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Morning BriefingDie Flucht des Gazprombank-Managers 

Hans-Jürgen Jakobs 28.04.2022 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

am Dienstagabend meldete sich der Vizechef der Gazprombank in einem aufsehenerregenden Video auf Youtube zu Wort. Igor Wolobujew erklärt darin seine Flucht zurück in sein Heimatland, die Ukraine: „Ich will mich von meiner russischen Vergangenheit reinwaschen.“

Der Krieg sei „ein Verbrechen Putins, der russischen Behörden und in der Tat des russischen Volkes“. Gazprom bezeichnete er dabei als „Gasknüppel“ Russlands. Moskau habe schon immer versucht, seine Nachbarn und Europa zu erpressen.

Das können Bulgarien und Polen nur zu gut bestätigen. Beiden Ländern wurde das Gas abgedreht – woraufhin der Gaspreis in Europa um fast 20 Prozent stieg. Wirtschaftsminister Robert Habeck verkündet, Deutschland hänge nur noch zu 35 Prozent vom russischen Gas ab – nach vorher 55 Prozent. Kleine Erfolge machen auch Mut.

Die deutschen Unternehmen reagieren auf die unablässigen Drohungen aus Moskau mit Vorsorgemaßnahmen. Krisenstäbe werden etabliert, Notfallpläne erarbeitet. So setzen Energieversorger zusehends auf Gasspeicher, deren Füllstand derzeit bei 33,5 Prozent liegt. Unterdessen beginnt die Debatte, wer im Land bei extremer Knappheit von Gas den Vorzug erhält.

Die ersten Manager stellen offen das gültige Prinzip infrage, wonach Privathaushalte den Vorrang erhalten sollen. „Es muss eine Balance gefunden werden“, sagt uns Mats Gökstorp, CEO des Sensorspezialisten Sick. Und Eon-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley fordert sogar eine privilegierte Versorgung der Industrie. Die Politik solle „sehr ernsthaft darüber nachdenken, ob sie die Reihenfolge nicht umdreht und erst bei Privaten abschaltet und dann bei der Industrie“, sagte er im „Manager Magazin“. Die Einkommen der Menschen, so die Begründung, hingen nun einmal daran, dass die Industrie arbeitsfähig bleibe.

Wir lernen bei Albert Einstein: „Es gibt zwei Arten zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder.“

Schon seit längerem war es unverständlich, dass ein Land der Europäischen Union ungestört daran arbeiten konnte, russische Verhältnisse auch bei uns zu etablieren. Erst jetzt versucht Brüssel, den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban auf seinem Weg zu stoppen, ein zweiter Wladimir Putin zu werden. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte leitet die EU-Kommission ein Verfahren gegen einen Mitgliedsstaat ein, um Gelder für dieses Land zu kürzen.

Der Vorwurf aus Brüssel lautet, dass die Orban-Regierung die EU-Gelder betrügerisch fehlleitet und zur Korruption einsetzt. Vetternwirtschaft gehört in Ungarns Regierungspartei Fidesz zur Staatsräson. Noch kassiert Budapest jährlich knapp fünf Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt, rund 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Diese Summe könnte Geschichte sein, wenn das nun eingeleitete Rechtsstaatsverfahren in neun Monaten beendet sein wird.

Foto: IMAGO/Christian Spicker

Einen Eklat zwischen Bundesregierung und Opposition wie bei der Impfpflicht wird es in der Frage der Ukraine-Kriegshilfe nicht geben. Die Ampelkoalition und die Union wollen am heutigen Donnerstag im Bundestag einen gemeinsamen Antrag zur Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine beschließen. Nach einigen Änderungen an dem von der Regierung vorgelegten Antrag wird sich die Unionsfraktion allem Anschein nach dem anschließen und ihren eigenen, weitergehenden Entwurf zurückziehen.

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hatte die Lieferung von Flugabwehrpanzern des Modells „Gepard“ aus Industriebeständen und die Ausbildung ukrainischer Soldaten auf deutschem Boden angekündigt. Munition für den „Gepard“ soll aus Brasilien kommen. Offen ist noch, ob es zwischen Ampel und Union eine Einigung über eine geplante Grundgesetzänderung für das 100 Milliarden Euro große Sondervermögen der Bundeswehr gibt.

Die Börse scheint im Zustand der erschöpften Verzweiflung zu sein, in der kleine Hoffnungssignale zu großen Sprüngen führen. So war es gestern beim Facebook-Konzern Meta Platforms. Die Zahl der täglich aktiven Nutzer von Facebook stieg in den ersten drei Monaten 2022 des Jahres leicht an – was die Aktie nachbörslich um 20 Prozent nach oben rauschen ließ. Die Anleger ließen unter den Tisch fallen, dass das Imperium des Mark Zuckerberg im ersten Quartal so schwach gewachsen war wie zuletzt beim Börsengang vor zehn Jahren.

Eingeschränkte Werbebudgets der Firmen und neue Datenschutzregeln von Apple waren der Grund für die Entschleunigung. Der Gewinn fiel sogar wegen der Investitionen ins virtuelle Metaverse um ein Fünftel. Am Tag zuvor hatte schon Google, die Nummer eins der Online-Werbung, enttäuschende Zahlen vorgelegt. Auch die „digitalen Wunderknaben“ müssen offenbar einmal Pausen einlegen.

Foto: Reuters

Was macht „New Work“ aus? Wie arbeiten wir in der Zukunft? Darüber wollen wir am 1. und 2. Juni mit renommierten Experten reden. Mit dabei bei unserer neuen Veranstaltung Work in Progress sind unter anderem VW-Vorstand Gunnar Kilian, Stepstone-CEO Sebastian Dettmers und Bestseller-Autorin Dorie Clark. Es ist mir gelungen, zehn Tickets zurückzulegen. Die ersten Zuschriften bekommen den Zuschlag. Bitte schreiben Sie an mail@morningbriefing.de – und teilen uns mit, ob Sie persönlich oder virtuell dabei sein wollen

Und dann ist da noch der größte Diamant der Welt, genannt „The De Beers Cullinan Blue“. Der Edelstein wurde jetzt in Hongkong auf einer Auktion feilgeboten. Ein anonymer Bieter machte am Ende bei Sotheby’s das Geschäft – und zahlte dafür mehr als 57 Millionen Dollar. Der Wunderstein war 2021 in einer südafrikanischen Mine gefunden worden. Offiziell wurde das Juwel als ausgefallener, lebendig blauer Diamant eingestuft. Teurer war nur 2016 der „Oppenheimer Blue“.

„Die Grabsteine der Tugend werden gewöhnlich beim Juwelier gekauft“, befand der Schriftsteller Oscar Blumenthal leicht mokant.

Ich wünsche Ihnen einen produktiven Tag.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

PS: Wie immer frage ich mich selbst: Fehlt etwas? Waren wir zu lange, zu flapsig, zu ernst? Müssen die Grafiken bunter sein? Die wichtigste Frage aber ist heute: Wie finden Sie es? Wie sollten wir das Morning Briefing weiterentwickeln? Es wäre schön, wenn Sie uns hierzu einige Fragen beantworten könnten. Feedback erwünscht!

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