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AusstellungSchwierige Vermittlung: Kritische Sicht auf den Expressionismus

Das Museum Ostwall im Dortmunder U stellt die Expressionisten der Sammlung Horn in einen Dialog mit zeitgenössischen Arbeiten aus kolonialkritischer Perspektive.Regine Müller 04.12.2023 - 14:10 Uhr

Dortmund. Der Expressionismus ist eine Stilrichtung, die noch heute unmittelbar anspricht in ihrer vibrierenden Vitalität, ihrer kühnen Formensprache und zeitlosen Ausdruckskraft. Deren Widersprüche gilt es heute neu zu definieren und auszuhalten. Im Dortmunder U sind nun expressionistische Gemälde, Gouachen, Aquarelle und Holzschnitte von Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Max Pechstein, Käthe Kollwitz, Alexej Jawlensky und Emil Nolde in beeindruckender Dichte und Qualität zu sehen. Ihnen gegenüber stehen zeitgenössische Positionen. Anlass ist die Ausstellung „Expressionismus hier und jetzt!“.

Der größte Teil der spektakulären Schau verdankt sich der Sammlung Horn aus dem Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig. Sie wird ergänzt durch Bilder aus der hauseigenen Expressionismus-Sammlung des Dortmunder Museum Ostwall und des Kirchner Museums in Davos.

Der 1995 verstorbene Rolf Horn begann nach dem Zweiten Weltkrieg, Expressionisten zu sammeln. Seine Witwe Bettina erweiterte nach seinem Tod die Sammlung systematisch weiter, die nun – auch wegen der Sanierung von Schloss Gottorf – auf Tour ist.

Die Sammlung beinhaltet ikonische Werke, darunter eines von Jawlenskys mystischen Mädchenporträts mit entrücktem Blick oder seine abstrahierten, mit wenigen Strichen festgehaltenen, spirituell anmutenden Köpfe. Wiedererkennungswert haben auch Christian Rohlfs wuchtiges, farb-feuriges „Haus in Soest“, dessen Konturen sich in pastose Farbflächen aufzulösen scheinen, und Kirchners in aberwitzigen Violett-Tönen pulsierende Alpenlandschaft „Sertigweg“. Oder eine der von Otto Muellers wie besessen wiederholten Badeszenen „Landschaft mit Badenden“ in erdigen Tönen.

Ein besonders schöner „Blumengarten“ von Emil Nolde ist ebenfalls dabei, ein Werk, das man auch ohne den in Dortmund präsentierten kritischen Kontrapunkt heute nicht mehr unbefangen betrachten kann. Denn der „Brücke“-Künstler aus der ersten Reihe der Expressionisten wurde in jüngerer Zeit als glühender Nazi, Rassist und Antisemit enttarnt. Allerdings galt der Expressionismus generell in der Nazi-Zeit als „entartete Kunst“, was ihr in der Nachkriegszeit eine zügige Rehabilitierung bescherte und nicht nur Museen mit Nachholbedarf, sondern auch engagierte Sammler wie Rolf Horn auf den Plan rief.

Die Widersprüche und Ambivalenzen der Moderne vereinten die Expressionisten in exemplarischer Weise. Denn sie saugten zwar Energie aus dem brodelnden Leben der Großstädte und feierten die Lockerung der rigiden Moral wilhelminischer Bürgerlichkeit. Zugleich suchten sie aber die Nähe zur Natur und zum einfachen Leben. Parallel zum rasanten technischen Fortschritt besannen sie sich auf handwerkliche Techniken wie den Holzschnitt und auf rohe, ursprüngliche Formen.

Im Einklang mit der Lebensreform-Bewegung – die später von den Nazis instrumentalisiert wurde - suchten die Expressionisten im Wortsinn das nackte Leben und seinen unverfälschten Ausdruck. Sie malten dekadente Stadtszenen mit Außenseitern, Obdachlosen, Trinkern und Prostituierten, aber auch Bauern, einfache Arbeiter, fahrendes Volk, Bade-Szenen, Roma-Mädchen und Schwarze. Das als einfach Verklärte faszinierte sie ebenso wie das Exotische, wobei ihr neuer, kompromisslos subjektiver Blick trotz aller Aufbruchstimmung aus heutiger Sicht letztlich doch in einer weißen, westlichen Perspektive verharrte. Dennoch schuf der Expressionismus ganz neue Bildwelten und eine farbstarke, impulsive Kunst.

Kunstkapitalismus und Kolonialismus kartografiert

Ins versprochene„Hier und Jetzt geholt“ holt die Dortmunder Ausstellung die Expressionisten mit zeitgenössischen Positionen. Natasha A. Kelly, eine von nicht weniger als fünf Kuratorinnen, hat beispielsweise Recherchen zu den Schwarzen angestellt, die Ernst Ludwig Kirchners Modelle waren. Da gab es zum einen Nelly, eine Tänzerin, die Kirchners Frau das Tanzen beibrachte, und dann eine gewisse Milli. So nannte Kirchner wohl mehrere Modelle, die vorzugsweise nackt gemalt wurden.

Von Kirchners Gemälde „Schlafende Milli“ ließ sich Natasha A. Kelly zu zwei Filmen über„Millis Erwachen“ inspirieren, die in Dortmund gezeigt werden. Eine Videoinstallation dokumentiert, mit welchen Klischees Schwarze in Medien des frühen 20. Jahrhunderts vorgeführt wurden. Weitere Arbeiten von Anguezomo Mba Bikoro, Lisa Hilli, Moses März präsentieren aktuelle Sichtweisen auf den Expressionismus, insbesondere seine Körperbilder und Klischees des verklärt dargestellten globalen Südens.

Zudem kommen Dortmunder Bürgerinnen und Bürger, sowie Initiativen in Videointerviews zu Wort, die teils etwas wahllos und inhaltlich unfokussiert wirken. Erhellend dagegen sind die gemalten „Karten“ des Afrika-Aktivisten Moses März, die Verbindungslinien zwischen den Expressionisten, dem Kunstkapitalismus und Kolonialismus ziehen, sich aber keineswegs voraussetzungslos erschließen.

Wie so häufig, steht am Ende die Erkenntnis, dass die zeitgenössischen, kritischen Beiträge überwiegend Kunst über Kunst sind, die nicht unmittelbar spricht. Sie will vielmehr erklärt, gelesen, erforscht und nachvollzogen sein. Ein Dialog auf Augenhöhe kommt so nicht zu Stande, zumal die Beiträge zu viele Themen anreißen und die Schau unter dieser Last ächzt. Die Arbeiten bleiben Kommentare und kritische Fußnoten, während die Kunst der Expressionisten fast unbeschadet von der Ambivalenz und Verstricktheit ihrer Schöpfer in sich selbst zu ruhen scheint.

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Deutschland

„Expressionismus Hier und Jetzt!“, Museum Ostwall im Dortmunder U, bis 18.2.2024, Katalog „Expressionismus. Werke aus der Sammlung Horn“, Michael Imhof Verlag, 39,95 Euro

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