Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Report Wie es zum Eklat um Cerberus und die Commerzbank kam

Der Finanzinvestor ist bei der Commerzbank ungewöhnlich rabiat vorgegangen. Warum treten die Amerikaner plötzlich so aggressiv auf? Eine Spurensuche.
31.07.2020 - 04:07 Uhr 2 Kommentare
Nur jeder fünfte Commerzbank-Mitarbeiter vertraute Ende 2020 darauf, dass das Topmanagement die Bank in die richtige Richtung führt. Quelle: dpa
Frankfurter Bankentürme im Nebel

Nur jeder fünfte Commerzbank-Mitarbeiter vertraute Ende 2020 darauf, dass das Topmanagement die Bank in die richtige Richtung führt.

(Foto: dpa)

Frankfurt, New York Die Spannung bei Verdi war groß, als Stephen Feinberg im Dezember 2017 die Zentrale der Dienstleistungsgewerkschaft am Berliner Ostbahnhof betrat. Der Chef des Finanzinvestors Cerberus war aus verschiedenen Gründen ein ungewöhnlicher Besucher. Zum einen reist der öffentlichkeitsscheue Manager nur sehr selten. Zum anderen wunderten sich viele Gewerkschafter, dass ein führender Vertreter des amerikanischen Kapitalismus bei seinem Aufenthalt in Deutschland ausgerechnet bei Verdi haltmachte.

Doch der nach dem dreiköpfigen Höllenhund aus der griechischen Mythologie benannte Fonds hatte Gesprächsbedarf. Nur wenige Monate zuvor waren die Amerikaner bei der Commerzbank und der Deutschen Bank eingestiegen. Feinberg wollte bei dem Treffen in Berlin die Sorgen der Gewerkschaften zerstreuen, dass Cerberus die beiden größten deutschen Privatbanken wie eine Heuschrecke kahl fressen würde.

Feinberg hatte zu dem Treffen seinen Deutschlandchef David Knower und den ehemaligen SPD-Vorsitzenden Chef Rudolf Scharping mitgebracht, der inzwischen als Lobbyist für die Amerikaner arbeitet. Cerberus sei ein langfristig orientierter Investor, der an die deutsche Volkswirtschaft und den dortigen Bankensektor glaube, erklärten die drei den versammelten Gewerkschaftern. Die Banken müssten zwar effizienter werden, aber man habe dabei stets die Interessen der Beschäftigten im Blick und wolle mit den Arbeitnehmern zusammenarbeiten.

„Es war ein merkwürdiges Treffen“, erinnert sich Verdi-Gewerkschaftssekretär Stefan Wittmann, der bei dem anderthalbstündigen Gespräch dabei war. „Die Cerberus-Manager wollten uns erklären, dass sie die Guten sind und nichts Schlimmes vorhaben.“ Doch wirklich ausräumen können die Amerikaner die Vorbehalte der Gewerkschafter nicht. „Ich hatte schon damals das Gefühl, dass das nur Lippenbekenntnisse waren“, sagt Wittmann. „Und das hat sich leider bewahrheitet. Am Ende stehen für Cerberus Renditen und Gewinne im Vordergrund – und nicht das Wohlergehen der Belegschaft.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Wittmann sitzt als Arbeitnehmervertreter seit 2018 im Aufsichtsrat der Commerzbank. Und er hat in den vergangenen Monaten an vorderster Front miterlebt, wie unerbittlich Cerberus sein kann, wenn ein Unternehmen die Erwartungen des Höllenhunds nicht erfüllt.

    Diskretion gehört zum Geschäftsmodell – eigentlich

    Die Ergebnisse sind inzwischen bekannt. Cerberus machte so lange Druck, bis Commerzbankchef Martin Zielke und Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann entnervt das Handtuch warfen. Keiner der Verantwortlichen bezweifelt, dass die Commerzbank dringend eine neue Strategie braucht. Das wäre schon Herausforderung genug. Dazu kommt noch die Coronakrise. Doch ausgerechnet jetzt steht die zweitgrößte deutsche Privatbank ohne handlungsfähige Führung da.

    Die Bank braucht dringend neue Köpfe. Zuerst einen Aufsichtsratsvorsitzenden, der dann so schnell wie möglich einen neuen Vorstandschef installiert. Am kommenden Montag trifft sich der Aufsichtsrat und in Finanzkreisen heißt es, dass mittlerweile der Ex-Chef der Landesbank Baden-Württemberg Hans-Jörg Vetter als Favorit für den Posten gilt. Ob die Bank damit auch schon einen neuen Chefkontrolleur hat, ist allerdings noch unklar. Denn nach Informationen des Handelsblatts hatte Vetter bislang noch keinen Kontakt zum Großaktionär Cerberus, und einige Beobachter fragen sich, ob ein ehemaliger Landesbanker der richtige ist, um eine internationale private Bank zu sanieren.

