Morning Briefing: Laschet hatte keine Chance und wollte sie nutzen
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
in den nächsten Tagen müssen wir uns Deutschlands wichtigste Politiker mit Sonden vorstellen, unterwegs auf dem Weg zu Sondierungsrunden. Existieren heißt sondieren in diesen Tagen. Die eine Fraktion – SPD, Grüne und FDP – erforscht von Montag an, was mit einer Ampel-Koalition möglich ist. Die andere Fraktion – die zänkischen Schwestern CDU und CSU – bestimmt, wer sie herausführt aus dem Jammertal mit den Skeletten, die mal Volksparteien waren. Vorausgegangen war eine Ansage von Noch-CDU-Chef und Ex-Kanzlerkandidat Armin Laschet: „Wenn es mit anderen Personen besser geht, dann gerne.“
Er wolle keine „erneute Schlammschlacht“, sondern einen „gemeinsamen Vorschlag“. Bis zum Sonderparteitag im Dezember bleibt er noch, dann hat die CDU den nächsten Vorsitzenden guillotiniert. Seien wir ehrlich: Der Mann aus Aachen hatte keine Chance, wollte sie aber nutzen. Eine abgeschlaffte Parteiorganisation, ständige Chefwechsel, null Selbstbestimmung eines modernen Konservatismus, ein West-Ost-Riss, eine bis zum Schluss im Amt verharrende CDU-Kanzlerin, dazu fiesestes Wadenbeißen auf gut fränkische Art – diese Kombination hätte auch robustere Charaktere geschafft. Fazit: Die bei der letzten Parteivorsitzendenkür hervorgezauberte Bergmannsplakette, die Vertrauen schaffen sollte, kann Laschet getrost seinem Vater zurückgeben, dem alten Kumpel aus der Adenauer-Kohl-Zeit.
Kein Halten scheint es derzeit für die Preise bei Öl, Gas und Kohle zu geben. Die alte, oft geschmähte fossile Wirtschaft, Lieblingsgegner von Greta Thunberg und von Fridays for Future, feiert deshalb plötzlich Umsatzrekorde. Das sei keine Momentaufnahme, sondern der Start einer neuen Phase der Hochpreisenergie, halten wir in unserem großen Wochenendreport fest. Schon sieht Gabriel Felbermayr, neuer Chef des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, eine Bedrohung der konjunkturellen Entwicklung: „Kommt ein strenger Winter, könnten Abschaltungen von Industrieanlagen, die auf Gas als Rohstoff angewiesen sind, erforderlich werden.“ Wir erkennen, wie abhängig Europa nach wie vor von fossiler Energie ist – und dass selbst ein Greta-Gespräch mit Wladimir Putin daran nichts ändern würde.
Der neue Chef der deutschen Finanzaufsichtsbehörde Bafin, Mark Branson, kündigt im Handelsblatt-Gespräch eine rigidere Kontrolle von Finanzhäusern an. „Wir brauchen die Bereitschaft, auch mal Grenzen auszutesten“, sagt der gebürtige Brite, der zuvor die Schweizer Finanzaufsicht aufgemischt hat. Im Falle von Großbanken plädiert er für harte Vorgaben: „Institute, die auf den internationalen Kapitalmärkten aktiv sind, brauchen eine besonders dicke Kapitaldecke.“ Im Einzelnen sagt er über…
- eine Finanzaufsicht „mit Biss“: „Die Bafin muss den Mut haben, unangenehme Entscheidungen zu treffen, auch wenn wir keine perfekte Informationslage haben. Nicht zu entscheiden und abzuwarten ist für Kunden und die Stabilität des Finanzsystems oft noch riskanter.“
- die Leistungskraft der Bafin: „Sie ist viel besser als ihr jetziger Ruf. Sie hat hochqualifizierte und motivierte Manager. Wir müssen uns besser vernetzen und brauchen an der ein oder anderen Stelle eine bessere Datenbasis für unsere Entscheidungen. Bei der Digitalisierung gibt es bei der Bafin wie in vielen Behörden und auch Unternehmen hierzulande noch Nachholbedarf.“
- dickere Kapitalpuffer für deutsche Banken: „Da liegt die Verantwortung bei der Europäischen Zentralbank. Aber ich bin ein Befürworter hoher Kapitalstandards. Die Finanzkrise 2008 ist von vielen damals als statistisch sehr unwahrscheinliches Jahrtausendereignis bezeichnet worden. Die Modelle der Banken haben die Realität schlicht falsch abgebildet.“
Den Text fürs Handelsblatt-Gespräch hat Branson übrigens völlig unkompliziert in kürzester Zeit autorisiert. Das war beim Vorgänger noch ganz anders.
