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Berlin Art WeekIn Berlin steht die vitale Kunstszene im Zentrum des Interesses

Die herbstlichen Galerieeröffnungen werden in keiner Stadt so üppig umrahmt wie in Berlin: 300 Veranstaltungen mit 70 Eröffnungen. Eine Blütenlese zu den gehaltvollsten Ausstellungen.Christian Herchenröder 11.09.2024 - 11:00 Uhr Artikel anhören
Gajin Fujita zitiert in „Angelic Intervention (AI)“ von 2023 verschiedene Stile und Quellen. Foto: Matt Emonson / Buchmann Galerie

Berlin. In diesem Jahr ist sie noch größer: Die 13. „Berlin Art Week“ wirbt mit über 300 Veranstaltungen. Sie war immer schon ein Sammelbecken von Ausstellungen, Galerie-Vernissagen und Kunstaktionen, jetzt hat sie eine kaum noch überschaubare Dimension gewonnen. Alle hängen sich an, von Artist Talks und Performances über Ausstellungseröffnungen und Gastauftritte internationaler Galerien reicht das Programm, das in einer Galerienacht am 13. September 2024 seinen Höhepunkt finden soll.

Die rund fünfzig Kerngalerien, die hier ihr Herbstprogramm bestreiten, sind immer noch die wichtigsten Aushängeschilder dieses verlängerten Kunstwochenendes vom 11. bis 15. September. Ein Dutzend dieser Galerien von Chert Lüdde bis Wentrup zeigt Gruppenausstellungen, ein Votum für Vielfalt und Bekenntnis zum eigenen Künstlerstamm in einer Zeit, in der ein abgekühlter Markt Zuwendung braucht.

Es gibt wie in jedem Jahr Veränderungen in der Galerieszene. Neue Räume hat die Galerie KOW mit dem Umzug in die Kurfürstenstraße 145 bezogen. Hier setzt sie ihr Programm sozialkritischer Kunst mit 40 Arbeiten von 25 Künstlern in unmittelbarer Nähe zu den Galerien Heidi und Molitor fort. Die Galerie Klemm’s hat in ihren nun vollgültig bezogenen Räumen in der Leipziger Straße 57/58 zum 15-jährigen Bestehen eine Kollektivschau eingerichtet.

Robert Grunenberg hat in der Kantstraße 47 direkt neben dem Schwarzen Café sein neues Galeriedomizil bezogen. Dort zeigt er die zum Teil wandgroßen und farbintensiven Werke des Karlsruher Künstlers Jan Zöller.

Eine neue Dependance in den Mercator Höfen in einem der Altbauten gegenüber von Hetzler, Esther Schipper und Judin eröffnet die Galerie Thomas Schulte mit Werken von Cosima zu Knyphausen. Die deutsch-chilenische Malerin beschwört in einem lyrisch verschwommenen Stil die zeitlose Präsenz historischer Künstlerinnen. In Schultes Hauptgalerie in der Charlottenstraße ist umgeben von Werken der letzten 25 Jahre die expansive Installation „Concert of Sighs“ von Rebecca Horn mit ihrer emotionalen Präsenz nun zu einem Epitaph für die in dieser Woche verstorbenen Künstlerin geworden.

Ugo Rondinone macht aus vergoldetem Werkzeug und Küchengerät eine Hommage an die Arbeitsimmigranten aus dem Süden Europas. Foto: Galerie Esther Schipper

Hauptexponat bei Esther Schipper ist die Installation „the alphabet of my mothers and fathers“ von Ugo Rondinone. Mit Tafeln von vergoldeten Werkzeugen und Küchengerät ist sie eine Hommage an die italienischen Auswanderer, die sich im 19. Jahrhundert unter vielen Entbehrungen eine neue Existenz schufen. Im Erdgeschoss hat die Galerie Hetzler Albert Oehlens als „Schweinekubismus“ bezeichneten Werke aufgehängt.

Kunst als Identitätssuche

Daneben präsentiert Juerg Judin die von Krist Gruijthuijsen, dem vormaligen Leiter des Berliner Ausstellungshauses Kunst-Werke, kuratierte Schau „Ghost Image“, die aus Arbeiten von 19 Künstlern besteht. Ausgehend von einer Fotografie des 1991 an Aids verstorbenen Pariser Schriftstellers und Fotografen Hervé Guibert wurde hier ein heterogenes Werkpanorama von Identitätssuche, Selbstbefragung und erotischer Präsenz zusammengestellt.

Darin sind queere Positionen neben subtilen weiblichen Werken vertreten. Teuerstes Exponat ist mit 60.000 Euro ein Bild der auf dem Markt raren Porträtistin und Interieurmalerin Almut Heise. Zwei bildmäßige Zeichnungen des Surrealisten Pierre Klossowski sind auf je 40.000 Euro angesetzt.

Kurzer Schaffensrausch des Pop-Artisten

Einen grandiosen Einblick in das kurze, von Rausch und Schaffensrausch geprägte Werk des Autodidakten Uwe Lausen gibt die Einzelausstellung in der Galerie Haas. Seine in der kurzen Zeit von 1961 bis 1969 entstandenen Gemälde sind rar geworden und werden immer teurer, was bei einem Gesamtwerk von rund 200 Bildern nicht verwundern kann.

