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TechnologiekonzernOperativer Gewinn von Siemens bricht ein – Kaeser kritisiert Klimaschutz-Aktivisten

Siemens ist mit schwachen Ergebnissen ins neue Geschäftsjahr gestartet. Vor allem die Zahlen der Energiegeschäfte sind schlecht – und bei einer digitalen Vorzeigesparte gibt es Probleme.Axel Höpner, Kathrin Witsch 05.02.2020 - 12:53 Uhr aktualisiert

München. Draußen vor der Olympiahalle trafen die ersten Klimaaktivisten ein, als Siemens-Chef Joe Kaeser am frühen Mittwochmorgen die Quartalszahlen vorlegte. Und auch hier gab es keine guten Nachrichten. Der operative Gewinn brach im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres ein. Ausgerechnet die Energiegeschäfte, die Kaeser an die Börse bringen will, lieferten besonders schwache Zahlen. Doch auch im künftigen industriellen Kern der verbleibenden Siemens AG lief es nicht besonders gut. Von einem „eher verhaltenen“ Start ins neue Geschäftsjahr sprach Kaeser.

Zur Pressekonferenz in den Katakomben des Olympiastadions hatte Kaeser nicht nur seinen Finanzvorstand Ralf Thomas, sondern auch seinen designierten Nachfolger, Konzernvize Roland Busch, und Energie-Vorstand Michael Sen mitgebracht. Einzelne Investoren hatten vor dem Aktionärstreffen schnelle Klarheit in Sachen Nachfolgeregelung gefordert. Doch der Aufsichtsrat will erst im Sommer offiziell über die Kaeser-Nachfolge entscheiden. Sein Vertrag läuft noch bis zur Hauptversammlung Anfang 2021. Womöglich wird der Wechsel aber schon im Spätherbst vollzogen.

Die Hauptversammlung stand ganz im Zeichen des Streits um die Siemens-Beteiligung an der Kohlemine in Australien. Klimaaktivisten demonstrieren seit Wochen vor den Firmentoren. Siemens liefert die Signaltechnik für den Zug, der die Kohle ans Meer transportiert.

Kaeser nannte es „fast schon grotesk“, dass ausgerechnet Siemens mit seinem vergleichsweise kleinen Auftrag zur Zielscheibe geworden sei. Er bekräftigte, dass der Konzern den Auftrag im Nachhinein lieber nicht angenommen hätte. „Daran ändert auch die Realität nichts, dass die von uns gelieferte Signaltechnikanlage für einen sicheren Zugverkehr für die Inbetriebnahme der umstrittenen Mine irrelevant ist.“

Vize Busch betonte, dass es bei einem einseitigen Ausstieg von Siemens eine unbegrenzte Haftung gebe, die damit deutlich höher ausfallen könne als das Auftragsvolumen von lediglich 18 Millionen Euro. Zudem sei man Kunden gegenüber zur Vertragstreue verpflichtet.

Schlechter als die Erwartungen

Positive Nachrichten gibt es zur Zeit von Siemens nur wenige. Die Quartalszahlen fielen schwach aus. Der Konzernumsatz sank im ersten Quartal 2019/20 vergleichbar um ein Prozent auf 20,3 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Beim kriselnden US-Rivalen General Electric legten die Industrieumsätze von Oktober bis Dezember um vergleichbar knapp fünf Prozent auf 25,4 Milliarden Dollar zu. Bei ABB sanken die Erlöse im Schlussquartal 2019 um vergleichbar zwei Prozent auf 7,1 Milliarden Dollar.

Vor allem beim operativen Ergebnis schnitt Siemens schlechter ab, als Analysten erwartet hatten. Das angepasste Ebita brach um 30 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro ein. Der Analystenkonsens lag vor Bekanntgabe der ersten Ergebnisse bei 1,9 Milliarden Euro. Die operative Umsatzrendite betrug so nur noch 7,3 Prozent im Vergleich zu 10,5 Prozent im Vorjahreszeitraum.

Besonders schlecht sah es im Energiegeschäft aus. Bei der Kraftwerkssparte Gas and Power brach das operative Ergebnis um fast zwei Drittel auf 62 Millionen Euro ein, die Windkrafttochter Siemens Gamesa rutschte sogar in die roten Zahlen. „Die unbefriedigende Situation im gesamten Energiegeschäft macht deutlich, wo der primäre Handlungsbedarf liegt“, sagte Kaeser. Abspaltung und Börsengang von Siemens Energy sollen wie geplant durchgezogen werden.

Die Vorzeigesparte digitale Industrien bekam die Konjunkturschwäche zu spüren. Das operative Ergebnis brach um ein Drittel auf 541 Millionen Euro ein. Das entsprach einer Umsatzrendite von nur noch 14,4 Prozent. Vor nicht allzu langer Zeit hatte die Sparte noch mehr als 20 Prozent verdient.

Kaeser verwies darauf, dass Siemens in der Automatisierung besonders im Maschinenbau und der Autoindustrie stark sei. Diese seien besonders von der Konjunkturflaute betroffen. Bei den kurzzyklischen Geschäften müsse man „auch Nerven bewahren“. Immerhin konnte das zweite Standbein der künftigen Siemens AG, die Einheit Smart Infrastructure, Umsatz und operatives Ergebnis steigern.

Die Prognose für das laufende Jahr bestätigte Kaeser. Der Umsatz soll moderat steigen. Allerdings warnte der Konzern: „Risiken ergeben sich insbesondere aus geopolitischen und geoökonomischen Unsicherheiten.“

Siemens spaltet sich auf

Als Abschluss von Kaesers radikalem Umbau spaltet sich Siemens in diesem Jahr auf. Das Energiegeschäft, das künftig Michael Sen führen soll, steht mit knapp 30 Milliarden Euro Umsatz für etwa 40 Prozent der Konzernerlöse. Die rechtliche Abtrennung soll etwa Ende März erfolgen. Im Juli ist dann eine außerordentliche Hauptversammlung der Siemens AG geplant, im Herbst soll dann der Börsengang folgen.

Kurz vor der Abspaltung hat Siemens das Energiegeschäft noch einmal durch eine Aufstockung der Anteile an der Windkrafttochter Siemens Gamesa gestärkt. Die Münchener übernahmen für 1,1 Milliarden Euro die Acht-Prozent-Beteiligung von Iberdrola. Damit kommt Siemens künftig auf eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Siemens Gamesa sei „ein wichtiger Eckpfeiler“ bei der Transformation der neuen Siemens Energy von den fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien, sagte Kaeser. Der designierte Siemens-Energy-Chef Sen sprach mit Blick auf die Abspaltung von einem „gewaltigen Kraftakt, der in diesem Jahr zu bewältigen ist“.

Natürlich war auch wieder die Kaeser-Nachfolge Thema. Auf die Frage, ob er auch in einem Jahr noch die Zahlen vorlegen werde oder der Wechsel früher erfolge, sagte Kaeser, das Unternehmen habe erstmals seit 15 Jahren einen Plan für die Nachfolgeregelung. Er habe den Eindruck, es sei ein „sehr guter Plan“. Die offizielle Entscheidung soll zwar erst im Sommer fallen. Doch ist laut Aufsichtsratskreisen klar geplant, Busch zum Nachfolger zu küren. Kaeser hatte zwischenzeitlich damit kokettiert, im Notfall noch einmal um zwei Jahre zu verlängern.

Offen ist, was danach aus Kaeser wird. Laut Aufsichtsratskreisen hat Chefkontrolleur Jim Hagemann Snabe durchaus Ambitionen, langfristig im Amt zu bleiben. Er wolle weitermachen, solange er das Gefühl habe, dem Unternehmen dienen zu können. Im Gespräch ist Kaeser auch für den Aufsichtsratsvorsitz von Siemens Energy. Rechtlich müsste hier wahrscheinlich keine zweijährige Abkühlphase eingehalten werden. Allerdings lehnen einzelne Investoren einen direkten Wechsel vom Siemens-Chefsessel zum Aufsichtsratsvorsitz bei Siemens Energy ab.

Investoren sehen Handlungsbedarf

Auf der Hauptversammlung kritisierten Investoren nicht nur das Krisenmanagement im Fall Adani. Sie sind auch mit Kaesers Umbau noch nicht zufrieden. „Der Plan, mit der Aufspaltung von Siemens zusätzlichen Wert für die Aktionäre zu schaffen, ist richtig, aber es hapert an der konsequenten Umsetzung“, sagte Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment.

Kaesers Umbauprogramm „Vision 2020“ und „Vision 2020+“ hätten nicht gezündet. „Was zählt, sind nicht Visionen, sondern handfeste Fakten wie Margenausweitung und Cashflow-Generierung.“ Eine nachhaltige Verbesserung der Ergebnisse könne sie nicht erkennen.

Diehl forderte, Siemens müsse noch konsequenter auf fokussierte Einheiten setzen – also die Aufspaltung weiter vorantreiben. Auch nach der Abtrennung des Energiegeschäfts sei die verbleibende Siemens AG noch ein Gemischtwarenladen. Sie brachte auch eine Trennung von der Bahntechnik, von der Mehrheitsbeteiligung an den Healthineers und der künftigen Beteiligung an Siemens Energy ins Spiel.

Auch Fondsmanager Marcus Poppe von der DWS sieht in Sachen Bahntechnik Handlungsbedarf. Das Argument für den ursprünglich geplanten, aber an den Wettbewerbshütern gescheiterten Fusion mit Alstom habe weiterhin Bestand: Der Wettbewerbsdruck aus China werde in den nächsten Jahren zunehmen. „Somit gilt es, gerade für die Zugfertigung eine Lösung zu finden, um die Wettbewerbsfähigkeit dieses Bereichs zu erhöhen.“

Die neue Siemens Energy sieht Diehl durch mehrere Hypotheken belastet. Da sei zum einen der Reputationsschaden durch den Fall Adani. Hinzu komme aber noch die Belastung durch den Kompressorenhersteller Dresser-Rand, den Kaeser vor fünf Jahren „völlig überteuert gekauft“ habe. Ohne diese Belastungen wäre das Energiegeschäft von Siemens für Investoren attraktiver.

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Investoren forderten zudem eine rasche Nachfolgeregelung an der Siemens-Spitze. Es drohe die Gefahr, potenzielle Kandidaten bereits im Vorfeld einer Ernennung zu beschädigen, sagte Winfried Mathes von der Deka. „Um diese Situation zu vermeiden und das Reputationsrisiko für Siemens einzugrenzen, ist uns an einer zeitnahen Kommunikation der Nachfolge des Vorstandsvorsitzenden gelegen.“

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