Alte Meister: Stillleben aus der Sammlung Grasset: Verborgene Botschaften an den Betrachter
Oben das Prunkstillleben von Floris van Dyck. Der bewusst zur Schau gestellte Reichtum feierte 1615 auch den Wohlstand der Stadt Haarlem. Die hier abgebildeten Gemälde werden am 7. Dezember versteigert.
Foto: Sotheby'sZürich. Wer sich in die verblüffend widersprüchliche Welt von Stillleben Alter Meister begibt, kommt nicht so leicht wieder los. So erging es Juan Manuel Grasset (1927-2020). Der spanische Bauingenieur arbeitete sich als Autodidakt in die anspielungsreiche Gattung ein. Und wurde zum gelehrten Sammler mit sicherem Auge. Grasset trug in fast vierzig Jahren eine bedeutende Sammlung niederländischer und flämischer Gemälde des 17. Jahrhunderts zusammen.
Sotheby’s versteigert aus Grassets Nachlass 35 Gemälde sowie eine kleine Anzahl chinesischer Kunstwerke. Der Hauptteil der Sammlung wird in der Abendauktion am 7.Dezember in London versteigert. Sechzehn Werke werden von heute an bis Dienstag, den 11. Oktober in Köln im Palais Oppenheim, Sotheby’s repräsentativer Deutschlandzentrale, ausgestellt.
Auf den ersten Blick scheinen Stillleben beliebige Alltagsgegenstände abzubilden: Edles Geschirr, Weinkelche, Käse, Nüsse und Obst. Sie zeigen Blumen, zu prachtvollen Bouquets arrangiert, Seifenblasen oder Totenschädel. Die letzten drei Motive wollen daran erinnern, dass alles vergänglich ist.
Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass es sich in keinem Stillleben um realistische Schilderungen handelt. Denn im Bild werden Blüten oder Früchte vereint, die niemals zu gleicher Zeit reifen.
Die Maler übermitteln dem Betrachter vielmehr mit Symbolen versteckte Botschaften: Für die Süße des Lebens stehen die Erdbeeren, für dessen Härte die Walnuss, für die Zumutung des Lebens die Zitrone. Insekten und Mäuse bringen den Tod ins Spiel. Viele kunstvoll arrangierte Stillleben wollen zum Nachdenken anregen über den Lebenskreislauf als Werden und Vergehen.
Tropische Papageien, chinesisches Exportporzellan oder überseeische Früchte hingegen künden vom Welthandel der Holländer. Das Stillleben nahm im 17. Jahrhundert einen rasanten Aufschwung. Auch deshalb, weil sich mit dieser wiederentdeckten Gattung eine zu Wohlstand gekommene Bürgerschaft vom Adel mit seinen Historienbildern absetzen konnte.
Die Stadtansicht ist das wertvollste Bild der Sammlung Grasset. Sie soll zwischen 3 und 5 Millionen Pfund kosten. Der Schätzpreis ist hoch, weil die sogenannte Vedute eine herausragende Herkunftsgeschichte hat.
Foto: Sotheby'sAus dem „Goldenen Zeitalter“ der Niederlande stammt das Blumenstilleben von Jan Davidsz. de Heem. Sotheby’s Experten schätzen es auf 1 bis 1,5 Millionen Pfund. Floris Claesz. van Dycks Prunkstillleben mit den beiden unterschiedlich alten Käselaiben und edlem Zierrat wird auf 600.000 bis 800.000 Pfund geschätzt. Bei Jacob van Hulsdoncks Obststillleben besticht die Textur von behaarten Pfirsichen und glatten prallen Pflaumen. Erwartet werden dafür bis zu 180.000 Pfund.
Aber Juan Manuel Grasset hat nicht nur in „nature mortes“ investiert. Er hatte auf Auktionen auch Landschaften erworben wie Jan Brueghels d. Ä. minutiösen Fischmarkt im Freien, oder Winterbilder, wie die „Eisläufer“ von Barent Avercamp (300.000 bis 400.000 Pfund).
Geschmackswandel trifft die Alten Meister
Einmal ließ sich der Sammler von einer Stadtansicht von Venedig begeistern. Das große Querformat vom mittleren Canale Grande um die Kirche Santa Stae von Canaletto markiert in der Grasset-Sammlung die Preisspitze. Entsprechend der großen Nachfrage und einer noblen Provenienz schätzen Sotheby’s Experten seinen Preis auf 3 bis 5 Millionen Pfund.
Die Gesamtschätzung für die erste Tranche mit 17 Topwerken liegt zwischen 7 und 11 Millionen Pfund. Doch ob die feinen Kleinformate genügend jüngere Sammler noch begeistern können, bleibt abzuwarten. Denn Alte Meister haben es schwer.
Der Geschmackswandel zeigte sich kürzlich bei der verhaltenen Aufnahme der Sammlung von Alvaro Saieh. Sotheby’s verteilt die preisgünstigeren Bilder aus der Sammlung Grasset auf Online-Auktionen im Dezember 2022 und im Jahr 2023.
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