Gemüse: Das gelöste Gurkenrätsel / Gehakel: Koalition streitet um Industriestrompreis
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
wir müssen über Gurken sprechen. Selten habe ich so viele Rückmeldungen bekommen wie auf meine beiläufige Bemerkung im gestrigen Morning Briefing über die stark gestiegenen Preise bei Salatgurken.
Die meisten Leserinnen und Leser haben mich darauf hingewiesen, dass die gestiegenen Preise der vergangenen Monate vor allem etwas mit der kühlen Witterung in Spanien, den hohen Gaspreisen für die Gewächshäuer in Holland und einer dementsprechend geringeren Gurkenernte zu tun hätten. Tatsächlich führt das Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) in München sogar eine Gurkenpreisstatistik, die diesen Trend verdeutlicht.
„Die Verhältnisse haben sich allerdings bereits geändert, die Gurkenpreise purzeln“, schrieb mir ein Leser aus Potsdam. Und in der Tat – ein Besuch beim Discounter meines Vertrauens zeigte gestern, dass die Gurkenwelt zumindest bei Aldi Nord preislich wieder in Ordnung ist.
Nachdem wir nun auch für die Gurkenpreise eine nachvollziehbare Erklärung gefunden haben, fehlt es in Deutschland weiterhin an Belegen für eine angebliche „Gierflation“, bei der Unternehmen das inflationäre Umfeld ausnutzen, um mit überzogenen Preiserhöhungen ihre Margen auszuweiten.
Europaweit beschäftigt das Thema allerdings durchaus Politik und Notenbanker:
- Spanien schafft eine staatliche Einheit, die Margen pro Branche berechnen und veröffentlichen soll.
- Frankreich und Schweden drängen die Supermärkte zu Preissenkungen.
- Es gebe Branchen, in denen „die Inputkosten sinken, während die Einzelhandelspreise steigen und die Gewinne ebenfalls zunehmen“, sagte Fabio Panetta, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, jüngst der „New York Times“.
Auch Paul Donovan, Chefökonom der Investmentbank UBS, ist überzeugt: „Die jüngste Inflation ist auf eine ungewöhnliche Ausweitung der Gewinnspannen zurückzuführen.“
Womöglich funktioniert der Wettbewerb bei Lebensmitteln und anderen Konsumgütern in Deutschland schlicht besser als anderswo in Europa.
Mit Preisen und deren Regulierung hat auch der jüngste Koalitionszoff in der Ampel etwas zu tun. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) stößt mit seinen Überlegungen zu einem subventionierten Strompreis für die Industrie auf Widerstand insbesondere bei der FDP.
Auf direkte staatliche Hilfen zu setzen sei „ökonomisch unklug“ und widerspreche den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft, schreibt Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. Den von SPD und Grünen angedachten Industriestrompreis sehe er deshalb „sehr kritisch“.
Das Wirtschaftsministerium hatte für diese Woche einen Vorschlag für einen Industriestrompreis angekündigt, der energieintensiven Branchen die Transformation erleichtern soll. Lindner macht in seinem Gastbeitrag nun deutlich, dass er es für ungerecht hält, wenn die Strompreise nur für die Industrie gesenkt würden, nicht aber für die Haushalte und den Mittelstand.
Bereits am Montagabend hatte sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in die Debatte eingeschaltet. Als „Volkswirtschaft werden wir es auf Dauer nicht durchhalten, alles, was an normaler wirtschaftlicher Tätigkeit stattfindet, zu subventionieren“, sagte der Bundeskanzler.
Wer glaubte, die Bankenkrise in den USA sei mit der Übernahme der angeschlagenen First Republic durch Marktführer JP Morgan Chase am Wochenende ausgestanden, der wurde gestern eines Besseren belehrt. Unter den Regionalbanken traf es dieses Mal vor allem die Aktien von Pacwest. Sie sackten um knapp 28 Prozent ab. Auch andere Regionalbanken verloren deutlich.
Ausgerechnet das Vorgehen der US-Bankenaufsicht im Fall First Republic hat offenbar neue Sorgen um das Bankensystem ausgelöst. Laut Analysten gehen Marktteilnehmer nun davon aus, dass Einlagen bei weiteren schwachen Regionalbanken von Großbanken wie JP Morgan Chase übernommen würden und somit eine Konsolidierungswelle im US-Bankensektor bevorstehe.
In der Zentrale der Deutschen Telekom in Bonn macht gerade eine ungewöhnliche Personalie die Runde: Strategiechef Matthias Budde wechselt demnach in gleicher Position zum US-Telekommunikationsriesen AT&T.
Beide Unternehmen bestätigten Handelsblatt-Reporter Phillipp Alvarez entsprechende Informationen aus Konzernkreisen. Bis ein Nachfolger gefunden sei, leite Andreas Schlegel, einer von Buddes Mitarbeitern, die Konzernstrategie, hieß es bei der Telekom.
Dass ein US-Konzern sein Topmanagement bei einem ehemaligen deutschen Staatsbetrieb rekrutiert, zeigt den enormen Wandel der Telekom. Der Dax-Konzern macht mittlerweile über 66 Prozent seines Umsatzes in den USA. Die US-Tochter T-Mobile gilt als eines der innovativsten Unternehmen der Branche, das AT&T zuletzt Jahr für Jahr Kunden abluchste.
Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ist im russischen Grenzgebiet nahe der Ukraine ein Güterzug nach einer Explosion entgleist. In der Region Brjansk seien unweit der Siedlung Belye Berega am Dienstagabend eine Lokomotive und rund 20 Waggons „wegen illegaler Eingriffe in die Arbeit des Eisenbahnverkehrs“ von den Schienen abgekommen, teilte die russische Eisenbahn RZD auf Telegram mit.
Der Gouverneur von Brjansk, Alexander Bogomas, schrieb von einem „unbekannten Sprengkörper“, der explodiert sei. Verletzt worden sei ersten Erkenntnissen zufolge niemand. Bereits am Montag war in derselben Region ein Zug entgleist, nachdem Unbekannte die Schienen gesprengt hatten.
Einige Beobachter vermuten hinter den Sabotageakten eine Vorbereitung auf die erwartete ukrainische Gegenoffensive. Andere Militärexperten argumentieren, dass es bis zur Offensive noch einige Wochen oder gar Monate dauern dürfte, weil der Boden in der Ukraine derzeit zu schlammig und die acht neu gebildeten Brigaden der ukrainischen Armee noch nicht fertig ausgebildet seien.
Apropos Schlammschlacht: Wenn ein Shortseller einen aktivistischen Investor angreift, dann klingt das nach dem Beginn eines Börsianerwitzes – ist aber seit gestern Realität. Der 87-jährige Carl Icahn kauft sich mit seiner Firma normalerweise in Unternehmen ein, um dann Druck auf das Management auszuüben und dadurch den Aktienkurs nach oben zu treiben.
Seit gestern ist Icahn aber nicht mehr der Jäger, sondern der Gejagte. Der Shortseller Hindenburg Research hat Icahn in einem am Dienstag veröffentlichen Report angegriffen. Hindenburg hält Icahn Enterprises demnach für überbewertet, weshalb man auf fallende Aktienkurse setze. Die Aktie von Icahn Enterprises brach daraufhin zum Handelsstart in New York um bis zu 24 Prozent ein.
Das ist ein bisschen so, als würden die beiden schlimmsten Pausenhof-Bullys plötzlich aufeinander losgehen – und alle anderen könnten wieder friedlich spielen.
Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Sie alles richtig bewerten.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
