1. Startseite
  2. Arts und Style
  3. Kunstmarkt
  4. Im Whitney Museum kommt jedes einzelne Kunstwerk stärker zur Geltung

MuseenKunst vom Kohlebaron

Die berühmte Frick Collection logiert vorübergehend an einem ungewöhnlichen Standort: im Whitney Museum, das im Stil des Brutalismus erbaut ist. Doch die Konfrontation mit Beton tut der Alten Kunst gut.Felix Holtermann 06.09.2022 - 11:08 Uhr Artikel anhören

Der Bilderzyklus gefiel der Bestellerin bald nicht mehr. Vielleicht weil der gemalte Liebhaber zu sehr ihrem königlichen Liebhaber glich. Quelle: Frick Collection

Foto: Handelsblatt

New York. Mit Moden ist das so eine Sache. Was gestern en vogue war, kann heute veraltet sein – und morgen schon wieder gefragt. Das gilt nicht zuletzt für die Kunst, wie der neue Standort der Frick Collection in New York zeigt.

Auf über drei mal zwei Metern hängt dort Jean-Honoré Fragonards vierteiliger Bildzyklus „Der Fortschritt der Liebe“, gemalt zwischen 1771 und 1772. Er zeigt einen Rokoko-Traum, ein Paar, das sich in einem verwunschenen Garten schrittweise näherkommt. Die Natur von Mensch und Umwelt verzaubert den Betrachter hier genauso wie in der „Schaukel“, Fragonards wegen seiner Frivolität wohl berühmtestem Gemälde.

Allein, die erste Besitzerin, Madame du Barry, war schon kurz nach dem Auftrag nicht mehr zufrieden mit Fragonards Zyklus. Die letzte Maîtresse-en-titre von König Ludwig XV. schickte die Bilder an den Künstler zurück und ließ eine neue Bilderfolge aufhängen von Joseph-Marie Vien.

Der feine Spätrokoko eines Fragonards, dessen dicker Pinselstrich bereits den Impressionismus andeutet, musste der neuesten Mode weichen: steif-strengen klassizistischen Figuren wie von der Theaterbühne. Doch während über Vien heute kaum noch jemand spricht, beeindrucken Fragonards Gemälde wie am ersten Tag.

In New York haben sie nun eine neue, temporäre Heimat gefunden. Die Frick Collection, hervorgegangen aus der Privatsammlung des Kohle- und Koks-Barons Henry Clay Frick, ist vorübergehend umgezogen.

Die Bronzeskulptur steht im Renaissanceraum vor einem Gemäldepaar von Paolo Veronese. Quelle: Frick Collection

Foto: Handelsblatt

Sie residiert in einem prachtvollen Stadtschloss an der Fifth Avenue – ein vollgestopftes Schatzhaus, dessen dunkel getäfelte Räume so beeindruckend sind wie einnehmend. Doch da das Frick Mansion umgebaut wird, ist die Kollektion vorübergehend an anderem Ort zu sehen: nicht am Central Park gelegen, sondern im Herzen der Upper East Side, im ehemaligen Whitney-Museum, einer brutalistischen Architekturikone von Marcel Breuer an der Madison Avenue.

In „Frick Madison“, umgeben von kunstvoll verschaltem Beton und edlem Naturstein kann Fragonards Zyklus, 1915 erworben, aufatmen. Die Bilder entfalten eine neue, ganz eigene Wirkung. Nichts lenkt in den hohen, lichten Räumen von Fragonards heiterer Geschichte zweier Liebender ab.

Frischer Blick auf Alte Meister

„Wir lieben das Manson“, sagt Heidi Rosenau von der Frick Collection, „und freuen uns auf unsere Rückkehr.“ Aber sowohl die Museumsmacher als auch die Besucher seien begeistert vom neuen Standort an der Madison Avenue. „Es gibt uns die Chance, die Bilder ganz neu wahrzunehmen.“ Und endlich bekämen auch die kostbaren Möbel, im Frick Mansion oft nur Beiwerk in den prächtigen Sälen, die verdiente Aufmerksamkeit.

Ein Rundgang durch Frick Madison ist ein ganz eigenes Vergnügen. Henry Clay Frick liebte europäische Malerei, sammelte von Alten Meistern bis zum Impressionismus viele große Namen: Werke von Bellini hängen neben solchen von Goya, Holbein und Rembrandt, hinzu kommen Bilder von Tizian, Vermeer und Thomas Gainsborough.

Reiz der Meisterwerke

So eklektisch, wie diese Aufzählung anmutet, so bunt gemischt ist die Sammlung. Binnen weniger Räume durchschreitet der Besucher das mittelalterliche Italien, die spanischen Niederlande, das puritanische England bis hin zum Frankreich des späten 19. Jahrhunderts.

Der fehlende Fokus auf eine Epoche oder ein Land und der vergleichsweise kleine Umfang der Schausammlung könnten ein Nachteil sein. Hier aber ermöglicht die größte Prominenz der ausgestellten Meister einen Parforceritt durch ein halbes Jahrtausend Kunstgeschichte.

Im Frick Madison kommt das natürliche Licht von links - wie der göttliche Schein im Bild. Quelle: Frick Collection

Foto: Handelsblatt

Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Hans Holbein der Jüngere schuf 1527 das Porträt von Sir Thomas More, dem später enthaupteten Lordkanzler des britischen Königs Heinrich VIII. Mores resignative Präsenz erinnert an Raffaels Papstporträt. William Turner malte 1826 eine ruhige Abendszene am Kölner Hafen, kurz vor Anbruch der Industrialisierung.

Und Giovanni Bellini erschuf mit dem Heiligen Franziskus in der Wüste (1476–78) eines der meistbesuchten Bilder der Sammlung. Der Heilige steht in einer norditalienischen Landschaft, noch ganz ergriffen von der Berufung durch die Stimme Christi, und blickt zum Himmel.

Göttliches Licht von der richtigen Seite

1915 erworben, hing das Bild über 100 Jahre lang im Frick Mansion an der falschen Wand. Das natürliche Licht fiel im Mansion von rechts ein – im Bild kommt es von links. Der Umzug ins Frick Madison korrigiert diesen Fehler. Endlich kommt der göttliche Schein von der richtigen Seite.

Moden kommen und gehen. Der Baustil des Brutalismus war in Ungnade gefallen, jetzt ist er wieder en vogue. Zu Recht, wie das Whitney-Gebäude zeigt. Seine zeitlos-moderne Architektur bringt nicht nur Pop Art zum Strahlen, sondern auch die Alten Meister des Koksbarons Frick. Ein Besuch lohnt sich in diesem Herbst mehr denn je.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt