Dax aktuell: Dax gibt im Handelsverlauf nach – Wirecard-Aktie ist wieder Spielball der Spekulanten
Die Frankfurter Benchmark hat in diesem Jahr bereits mehrfach eine neue Bestmarke erreicht.
Foto: dpaDüsseldorf. Am Tag eins nach dem Handelsdeal zwischen USA und China zeigte der Dax zunächst eine positive Reaktion und versuchte die Marke von 13.500 Punkte zu überwinden. Doch bei 13.490 Zählern war Schluss. Mittlerweile liegt der deutsche Leitindex im Mittagshandel um 0,2 Prozent im Minus bei 13.407 Punkten. Den gestrigen Tag beendete die Frankfurter Benchmark vor der Unterzeichnung der Vereinbarung noch 0,2 Prozent im Minus bei 13.432 Punkten.
An den Börsen in Übersee fiel die Reaktion auf den Handelsdeal erstaunlicherweise gering aus. „Ohnehin überwiegt der Eindruck, als würden mit dem Phase 1-Deal nur Probleme gelöst, die Trump selbst geschaffen hat, während die wahren langfristigen Konflikte in die Phase 2 abgeschoben wurden, allen voran die chinesische Industriepolitik, also die massive Subventionierung der Staatskonzerne“, analysieren die Handelsblatt-Kollegen Jens Münchrath aus den USA und Sha Hua aus China.
Vor dem Börsenstart in den USA legte die Bank Morgan Stanley neue Zahlen vor, die positiv eingeschätzt wurden. Das Papier stieg vorbörslich um mehr als zwei Prozent.
Doch wie geht es an den Börsen nach dem Deal nun weiter? Eine positive Einschätzung für die weitere Kursentwicklung haben Sentimentexperten. Bereits Stephan Heibel analysierte am vergangenen Montag nach Auswertung der Handelsblattumfrage Dax-Sentiment, dass das Ende der Kursgewinne noch nicht in Sicht ist.
Und für den Verhaltensökonom Joachim Goldberg, der eine ähnliche Umfrage für die Börse Frankfurt auswertet, hat sich die Mehrheit der heimischen Käufer in den vergangenen Handelstagen zurückgehalten. Diese Investoren warten nach einem Kursplus von 300 Punkten seit dem vergangenen Mittwoch auf eine günstigere Einstiegsmöglichkeit.
„Man kann sich gut vorstellen, dass manch schiefliegender, auf Absicherung bedachte Investor froh wäre, noch einmal den Einstandspreis der Vorwoche wieder zu sehen, der zwischen 13.050 und 13.150 liegen dürfte“, schreibt Goldberg und fragt eher rhetorisch, ob eine etwaige Korrektur noch zu solchen Einstiegskursen führen dürfte.
Aus seiner Sicht gibt es deswegen genügend Käufer, die den Dax vor größeren Kursverlusten schützen. Doch was passiert, wenn die Frankfurter Benchmark ein neues Rekordhoch erreicht? Das würde die vielen Investoren, die auf Absicherung bedacht waren, unter Zugzwang setzen. Dann müssten die „Bären“ auf die Long-Seite, egal um welchen Preis. Solch ein Verhalten würde die Rally weiter befeuern.
Die Furcht vor Engpässen treibt den Palladium-Preis auf neue Höchststände. Das Edelmetall verteuerte sich in der Spitze um 5,8 Prozent und kostete mit 2393,38 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) so viel wie nie zuvor. Das Edelmetall wird unter anderem für Katalysatoren und Brennstoffzellen benötigt und stammt überwiegend aus Minen in Russland und Südafrika. Die Liquidität am Markt in Zürich ist Expertenmeinungen zufolge nahezu ausgetrocknet, es gebe kaum noch Verkäufer.
Blick auf die Einzelwerte
Wirecard: Die Aktie des Online-Zahlungsdienstleisters erfreut sich am heutigen Handelstag mal wieder großer Beliebtheit. Mit einem Plus zwischenzeitlich von mehr als acht Prozent überwindet die Aktie wieder die Marke von 130 Euro. Das Tageshoch liegt bei 131,55 Euro, mittlerweile beträgt das Plus noch rund fünf Prozent. Das alles ohne nennenswerte Nachrichten.
