Kunstmesse: Die Art Brussels hat Erfolg im Wettbewerb um internationale Aussteller
Brüssel. Die Art Brussels ist im richtigen Alter für eine Midlife-Crisis. Doch sie ruht sich auch in der 40. Ausgabe nicht auf ihren Lorbeeren aus. Es gelingt ihr vielmehr, sich in einem herausfordernden Marktumfeld behutsam weiterzuentwickeln. Von den 177 Galerien stammen 60 aus Belgien, der Rest bis auf wenige Ausnahmen aus ganz Europa. Die Veranstaltung ist damit deutlich internationaler als die Art Düsseldorf oder die Miart in Mailand zwei Wochen zuvor.
Sogar aus Berlin, wo zeitgleich das Gallery Weekend stattfindet, ist ein halbes Dutzend prominenter Kollegen dabei. Nach knapp zwei Jahrzehnten macht etwa Thomas Schulte wieder mit; aus Köln ist Thomas Zander nach langer Abstinenz zurück, ebenso Mai 36 aus Zürich. Die Galerie teilt sich einen Stand mit Fons Welters aus Amsterdam. Massimo de Carlo, der seinen Hauptsitz in Mailand hat, ist zum ersten Mal hier.
Was die Galerien nach Brüssel zieht, ist vor allem die bekannt starke Sammlerschaft in Belgien. Denn die Zeiten, als wichtige Sammler aus den USA einflogen, sind spätestens seit Corona vorbei. Das weiß auch Direktorin Nele Verhaeren. „Die Messe ist sehr europäisch geworden“, erklärt sie. Sie kann sich damit allerdings anfreunden: „Es gibt so viele Messen. Das führt dazu, dass mehr Menschen Messen besuchen und dort wahrscheinlich ihr erstes Kunstwerk kaufen.“
Eine gute Kunstmesse ist für Verhaeren ein gesellschaftliches Ereignis, das man nicht auslassen kann. Wenn sie gut organisiert sei, böte sie den Besuchern ein rundum angenehmes Erlebnis. „Wir müssen auf der Agenda bleiben und dürfen nicht Opfer der Joy of missing out werden“, ergänzt die Messemacherin und meint damit das relativ neue Phänomen des genussvollen Fernbleibens als Gegenbewegung zur Furcht, etwas zu verpassen. Diese hatte bis zum Ausbruch der Pandemie den Kunstzirkus ständig in hektischer Aktivität gehalten.
Statt mit Party möchte man die wichtigen Sammler und Kuratoren lieber mit Inhalten an sich binden. Letztere werden durch Jurytätigkeiten vermehrt eingebunden, die Anzahl der auf der Messe vergebenen Preise etwa für Neuentdeckungen oder Standpräsentationen wurde erhöht. Neu ist unter anderem das Skulpturenprojekt „Art for the City“, aus dem ein Künstler für eine Auftragsarbeit im öffentlichen Raum ausgewählt wird.
Bei Besuchern ausgesprochen beliebt sein dürfte wieder die Aktion „KickCancer“ zugunsten der Kinderkrebsforschung, bei der von einer großen Wand von Galerien zur Verfügung gestellte kleinformatige Kunstwerke für 400 Euro erworben werden können. Den Namen des Künstlers erfahren die Käufer erst im Nachhinein. Letztes Jahr kamen dabei über 100.000 Euro zusammen.
Das reguläre Angebot der Messe ist hochpreisiger, endet zumeist im niedrigen sechsstelligen Bereich und ist in diesem Jahr auffallend farbig. Die großformatige, mit Aquarell und Kreide bearbeitete Siebdruckedition von Frank Stella aus dem Jahr 1988 bei Ceysson & Bénétière aus Luxemburg für 150.000 Euro mag preislich aus der Gesamtofferte herausragen, farblich wirkt sie im Vergleich mit ihrem Umfeld beinahe dezent.
Die Sektion „Rediscovery“ wurde geöffnet und ermöglicht es nun, historische Positionen mit aktuellen in Dialog treten zu lassen. Ein Beispiel liefert die Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs mit Arbeiten des 1992 gestorbenen Patrick Angus und des 1986 geborenen Logan T. Sibrel. Erwartet werden 7000 bis 70.000 Euro für die Werke von Angus, 1400 bis 11.600 Euro für die von Sibrel.
„Discovery“ ist jungen Positionen vorbehalten, die zumeist auch von jüngeren Galerien vertreten werden. Erstaunlich hoch ist hier der Anteil osteuropäischer Vertreter. So teilen sich die beiden jeweils seit rund sieben Jahren bestehenden Galerien Britta Rettberg aus München und Ravnikar Gallery Space aus Ljubljana eine Koje, in der sie Skulpturen von Patrick Ostrowsky und Bart Lunenburg präsentieren.
Die insgesamt vier Sonderformate braucht die Messe, um jüngeren, finanzschwächeren oder Galerien, die man unbedingt dabeihaben möchte, ein attraktives Angebot machen zu können. Denn die Standpreise bewegen sich eher im oberen Mittelfeld und sind in diesem Jahr noch gestiegen. Verhaeren weiß um die Problematik. Intern hätten sie eine Preiserhöhung schon vor dem Markteinbruch lange diskutiert: „Auch für uns sind die Preise extrem gestiegen“, rechtfertigt sie die Entscheidung. Einen Teil davon müssten sie weitergeben, nicht zuletzt, weil 2022 noch die Preise galten, die 2019 kalkuliert worden waren.
„Wir wissen natürlich um die Situation der Galerien, die andererseits auch von uns erwarten, dass wir nicht beim Service sparen. Wir haben im Gegenteil unsere Budgets für Aussteller, Presse und VIP erhöht.“ Nächstes Jahr sollen die Preise stabil bleiben. Die Art Brussels beschränke sich außerdem nicht auf das Vermieten von Messeständen.
So kämpft die belgische Messedirektorin auch aktiv mit den Berufsverbänden gegen die geplante Mehrwertsteuererhöhung auf Kunst, weil das nicht nur für den Kunstmarkt und damit für die Art Brussels ein großer Standortnachteil wäre. Die Kunstszene sei darüber hinaus für die Tourismusbranche und die Gastronomie ein nicht zu unterschätzender Faktor, was von der Politik zumeist übersehen werde. Mit diesem Problem stehen die Belgier allerdings nicht allein da.