage. Daher: ja.
Wie behält Europa dabei eine Souveränität?
Hundertprozentige Souveränität ist eine Illusion. Die lässt sich nie erreichen. Vielmehr ist ein Gleichgewicht der Marktmacht bedeutend. Inwieweit akzeptiert man Abhängigkeiten und wo muss man souverän sein? Globale Abhängigkeiten wird es immer geben. Die USA werden weiterhin von China abhängig sein, China von den USA und Europa, Europa von den USA und China. Doch das Gleichgewicht zwischen den großen Playern muss ausgewogen sein.
Wie ist dieses Gleichgewicht zu erreichen?
Ich denke, die politischen Entscheidungsträger, die Industrieverbände nach Wertschöpfungsketten, müssen sich überlegen, wie sie das richtige Gleichgewicht zwischen Souveränität und dem Fortbestehen eines globalen offenen Wettbewerbs finden können.
Wie kann Reindustrialisierung denn gelingen?
Mehrere Jahrzehnte lag der Fokus darauf, zu optimieren. Wie optimiert man am besten? Wo sollte man am besten produzieren, wenn man optimieren will? Dann kam die Coronapandemie und hat uns gezeigt: Es geht nicht um Optimierung, sondern um Flexibilität. Und in der Vergangenheit haben wir uns für Optimierung auf Kosten der Flexibilität entschieden. Reindustrialisierung gelingt aber nur, indem wir flexibel werden, auf Versorgungsunsicherheiten reagieren können und Nachhaltigkeit mit einbeziehen.
Was sind die größten Hindernisse bei der Reindustrialisierung?
Es ist wichtig, in digitale Fähigkeiten zu investieren, zum Beispiel in die Nutzung von Technologie. Ich denke, es muss vor allem hierzulande mehr für die Digitalisierung getan werden. Europa liegt im Vergleich zu China oder den USA in diesem Bereich weit zurück. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir aber die Digitalisierung der Produktion vorantreiben. Die großen Herausforderungen dabei sind die Überregulierung und die hohen Energiekosten. Wir müssen auf einigen der Stärken aufbauen, die wir in Europa in den Bereichen Talent, Innovation und Technologie sowie in der industriellen Basis insgesamt haben.
Welche Rolle spielt dabei die KI?
Sie sorgt für eine sich beschleunigende Automatisierung, aber auch in Bezug auf die Verbesserung der Qualität der Fertigungsprozesse, die Verkürzung der Entwicklungszyklen und die Verbesserung der technischen Qualität ist sie entscheidend.
Es gibt Stimmen, die sagen, dass KI die Wirtschaft stärker verändern wird als das Internet. Stimmen Sie dem zu?
Ja, dem stimme ich zu – vor allem aus Industrieperspektive. KI wird einen größeren Einfluss auf uns haben als die Erfindung des Internets. Das Internet hatte große Auswirkungen darauf, Unternehmen und Kunden miteinander zu vernetzen. KI betrifft die Automatisierung. Mit zunehmend fortschreitender Entwicklung wird sie ihre eigene Entwicklung immer schneller beschleunigen. Irgendwann wird KI zum Selbstläufer werden. Wir stehen erst am Anfang der Entdeckung, in welchem Umfang KI die Industrie revolutionieren wird.
Was sieht das Konzept der intelligenten Industrie von Capgemini vor?
Wir fassen die Transformationsthemen der Industrie aus den Bereichen intelligente Produkte, Produktion und Services, also die gesamte softwaregetriebene Transformation, bis hin zur intelligenten Lieferkette zusammen, um die Resilienz und Nachhaltigkeitsbestrebungen von Unternehmen unter dem Schlagwort „Intelligent Industry“ zu stärken. Dabei setzen wir auf Partnerschaften mit Hyperscalern, aber auch mit Kunden wie Bosch und Siemens.
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Was beobachten Sie zu diesem Thema bei Ihren Kunden?
Wir haben zu diesem Thema 1300 Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, befragt. Die Untersuchung zeigt, dass die Gesamtinvestitionen der europäischen und US-amerikanischen Unternehmen in die Reindustrialisierung in den nächsten drei Jahren voraussichtlich 3,4 Billionen US-Dollar erreichen werden. Allein zwei Billionen davon sind Investitionen in Europa. Mit der Umfrage konnten wir auch genau ermitteln, welche Strategien die Unternehmen anwenden wollen.
Welche Punkte sehen alle Unternehmen als unabdingbar für eine Reindustrialisierung an?
Erst einmal muss eine strategische Bewertung stattfinden. Dann muss die Strategie, die die Unternehmen entwickeln, zentrale Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen. Auch die Arbeitskräfte müssen in neuen Technologien ausgebildet werden, hier muss massiv investiert werden. Neue Technologien sollten bei geplanten Anlagen berücksichtigt werden – und politische Entscheidungsträger müssen das fördern.
Und die Kooperationen der Zukunft?
Ja, der sechste und letzte Punkt. Hier braucht es Initiative: Kooperationen mit gleich gesinnten Partnern finden, um die heimischen industriellen Fähigkeiten zu verbessern und auf all diese Anreize gut aufgestellt reagieren zu können.
Herr Ezzat, vielen Dank für das Gespräch!