Uwe Lausen „Desintegration“ markiert den Rang des deutschen Pop-Artisten, der immer noch zu entdecken ist. Foto: Lea Gryze / Galerie Haas / VG Bild-Kunst

Bei Haas hängen Gemälde, die Lausen als radikalen Repräsentanten deutscher Pop-Art zeigen, der das politische Klima der Zeit, Gewalt, Isolation und den psychedelischen Affekt in Malerei und Zeichnung thematisiert. Die Preise reichen von 5200 Euro für eine Tuschzeichnung bis 168.000 Euro für das aggressive Collage-Gemälde „Desintegration” von 1966.

Die Schöneberger Galerie Chert Lüdde hat Alfons Klosterfelde als Partner gewonnen. In ihrer Herbstausstellung zeigt sie zwei Einzelausstellungen. Eine historische Schau ist dem Werk des Turiner Frühökologen Piero Gilardi (1942–2023) gewidmet. Der formt in seinen skulpturalen „Naturteppichen“ Waldstücke, Blumenbeete und Früchtegärten aus Polyurethan nach. Und bemalt sie, um bildnerisch die unberührte, wohlerhaltene Natur zu bewahren.

Im vorderen Ausstellungsraum von Chert Lüdde figurieren Arbeiten der Bosnierin Selma Selman: mit autofiktionalen Texten und Selbstporträts bemalte Autoteile. Ihre Identifikation mit Shakespeares Ophelia kulminiert in einem depressiv-verträumten Frauenbild. Die Preise liegen bei 3000 bis 22.000 Euro.

Ein Neuling in der Galerie Buchmann ist der kalifornische Maler Gajin Fujita, der mit großformatigen, auf Goldgrund bemalten Tafelbildern verblüfft. Sie haben eine Anmutung von japanischen Stellschirmen, doch durch ihre beständig aus dem ostasiatischen Idiom ausbrechende Stilmischung wird die Aura multinational.

Fujita, dessen Ursprünge in der Graffitikunst liegen, hat inzwischen seine ursprüngliche explosive All-over-Technik zugunsten einer raffinierteren vielschichtigen Bildsprache gebändigt. Für die Galerie ist diese vitale Kunst ein Gewinn. Die Preise liegen zwischen 8000 und 250.000 Euro.

Martin Dammanns Aquarell „2.Irrlicht“ von 2021, hier ein Ausschnitt, zeigt die Galerie Barbara Thumm in einer ihrer Ausstellungen. Foto: Galerie Barbara Thumm

Auch im 9000 Quadratmeter großen Areal der Reinickendorfer Wilhelm Hallen haben wieder Galerien und Sammlungen ihre Highlights aufgefahren. Die wichtigste Schau ist bei Mehdi Chouakri zu sehen: eine facettenreiche Übersichtsausstellung mit Werken von Peter Roehr, der in seinem kurzen Leben zum Großmeister serieller Reihung und zur Gallionsfigur deutscher Minimal Art wurde. Hier sind neben Werken mit Elementen aus Werbung, Etiketten, Aufklebern und Typografie auch Filmmontagen zu sehen. Ein Solitär ist die Übermalung einer Reiskornreihe. Die Preise reichen bis 380.000 Euro.

Zu den interessanten Werken junger Künstler, die hier in den verschiedenen Hallensektoren erscheinen, gehören die von der Galerie Van Horn gezeigten Selbstporträts von Anys Reimann. Sie hat eine deutsche Mutter und einen afrikanischen Vater. Reimanns aus Fotografie und Malerei kombinierte Werke zeigen ein von Leid und Enthumanisierung gezeichnetes Frauenbild.

Pop-up für zeitgenössische Kunst

Temporär zeigen, was in Berliner Galerien fehlt

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Berlin

An zwei Stellen begegnen wir den Assemblagen des in Berlin lebenden Amerikaners Stephen Kent, eines herausragenden Künstlers der Galerie Haverkampf Leistenschneider. In Halle B hat er die dreiteilige Arbeit „Karstadt“ aufgefahren: ein Panneau mit der Außenfront des Karstadt-Gebäudes am Hermannplatz und zwei Tresen, auf denen dicht an dicht in Keramik abgegossene Stücke aus dem Sortiment des Warenhauses prangen. Das mit 35.000 Euro bezifferte Ensemble ist ein Memento über die wirtschaftliche und soziale Unsicherheit von Warenhäusern und Shoppingmalls.

Zu den etablierten Künstlern der Galerie Barbara Thumm gehören Bilder von Kaloki Nyamai. In derselben Halle B hat sie ein 180.000 Euro teures Riesenbanner des Kenianers aufgehängt, eines Geschichtenerzählers, der seine Bildthemen aus dem alltäglichen Leben in Nairobi schöpft. Er findet in diesem Werk zu einem Menschenbild, in dem sich Historisches mit energiegeladener Gegenwart mischt: ein Referenzwerk afrikanischer Kunst.

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