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Inflation – Ein GastkommentarWerden die deutschen Sparer enteignet?

Die Folgen hoher Inflationsraten sind in der Gesamtbetrachtung weniger gravierend als vielfach gedacht, analysieren Marc Peter Radke und Manuel Rupprecht. 31.03.2022 - 12:08 Uhr Artikel anhören

Marc Peter Radke ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Furtwangen. Manuel Rupprecht ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Münster.

Foto: Handelsblatt

Die Inflation ist zurück. Seit Monaten fallen die Preissteigerungen deutlich höher aus als erwartet. Immer häufiger wird vor den negativen Folgen gewarnt: für Arbeitnehmer, für Bezieher von Transfereinkommen – und für Sparer.

Letztere, so heißt es, seien schon lange gebeutelt, erst von den Niedrig- und Negativzinsen, jetzt auch noch von der Inflation. Das schon länger bestehende Narrativ, deutsche Sparer würden enteignet, scheint sich nun vollends zu bestätigen.

Tatsächlich war die reale Rendite deutscher Privathaushalte auf Bankeinlagen im vergangenen Jahr mit minus drei Prozent so niedrig wie nie zuvor seit Einführung des Euros 1999 – primär wegen der Inflation. Auch andere verzinsliche Titel wie Schuldverschreibungen rentierten zuletzt im negativen Bereich und lagen damit deutlich unter ihren langfristigen Durchschnittswerten.

Inflation: Folgen für Arbeitnehmer, Arbeitslose und Sparer

Andernorts ist die Lage ähnlich. Ob Spanien, Frankreich, Italien oder im Euro-Raum insgesamt: Überall fielen die realen Erträge verzinslicher Schuldtitel 2021 ungewöhnlich niedrig aus. Durchweg negativ waren sie allerdings nur in Deutschland. Das und der historische Hintergrund von zwei Währungsreformen dürften erklären, warum die Debatte über die Gefahren der Inflation hierzulande – mal wieder – besonders heftig entbrannt ist.

Haushalte besitzen allerdings nicht nur Schuldtitel. Sie investieren auch in andere Vermögensklassen, etwa in Aktien, Investmentfonds oder Immobilien. Und dort zeigte sich im selben Zeitraum ein ganz anderes Bild: So ging die Rally an den Aktien- und Immobilienmärkten trotz eines kurzen Coronadämpfers und erster Zinserhöhungen unvermindert weiter. Die Folge: Deutsche Haushalte erzielten im vergangenen Jahr mit ihren Aktieninvestments satte 27,5 Prozent Rendite.

Hohe Erträge aus Immobilienvermögen trotz Inflation

Auch die realen Erträge aus Immobilienvermögen fielen hierzulande mit 7,5 Prozent nicht nur überdurchschnittlich gut aus, sie waren auch höher als in allen anderen großen Euro-Ländern. Anders als durchweg behauptet, sind Sparer also nicht per se gebeutelt. Entscheidend ist, wie gespart wird. In der aufgeregten Inflationsdebatte wird das gern vergessen.

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Damit nicht genug. Neben der Verzinsung von Bankguthaben und Schuldtiteln erreichten auch die Fremdkapitalzinsen in den vergangenen Jahren historisch tiefe Niveaus.

So sank die reale Zinsbelastung für Konsum- und Immobilienkredite 2021 für deutsche Privathaushalte laut unserer Studie „Reale Rendite privater Haushalte: Auf die gesamte Bilanz kommt es an“ auf minus ein Prozent – der Wert lag zum ersten Mal seit Beginn der Währungsunion im negativen Bereich.

Obwohl die Situation in anderen großen Ländern des Euro-Raums ähnlich ist: Nirgendwo waren die realen Kreditzinsen 2021 so niedrig wie in Deutschland. Dass Schuldner Nutznießer hoher Inflation sind, ist

zwar allgemein bekannt. Das Ausmaß, in dem sie aber gerade in Deutschland vom Preisanstieg profitieren, dürfte doch die meisten überraschen.

Kann man vor diesem Hintergrund überhaupt, wie viele es tun, von einer schleichenden „Enteignung“ der deutschen Sparer sprechen? Wir sind der Meinung: Nein. Warum?

Weil unsere Berechnungen drei zentrale Gegenargumente liefern: Erstens lag die schon seit dem Jahr 2000 trendmäßig steigende reale Gesamtvermögensrendite auf alle Sach- und Finanzaktiva deutscher Privathaushalte im vergangenen Jahr mit 5,4 Prozent sogar klar über ihrem langfristigen Durchschnitt von 4,1 Prozent.

Überdurchschnittliche Renditen auf Aktien

Grund für dieses positive Langfristergebnis waren sowohl die überdurchschnittlich hohen Renditen auf Aktien, Investmentfonds und Immobilienvermögen als auch die Tatsache, dass diese Vermögensformen auf lange Sicht rund zwei Drittel des Gesamtvermögens ausmachten.

Die Negativrenditen von Bankeinlagen und anderen Schultiteln, die im Schnitt ungefähr nur ein Zehntel zur Gesamtrendite beitrugen, wurden damit deutlich überkompensiert – und in der öffentlichen Diskussion entsprechend überbewertet.

Zweitens lag die reale Eigenkapitalrendite, die zusätzlich die Fremdkapitalkosten berücksichtigt, 2021 mit 6,3 Prozent ebenfalls deutlich über ihrem langfristigen Durchschnitt von 4,2 Prozent. Auch sie folgt einem positiven Trend, der einerseits durch den kontinuierlichen Rückgang der realen Kreditzinsen und andererseits durch den Anstieg der Gesamtvermögensrendite bedingt ist.

Außerdem war die Eigenkapitalrendite seit 2009 aufgrund niedrigerer Schuldzinsen im Vergleich zur Rendite aller Aktiva durchweg höher als die Gesamtvermögensrendite.

Drittens: Während die realen Renditen des Gesamtvermögens und des Eigenkapitals in Deutschland auf lange Sicht einem positiven Trend folgen, verläuft die Entwicklung in den anderen großen Euro-Ländern in negativer Richtung – und für den Euro-Raum als Ganzes, insbesondere wegen der positiven Entwicklung in Deutschland, eher seitwärts.

Die Ursachen dafür variieren: Mal ist die Portfoliostruktur ausschlaggebend, mal sind es landesspezifische Preis- oder Zinsentwicklungen. Doch unabhängig davon spricht dieses Ergebnis dafür, dass Klagen über die negativen Auswirkungen von Niedrigzinsen und hoher Inflation vor allem für deutsche Sparer überzogen sind.

Reale Kosten der Verschuldung berücksichtigen

Klar ist aber auch, dass sich die Portfolios einzelner Haushalte voneinander unterscheiden. Werden überwiegend verzinsliche Schuldtitel gehalten, fallen die Renditen deutlich niedriger aus als bei einem hohen Anteil von Aktien, Investmentfonds oder Immobilien.

Regelmäßig zeigen Umfragen: Deutsche Haushalte mit geringem Vermögen haben primär Bankeinlagen und Versicherungsprodukte. Erst mit steigendem Vermögen erhalten renditestärkere Anlageformen ein stärkeres Gewicht. Insofern überrascht es nicht, dass ärmere Haushalte hierzulande im Allgemeinen geringere reale Renditen erzielen als reichere.

Allerdings ist dieser Effekt weniger stark ausgeprägt als vielfach angenommen. Während etwa die Spannweite beim Finanzvermögen zwischen den Haushalten mit der geringsten und der höchsten Rendite im Jahr 2010 noch bei 3,8 Prozentpunkten lag, betrug sie 2017 – aktuellere Daten liegen noch nicht vor – nur 2,1 Prozentpunkte. Das ist zwar immer noch eine stattliche Differenz. Sie ist aber nicht so hoch wie bisweilen im öffentlichen Diskurs suggeriert.

Inflation belastet Sparer in Deutschland

Fazit: Ja, es stimmt, die Inflation belastet Sparer hierzulande und anderswo. Die Folgen sind bislang jedoch weit weniger dramatisch als oft behauptet. Tatsächlich erzielten deutsche Privathaushalte 2021 sogar höhere reale Renditen als im langfristigen Mittel.

Auch im Vergleich mit anderen Euro-Ländern schnitten sie überdurchschnittlich gut ab. Das gilt vor allem, wenn man neben den realen Erträgen des Vermögens auch die realen Kosten der Verschuldung berücksichtigt.

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Von einer „Enteignung“ kann daher nicht die Rede sein. Bei vermögensärmeren Haushalten mit einseitigem Anlageverhalten und ohne Schulden mag dies gegebenenfalls zwar zutreffen, auf gesamtwirtschaftlicher Ebene aber sicher nicht.

Insofern ist es wichtig zu differenzieren. Pauschale Behauptungen, die hohen Preissteigerungen würden deutsche Sparer enteignen, mögen zwar knackig klingen, halten aber einer näheren Betrachtung nicht stand.

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