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Allianz-Sachversicherungs-ChefFrank Sommerfeld: „Wir können uns nicht mehr den Luxus erlauben, bestimmte Bereiche quer zu subventionieren“

Nach dem Ende der Allianz Deutschland baut Vorstand Frank Sommerfeld die Sachversicherung um. Nun verteidigt der Manager die deutlich steigenden Kosten für die Kunden.Christian Schnell 31.05.2022 - 07:00 Uhr Artikel anhören

Das Sach-Industrie-Geschäft bei der Allianz soll zwar sicher fortgesetzt werden, aber unter anderen Umständen.

Foto: dpa

München. Es war die größte Veränderung in der Geschichte des Versicherungsriesen Allianz in Deutschland. Vor rund einem Jahr verkündete der Dax-Konzern das Ende seiner deutschen Landesgesellschaft. Die Einheiten Sach-, Lebens- und Krankenversicherung sowie der Vertrieb blieben erhalten. Seit diesem Jahr läuft die Neuausrichtung mit neuen Zuständigkeiten, neuen Teams und mehr Eigenverantwortung.

Das wichtige Geschäft in der Sachversicherung, in dem unter anderem Autos, Hausrat oder Haftpflichtschäden abgesichert sind, verantwortet Frank Sommerfeld. Der 52-jährige Wirtschaftsmathematiker sieht an etlichen Stellen Verbesserungsbedarf. 

Allianz: Kunden klagen über steigende Beiträge

Einige der von ihm angestoßenen Reformen sorgen bereits für Ärger bei den Kunden, die sich über zum Teil deutlich steigende Beiträge beschweren.

Sommerfeld wählt deutliche Worte für das, was bislang bei der Allianz im deutschen Geschäft mit Industrieversicherungen Usus war: „Wir können uns nicht mehr den Luxus erlauben, bestimmte Bereiche quer zu subventionieren, denn wenn das die anderen Kunden mitbezahlen müssen, sind wir dort weniger wettbewerbsfähig.“

Damit meint der Manager Policen für Mittelständler bis zu einer Größe von 500 Millionen Euro Jahresumsatz, bei denen die Allianz, so Sommerfeld, in den vergangenen zehn Jahren Verluste im höheren dreistelligen Millionenbereich gemacht hat. Vor allem Groß- und Brandschäden in den Branchen Chemie, Holz, Recycling, Galvanik, Fleisch sowie Wasserschäden in der Wohnungswirtschaft waren dafür verantwortlich.

Allianz-Vorstand: Jedes Geschäftsmodell muss sich selbst tragen

„In Zukunft muss sich jedes Geschäftsmodell selbst tragen“, lautet Sommerfelds klare Ansage. Die Konsequenz daraus ist, dass Allianz-Experten nun überprüfen, ob die Prämien dem Risiko entsprechen. Deswegen wurden in den kritischsten Bereichen zuletzt die Preise spürbar angehoben, weit mehr als verdoppelt. „Sollten wir Preisanpassungen und den adäquaten Brandschutz im Markt nicht realisieren können, werden wir uns von solchen Risiken künftig konsequent trennen“, geht Sommerfeld einen Schritt weiter.

Konfliktpotenzial mit den Kunden ist somit programmiert. Denn in der Praxis könnte das die Trennung von Kunden bedeuten, die sich nicht auf steigende Prämien, eine geringere Absicherung oder höhere Selbstbehalte einlassen.

Definitiv wolle man aber das Sach-Industrie-Geschäft fortsetzen, so Sommerfeld. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte Versicherungsmakler zitiert, die glauben, dass die Allianz mit drastischen Preisaufschlägen einzelne Mittelstandskunden loswerden will. Der Konzern bestreitet das.

Vorpreschen bei der Elementarversicherung

Seit Februar bietet die Allianz ihren Neukunden den Schutz für Haus und Wohnung automatisch mit einer integrierten Elementarversicherung an. Sollten sie den zusätzlichen Schutz gegen Überschwemmungen oder Starkregen nicht wollen, müssen sie ihn bewusst abwählen.

Schmerzvolle Diskussionen wie im vergangenen Jahr nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, als Kunden zwar ihr Haus versichert hatten, aber der bei Überschwemmungen wichtige Zusatzbaustein fehlte, will Sommerfeld so künftig verhindern. Der GDV diskutiert ein solches Vorgehen noch für die gesamte Branche mit der Politik. Im Jahresverlauf könnten dann alle Anbieter ähnliche Modelle an den Markt bringen.

Er verantwortet das wichtige Geschäft in der Sachversicherung

Foto: Christian Kaufmann

Eine klare Absage erteilt Sommerfeld dagegen dem Vorschlag einer Pflichtversicherung gegen Elementarschäden, wie es sie bis ins Jahr 1994 in Baden-Württemberg gegeben hat. „Das wäre fundamental die falsche Lösung, weil so das individuelle Risiko jedes einzelnen Kunden ausgeblendet würde und kein Anreiz für Prävention geschaffen würde“, argumentiert der Chef der Sachversicherungssparte.

Schon jetzt ist Deutschland durch das sogenannte Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS) in vier Zonen aufgeteilt. Davon liegen laut GDV 20,4 Millionen Adressen und damit 92,4 Prozent von allen in der geringsten Gefährdungsklasse 1. Am anderen Ende in der Kategorie 4 sind lediglich 98.000 Adressen besonders gefährdet.

Bei den besonders gefährdeten Adressen gelte es anzusetzen, fordert Sommerfeld. „Das Bauordnungsrecht muss angepasst werden. Zudem müssen die Käufer vor dem Erwerb eines Grundstücks oder Hauses darauf hingewiesen werden, dass es sich um ein hochwassergefährdetes Gebiet handelt.“

Das Ende der Rabattschlacht bei Autoversicherungen

Im Geschäftsbereich Autoversicherungen beobachtet Sommerfeld „zunehmend zurückhaltendere Rabattierungen“ Aus Kundensicht sind die Rabattschlachten der vergangenen Jahre damit vorüber. Die nach zwei Jahren Coronapandemie anziehenden Schadenfälle, hohe Belastungen in der Kaskoversicherung durch schwere Unwetterschäden sowie steigende Ersatzteilpreise sorgen für Belastungen beim einstigen Gewinntreiber Kfz-Versicherung.

Speziell die Kaskoversicherung wurde laut den Zahlen des Branchenverbands GDV im vergangenen Jahr zum Verlustbringer. Hinzu kommt nun der Chip- und Teilemangel, weshalb weniger Neuwagen produziert werden. Der Bestand wird älter und braucht weniger Versicherungsschutz. Das bestätigte kürzlich erst Klaus-Jürgen Heitmann, Chef des Marktführers Huk-Coburg.

Die Allianz, die Nummer zwei im Kfz-Versicherungsmarkt, will dem Trend mit Partnerschaften trotzen. Mit dem ADAC oder Herstellern wie Volkswagen, Ford und Volvo gibt es bereits Vereinbarungen. „Die Vermittlung der Policen beim Autokauf ist die große Herausforderung, das muss besser werden“, fordert Sommerfeld.

Beispielsweise mit neuen Services wie „Drive before you buy“, bei dem der Kunde nach dem Fahrzeugkauf für wenige Wochen den Versicherungsschutz der Allianz dazubekommt und sich dann entscheiden kann, ob er bei diesem Anbieter bleibt oder zu einem Wettbewerber wechselt.

Handlungsbedarf beim Produktportfolio

Was das Produktangebot seines Bereichs angeht, fällt Sommerfelds Blick auf die Vergangenheit kritisch aus. „Synergien wurden nie richtig ausgeschöpft“, resümiert der Manager. Das lag unter anderem daran, dass bis vor Kurzem jede Landesgesellschaft ihr eigenes Portfolio erstellt hat. Nun arbeiten die Entwickler europaweit zusammen, die Produkte sollen so standardisiert werden.

Außerdem will die Allianz Kunden mit zusätzlichen Dienstleistungen locken: „Wir müssen breiter denken, beispielsweise welche Services wir dem Kunden neben der reinen Versicherung noch anbieten können.“ Fahrer eines Elektroautos könnten so bereits ihre Prämie für Treibhausgasemissionen von 350 Euro über die Allianz geltend machen, über eine Partnerschaft mit dem Energieversorger EnBW vergünstigt Strom tanken, über Eon Drive kommen sie mit Rabatt an eine Wallbox.

Sommerfeld will Kunden-Erfahrung bei der Allianz angenehmer machen

Bei der Neuordnung der Produktwelt steht auch das berühmte „Kleingedruckte“ auf Sommerfelds To-do-Liste. Spezielle Klauseln, mit denen die Versicherer über Jahre bestimmte Schadensfälle ausschlossen, sollen verschwinden, negative Überraschungen für die Kunden so vermieden werden. Unterschieden wird nun nicht mehr, ob bei Überschwemmungen das Wasser vom Dach oder über die Terrasse kommt. Auch bei Wildschäden wird nicht mehr differenziert, ob sie von Feder- oder Haarwild verursacht wurden.

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Dieser Artikel erschien zuerst am 30.05.2022 um 04:00 Uhr.

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