Die extreme Volatilität der Dax-Aktie hängt vermutlich damit zusammen, dass der Titel ein Spielball vieler Spekulanten ist. Denn aktuelle Daten des renommierten US-Datenanbieter S3 Partners zeigen auf Basis angeblich echter Broker-Daten, wonach aktuell mehr als 25 Millionen Wirecard-Aktien leer verkauft sein müssten.
Das entspräche einem Anteil von mehr als 21 Prozent aller Wirecard-Aktien und damit beinahe dem Vierfachen der offiziellen Short-Positionen. Sollten die Daten echt sein, dürfte der Kurs der Wirecard-Aktie in den kommenden Wochen auf jeden Fall volatil bleiben.
Denn steigende Kurse setzen Short-Spekulanten unter Druck: Sie haben sich Aktien geliehen und anschließend verkauft. Um einen Gewinn zu erzielen, müssen sie die Aktien zu einem günstigeren Kurs wieder kaufen. Was bedeutet: Bei steigenden Kursen müssen sie die Aktien kaufen und zurückgeben, damit die Verluste nicht ausufern. Mit solchen Käufen wird der Kurs zusätzlich beflügelt.
Varta: Der baden-württembergische Batteriehersteller Varta kündigt zum vierten Mal innerhalb eines Jahres eine Erhöhung seiner Produktionskapazitäten für Lithium-Ionen-Batterien (LIB) an. Das kommt an der Börse gut an: Die Aktie steigt um knapp sechs Prozent.
Noch am Mittwoch vergangener Woche rutschten die Aktien des Batterieherstellers wegen trüber Geschäftsaussichten um bis zu 24 Prozent auf 89,20 Euro ab. Das war der größte Kurssturz der Firmengeschichte. Im vergangenen Jahr hatten die Titel ihren Kurs allerdings fast verfünffacht.
RWE: Bund und Länder haben sich auf einen Fahrplan für das Ende der Kohleverstromung verständigt. Das neue Steinkohlen-Kraftwerk Datteln 4 wird in Betrieb genommen, der Hambacher Forst wird gemäß den Empfehlungen der Kohle-Kommission entgegen der bisherigen Genehmigung nicht für den Tagebau in Anspruch genommen wird. Von dieser Einigung profitiert die RWE-Aktie mit einem Plus von 1,7 Prozent.
Denn die Entschädigung für den Kohleausstieg soll sich für RWE Insidern zufolge auf 2,6 Milliarden Euro belaufen. Die zu dem tschechischen Versorger EPH gehörende Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) solle 1,75 Milliarden Euro erhalten, hieß es am Donnerstag in Regierungskreisen. Die Zahlung beginne bei Abschaltung der Braunkohle-Kraftwerke und laufe bis zum endgültigen Ausstieg.
Thyssen-Krupp: Im Bieterrennen um den Verkauf der Aufzugstocher Elevator gibt es Neuigkeiten. Die Essener RAG-Stiftung steigt Medienberichten zufolge in das Rennen um die Aufzugssparte von Thyssen-Krupp ein. Der Mehrheitsaktionär des Spezialchemiekonzerns Evonik unterstützt offenbar das Konsortium um die Finanzinvestoren Cinven und Advent. Das könnte bei den Arbeitnehmervertretern von Thyssen-Krupp Sorgen vor den Finanzinvestoren dämpfen, sucht doch auch Evonik in der Regel den Einklang mit den Gewerkschaften.
Die Thyssen-Krupp-Aktie profitiert von den Neuigkeiten und steigt um ein Prozent.
Bei dem Bieterrennen sollten Anleger aber nicht vergessen: Laut Finanzkreisen sollen die Angebote in der Größenordnung von rund 15 Milliarden Euro liegen. Bei einer Marktkapitalisierung von knapp 7,4 Milliarden Euro für den gesamten Konzern derzeit bleibt die Frage: Was passiert mit dem Aktienkurs, wenn die Aufzugssparte komplett verkauft wird?
Beiersdorf: Der Konsumgüterkonzern Beiersdorf hat 2019 trotz schleppender Geschäfte in seiner Klebstoff-Sparte seinen Umsatz gesteigert. Allerdings stellt sich das Unternehmen im laufenden Jahr auf Gegenwind ein. Die Aktie verliert 1,6 Prozent.
Aixtron: Ein Analystenkommentar beflügelt die Aktie. Die Barclays-Experten stuften die Papiere des Spezialmaschinenbauers auf „Overweight“ von „Equal Weight“ hoch und erhöhten das Kursziel auf zwölf von elf Euro. Mit einem Plus von 1,5 Prozent zählt die Aixtron-Aktien zu den größten Gewinnern im Kleinwerteindex SDax.
Hello Fresh: Der Essenslieferdienst rechnet auf Basis vorläufiger und ungeprüfter Zahlen mit einem Konzernumsatz für das Geschäftsjahr 2019 zwischen 1,808 und 1,811 Milliarden Euro. Dies entspreche einem währungsbereinigten Umsatzwachstum von etwa 36 Prozent, teilt das Unternehmen mit. Das trieb die Aktien von Hello Fresh am Donnerstag um bis zu 14 Prozent auf ein Rekordhoch von 23,60 Euro. Das war der größte Kurssprung seit drei Monaten. Die 2011 gegründete Start-up-Firma ist damit an der Börse fast 3,9 Milliarden Euro wert. Mittlerweile beträgt das Plus nur noch fünf Prozent.
Grand City Properties: Die MDax-Papiere notieren 1,6 Prozent fester. Die Experten der US-Bank JP Morgan hoben ihre Einstufung für die Titel des Immobilienkonzerns auf „Overweight“ von „Neutral“ an.
Was die Charttechnik sagt
Die kurzfristige Betrachtung: Seit dem neuen Hoch mit 13.548 Punkten am 10. Januar konsolidiert der Leitindex, das Tief dieser Bewegung liegt bei 13.362 Zahlern. Bislang ist das eine eher positive Konsolidierung nach dem Plus von 300 Punkten seit dem vergangenen Mittwoch.
Zudem ist die Kurslücke von Anfang Januar immer noch nicht ganz geschlossen wurde. Solche Kurslücken (Fachjargon: Gap) entstehen, wenn der höchste Kurs eines Tages unter dem des Folgetages bleibt. So stieg der Dax am 8. Januar bis auf 13.334 Zähler, am Tag danach lag der niedrigste Kurs bei 13.469 Punkten. Sie dienen anschließend als wichtige Unterstützung.
Kurzfristig handelnde Investoren können diesen Bereich als Absicherung nehmen, oder je nach Situation, auch als mögliche Wiedereinstiegsmarke, wenn die Lücke geschlossen wird. Auch eine weitergehende Konsolidierung dürfte nichts am generellen Aufwärtstrend ändern. Oberhalb von 13.150 Zählern gilt das Börsenbarometer laut Charttechnik immer noch als „bullish“.
Langfristig betrachtet ist der gesamte Bereich zwischen 13.000 und 14.000 Punkte sehr wichtig. Das zeigt ein Blick auf den Kursverlauf der vergangenen drei Jahre. Denn die vergangenen Jahreshochs liegen eng beieinander: 2019 mit 13.426 Zählern, 2018 mit 13.597 Punkten, gleichzeitig Rekordhoch, und 2017 mit 13.526 Zählern. Ein Abprall von dieser Marke oder ein Ausbruch dürfte laut technischer Analyse weichenstellend für Monate, Quartale oder Jahre sein.
Handelsblatt-Analystencheck: JP Morgan empfiehlt MTU-Aktie zum Kauf
Die US-Bank JP Morgan hat die Einstufung für MTU auf „Overweight“ mit einem Kursziel von 300 Euro belassen. Er rechne mit einem prozentual hohen einstelligen Wachstum des Triebwerkspezialisten bis zum Jahr 2024, schrieb Analyst David Perry in einer am Mittwoch vorliegenden Branchenstudie. Die Profitabilität und insbesondere der Free Cashflow dürften ebenfalls zulegen
Insgesamt 24 Studien im Handelsblatt-Analystencheck beschäftigen sich mit der Aktie von MTU Aero. Den sechs Kaufempfehlungen steht 17 Mal der Rat „Halten“ gegenüber. Eine Analyse empfiehlt das Papier zu verkaufen. Das gewichtete Kursziel sämtlicher Analysen liegt bei 246,81 Euro und damit deutlich unter dem aktuellen Kurs von rund 277,60 Euro. Bei einem gewichteten Kursziel haben jüngere Studien einen höheren Einfluss.
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