1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Dienstleister
  4. Imtech-Insolvenz: Chronik eines Niedergangs

Imtech-InsolvenzChronik eines Niedergangs

2011 gibt es die ersten Unregelmäßigkeiten, vier Jahre später ist der Skandal um Imtech perfekt. Betrug, Kartellabsprachen, Korruption – immer wieder deckte das Handelsblatt neue Skandale rund um den dem Konzern auf.Sönke Iwersen 11.08.2015 - 15:19 Uhr Artikel anhören

Der Imtech-Skandal ist eine vierjährige Chronik immer neuer Enthüllungen.

Foto: imago/Oliver Ruhnke

Am Donnerstag stellte Imtech Deutschland einen Insolvenzantrag, am Dienstag beantragte der Mutterkonzern vor einem Gericht in Rotterdam „Zahlungsaufschub“. 22.000 Mitarbeiter sind von dem Zusammenbruch betroffen.

Das Handelsblatt war das erste deutsche Medium, das sich mit der Imtech-Affäre beschäftigte. Zahlreiche Details wurden erst durch die intensive Berichterstattung bekannt. So löste ein Bericht im Herbst 2014 erst ein Kartellverfahren aus, dann Ermittlungen der Münchener Staatsanwaltschaft. Die Chronik der Handelsblatt-Artikel zeigt die vielen Facetten eines dramatischen Niedergangs:

24. Februar 2011 – Die dunklen Schatten der Türme
Erster Bericht über Unregelmäßigkeiten bei Imtech. Auf der Baustelle der Deutschen Bank (Zwillingstürme, Projekt Blue) soll es zu Sabotage und Korruption gekommen sein.

Baukonzern im Fadenkreuz

Der Imtech-Skandal

27. Juni 2013 – Imtech vom eigenen Management ausgeraubt (zum Artikel hier klicken)
Scheingeschäfte, gefälschte Unterlagen, Führungschaos. Der Bericht zeigt Korruption und Untreue in ungeheurem Ausmaß. Dabei war Imtech schon 2011 gewarnt gewesen.

19. Juli 2013 – Neue Hiobsbotschaft für Aktionäre von Imtech
Die Schäden bei Imtech durch korrupte Führungskräfte sind offenbar größer als befürchtet. Imtech meldet, das Unternehmen brauche mehr Kapital und wolle dazu neue Aktien ausgeben. Der Kurs der Aktie fiel um mehr als zehn Prozent.

18. September 2013 – Imtech will Steuern von Hamburg zurück
Imtech fordert 21,7 Millionen Euro Steuern zurück. Grund: Aufgepumpte Bilanzen führten zu Steuerzahlungen auf Umsätze, die es gar nicht gab.

20. September 2013 Der Verrat des Enkels
Imtech wurde nicht nur vom ehemaligen Deutschland-Chef Klaus Betz ausgeweidet, sondern auch von dessen Vorgänger Jörg Gerhard Schiele. Schiele war 25 Jahre Sprecher der Geschäftsführung und ist Nachfahre der Unternehmensikone Ernst Schiele.

11. Oktober 2013 – Zweitligist Aalen will Sponsor Imtech verklagen
Der Fußball-Zweitligist VfR Aalen fordert 1,7 Millionen Euro von seinem Sponsor Imtech. Das Geld sei verbindlich zugesagt gewesen, wurde aber nicht gezahlt.

16. Oktober 2013 – Alptraum Abenteuerpark
Die Adventure World Warschau meldet Insolvenz an. Das Projekt sollte mit 800 Millionen Euro zum größten Auftrag in der Imtech-Geschichte werden. Doch eine Finanzierung kam nie zustande. Stattdessen versickerten Millionen von Imtech in Polen.

6. November 2014 – Dunkle Geschäfte
Ein internationales Baukartell soll den Stromkonzern RWE um einen zweistelligen Millionenbetrag betrogen haben. Im Zentrum des Betrugs: Imtech. Das Handelsblatt zitiert aus Scheinrechnungen.

18. November 2014 – Seltsame Zahlungen an den Fußballklub VfR Aalen
Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen den ehemaligen Imtech-Manager Johannes Moser. Er war zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des VfR Aalen und soll über Scheinrechnungen Millionen an den Zweitligisten geleitet haben. Auch Betz saß im VfR-Aufsichtsrat.

20. November 2014 – Vergangenheit holt Ferrostaal ein
Der Anlagenbauer Ferrostaal steckt im Affärenstrudel von Imtech. Das Bundeskartellamt ermittelt wegen des Verdachts auf Preisabsprachen. Der Konzern gibt die Existenz von Scheinrechnungen zu.

Imtech und der BER – Sorgen um Flughafenprojekt
Der neue Hauptstadtflughafen gleicht einem taumelnden Boxer: Kaum hat er sich aufgerappelt, setzt es den nächsten Schlag. Ein paar Monate schien es, als gäbe es für das Krisenprojekt einen guten Plan, der nur noch abgearbeitet werden muss. Jetzt trifft die Pleite der wichtigen Baufirma Imtech die Baustelle wie einen Boxer die rechte Gerade. Die Verantwortlichen sind besorgt. Und alle fragen sich, ob die für 2017 geplante Eröffnung abgesagt werden muss – es wäre das fünfte Mal.
Der Gebäudetechnikausstatter arbeitet neben anderen wie Siemens an der Brandschutzanlage, deren unzureichendes Zusammenspiel neben schweren Mängeln seit Jahren den Flughafenstart verzögert. Mit dem Partner Caverion unterteilt Imtech etwa den zu großen Anlageabschnitt im zentralen Terminal, damit das „Monster“ (Flughafengesellschaft) beherrschbar wird. Imtech kümmert sich auch um Stromversorgung, Heizung, Sanitär und Lüftung. „Sanierung im Bestand“, hat Technikchef Jörg Marks das genannt, was momentan im Terminal läuft.
Nein. Projektbeteiligte berichten im Berliner Untersuchungsausschuss immer wieder von Schönrednerei und von Baufirmen, die machen was sie wollen. Einige Vorwürfe trafen auch Imtech. Die Firma soll mitunter monatelang mehr Bauarbeiter abgerechnet haben als tatsächlich im Terminal am Werk waren, kritisierte einer der Architekten.Imtech habe mehr als 300 Millionen Euro vom Flughafen erhalten, teils aber ohne Gegenleistung, berichtete ein anonymer Hinweisgeber, der einen mutmaßlichen Bestechungsfall aufdeckte. Das Unternehmen soll einen leitenden Mitarbeiter des Flughafens bestochen haben, damit die Betreiber 65 Millionen Euro überweisen, ohne dass entsprechende Nachforderungen geprüft werden. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen gegen die Verdächtigen nahezu abgeschlossen, der Flughafen-Mitarbeiter sitzt seit Mai in U-Haft.
Die Verantwortlichen fürchteten, Zeit und Wissen zu verlieren. Imtech galt ihnen als „Schlüsselfirma“ für das Projekt. „Es gab den Glauben, dass in der Sekunde, wo die abziehen, was sie auf der Baustelle haben, der Termin tot ist“, sagte der frühere Technikchef Horst Amann einmal mit Blick auf den einst angestrebten Starttermin Oktober 2013.
Die deutsche Imtech-Tochter war in den vergangenen Jahren durch erhebliche Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Nach Konzernangaben hatte sie über Jahre Umsätze ausgewiesen, die es nicht gab. Das führte zu höheren Boni für die Führungsetage. Dann folgten millionenschwere Abschreibungen und Stellenstreichungen. Das neue Management konnte die Gesellschaft offensichtlich nicht aus der Schieflage befreien.
Das wird wohl erst in den nächsten Tagen deutlich. „Maximale Unterstützung“ habe der Chef der deutschen Imtech, Felix Colsman, dem Flughafen zugesagt, heißt es. Doch wie viel ist die Zusage wert, wenn das Gehalt der Imtech-Leute nur bis Oktober gesichert ist? Die ersten erschienen schon am Freitag nicht mehr zur Arbeit. Der Insolvenzverwalter muss entscheiden, welche Aktivitäten des Großunternehmens mit 4000 Beschäftigten er am Laufen halten kann.
Das ist nicht ausgeschlossen. Noch ist geplant, im zweiten Halbjahr 2017 an den Start zu gehen - mit sechs Jahren Verspätung. Die Situation jetzt erinnert an den Sommer 2010, als der Flughafen den ersten Eröffnungstermin im Oktober 2011 verschob - unter anderem wegen der Pleite einer Planungsfirma.„Imtech ist eine der wichtigsten Baufirmen auf der BER-Baustelle“, sagt Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. Im fliegenden Galopp die Pferde zu wechseln, bringt Großprojekte in der Regel aus dem Tritt. Und der Zeitplan ist ohnehin angespannt. Erst am Donnerstag hatte Mühlenfeld die Planungs- und Baufirmen zu mehr Engagement aufgefordert, weil man einigen wichtigen Zwischenterminen hinterherhinke.

