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  4. VW-Aufsichtsrat berät schon heute über Vorstandsbesetzung

AutoherstellerVW-Chef Diess verzichtet auf vorzeitige Vertragsverlängerung

Kompromiss statt großer Knall: Der Konflikt zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und Betriebsrat sowie Großaktionären ist beigelegt. Nachgeben musste vor allem einer: Herbert Diess.Martin Murphy, Stefan Menzel 15.12.2020 - 17:16 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Der VW-Konzernchef hat einsehen müssen, dass er sich gegenüber dem Aufsichtsrat mit seiner Forderung nach Vertragsverlängerung nicht durchsetzen konnte.

Foto: dpa

Frankfurt, Düsseldorf. Hans Dieter Pötsch hat als Aufsichtsratschef von Volkswagen das geschafft, was in der vergangenen Woche kaum noch jemand für möglich gehalten hatte. In vielen mühsamen Gesprächen hat Pötsch den Konflikt zwischen Vorstandschef Herbert Diess sowie Betriebsrat und Großaktionären auf der anderen Seite beilegen können.

Über das Wochenende habe Pötsch in verschiedenen Gesprächskreisen auf die Beteiligten eingewirkt und sie zum Einlenken bewegt, hieß es am Montag aus Konzernkreisen in Wolfsburg. Nachgeben musste vor allem einer: VW-Chef Herbert Diess.

Der 62-Jährige hatte lange nicht auf seine Forderung nach einer vorzeitigen Vertragsverlängerung verzichten wollen. Einen zwischen den Beteiligten sorgsam ausgehandelten Kompromiss darüber, wie der Vorstand künftig aussehen soll, hatte Diess am vergangenen Mittwoch auf einer ersten außerordentlichen Aufsichtsratssitzung durch sein Beharren auf einem neuen Kontrakt platzen lassen. Deshalb konnten wichtige Vorstandsposten in der vergangenen Woche nicht besetzt werden.

Der aktuelle Vorstandsvertrag von Herbert Diess läuft noch bis April 2023 – der Vorstandschef wollte aber einen neuen Vertrag bis Ende 2025. Er begründete dies damit, dass seine Stellung im Konzern ansonsten zu schwach sei. Der 62-Jährige soll sich von der Arbeitnehmerseite bei wichtigen Personalien wie eben der aktuell anstehenden Vorstandsbesetzung und beim Konzernumbau ausgebremst fühlen.

Am Abend bestätigte das Unternehmen den gefundenen Kompromiss. Im Umfeld des Kontrollgremiums hatte eine Zustimmung zu dem neuerlichen Kompromiss schon vorab als sicher gegolten. Diess hatte einsehen müssen, dass er sich gegenüber dem Aufsichtsrat mit seiner Forderung nach einer vorzeitigen Vertragsverlängerung nicht durchsetzen konnte.

Ehrenerklärung des Aufsichtsrats – und Grenzen

Aber immerhin bekam Diess so etwas wie eine Ehrenerklärung des Aufsichtsrats: „Herbert Diess prägt Volkswagen seit 2015 maßgeblich. Ohne seinen Einsatz wäre die Transformation des Unternehmens nicht so konsequent und erfolgreich verlaufen“, schrieben die Kontrolleure ihrem Vorstandschef in die Personalakte. Der Aufsichtsrat schätze Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit, mit denen Diess seine Ziele vorantreibe.

Die Kontrolleure setzten Diess zugleich aber auch Grenzen. Einen notwendigen Personalabbau solle es nur im Rahmen bestehender Programme „über die bewährten Personalinstrumente“ geben, schrieben die Aufsichtsräte in ihrer gemeinsamen Erklärung. Volkswagen nutzt zum Personalabbau vor allem den demografischen Wandel mit Altersteilzeit und Vorruhestand.

Diess sprach selbst davon, dass die neuen geplanten Kostenprogramme dabei helfen würden, „die Zukunftsfähigkeit von Volkswagen sicherzustellen“.

Der VW-Chef bekam zusätzliche Unterstützung von den Familiensprechern Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch, den wichtigsten Eigentümern des Konzerns. „Es ist für uns von entscheidender Bedeutung, dass Herbert Diess mit seinem neuen Vorstandsteam diese wichtige Phase des Volkswagen-Konzerns weiter prägen wird. Bei der Umsetzung der Strategie mit den Schwerpunkten Elektromobilität und Digitalisierung hat er unsere volle Rückendeckung“, erklärten sie.

Audi-Vorstand wird neuer Finanzvorstand im Konzern

Der jetzt gefundene Kompromiss ist recht umfassend. Außer der Besetzung von drei Vorstandsposten umfasst er auch die Umstellung der produzierten Modellpalette im Stammwerk Wolfsburg. Dort werde Volkswagen zukünftig auch Elektroautos produzieren, verlautete es aus Konzernkreisen.

Bislang hatte der Konzern Werke unter anderem in Brüssel, Sachsen und Emden auf den Bau von E-Autos umgerüstet. Wolfsburg war bislang außen vor. Die E-Fertigung in Wolfsburg war eine wesentliche Forderung von Betriebsratschef Osterloh.

Auch die neue Vorstandsbesetzung wurde als Teil des Kompromisses verabschiedet: Demnach wird Audi-Vorstand Arno Antlitz zum neuen VW-Finanzvorstand berufen. Der 50-Jährige übernimmt den Posten Mitte kommenden Jahres, wenn sein Amtsvorgänger Frank Witter in den Ruhestand geht. Antlitz soll sich vor allem auf weitere Effizienzsteigerungen konzentrieren, ein besonderes Anliegen von Konzernchef Diess.

Vorstand und Betriebsrat verständigten sich am Abend zugleich auf ein neues Kostensenkungsprogramm, das bis Ende März stehen soll. Bis 2023 will der Konzern die Fixkosten in der gesamten Gruppe um fünf Prozent senken. Im Vergleich mit anderen Autoherstellern liegt der VW-Konzern bei den Fixkosten deutlich zurück.

Gerade aus Investorenkreisen hatte sich Volkswagen immer wieder anhören müssen, dass bei den Fixkosten zu wenig passiere. VW reagiert damit auch auf die Belastungen aus der aktuellen Coronakrise. Zudem sollen die Materialkosten in den kommenden zwei Jahren um sieben Prozent gesenkt werden.

Die zweite Personalie betrifft Thomas Schmall: Er soll schon zum 1. Januar im obersten Führungsgremium das neue Ressort Technik verantworten. Dazu gehören die eigenen Komponentenwerke des VW-Konzerns und wesentliche Bereiche der Elektromobilität wie Produktion und Beschaffung von Batteriezellen.

Zudem übernimmt Murat Aksel ebenfalls im Januar die klassischen Einkaufsbereiche außerhalb der E-Mobilität. Seinen Posten als Einkaufsvorstand der Marke Volkswagen wird Aksel behalten.

Alle drei neuen Vorstände bekommen zunächst einen Dreijahresvertrag. Volkswagen beruft sich dabei auf den deutschen Corporate Governance Kodex, der einen Dreijahresvertrag empfehle.

Diess hatte gedrängt, dass seine ausgewählten Kandidaten auf die freien Vorstandsposten berufen werden. Mit Arno Antlitz hatte er schon mehrere Jahre zusammen bei der Marke Volkswagen Pkw im Vorstand gearbeitet. Murat Aksel und Diess kennen sich aus gemeinsamen Zeiten bei BMW. Thomas Schmall wiederum wird eine besondere Nähe zum VW-Betriebsrat zugeschrieben.

Im Frühsommer hatte Diess bereits schon einmal den Aufsichtsrat gegen sich aufgebracht, indem er dem Kontrollgremium vor 2.500 Top-Managern Gesetzesbrüche vorwarf. Nur um Haaresbreite entging er im Juni dem Rauswurf. Im letzten Moment wurde damals noch ein Kompromiss gefunden.

Über das Wochenende hinweg hatte es einen intensiven Austausch zwischen den wichtigsten Mitgliedern des Volkswagen-Aufsichtsrats gegeben. Dazu gehörten die Vertreter der Eigentümerfamilie Porsche und Piëch, des Landes Niedersachsen und aufseiten der Arbeitnehmer Betriebsratschef Bernd Osterloh und der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann.

„Diess muss seinen Wunsch nach Vertragsverlängerung zurückziehen“

Ebenfalls am Wochenende hatte Audi-Betriebsratschef Peter Mosch in einem Interview Verhandlungsbereitschaft gegenüber Herbert Diess signalisiert. Mosch, der auch im Konzernaufsichtsrat sitzt, sagte der „Augsburger Allgemeinen“, dass die Arbeitnehmerseite auch in den kommenden Jahren mit Diess zusammenarbeiten wolle.

„Niemand will, dass Diess aufhört“, hatte er gesagt. Aufseiten der Arbeitnehmer gebe es niemanden, der auf eine Vertragsauflösung dränge. Bei der von Diess ins Spiel gebrachten Vertragsverlängerung machten die Arbeitnehmer aber auch nicht mit. Die vorzeitige Verlängerung stehe deshalb nicht zur Debatte. „Diess muss seinen Wunsch nach Vertragsverlängerung zurückziehen“, hatte es dazu im Vorfeld der Sitzung am Montagabend ergänzend aus Aufsichtsratskreisen geheißen.

Herbert Diess gab dem Drängen schließlich nach und will jetzt seinen bis zum Frühjahr 2023 laufenden Vertrag erfüllen.

Einigkeit herrschte im Aufsichtsrat darüber, dass die italienischen Marken Lamborghini und Ducati Bestandteil des VW-Konzerns bleiben und nicht verkauft werden sollen. Audi übernimmt im nächsten Jahr von Porsche die Verantwortung für die britische Nobelmarke Bentley.

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An der Börse sorgte die Einigung in Wolfsburg für große Erleichterung. Am Dienstagnachmittag war die VW-Aktie mit einem Plus von mehr als acht Prozent klarer Spitzenreiter im Frankfurter Aktienindex Dax. „Der Kompromiss setzt den starken Friktionen zwischen Management und den wichtigsten Aufsichtsräten zumindest vorerst ein Ende“, sagte Arndt Ellinghorst, Automobilanalyst beim US-Investmenthaus Bernstein. Die Aufgaben des Vorstandes seien jetzt klar geregelt und das Unternehmen könne sich konzentriert um das tatsächliche Geschäft kümmern.

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