Nach Bilanzskandal: Wirecard-Skandal: Zahlungsabwicklung für betrügerische Trading-Seiten rückt in den Fokus
„Wir ermitteln wegen Geldwäscheverdachts gegen Verantwortliche des Unternehmens und gegen Unbekannt“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München am Donnerstag.
Foto: ReutersFrankfurt. Im Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard geht die Staatsanwaltschaft München auch dem Verdacht der Geldwäsche nach. „Wir ermitteln wegen Geldwäscheverdachts gegen Verantwortliche des Unternehmens und gegen unbekannt“, sagte eine Sprecherin der Strafverfolgungsbehörde am Donnerstag. Man prüfe eine Reihe entsprechender Anzeigen aus den Jahren 2019 und 2020.
Unter ihnen sei die Anzeige der Wiener Anlegerinitiative EFRI vom Jahresanfang, über die das Handelsblatt als erstes berichtet hatte. Diese behandelte die Zahlungsabwicklung für betrügerische Trading-Seiten, darunter Portale wie 24-Option oder Banc de Binary.
„Darüber hinaus existieren noch drei weitere Verfahren wegen Geldwäsche aus 2019 und 2020, die bis auf eines noch nicht erledigt sind“, so die Sprecherin weiter. Seit dem Absturz Wirecards gingen vermehrt neue Anzeigen ein.
Bereits 2010 waren die Münchner Ermittler Anzeigen nachgegangen, die zum Teil bei der Finanzaufsicht Bafin eingegangen waren: „Es wurde umfangreich circa zwei Jahre lang ermittelt, das Verfahren dann jedoch mit Verfügung vom 22. Februar 2012 eingestellt, da ein Tatnachweis nicht zu führen war. Es ging bei dem Tatvorwurf um Finanztransaktionen im Zusammenhang mit Online-Glücksspiel in den USA.“
Ob sich die vergangenen und aktuellen Ermittlungen auch gegen den kurzzeitig verhafteten Ex-Vorstandschef Markus Braun richten, teilte die Sprecherin nicht mit. Dieser hat eine ganze Reihe an Anwälten engagiert, um sich gegen die zahlreichen drohenden Verfahren zu verteidigen. Eine Wirecard-Sprecherin lehnte eine Stellungnahme ab.
US-Behörden nehmen Wirecard ins Visier
Wirecard war nach Aufdeckung eines Bilanzlochs von 1,9 Milliarden Euro im Juni zusammengebrochen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in diesem Zusammenhang wegen Betrugs, Bilanzfälschung und Marktmanipulation gegen den zurückgetretenen Vorstandschef Braun und weitere Manager. Wegen des Verdachts verschiedener Finanzstraftaten im Umfeld von Wirecard ermitteln Behörden weltweit, unter anderem in den USA, in Singapur und auf den Philippinen.
Am Mittwoch war bekannt geworden, dass US-Behörden einer möglichen Verwicklung Wirecards in einen 100 Millionen Dollar schweren Fall von Bankbetrug mit Marihuana-Handel nachgehen. Demnach sollen zwei Geschäftsleute zusammen mit Zahlungsabwicklern US-Banken über die Herkunft der Gelder getäuscht haben, um unbemerkt gegen Handelsverbote verstoßen zu können. Zwei Insider bestätigten einen entsprechenden Bericht des „Wall Street Journal“.
Indes räumte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Donnerstag Lücken in der Geldwäscheaufsicht ein. „Aufgrund der Struktur der Wirecard-Gruppe und den Regelungen im Geldwäschegesetz besteht keine Gruppenaufsicht über sämtliche Tochterunternehmen der Wirecard AG“, erklärte er auf Anfrage der SPD-Opposition im Landtag.
Zuletzt hatten sich die bundesweite Finanzaufsicht Bafin und Bayern gegenseitig die Verantwortung für die Geldwäsche-Aufsicht bei dem Online-Zahlungsabwickler zugewiesen. Trotz jahrelanger Geldwäsche-Vorwürfe von verschiedenen Seiten sprachen Bund und Land erst im Februar dieses Jahres über mögliche Kontrollen bei Wirecard. Dies sei seit dem 25. Februar von Bayern und BaFin diskutiert worden, erklärte Herrmann. Erst am 25. Juni, dem Tag der Wirecard-Insolvenz, sei auch das Bundesfinanzministerium in die Gespräche eingeschaltet worden.
Hermann bekräftigte frühere Aussagen der Bezirksregierung von Niederbayern, die Landesbehörde sei deswegen nicht zuständig, weil Wirecard nicht als Finanzunternehmen gelte. Die Bezirksregierung hatte Wirecard als IT-Unternehmen eingestuft.
In der Vergangenheit wurden gegen Wirecard immer wieder Vorwürfe laut, die auch den Aktienkurs massiv bewegten. In Deutschland sahen Finanzaufsicht Bafin und Staatsanwaltschaft lange Zeit nur Anhaltspunkte für Marktmanipulation durch Außenstehende. Das Amtsgericht München urteilte dann allerdings in zwei Fällen, dass es dafür keine ausreichenden Beweise gebe. Ein Ermittlungsverfahren gegen Investoren und Journalisten wegen des Verdachts der Marktmanipulation dauert nach Angaben der Staatsanwaltschaft München noch an.
Mit Material von Reuters.