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Morning BriefingVW-Arbeiterführer Osterloh wird Vorstand

Hans-Jürgen Jakobs 23.04.2021 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

im Volkswagen-Konzern tut sich am heutigen Freitag Erstaunliches. Bernd Osterloh tritt von der Spitze des Betriebsrats ab – der Mann, der in 16 Jahren allen CEOs zugesetzt hat, besonders dem aktuell amtierenden Herbert Diess. Bei VW wurde der nötige Generationswechsel oft verschleppt, der 64-jährige Osterloh will es besser machen. Stellvertreterin Daniela Cavallo soll ihm folgen.

Auch aus dem Aufsichtsrat dürfte sich Osterloh zurückziehen – schließlich soll er ja selbst in jenes Management wechseln, das er stets hart kritisiert hat. Geplant ist, dass der begabte Strippenzieher seine Karriere als Personalvorstand der börsennotierten Lkw-Tochter Traton ausklingen lässt. Das Salär dort liegt bei zwei Millionen Euro jährlich, ein später Lohn der Mühen, der für einige Kritik sorgen dürfte. Man denkt an Seneca: „Was macht es einen Unterschied, wie viel du hast? Was du nicht hast, besagt viel mehr.“

Es gibt noch eine zweite Personalie aus Wolfsburg, die heraussticht: Katrin Suder soll im Konzernvorstand das neu geschaffene IT-Ressort übernehmen. Das ist eine Schlüsselposition, um im Kampf mit Tesla, Google und Apple mithalten zu können. Mit IT-Strukturen beschäftigte sich die 49-jährige Suder zuletzt von 2014 bis 2018, als beamtete Staatssekretärin im Verteidigungsministerium.

Dabei hatte die studierte Physikerin und langjährige McKinsey-Beraterin auf ihr Netzwerk gesetzt und etliche millionenschwere Consulting-Verträge nicht regelkonform geschlossen, was sich zur bundesweit beachteten Affäre ausweitete. Nun soll Suder sicherlich auch ein wenig die sehr männlich geprägte Führung des Autobauers aufmischen

Foto: AFP

US-Präsident Joe Biden lässt nichts unversucht, die dunklen Schatten seines Vorgängers zu verjagen. Seine Rede zum Auftakt einer zweitägigen virtuellen Klimaschutzkonferenz verdeutlicht der Welt: Mit den USA – dem Land, das aus dem Klimaschutzabkommen von Paris ausgetreten war – ist wieder zu rechnen. Die CO2-Emissionen der USA will Biden bis 2030 im Vergleich zu 2005 um die Hälfte reduzieren: „Das ist das entscheidende Jahrzehnt, wenn wir die größten Schäden des Klimawandels vermeiden wollen.“

Auf der Konferenz versprach Kanzlerin Angela Merkel erneut, Deutschland werde seinen Beitrag zur Erfüllung der EU-Klimaziele leisten. Hier sollen die Emissionen um 55 Prozent sinken. Die EU plant zudem Zölle für nicht klimafreundlich erzeugte Produkte, was in Australien jedoch mit Argwohn betrachtet wird. „Wir befürchten, dass daraus sehr leicht protektionistische Handelshürden werden“, sagt uns Australiens Handelsminister Dan Tehan.

Heute tritt es tatsächlich in Kraft, das neue Infektionsschutzgesetz. Faktisch greift die darin vorgesehene bundesweite „Corona-Notbremse“ mit ihrer Ausgangsperre am Samstag. Im Bundesrat geizten die Ministerpräsidenten nicht mit Kritik an den neuen Normen, die der Regierung in einigen Wochen Anerkennung für Erfolge bringen sollen, die aufgrund der Impfkampagne ohnehin gekommen wären.

Das sei „kein großer Wurf“, sagte etwa Stephan Weil, niedersächsischer Ministerpräsident. Zu den Kollateralschäden gehört, dass der viel gelobte Modellversuch in Tübingen damit beendet wird.

Die Stadt liegt mit 91,8 zwar unter dem Inzidenz-Schwellenwert von 100, es zählt hier aber der Landkreis mit mehr als 180. Oberbürgermeister Boris Palmer: „Ab Montag ist also auch bei uns alles dicht. Theater, Handel, Schulen und Kitas.“

Satirisch setzen sich etliche bekannte deutsche Schauspieler mit der Corona-Politik auseinander. Im Netz machen sie auf allesdichtmachen.de klar, wie sehr wir uns in ein System aus Angst und Freiheitsbeschneidung haben pressen lassen.

  • So spottet Jan Josef Liefers über die Medien, die dankenswerterweise dafür sorgen, dass kein kritischer Ton uns vom Kampf gegen Corona ablenkt.
  • Meret Becker versteht nicht, wie sie überhaupt mit all den Viren vorher hatte leben können.
  • Und Ulrich Tukur fordert die „erhabene Politik“ auf, endlich jede menschliche Wirkungsstätte zu schließen, damit Ruhe auf dem Planeten einkehre.

Es sind Lebenszeichen aus der Kultur, die als besonders notleidend gelten darf.

Foto: Smetek

Wer nach Immobilien sucht, wird wenig finden. Und das wenige ist so teuer, dass niemand zuschlägt. Wer nicht muss, verkauft in Zeiten des Anlagenotstands nun mal keine Wohnung und kein Haus. Es fühlt sich also an wie eine richtige „liquidity trap“, eine Geldfalle, in der sich nichts tut, weil alle denken, die Preise sind so hoch, dass es bald billiger wird und man lieber abwartet. Aber, siehe da, der Boom in Deutschland sei noch nicht zu Ende, verkündet der Wohnatlas der Postbank, den das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) jährlich erstellt.

Hier liegt ein statistisches Wunderwerk des Optimismus vor. Haus- und Wohnungsbesitzer könnten in mehr als der Hälfte der 401 Landkreise und kreisfreien Städte damit kalkulieren, dass ihre Immobilie bis 2030 real an Wert gewinnt.

Steigende Preise seien auch für die sieben wichtigsten Metropolen zu erwarten, am stärksten ausgerechnet in der jetzt schon teuersten Stadt, in München – mit real 1,99 Prozent plus jedes Jahr. Attraktiv erscheint demnach das Umland großer Städte – die Preissteigerungen würden dort um ein Vielfaches höher liegen als in den Zentren der Ballungsgebiete.

Beispiele sind Pfaffenhofen oder Potsdam. Wertverluste drohten vor allem in strukturschwachen Regionen mit sinkenden Bevölkerungszahlen, etwa in den ostdeutschen Bundesländern oder im Ruhrgebiet.

In unserem großen Wochenendreport beleuchten wir die Immobilien-Perspektiven. Etwas anders als beim Postbank-Wohnatlas klingt es bei Reiner Braun, Chef des Forschungsinstituts Empirica, der einen „Blasenindex“ berechnet. Sein Urteil: „Selbstverständlich haben wir eine Immobilienblase“ – sobald die Zinsen steigen, müssten die Mieten hoch oder die Preise runter.

Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Aufbruch ins Ungewisse“ von Peter Merseburger, die politischen Erinnerungen des ARD-Journalisten, der als Moderator des Politmagazins „Panorama“ viele Jahre lang eine Institution war.

Der 92-Jährige legt hier ein persönliches Geschichtsbuch über die alte, westliche Bundesrepublik vor, die sich aus alten Obrigkeitsstaatmustern nur mühsam löste. Dass sich Merseburger, der in Zeitz geboren wurde, nach dem Zweiten Weltkrieg für die Ost-CDU einsetzte und ins Gefängnis wanderte, gehört zu den vielen überraschenden, bravourös erzählten Anekdoten in diesem Memoire über eine untergegangene Zeit.

Foto: dpa

Und dann ist da noch der CSU-Politiker Hans Michelbach, Vize-Chef des Wirecard-Untersuchungsausschusses, der seine ganz eigene Bilanz der Aufklärungsarbeit zieht. „Auf breiter Ebene hat nichts funktioniert, Politik und Finanzaufsicht haben es den Betrügern zu einfach gemacht“, sagt er im Handelsblatt-Interview zu dem Skandal, der 22 Milliarden Euro Schaden verursachte. Michelbach offenbart, dass über die Aufsichtsarbeit die Freundschaft zum früheren CSU-Star Karl-Theodor zu Guttenberg entzwei ging, dem Pro-Wirecard-Lobbyisten.

„Man kann nicht eine Bundeskanzlerin für Geschäfte einspannen“, poltert er, „vor allem dann nicht, wenn man das Geschäftsmodell nicht geprüft und dafür auch noch 900.000 Euro eingestrichen hat.“ Unglaublich findet Michelbach, dass Wirecard von 2016 bis zur Insolvenz 62,4 Millionen für Leute wie zu Guttenberg ausgegeben hat – „die Wirtschaft darf sich wahrlich nicht beklagen, wenn es jetzt gesetzliche Verschärfungen für Lobbyismus gibt.“

Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr

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Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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