9. Dezember 2014 – Imtech trennt sich von langjährigem Direktor
Der Gebäudeausrüster hat sich von seinem langjährigen Direktor Johannes Moser getrennt. Moser soll in seiner Doppelfunktion als Direktor bei Imtech und Vereinsfunktionär beim VfR Aalen Gelder an den Zweitligisten geschleust haben.

19. Januar 2015 – Abschied statt Aufklärung
Der Anlagenbauer Ferrostaal verkauft die Tochter, die Scheinrechnungen an Imtech gestellt hat.

5. Februar 2015 – Großrazzia gegen Baukartell
Die Kartell-Affäre weitet sich stark aus. Die Staatsanwaltschaft München und das Bundeskartellamt durchsuchen insgesamt 50 Objekte in ganz Deutschland. Die Zahl der Beschuldigten ist bereits zweistellig.

27. Februar 2015 – Tatort Flughafen
Die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittelt gegen einen ehemaligen Baumanager des Flughafens BER wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit. Er soll 200.000 Euro von Imtech angenommen haben. Auch gegen vier ehemalige Imtech-Manager wird ermittelt.

3. März 2015 – In den Klauen des Kartells
Hintergrundbericht über das Baukartell. Neun Firmen und mehr als 30 Personen waren daran beteiligt. Sie sollen mit illegalen Absprachen bei 50 Großprojekten in aller Welt Millionenschäden verursacht haben. Opfer waren Firmen wie Audi, Eon, RWE und vor allem Siemens.

5. März 2015 – Mehdorns gefährliches Lob
In der Bestechungsaffäre um einen ehemaligen BER-Manager gerät der frühere Flughafenchef Hartmut Mehdorn ins Zwielicht. Er lobte den Manager, der sich von Imtech bestechen ließ, als „vorbildlich und „überaus vertrauenswürdig“.

9. März 2015 – Korruptionsaffäre: BER-Chef unter Beschuss
Im BER-Untersuchungsausschuss belastet der frühere Technikchef Horst Amann Hartmut Mehdorn. Ein Hinweisschreiben zu einem Korruptionsverdacht sei bereits Mitte Juni 2013 auch an Mehdorn gegangen, sagte Amann. Doch das Problem blieb ungelöst.

12. März 2015 - Imtech: Skandal erreicht Konzernspitze
Der ehemalige Vorstandschef von Imtech, René van der Bruggen, soll selbst in die Betrugsaffäre verstrickt sein. Dies legt eine interne Mail nahe. Die deutsche Tochter habe demnach Scheinrechnungen der niederländischen Zentrale zahlen müssen, um die Bilanz schönzurechnen.

