Märkte-Insight: Die Rückkehr der harten Realität: Warum Vorsicht an den Märkten nun Trumpf ist
Rezessions- und Inflationssorgen rücken wieder in den Vordergrund, analysiert Kolumnist Frank Wiebe.
Foto: HandelsblattIn Russland scheint gerade ein Putschversuch gescheitert zu sein, Peking stöhnt unter Rekordhitze, und Kanada fehlen Feuerwehrleute, um die vielen Waldbrände zu bekämpfen. Verglichen damit sind in Deutschland extreme Regengüsse, die in einigen Regionen für Überschwemmungen gesorgt haben, eher harmlosere Probleme.
Das politische und klimatische Umfeld erscheint fast wie eine Kulisse für das, was die Börsen zurzeit erleben und was auch noch die kommenden Wochen bestimmen dürfte: die Rückkehr der harten Realität. Schien zuvor zeitweise die Inflationsbekämpfung der Notenbanken schon bald Geschichte zu werden und ein Erfolg ohne große Rezession in Reichweite zu sein, hat sich beides nun gründlich geändert.
Jerome Powell, Chef der US-Notenbank (Fed), hat erneut bekräftigt, dass der Kampf gegen die steigenden Preise noch nicht gewonnen ist. Die überraschend hartnäckige Inflation in Großbritannien kommt hinzu. Es war also zu früh, das Risiko steigender Zinsen, die Gift für Aktien- wie auch für Anleihekurse sind, abzuhaken.
Schwache Konjunkturdaten aus der Euro-Zone erinnerten am Freitag daran, dass die Rezessionssorgen auch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sind. Der Einkaufsmanagerindex, in der Regel ein guter Frühindikator, sackte ab auf fast 50 Punkte: die Schwelle, ab der überhaupt noch ein Wachstum zu erwarten ist.
Hinzu kam in Deutschland der dramatische Kurseinbruch ausgerechnet von Siemens Energy – einer Firma, die eigentlich ein Profiteur der Energiewende sein sollte, aber offenbar das Chaos bei ihrer spanischen Tochter Windkrafttochter Gamesa nicht in den Griff bekommt. Unterm Strich beendete der Deutsche Aktienindex (Dax) den Freitag mit einem Minus von knapp einem Prozent bei 15.830 Punkten. Der breite US-Index S&P 500 zeigte ein Minus von 0,8 Prozent und schloss bei 4348 Punkten.
Anleihemarkt signalisiert eine tiefe Rezession
Dramatischer waren die Signale vom Anleihemarkt, der in Deutschland ebenso wie in den USA eine extrem „inverse“ Ausprägung zeigte, also höhere Renditen für kurze als für lange Laufzeiten. Dieses Phänomen gilt als Vorbote einer Rezession. Darin spiegelt sich die Erwartung wider, dass die Notenbanken die Zügel zunächst deutlich straffen, aber danach wegen der wirtschaftlichen Schwäche ein deutlicher Rückgang der Zinsen angesagt ist.
>> Lesen Sie hier: Wie zuverlässig ist die inverse Zinskurve als Rezessionsindikator?
Bei den Bundesanleihen steht eine Rendite von 3,3 Prozent für drei Monate und 3,2 Prozent für zwei Jahre einer von nur 2,4 Prozent für zehn Jahre gegenüber. In den USA sind es sogar 5,3 Prozent bei drei Monaten Laufzeit, 4,7 Prozent bei zwei Jahren und 3,7 Prozent bei zehn Jahren. Unter normalen Verhältnissen bringen lange Laufzeiten mehr als kurze.
Am Montag wird der Ifo-Index mehr Aufschluss über die deutsche Konjunktur geben, ebenso am Mittwoch das GfK Konsumklima. Außerdem gibt es neue Inflationsdaten – am Donnerstag aus Deutschland, am Freitag dann für die gesamte Euro-Zone. Am Mittwoch müssen Banken Kredite von insgesamt fast einer halben Billion Euro an die EZB zurückzahlen, was dem Markt Liquidität entzieht. Das ist aber schon lange bekannt und sollte deswegen für keine bösen Überraschungen sorgen.
Die Ungewissheit dürfte anhalten. Vor allem in den USA sehen Investoren und Investorinnen mit Sorge, dass die Bewertungen am Aktienmarkt zu hoch seien. Hinzu kommt, dass vielen Amerikanern die Last der Staatsschulden allmählich unheimlich wird. Der bekannte Investor Jeff Gundlach warnte vor Kurzem, die Zinsanhebungen der Fed beschleunigten den Prozess noch.
Die Notenbanken stehen vor dem Dilemma, nicht zögerlich wirken zu wollen, zugleich aber nicht wirklich zu wissen, mit wie viel Verzögerung und wie viel Wucht ihre bisher schon starken Zinserhöhungen die Wirtschaft treffen werden.
Aktienanleger haben in den letzten Monaten gelitten, wenn sie dem Optimismus der Börsen misstrauten und die Erholung verpassten. Anleiheanleger müssen sich vor allem bei Firmenbonds in dem doppelten Risiko von der Zins- und der Konjunkturseite her zurechtfinden: Vorsicht und die Vermeidung einer zu einseitigen Positionierung bleiben daher Trumpf.