Seit einiger Zeit ist die Ikone des Bösen aus dem Fernsehen verschwunden, jenes großgezogene Coronavirusmodell mit den ekligen Stacheln. Was länger blieb, sind Warnungen vor der viel tödlicheren Delta-Variante und einem Herbst mit einer vierten Welle. Nun aber stimmt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf einen Herbst und Winter der Lockerungen ein: Im Freien sei die „AHA-Regel“ (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken) nicht mehr nötig.
Und auch die notorischen Alarmmelder des Robert-Koch-Instituts (RKI) verkünden plötzlich, dass „unter den Erwachsenen bereits bis zu 84 Prozent mindestens einmal und bis zu 80 Prozent vollständig geimpft sind“. Das große Impfziel – 85 Prozent der Bürger ab zwölf Jahren – ist auf einmal nicht mehr weit entfernt. Vermutlich werden wir in nächster Zeit deshalb auch etwas weniger Christian Drosten erleben.
Wie man einen Bestseller schreibt – eine solche Planung liefern wir auf der Literaturseite in sieben Schritten. Stoff für all jene, die ehrlich zu sich sind und ein Projekt realistisch einschätzen können. Also lernen wir, dass der Promi-Faktor nicht unbedingt hilft, dass man mit Kapitelüberschriften Struktur schafft, dass Zeit und Liebe in Exposé und Leseprobe fließen sollten, dass Self-Publishing helfen kann, man Unterstützung holen muss, falls nötig, und dass man für sein Buch früh trommeln muss.
Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Briefe nach Breslau“ von Maya Lasker-Wallfisch, ist die Lebensgeschichte der Tochter der berühmten Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, die im KZ-Orchester spielend Auschwitz überlebt hat. Die heute als Psychotherapeutin arbeitende Maya verpackt ihre Erinnerungen über eine Familie, die den Holocaust jahrzehntelang verdrängt hat, unter anderem in eine fiktive Korrespondenz mit den von den Nazis ermordeten Großeltern, die es als Kulturbürger Breslaus einst zu großem Ansehen gebracht hatten. Heute ist die schlesische Stadt eine flirrende Metropole mit viel Kultur und 140.000 Studenten, jung und hip, aber die Autorin zeigt am eigenen Beispiel, wie schwere Traumata über Generationen hinweg wirken können.
Im Hause Handelsblatt haben wir gestern Abend eine besondere Premiere gefeiert: Wir bestimmten das „Female Allstars Board“ (Fab), zeichneten also den bestmöglichen weiblichen Vorstand der Republik aus. Den Score dazu erstellte die Unternehmensberatung Bain & Company.
Unsere Aufstellung der Besten sieht so aus: CEO Belén Garijo (Merck), CFO Helene von Roeder (Vonovia), CTO Claudia Nemat (Deutsche Telekom), Vertrieb Britta Seeger (Daimler) und Personal Ilka Horstmeier (BMW). Die Initiative soll Vorbild sein für mehr Vielfalt und bessere Chancen, auch wenn die „Fab Five“ selbst kein Muster der Diversität sind. Aber eine Provokation muss bei einem Frauenanteil von etwas mehr als 17 Prozent in den Vorständen der Dax-Konzerne möglich sein.
Und dann ist da noch die sich auf Abschiedstournee befindende Angela Merkel, die gestern mit Papst Franziskus zusammentraf. Da sprach die Kanzlerin in Rom vor dem Kolosseum in Anwesenheit des Pontifex. Im privaten Gespräch mit dem Kirchenoberhaupt mahnte sie bei ihm mehr Konsequenz und Transparenz beim Aufarbeiten der Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche an. Sie habe unterstreichen wollen, so Merkel, „dass die Wahrheit ans Licht kommen und das Thema Kindesmissbrauch aufgearbeitet werden muss“.
Zuletzt war der Papst mit Lavieren aufgefallen: Er beließ den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki genauso im Amt wie den Hamburger Erzbischof Stefan Heße. Beide eint, dass sie, anders als von Merkel gefordert, das Licht nicht an die Wahrheit lassen. Der gute Katholik muss derzeit allzu oft aus der Faust der Wut in die gefalteten Hände des Gebets wechseln. Wir starten in den Freitag mit Georg Christoph Lichtenberg: „Dass in den Kirchen gepredigt wird, macht deswegen die Blitzableiter auf ihnen nicht unnötig.“
Ich wünsche Ihnen ein schwungvolles Wochenende.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor
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