Finanzmärkte: Warum die Zuversicht an den Aktienmärkten möglicherweise verfrüht sein könnte
Die Hoffnung auf ein Ende der Zinserhöhungen lässt die Stimmung an den Börsen derzeit steigen.
Foto: dpaFrankfurt. Am Freitag kletterte der deutsche Leitindex Dax auf einen neuen Rekordstand von 16.490 Punkten, und der US-Standartwerteindex Dow Jones hat gerade eine ununterbrochene Gewinnserie von 13 Tagen hinter sich gebracht: Die Aktienmärkte nehmen wieder Fahrt auf, und es gibt Hoffnung auf ein Ende der monatelangen Seitwärtsbewegung an den großen Börsen in den USA und in Europa.
Das hat viel damit zu tun, dass Investoren ihre Zinssorgen zunehmend ad acta legen. Mitte Juli stieg die US-Inflationsrate überraschend um nur relativ moderate drei Prozent, und in der abgelaufenen Woche hoben die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen nur noch leicht um jeweils einen viertel Prozentpunkt an.
Gleichzeitig machten die Notenbanker den Märkten Hoffnung, dass sich die Zinserhöhungen zumindest dem Ende nähern. Sowohl Fed als auch EZB wollen ihre weiteren Schritte explizit von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig machen.
Die Zeit der „seriellen Zinserhöhungen“ ist damit nach Ansicht von Analysten wie Jochen Stanzl von CMC Markets vorbei. „Geldpolitisch stehen die Ampeln für die Börsen jetzt auf Grün“, meint Stanzl.
Doch es gibt auch Zeichen dafür, dass die Zuversicht verfrüht ist. In den USA bröckelten die Kurse bereits am späten Donnerstag wieder ab, nachdem Gerüchte über eine etwas restriktivere Gangart der japanischen Notenbank die Runde machten. „Der Markt bekommt keine Verschnaufpause von den Zentralbanken“, sagt dazu Christoph Rieger, Leiter des Zins- und Kreditresearchs bei der Commerzbank.
Umfragen signalisieren bessere Investoren-Stimmung
Auch am Freitag zeigten sich die Börsen eher verhalten. Der Dax stellte zwar auch auf Schlusskursbasis eine neue Rekordmarke von 16.470 Punkten auf, legte aber im Vergleich zum Vortag nur 0,4 Prozent zu. An der Wall Street ging es für den Dow Jones 0,5 Prozent nach oben.
Insgesamt hat sich die Stimmung von Investorinnen und Investoren allerdings spürbar verbessert. Das zeigen auch Daten jenseits der Kursentwicklung. So kommt in den USA die gemeinnützige Anleger-Organisation American Association of Individual Investors zu dem Ergebnis, dass sich der Anteil der Optimisten unter den Anlegern seit Mitte Mai nahezu verdoppelt hat. Der Anteil der Pessimisten ist dagegen um fast 40 Prozent gesunken.
Auch in Deutschland zeigt der Stimmungstrend nach oben, wie der Sentiment-Index der Börse Frankfurt zeigt. Demnach ist hierzulande der Anteil der Optimisten unter den Profianlegern um mehr als 80 Prozent gestiegen, der Anteil an Pessimisten um ein Viertel gesunken.
Absolut ist die Stimmung in Europa aber noch deutlich verhaltener als in den USA. Während dort fast die Hälfte aller Anleger mittlerweile zu den Optimisten zählt, sind es in Deutschland nur ein Drittel. Die größte Gruppe (38 Prozent) stellen immer noch die Pessimisten.
Die verbesserte Stimmung zeigt sich auch in den Kapitalflüssen. Laut der unabhängigen Analystin Genevieve Roch-Decter ist zum ersten Mal seit dem Beginn des Ukrainekriegs in zwei aufeinanderfolgenden Monaten mehr Geld in den globalen Aktienmarkt geflossen als abgezogen wurde. Daten der britischen Bank Barclays zufolge kaufen aktuell sogar Privatanleger mehr Call-Optionen, die bei steigenden Kursen an Wert gewinnen, als es Profianleger tun.
Gold als sicherer Anlagehafen weniger gefragt
Auch im Edelmetallmarkt zeigt sich die bessere Stimmung an den Kapitalmärkten. Hier ist in den vergangenen vier Wochen Gold deutlich weniger stark gestiegen als Silber oder Platin. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank, erklärt dazu: „Gold verdankt zumindest einen Teil der Nachfrage der vergangenen Monate seinem Status als vermeintlich ‚sicherer Hafen‘ und als ‚Inflationsschutz‘.“
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Durch die rückläufige Inflation und niedrigeren Zinserwartungen sei diese Schutzfunktion nun weniger gefragt, betont Stephan. Dass Gold seinen Charme als sichere Anlage in wirtschaftlich unsicheren Zeiten etwas verliert, hat seiner Ansicht nach auch damit zu tun, dass „makroökonomische Daten in den USA so stark waren, dass eine Rezession zunehmend unwahrscheinlicher wird“. Am Donnerstag meldete das US-Handelsministerium, dass die Wirtschaft im zweiten Quartal auf das Jahr hochgerechnet um 2,4 Prozent gewachsen ist, deutlich stärker als erwartet.
Für Banken wie Goldman Sachs oder ING wird ein „soft landing“, also eine weiche Landung der US-Wirtschaft, dadurch immer wahrscheinlicher. Paradoxerweise könnte aber gerade das zum Problem für eine neue nachhaltige Aufwärtsbewegung an den Börsen werden.
Richard Weiss, einer der Chefanlagestrategen bei American Century Investments, erklärt die komplexe Wirkungskette so: Sollte der US-Wirtschaft tatsächlich eine weiche Landung gelingen und sie trotz der weiteren Zinserhöhungen wachsen, würden auch die Preise weiter steigen und der Arbeitsmarkt angespannt bleiben. „Dies würde der Fed sowohl den Spielraum als auch die Motivation geben, zur Bekämpfung der Inflation die Zinsen doch noch weiter zu erhöhen und länger hoch zu halten.“ Und genau dadurch werde eine Rezession immer wahrscheinlicher.
Weitere Zinserhöhungen nicht ausgeschlossen
Die Gefahr, dass die Notenbanken die Zinsen weiter anheben und damit die Wirtschaft doch noch stärker abbremsen ist durchaus gegeben. Fed-Chef Jerome Powell und EZB-Chefin Christine Lagarde haben explizit weitere Zinserhöhungen nicht ausgeschlossen. Dabei wächst auch nach Ansicht der Ökonomen vom Bankhaus Hauck Aufhäuser Lampe mit jedem weiteren Zinsschritt die Gefahr, dass die Notenbanken über das Ziel hinausschießen, weil sich die Wirkungen der Geldpolitik in der Wirtschaft erst mit langen Verzögerungen zeigen.
Unverändert auf eine bevorstehende Rezession nicht nur in den USA, sondern auch im Euro-Raum weisen die Anleihemärkte hin. Die Renditen für lang laufende Anleihen liegen in den USA seit mehr als einem Jahr und im Euro-Raum gemessen an deutschen Bundesanleihen seit acht Monaten unter denen von zweijährigen Anleihen.
Die sogenannten Zinskurven sind damit invers und ein Zeichen dafür, dass Investoren künftig eine deutlich schwächere Wirtschaft und damit auch wieder sinkende Leitzinsen erwarten. In der Vergangenheit waren inverse Zinskurven meist ein zuverlässiges Signal für Rezessionen. Auch das dämpft die Hoffnung auf neuen Schwung in der Börsenrally. Weiss von American Century Investments fasst es so zusammen: „Es kann nur einer recht haben: der Aktien- oder der Rentenmarkt.“