
Wochenend-Newsletter: Warum wir der KI beibringen sollten, uns im Stich zu lassen – das Handelsblatt-Wochenende
Liebe Leserin,
Lieber Leser,
kürzlich wurde ich in einem Drogeriemarkt Zeugin einer interessanten Szene. Ich stand wie immer leicht überfordert vor dem Shampoo-Regal, in dem Produkte für Männer ja für Haut, Haar und Autoreifen geeignet sind, während solche für Frauen nur nach jahrelangem Studium der Haarstruktur, -farbe und -brüchigkeit ausgewählt werden können. Da bemerkte ich eine junge Frau neben mir, die angeregt am Telefon mit einer Freundin oder vielleicht auch ihrem Friseur über genau dieses Thema diskutierte.
Ich erspare Ihnen jetzt die Details ihrer Haarbiografie, irgendwann schaltete sie auf jeden Fall die Kamera ihres Handys ein und sagte „Ich zeige dir jetzt mal, was es hier zur Auswahl gibt, und du sagst mir, welches ich für meine Haare kaufen soll.“ Zurück kam allerdings nicht die Stimme eines Menschen, sondern eine warme KI-Stimme, die ihr ruck, zuck drei Produkte aus dem Regal empfahl. Die junge Frau sagte artig „Danke“, griff zu und verließ den Laden. Ich hingegen blieb leicht eingefroren stehen. Hatte ich hier gerade unsere Zukunft gesehen? Die, von der alle selbst ernannten KI-Expertinnen und -Experten immer sprechen, in der AI-Agents unser primärer Sozialkontakt werden?
Ich bin zugegebenermaßen eigentlich skeptisch, was diese Zukunftsvision angeht. Vielleicht, weil man als Journalistin ja immer erst mal skeptisch sein soll. Aber auch, weil ich Menschen und ihre Unberechenbarkeit wirklich sehr gerne mag. Ich nutze KI viel, und mir ist natürlich klar, dass man sich auch ChatGPT zu einem interessanten Small-Talk-Partner dressieren kann. Ich war mir nur irgendwie sicher, dass die meisten Menschen danach gar kein Bedürfnis haben.
Seit dem Vorfall im Drogeriemarkt verstehe ich allerdings: Ich lag falsch. Und dafür gibt es auch schon seit Längerem Zeichen. Studien, die „Therapy & Companionship“ bereits im Jahr 2025 auf Platz 1 der Nutzung generativer KI sehen. Menschen, die sich in Bots verlieben. Ich wollte die Zeichen nur nicht sehen.
Was bedeutet das jetzt für unsere Zukunft? Sind zwischenmenschliche Beziehungen, in denen man streitet, Quatsch redet oder einfach mal eine wirklich dumme Entscheidung trifft, jetzt tot? Werde ich jetzt auch so eine, die den jungen Leuten sagt: „Kinder, redet doch mal mit echten Menschen anstatt ChatGPT?“
Vielleicht liegt die Hoffnung darin, dass wir die KI ja nicht nur füttern, sondern auch erziehen können. So wie wir uns selbst manchmal zwingen, das Handy in eine Kiste zu sperren oder mit einer Landkarte statt Google Maps durch die Gegend zu fahren. Vielleicht wird die größte Kunst der Zukunft sein, der KI beizubringen, uns rechtzeitig im Stich zu lassen – damit wir wieder merken, wie es sich anfühlt, auf Menschen zurückgeworfen zu sein.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende,
Ihre Charlotte Haunhorst
Head of digital
Handelsblatt
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