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Elektro-Start-up unter Druck Nikola-Gründer Trevor Milton kämpft um sein Lebenswerk

Shortseller werfen dem Elektro-Lkw-Hersteller Betrug vor. Firmengründer Milton gerät ins Zwielicht. Doch Partner wie Bosch und Iveco springen ihm bei.
16.09.2020 - 11:17 Uhr Kommentieren
Seit Ende vergangener Woche sieht sich der Nikola-Gründer mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Quelle: Nikola Motor Company
Trevor Milton

Seit Ende vergangener Woche sieht sich der Nikola-Gründer mit schweren Vorwürfen konfrontiert.

(Foto: Nikola Motor Company)

München, Denver Mit Rückschlägen kennt sich Trevor Milton aus. Fünf Unternehmen hat der Mastermind hinter dem amerikanischen Elektro- und Wasserstofflastwagenhersteller Nikola bereits gegründet, zweimal ist er gescheitert. Aber so unter Druck wie jetzt stand der 38-Jährige in seiner Karriere wohl noch nie. Seit Ende vergangener Woche sieht sich Milton, der mit Nikola so etwas wie das Tesla der Truck-Industrie aufbauen will, mit schweren Vorwürfen konfrontiert.

Der Shortseller Hindenburg Research bezichtigt den Nikola-Gründer in einem Report, Anleger und Geschäftspartner in die Irre geführt und betrogen zu haben. Milton sei „unfähig“, die Wahrheit zu sagen, sein Geschäftsmodell basiere auf „Dutzenden Lügen“. Eine ursprünglich geplante revolutionäre Batterietechnologie sei nichts als „heiße Luft“, das Auftragsbuch der Firma aufgebläht.

Prominente Partner wie der weltgrößte Autozulieferer Bosch oder Amerikas größter Fahrzeughersteller GM hätten sich von Nikolas Marketing blenden lassen, behauptet Hindenburg. Der Shortseller hat vergangene Woche bekanntgemacht, dass er auf fallende Kurse bei Nikola setzt. Neben der US-Börsenaufsicht SEC soll sich nun auch das Justizministerium den Fall ansehen, wie die „Financial Times“ berichtete.

Milton wehrt sich seit Tagen erbittert gegen die Anschuldigungen, veröffentlichte unter anderem Fotos von Fahrgestellen mit Batteriepacks, um die Existenz seiner Lkws nachzuweisen. Am Montag publizierte Nikola zudem eine sechsseitige Gegendarstellung zu dem Hindenburg-Report und argumentiert, dass der Leerverkäufer den Aktienkurs von Nikola lediglich zu seinen eigenen Gunsten manipulieren wolle.

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    Die beiden Parteien liefern sich seit Tagen einen Schlagabtausch. Nikolas Gegendarstellung würde „so große Lücken hinterlassen, dass ein Truck durchpasst“, ätzte Hindenburg am Dienstag. Der Shortseller zielt in seiner Kritik vor allem auf Miltons Glaubwürdigkeit ab. Im Zentrum der Kritik steht ein Marketing-Video aus dem Jahr 2018, in dem der Prototyp eines Lkw in scheinbar normaler Geschwindigkeit auf einem Highway fährt.

    „Wir werden nach den Lügen stärker zurückkommen“

    Nikola musste nach Hindenburgs Bericht einräumen, dass der Truck auf der leicht abschüssigen Straße lediglich heruntergerollt wurde. Das Start-up habe nie behauptet, „dass das Fahrzeug aus eigenem Antrieb auf der Straße unterwegs war“, heißt es kleinlaut zur Verteidigung. Dabei hatte Milton bereits 2016 behauptet, dass der Prototyp voll funktionsfähig sei.

    Hindenburg sieht sich dadurch bestätigt: Milton habe den Truck geschickt vermarktet, sei bei den Versprechen jedoch weit über den eigentlichen Stand hinausgegangen. Da Nikola nun ein börsennotiertes Unternehmen sei, komme es viel eher auf die Faktenlage an, damit Investoren nicht getäuscht würden.

    Auch kritisiert Hindenburg, dass der Nikola-Gründer seinen Bruder Travis zum Chef der Wasserstoffproduktion und Infrastruktur gemacht habe, obwohl dieser laut seinem LinkedIn-Profil keine Erfahrung in diesem Bereich hat. Hindenburg verweist auf eine Webseite, die Travis Milton als talentierten Betongießer auf Hawaii zeigt.

    „Wir werden nach den Lügen, die über uns verbreitet wurden, stärker zurückkommen“, prophezeit Milton. Doch die kritischen Stimmen zu seiner Firma sind weiter hörbar. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Nikola ein tragfähiges Geschäftsmodell etablieren kann. Bisher kennen wir nur hehre Ankündigungen, und die Batterietechnik beherrschen andere besser“, konstatiert Ferdinand Dudenhöffer. Der Leiter des Center Automotive Research (CAR) ist sicher: „Die Zeit der Start-ups ist in der Autoindustrie vorbei.“

    Die Aktie von Nikola verzeichnet seit Tagen heftige Ausschläge nach oben und unten. Aktuell kostet ein Papier der Firma rund 33 Dollar, nachdem es am Dienstag rund acht Prozent verloren hatte. In der Spitze notierte die Nikola-Aktie schon einmal bei 80 Dollar – das Start-up war zeitweise mehr wert als Ford. Vor der Attacke von Hindenburg lag das Papier bei rund 50 Dollar. Nun will die US-Börsenaufsicht SEC die Vorwürfe gegen Nikola prüfen. Nikola selbst hatte die SEC eingeschaltet und erwägt auch juristische Schritte gegen den Shortseller.

    Erster Gewinn erst 2024 erwartet

    Firmengründer Milton steht im Zwielicht. Dass Anleger an ihn und seine Visionen glauben, ist sehr wichtig für Nikola. Denn bis dato weist das Unternehmen aus Arizona noch keinen nennenswerten Umsatz aus und ist auf die finanzielle Unterstützung von Investoren angewiesen.

    Erst 2024 rechnen Analysten mit dem ersten kleinen Gewinn bei Nikola. Bis dahin verspricht Milton, mit dem Geld der Aktionäre den wertvollsten Truckhersteller der Welt aufzubauen und die Platzhirsche Daimler, Volvo Trucks und Traton (MAN, Scania) auszubremsen.

    Sein Ansatz: Statt wie die Konkurrenz lediglich tonnenschwere Sattelschlepper zu verkaufen, will Milton die rein elektrisch angetriebenen Nikola-Zugmaschinen mit einem Meilenpaket samt Treibstoff verleasen.

    Neben den Trucks will er allein in Nordamerika 700 Tankstellen errichten und vor Ort grünen Wasserstoff erzeugen. „Wir sind ein Energie- und Technologieunternehmen, das auch sehr coole Fahrzeuge herstellt“, betonte Milton im August im Gespräch mit dem Handelsblatt. Aus seiner Sicht macht die Kombination aus Truck- und Energiegeschäft Nikola so einzigartig. Das finden auch Partner wie Iveco.

    Der Nutzfahrzeughersteller im Teilbesitz des italienischen Agnelli-Clans will gemeinsam mit Nikola in Ulm ab dem kommenden Jahr die ersten Batterie-Trucks mit mehr als 400 Kilometer Reichweite produzieren. 2023 soll auf den Strom-Truck ein mit Wasserstoff befeuertes Modell folgen, das bis zu 800 Kilometer Reichweite verspricht. In Süddeutschland „werden Tausende Jobs entstehen“, kündigte Milton an.

    Unterstützung von Iveco und Bosch

    Nun erhält er Rückendeckung aus Ulm. „Wir stehen uneingeschränkt hinter der Partnerschaft mit Nikola“, sagte Iveco-Chef Gerrit Marx dem Handelsblatt. „Die Fotos, die Trevor Milton aus unserer Fabrik in Ulm veröffentlich hat, sind echt. Wir bauen gerade fünf Prototypen unseres Batterie-Lkw auf. Ende 2021 starten wir die Serienproduktion.“ Trotz der Coronakrise sei man nach wie vor weitgehend im Plan.

    „Nikola ist ein hochagiles, über verschiedene Wertschöpfungsketten hinweg denkendes Start-up, das sich rasant entwickelt“, lobt Marx. „Die Reise mit Nikola katapultiert uns in eine Zukunft, die wir uns allein gar nicht hätten leisten können.“ Insbesondere das digitale Know-how von Nikola helfe Iveco. „Die ganze Softwaresteuerung und das Thermomanagement werden von Nikola in Phoenix konzipiert und eingespielt. Wir haben diese Woche gerade ein Team von Nikola bei uns vor Ort, das sich genau darum kümmert“, sagte Marx, der bei Nikola im Aufsichtsrat sitzt.

    Auch ein weiterer wichtiger Partner springt Trevor Milton bei, wenn auch etwas verhaltener. „Bosch ist seit einigen Jahren Zulieferer von Nikola Motor. Die beiden Unternehmen planen, auch in Zukunft – und auch bei Brennstoffzellen – zusammenzuarbeiten“, erklärte der Stuttgarter Autozulieferer auf Anfrage. Den Vorwurf, dass Nikola kein wirkliches technologisches Alleinstellungsmerkmal besitze und die gesamte Technik nur zukaufe, können die Partner nicht verstehen.

    Tatsächlich ist es in der Autoindustrie üblich, dass etwa 80 Prozent der Wertschöpfung nicht bei den Fahrzeugherstellern entstehen, sondern bei ihren Zulieferern. Nikola gehe bei dieser Praxis vielleicht noch etwas weiter, heißt es in Branchenkreisen. Von „maximalem Outsourcing“ ist die Rede. Die Systemintegration sei aber eine Leistung von Nikola, ebenso die Bereitstellung der Software. Diesen Beitrag dürfe man nicht kleinreden, verlautet es aus Branchenkreisen.

    Rückendeckung gab es auch von General-Motors-Chefin Mary Barra. Amerikas größter Autohersteller und Nikola hatten erst vor einer Woche eine Kooperation verkündet, um gemeinsam einen Elektro-Pickup-Truck zu bauen. Ihr Team habe vor dem Deal die Lage „angemessen überprüft“, versicherte Barra am Montag auf einer Branchenkonferenz.

    Immerhin: Trotz aller Kritik wird Nikola an der Börse weiterhin mit mehr als 13 Milliarden Dollar bewertet. Firmengründer Milton hofft, dass sich der Aufschrei um die Vorwürfe gegen ihn bald legen wird. „Wir konzentrieren uns darauf zu liefern“, twitterte er zuletzt.

    Mehr: General Motors und Nikola: Warum die neue Elektro-Allianz Tesla gefährlich werden könnte

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