Morning Briefing: Papst-Beisetzung – bekommt die Welt einen neuen Tito-Moment?
Ukrainekrieg: Putin bietet angeblich Stopp der Invasion an / Forsa-Umfrage: AfD vor Union und auf neuem Rekordstand
Liebe Leserinnen und Leser,
als der jugoslawische Staatschef Josip Broz Tito 1980 starb, näherte sich der Kalte Krieg dem absoluten Nullpunkt. Wenige Monate zuvor war die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert. Ost und West standen sich waffenstarrender Sprachlosigkeit gegenüber.
Bis zu Titos Staatsbegräbnis am 8. Mai. Die Mächtigen der Welt strömten ins neutrale Belgrad: „Vier Könige, 32 Präsidenten und andere Staatsoberhäupter, 22 Regierungschefs und über 100 Vertreter von kommunistischen und sozialistischen Parteien“, registrierte damals das US-Magazin „Time“. Unter den Trauergästen waren der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew, der deutsche Kanzler Helmut Schmidt und die britische Premierministerin Margaret Thatcher.
Dass US-Präsident Jimmy Carter nur seinen Vize Walter Mondale (und seine Mutter) geschickt hatte, wurde allgemein als verpasste Chance gesehen. Denn am Rande des Begräbnisses entspannen sich zahlreiche diplomatische Kontakte, öffneten sich neue Gesprächskanäle, wo vorher nur Schweigen war.
Kein Zweifel: Die Welt von heute könnte einen neuen Tito-Moment gut gebrauchen. Vielleicht kommt er ja am Samstag beim Begräbnis des Papstes zustande?
Auch zur Beisetzung von Franziskus in Rom haben sich Staatsgäste aus aller Welt angekündigt, darunter US-Präsident Donald Trump und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Aus Deutschland kommen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der geschäftsführende Bundeskanzler Olaf Scholz. Der russische Präsident Wladimir Putin wird allerdings nicht an der Zeremonie teilnehmen – ist für ihn auch besser so, bei der Einreise nach Italien müsste er mit seiner Verhaftung rechnen.
Putin bietet angeblich Stopp der Invasion an
Zu besprechen gäbe es in Rom einiges. Zum Beispiel das Angebot, das Putin laut der britischen „Financial Times“ (FT) gemacht haben soll: ein Stopp der Ukraine-Invasion entlang der gesamten aktuellen Frontlinie. Das berichtet die FT unter Berufung auf Insider. Putin habe diesen Vorschlag bereits Anfang des Monats bei einem Treffen mit dem US-Sondergesandten Steve Witkoff in St. Petersburg unterbreitet.
Selenskyj wiederum hat die Bereitschaft zu einer auch nur teilweisen Waffenruhe mit Russland erneuert. „Die Ukraine ist zu einer bedingungslosen Waffenruhe bereit, und wenn diese Waffenruhe teilweise ist, dann sind wir zu spiegelbildlichen Maßnahmen bereit“, sagte er bei einer Pressekonferenz in Kiew. Als Beispiele nannte er den Verzicht auf Angriffe auf Energieanlagen oder den Einsatz von weitreichenden Waffen.
Alle Neuigkeiten rund um den Ukraine-Krieg finden Sie in unserem Newsblog.
US-Finanzminister: Deeskalation im Zollstreit
US-Finanzminister Scott Bessent hat laut Medienberichten eine Deeskalation im Zollstreit mit China in Aussicht gestellt. Bessent habe Investoren bei einem Treffen hinter verschlossenen Türen gesagt, dass die Zölle auf dem derzeitigen Niveau nicht haltbar seien, berichtete unter anderem der US-Sender CNBC unter Berufung auf einen Teilnehmer. Eine Einigung mit Peking sei laut Bessent möglich, so der Finanznachrichtendienst Bloomberg über das Treffen.
Trump sagte zu den anstehenden Zoll-Geprächen mit China gestern:
Gegen China erheben die USA derzeit Sonderzölle von bis zu 145 Prozent. Peking wehrt sich mit 125 Prozent Zoll auf Waren aus den USA.
Ergebniseinbruch bei Tesla
Tesla hat das vergangene Quartal mit deutlichen Rückgängen bei Umsatz und Gewinn abgeschlossen. Die Erlöse fielen im Jahresvergleich um neun Prozent auf gut 19,3 Milliarden Dollar. Der Gewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum brach unterm Strich um 71 Prozent auf 409 Millionen Dollar ein.
Tesla verfehlte damit die Erwartungen der Analysten deutlich, doch die Aktionärinnen und Aktionäre konnte das offenbar nicht schocken. Die Tesla-Aktie stieg im nachbörslichen Handel. Vielleicht ein Grund: Tesla-Chef Elon Musk kündigte an, dass er sein zeitliches Engagement für die US-Regierung ab Mai deutlich reduzieren werde.
Ein Faktor beim Umsatzeinbruch dürfte der Umstieg auf eine erneuerte Generation des Bestsellers Model Y sein. Die eigentlich spannende Frage aber: Verschrecken Musks rechte politische Positionen und seine Arbeit für Trump die Kundschaft?
Analyst Dan Ives von Wedbush Securities, lange Zeit ein Tesla-Optimist, schätzt: Musks Aktionen könnten die Tesla-Nachfrage dauerhaft um 15 bis 20 Prozent drücken.
Forsa: AfD vor Union und auf neuem Rekordstand
Und was machen die rechten Aktivitäten in Deutschland so? Zwei Monate nach der Bundestagswahl liegt die AfD laut den Demoskopen von Forsa vor der Union auf Platz eins und klettert in der Sonntagsfrage im Auftrag von RTL/ntv auf den neuen Höchststand von 26 Prozent. Bei der Bundestagswahl hatte die Partei noch 20,8 Prozent der Stimmen erhalten.
Die Union liegt mit aktuell 25 Prozent deutlich unter ihrem Ergebnis bei der Wahl (28,5 Prozent). Bei den anderen Parteien sind die Veränderungen weniger auffällig: Die SPD erreicht in der Forsa-Umfrage 15 Prozent. Die Grünen liegen bei elf Prozent. Die Linke kommt auf neun Prozent. FDP und BSW erreichen beide vier Prozent.
Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, kämen Union und SPD damit nicht mehr auf eine Mehrheit. Statt mit einem Vertrauensvorschuss startet die Neuauflage von Schwarz-Rot mit einer kräftigen Abschlagszahlung.
Uran: Preisverfall trotz hoher Nachfrage
Haben Sie angesichts der derzeit eher tristen Lage an den Aktienmärkten Lust auf einen Anlagetipp für Mutige? Pssst, ich sage nur: Uran!
2025 wird Kernenergie laut Internationaler Energieagentur (IEA) voraussichtlich so viel Strom erzeugen wie nie zuvor. 63 Kernreaktoren befinden sich derzeit im Bau. Mehrere Länder haben gemeinsam beschlossen, die weltweite Kernkraftkapazität bis 2050 zu verdreifachen. Gleichzeitig droht bei dem Rohstoff, aus dem der Kernbrennstoff hergestellt wird, ein Engpass: Bereits jetzt wird mehr Uran verbraucht als produziert.
Doch diese Fundamentaldaten schlagen sich nicht in den Preisen nieder, so die Analyse unserer Rohstoff-Reporterin Judith Henke. Im Gegenteil: Der Uranpreis ist stark gefallen, wie unsere Grafik zeigt. Henkes Fazit:
Aber bitte auch wirklich nur für die.
Spielen Schimpansen im Dschungel Ballermann?
Erstmals haben Forschende nach eigenen Angaben wilde Schimpansen beim gemeinsamen Konsum alkoholhaltiger Früchte beobachtet. Das überwiegend britische Team um Anna Bowland von der Universität Exeter filmte dieses Verhalten bei mehreren Gelegenheiten im westafrikanischen Guinea-Bissau. Beteiligt waren Schimpansen beiderlei Geschlechts und verschiedener Altersgruppen.
Bowland:
Nun stelle sich die Frage, ob dies bei Schimpansen ähnlich sei. In diesem Fall könne es sich um eine Urform des Feierns handeln.
Sinnvoll wäre meines Erachtens eine Vergleichsstudie in Form einer teilnehmenden Beobachtung auf Mallorca. Dort trägt der gemeinsame Verzehr von alkoholhaltigen Früchten (auch „Sangria“ genannt) durch Personen beiderlei Geschlechts ebenfalls häufig zur Bildung und Stärkung sozialer Verbindungen bei.
Ich wünsche Ihnen einen Mittwoch mit klarem Kopf.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens