Asia Techonomics: Urlaub mit dem Influencer – Social-Media-Stars als Reiseleiter
Bangkok. Eine Reise mit Haktan Albayrak kann man nicht einfach buchen. Um mit dem aus Baden-Württemberg stammenden Influencer in den Urlaub fahren zu können, muss man sich erst bewerben.
Albayrak, der auf der Videoplattform Tiktok mehr als 200.000 Follower hat, vereinbart dann einen Termin für ein Vorstellungsgespräch per Videocall. Er will damit herausfinden, „ob der Vibe passt“, wie im Anmeldeformular zu lesen ist – also ob man cool genug ist, um in seiner Reisegruppe nicht unangenehm aufzufallen.
Ich selbst hätte wohl kaum Chancen, den Vibe-Check zu bestehen – um in Albayraks Zielgruppe zu passen, müsste ich mindestens ein Jahrzehnt jünger sein. In der thailändischen Hauptstadt Bangkok lässt mich der Social-Media-Profi aber trotzdem einen Tag lang mitkommen – um zu sehen, wie Social-Media-Stars eine neue Rolle als Reiseveranstalter finden.
Albayrak gehört zu einer Reihe von Social-Media-Influencern, für die Urlaubsangebote für ihre Follower ein attraktives neues Geschäftsmodell geworden sind. Der gebürtige Ulmer hatte sich in den vergangenen Jahren mit Videos von seinen Reisen in exotischen Ländern einen Namen gemacht – auf Plattformen wie Instagram und Tiktok erzielt er schon einmal mehr als 30 Millionen Aufrufe pro Monat.
Seit vergangenem Jahr lässt sich Albayrak von seinen Fans aber nicht nur virtuell begleiten, sondern auch in der echten Welt. Mit einer Gruppe seiner Zuschauer tourte er bereits durch Marokko und Dubai. In diesem Jahr stehen noch Südkorea und Bali auf dem Programm.
Mehrere Unternehmen springen auf den Trend auf
In Bangkok beginnt die Reise mit Klassenfahrtstimmung: „Ey Leute, der Bus ist da“, ruft Albayrak mir und dem Rest seiner Gruppe durch die Hotellobby zu. Von den zehn Teilnehmern sind alle deutlich unter 30 – eine Generation, die mit Social-Media-Influencern als Vorbild aufgewachsen ist.
Auf dem Weg zum Minivan treffe ich Elif Bilgic. Für die 25-Jährige ist der Thailand-Trip bereits die zweite Reise an der Seite von Albayrak, dessen Social-Media-Videos sie bereits seit Jahren verfolgt. Beim ersten Treffen sei sie tief beeindruckt davon gewesen, dass der Reise-Influencer plötzlich persönlich vor ihr gestanden habe, erzählt sie mir. Inzwischen steht für sie das gemeinsame Erlebnis mit den Mitreisenden im Vordergrund. „Eine solche Reise ist eine gute Möglichkeit, neue Leute mit ähnlichen Interessen kennenzulernen“, sagt sie.
Anders als herkömmliche Veranstalter haben es Influencer wie Albayrak leichter, Reiseteilnehmer zu finden, die zueinander passen. Seine Gruppe hat schließlich mindestens eine Gemeinsamkeit: das Interesse an seiner Person und seiner Art zu reisen.
Das Modell funktioniert auch bei vielen seiner Influencer-Kollegen: Die Instagramerin Jess Melu bewirbt regelmäßig Gruppenreisen in Länder wie Ägypten und Namibia bei ihren mehr als 400.000 Followern. Der Reiseblogger Sebastian Canaves veranstaltet Reisen nach Costa Rica oder Finnland.
Eine riesige Reichweite ist nicht unbedingt vonnöten, um vom Influencer zum Reiseleiter zu werden: Der britischen Youtuberin Molly Thompson reichen 150.000 Follower auf der Plattform, um genügend Buchungen für die von ihr organisierten Gruppenreisen zu erhalten.
Mehrere Unternehmen sind auf den Trend aufgesprungen: Trovatrip bietet eine Plattform, auf der Influencer ihre Reiseangebote vermarkten können. Auch der Reiseanbieter EF bietet Influencern Unterstützung bei der Organisation von Gruppenreisen an. „Eine private Reise für Ihre Follower kann die Bindung innerhalb Ihrer Community stärken – und Ihr Geschäft ankurbeln“, verspricht das Unternehmen den Social-Media-Stars auf seiner Website.
„Auf Instagram zeige ich natürlich nur das Beste von meiner Persönlichkeit“
Reise-Influencer Albayrak verlangt für die einwöchige Thailand-Reise rund 1200 Euro pro Person – Hotelübernachtungen in Bangkok und eine Gemeinschaftsunterkunft im Süden des Landes sind inklusive, Flüge und Ausgaben für die Verpflegung nicht.
Bezahlt wird aber auch für Albayraks Landeskenntnis – und seine Social-Media-Expertise. Im Bangkoker Tempel Wat Arun knipst er auf Wunsch von jedem einzelnen Mitreisenden Fotos mit seinem Profi-Fotoapparat: „Flirte mit der Kamera!“, fordert er eine Mitreisende auf – und zeigt sich mit dem Resultat zufrieden: „Ich weiß, das ist das Foto, das du gleich auf Instagram posten wirst.“
Der enge Kontakt zu seinen Followern während der Reisen ist für Albayrak aber nicht immer unproblematisch. Er berichtet von Fällen, in denen sich einzelne seiner Fans erhofft hatten, ihm während der Reise auch romantisch näherzukommen – Avancen, die er strikt ablehnt.
„Wenn so etwas passiert, ist das nicht nur für mich unangenehm, sondern auch ein Problem für die Gruppendynamik“, sagt er. Der Videocall vor der Reise soll deshalb auch dazu dienen, zu erkennen, ob einzelne Personen falsche Vorstellungen von dem Angebot haben.
Als Herausforderung sieht Albayrak auch, den Social-Media-Glanz mit der Realität des Reisens in Einklang zu bringen: „Auf Instagram zeige ich natürlich nur das Beste von meiner Persönlichkeit – aber ich bin auch nur ein Mensch, der manchmal schlecht drauf ist“, sagt er.
Eine Woche lang im Mittelpunkt seiner mitreisenden Follower zu stehen, koste ihn zudem Kraft. „Im Anschluss muss ich drei Tage allein sein, um mich zu erholen.“