25. März 2015 - Flughafen BER: Transparency schmeißt hin
Nach mehr als zehn Jahren der Zusammenarbeit trennt sich Transparency International vom BER. Grund seien „korruptive Vorkommnisse seit Anfang 2013“. Es fehle das Vertrauen. Von jüngsten Vorwürfen habe Transparency erst kurz vor entsprechenden Pressartikeln erfahren.

28. Mai 2015 – Geldübergabe an der A24
Hintergrundbericht zum Bestechungsskandal. Das Handelsblatt beschreibt, wie ein Imtech-Manager im Dezember 2012 an einer Autobahnraststätte an der A24 einen Geldumschlag an einen Flughafen-Manager überreichte. Wenig später flossen 65 Millionen Euro vom BER an Imtech.

29. Juli 2015 – Sanierungsberater für Imtech
Der operative Verlust (EBITDA) von Imtech liegt im ersten Halbjahr 2015 bei 45 bis 50 Millionen Euro, doppelt so hoch wie im Vergleichszeitraum 2014. Imtech will 75 Millionen Euro zusätzlich aufnehmen. Außerdem kommen externe Sanierungsberater ins Unternehmen. Stefaan Vansteenkiste von Alvarez & Marsal zieht in den Imtech-Vorstand ein. Sein Titel: Chief Restructuring Officer.

6. August 2015 – Banken sperren sich gegen neuen Kredit für Imtech
Imtech gibt bekannt, dass die erste Hälfte der 75 Millionen Euro nicht wie erwartet in dieser Woche eintreffen wird. Die Banken sperren sich gegen einen neuen Kredit. Zusätzlich wird bekannt, dass Imtech die Juli-Gehälter nur verspätet auszahlen konnte. Der Kurs fällt um 29 Prozent.

Verwandte Themen
Ferrostaal
Hartmut Mehdorn
Deutschland

7. August 2015 – Deutsche Imtech ist insolvent
Morgens meldet das Unternehmen, die Verhandlungen mit den Banken seien wieder ohne Ergebnis verkaufen. Die Aktie fällt zeitweise um 50 Prozent. Allein der Wert des Commerzbank-Anteils fiel um mehr als 50 Millionen Euro. Am späten Nachmittag stellt die deutsche Tochter von Imtech einen Insolvenzantrag.

10. August 2015 – Ein Nackter mit Taschen
Während Imtech händeringend bei den Banken um frisches Geld bettelt, feiern diverse Berater ein grandioses Geschäft. Unternehmensberater, Sanierungsberater, Rechtsberater und Kommunikationsberater haben seit dem Ausbruch der Krise weit mehr als 100 Millionen Euro aus dem Unternehmen getragen. An dem Insolvenzantrag änderte das nichts. Mitarbeiter beschweren sich, sie würden bei ihrer Arbeit ständig von ahnungslosen Beratern gestört.

11./12. August 2015 – Der Imtech Skandal
Der niederländischen Gebäudeausrüster verhängt vier Tage nach dem Insolvenzantrag seiner deutschen Tochtergesellschaft einen totalen, konzernweiten Zahlungsstopp. „Es wird heute absolut keine Auszahlungen geben“, heißt es in einer internen Mail von Montagmorgen. „Das schließt auch solche Zahlungen ein, die geschäftskritisch sind. Es werden auch keine Bestellungen für mehr als 10.000 Euro getätigt und keine Kunden-Bestellungen für mehr als 20.000 Euro angenommen.“ Der Kurs der Imtech-Aktie bricht erneut um 40 Prozent ein. In den vergangenen zehn Tagen hat das Papier 90 Prozent seines Wertes verloren. Am Dienstag beantragt der Imtech-Konzern in Rotterdam einen Zahlungsaufschub.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt