Autobauer: Mercedes-Händler in Australien verklagen Daimler auf 415 Millionen Euro Schadensersatz
Ein neues Vetriebsmodell sorgt bei Unruhe unter den Händlern in Australien.
Foto: APMünchen. Daimler droht juristischer Ärger in Australien. Eine Gruppe von Händlern hat am Dienstag in Melbourne Klage gegen den Stuttgarter Autobauer eingereicht. Demnach verlangen die australischen Vertriebspartner von Mercedes-Benz eine Entschädigung in Höhe von umgerechnet 415 Millionen Euro für die drohende „Wertminderung“ ihrer Betriebe, wie es in einer Pressemitteilung heißt.
Hintergrund ist der Plan von Daimler-Vertriebschefin Britta Seeger, auch in Australien das sogenannte Agenturmodell auszurollen. Dabei schließen Kunden die Kauf- oder Leasingverträge nicht mehr mit einzelnen Händlern ab, sondern direkt mit Mercedes. Der Vorteil für den Autobauer: Zumindest auf Landesebene kann der Konzern einheitliche Preise für seine Neuwagen festlegen und Rabattschlachten unterbinden.
Die Vertragshändler verlieren bei diesem Ansatz de facto einen Teil ihrer Selbstständigkeit und treten nicht mehr als Unternehmer, sondern als Agenten auf. Andererseits erhalten sie eine feste Marge für die Kundenbetreuung und reichen etwa das Lagerwarenrisiko an Daimler weiter, da die Fahrzeuge im Besitz des Konzerns bleiben. In Südafrika, Schweden und Österreich haben die Schwaben den Direktvertrieb bereits umgesetzt, in Deutschland gibt es dafür eine Grundsatzeinigung.
In Australien begehren aber nun mehr als 80 Prozent der 53 Mercedes-Händler im Land auf. James Voortman, Chef des Autohändlerverbands AADA, erklärte für die Gruppe: „Im Laufe der Jahre haben die Händler Hunderte Millionen Dollar in den Aufbau ihrer Unternehmen investiert und drohen nun diesen Unternehmenswert mit einem Schlag zu verlieren.“ Das Rückgrat der australischen Fahrzeugindustrie bildeten Familienunternehmen, die ihre Betriebe über Generationen hinweg mit Einfallsreichtum und harter Arbeit aufgebaut hätten.
Konkret befürchten die Händler, dass im Zuge des Wechsels auf ein Agenturmodell große Schauräume für Mercedes-Fahrzeuge künftig überflüssig werden könnten. Zudem seien viele Händler darauf angewiesen, günstigere Preise anzubieten, um trotz Standortnachteilen noch Kunden gewinnen zu können und diese an sich zu binden. Laut AADA lehnten bei einer Umfrage rund 90 Prozent der Händler das Agenturmodell ab.
Mercedes-Händler fürchten Entwicklung wie bei Honda
„Auch für Kunden wird es negative Auswirkungen haben, wenn beispielsweise Händler in dünn besiedelten ländlichen Gegenden schließen und deswegen lange Strecken zurückgelegt werden müssen, um ein Auto abzuholen oder zur Wartung zu bringen“, betont Voortman.
So habe beispielsweise Honda dieses Jahr in Australien ein ähnliches Geschäftsmodell eingeführt. Daraufhin seien die Preise für Honda-Fahrzeuge deutlich gestiegen und die Anzahl der Händler drastisch gesunken. Der Absatz der Japaner sei um fast 39 Prozent eingebrochen.
Die Klage sei nun das letzte Mittel, einen ähnlichen Effekt bei der Marke zu verhindern. „Mercedes-Benz hat die Händler und deren enorme Ablehnung des Agenturmodells ignoriert und es konsequent versäumt, mit den Händlern über eine Entschädigung für den Firmenwert zu verhandeln“, sagte Voortman.
Daimler reagierte auf die Klage gelassen: „Aus unserer Sicht entspricht das Mercedes-Benz-Agenturmodell allen relevanten australischen Gesetzen“, erklärte der Konzern. Mercedes ist seit 1958 in Australien tätig und wolle nun drei Jahre vor der Einführung des geplanten Agenturmodells weiter gut mit seinen Händlern zusammenarbeiten.
Autobauer wollen mehr Informationen über die Kunden
Dabei würden die Autohändler eine „zentrale Rolle bei der Customer-Experience“ einnehmen – von der Recherche über den Kauf bis zur Fahrzeugübergabe. Die Kunden erhielten eine größere Preistransparenz, eine bessere Auswahl und eine größere Modellverfügbarkeit.
Mithilfe des Agenturmodells versucht Daimler nicht zuletzt, die Hoheit über die Kundendaten zu erlangen. Erstaunlicherweise hatte der Hersteller bis vor Kurzem kaum eigene Informationen darüber, was die Nutzer seiner Produkte gut oder schlecht finden. Die Schwaben waren dabei auf das Wohlwollen ihrer Vertriebspartner angewiesen. Das soll sich nun ändern.
Daimler-Vorständin Britta Seeger will, dass die Bestellung eines Mercedes bald so einfach abläuft, wie ein Buch bei Amazon zu ordern. Bis Mitte des Jahrzehnts soll ein Viertel der Neufahrzeuge online verkauft werden. Auch eine ganze Reihe von anderen Autoherstellern, darunter Volkswagen und Volvo, stellt den Vertrieb gerade schrittweise auf ein Agenturmodell um.
„Die Fahrzeughersteller streben ganz klar eine stärkere Rolle im Downstream-Bereich an. Daher dürfte es in Zukunft vermehrt zu Konflikten mit den Händlern kommen“, glaubt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM). Das liegt aus seiner Sicht auch daran, dass die Autobauer langfristig weit weniger physische Vertriebsorte benötigen werden, unter anderem weil Elektroautos wartungsärmer als Verbrenner sind.
„Die Autobauer wollen Vertriebskosten einsparen und einen direkteren Kontakt zu ihren Kunden herstellen, um ihnen leichter digitale Services verkaufen zu können“, so Bratzel. Das Agenturmodell sei nicht per se schlecht für Händler, solange sie für ihre Agenturdienste eine faire Vergütung bekämen. In Deutschland sollen die Mercedes-Händler künftig für die Vermittlung von Pkw eine Provision von 6,5 Prozent erhalten.