    Monatelang hatte Cerberus hinter den Kulissen stärkere Kostensenkungen vom Commerzbank-Management gefordert. Als ihre Forderungen nicht fruchteten, ließen die Amerikaner die Situation eskalieren und griffen die Bankspitze frontal und öffentlich an: „Die unausgereiften und mangelhaft umgesetzten Bemühungen des Managements, den Niedergang der Commerzbank zu verhindern, demonstrieren ein Maß an Fahrlässigkeit und Arroganz, das wir nicht länger hinnehmen wollen“, schrieb Cerberus Anfang Juni in einem fünfseitigen Brief an Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann – und drohte offen mit einer Aktionärsrevolte. Die Folge: ein beispielloser Eklat in der deutschen Bankengeschichte.

    Wer ist der Finanzinvestor, der das Topmanagement einer Bank, bei der der deutsche Staat der größte Aktionär ist, derart vorführt? Warum treten die sonst für ihre Diskretion berühmten Amerikaner plötzlich auf wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen? Und welche Folgen wird der Frontalzusammenstoß für die deutsche Bankenlandschaft, aber auch für Cerberus selbst haben? Über diese Fragen hat das Handelsblatt in den vergangenen Wochen mit vielen Insidern, Bankern, Investoren, Politikern und Gewerkschaftern gesprochen.

    Cerberus ist weltweit ein mächtiger Spieler, nicht nur in der Unternehmenslandschaft oder an den Kapitalmärkten, sondern auch in der Politik. Am liebsten ziehen die Amerikaner still und leise die Fäden. Diskretion gehört zum Geschäftsmodell. Nach außen präsentiert sich der Finanzinvestor gern als freundlicher Helfer, als Geldgeber, der konstruktiv mit Managementteams, Betriebsräten und Gewerkschaften zusammenarbeitet. Aber wenn die Dinge nicht laufen wie gewünscht, kann Cerberus ziemlich ungemütlich werden – dann kommt es zum Konflikt und zum Clash der Kulturen zwischen hemdsärmelig auftretenden Amerikanern und dem oft konsens-orientierten deutschen Management.

    Für die Kritiker ist Cerberus so etwas wie ein Schulhofrabauke, der auf alle Konventionen und Regeln pfeift, um seine Ziele durchzusetzen. Nach dieser Lesart haben die Amerikaner schlicht nicht begriffen, dass der deutsche Markt anders tickt als der amerikanische. Dazu kommt noch die prinzipielle Kritik an Private-Equity-Firmen, die ihren Beteiligungen nach Meinung ihrer Gegner viel zu hohe Schulden aufbürden und überzogene Beratungsgebühren einfordern, um ihre eigene Rendite in die Höhe zu treiben. Die demokratische Senatorin und frühere Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren vergleicht die Branche mit „Vampiren“, die Unternehmen „aussaugen und leblos zurücklassen“.

    Verschwiegenheit wird von ganz oben vorgegeben

    Unterstützer finden dagegen, Cerberus stoße bei in Trägheit erstarrten Unternehmen wie der Commerzbank längst überfällige Umbauten an. Das sei ein Segen für die oft zu kuschelige Deutschland AG. Auch beim Bilanzskandal um den Zahlungsdienstleister Wirecard kam die heftigste Kritik von ausländischen Investoren, während das Unternehmen in Deutschland von vielen noch als Hoffnungsträger im Technologiesektor gefeiert wurde.

    Vielleicht muss man erst laut werden, um sich im konsensorientierten Deutschland Gehör zu verschaffen? „Bei Aktivisten wie Cerberus hat sich in den vergangenen Jahren auch viel Frustration aufgebaut, weil sie der Ansicht waren, dass ihre Belange nicht ernst genommen wurden. Dabei geht es zum Beispiel um Governance-Themen wie den Wechsel von Vorstandschefs in den Aufsichtsrat“, sagt Richard Thomas, Leiter der „Shareholder Advisory Group“ von Lazard in Europa. Heute ist für ihn Deutschland ein Hotspot für aktivistische Aktionäre.

    „Cerberus geht zwar hohe Risiken ein, will aber eigentlich nicht als Krawallmacher auftreten. Da gibt es andere Akteure wie den Hedgefonds Elliott in den USA, die viel eher für Frontalangriffe bekannt sind“, gibt ein Banker aus den USA zu bedenken. Stärker als Konkurrenten wie Blackstone und KKR meidet Cerberus die öffentliche Aufmerksamkeit, regelt Probleme lieber im Hintergrund.

    Grafik
    Grafik

    Die Verschwiegenheit wird von ganz oben vorgegeben: Gründer und Co-Chef Stephen Feinberg spricht nur sehr selten auf Konferenzen, lässt sich nicht vom Börsensender CNBC interviewen, ist anders als Stephen Schwarzman, der Chef des größten Private-Equity-Fonds Blackstone oder David Rubenstein, Mitgründer des kleineren Konkurrenten Carlyle, nicht in New Yorks Power-Netzwerken unterwegs. Eine Anmerkung von Feinberg wird immer wieder gern zitiert: „Wenn wir von jemandem bei Cerberus sein Bild und ein Foto seines Apartments in der Zeitung sehen, dann feuern wir ihn nicht nur“, soll er einmal vor Investoren gesagt haben: „Wir bringen ihn um. Das Gefängnisurteil wird es wert sein.“

    Dass Cerberus bei der Commerzbank nun doch zum Unruhestifter geworden ist, hat Beobachtern zufolge einen einfachen Grund: „Cerberus hat sich verzockt. Die Positionen sind tief im Minus. Und da muss man als Fonds einfach Härte zeigen“, sagt ein New Yorker Banker. Cerberus hält seit 2017 fünf Prozent der Anteile an der Commerzbank und drei Prozent an der Deutschen Bank. Beide Aktienpakete haben dreistellige Millionenbeträge an Wert verloren. Das drückt auf die Rendite, schädigt den Ruf und belastet das Ego der Cerberus-Manager.

    Für alle Arten von Deals offen

    Der Flaggschiff-Fonds mit dem Titel „Cerberus Institutional Partners VI“, in dem der Großteil der Aktienpakete enthalten ist, kam Ende 2019 nur auf eine Rendite von 6,6 Prozent. Branchenüblich sind 15 bis 20 Prozent. „Die schlechte Performance ruft bei Cerberus vermutlich Probleme hervor, Investoren zu überzeugen, in neue Fonds zu investieren“, meint Dirk Zetzsche, Professor für Finanzrecht an der Universität in Luxemburg. „Das außergewöhnliche Auftreten bei der Commerzbank suggeriert den Geldgebern, dass man wirklich alles versucht hat, um das Investment zu retten.“

    Grundsätzlich ist Cerberus für alle Arten von Deals offen. Die Firma vergibt Kredite und Mezzanine-Kapital, investiert in Immobilien, sie kauft faule Kredite mit einem Abschlag auf und übernimmt Minderheits- und Mehrheitsbeteiligungen an Unternehmen – oft sind es Firmen, die dringend sanierungsbedürftig sind.

    Über die Jahre gehörten die US-Autovermieter Alamo und National zum Cerberus-Portfolio, ebenso wie Fernsehsender in Salt Lake City. Cerberus beteiligte sich 2004 an der damals insolventen Air Canada und hielt die Mehrheit an der japanischen Aozora Bank. Im kalifornischen San Diego will Cerberus mit einer Immobiliengesellschaft einen Industriecampus bauen, wie das Unternehmen Anfang Juli ankündete.

    Gerne greift Cerberus zu, wenn Konzerne Beteiligungen abspalten. 2004 haben die Amerikaner zusammen mit einem anderen Investor das Blutplasmageschäft von Bayer gekauft, 2005 von Daimler und anderen deutschen Banken die Flugzeugleasinggesellschaft Debis übernommen. Der Bayer-Deal war offenbar ein Erfolg: „Je nach Berechnungsweise des Einstiegspreises wurde mit dem Investment das Zehn- bis 40-Fache des investierten Betrags erzielt“, sagt Zetzsche. Die Private-Equity-Firma äußert sich nicht öffentlich zu ihren Investments oder zu erzielten Renditen.

    Wirklich bekannt wurde Cerberus in Deutschland jedoch erst 2007, als der Investor die Mehrheit am US-Autobauer Chrysler übernahm – und somit das Ende des deutsch-amerikanischen Autogiganten Daimler-Chrysler besiegelte. Es war ein Deal, der jede Menge Probleme und ungeliebte Aufmerksamkeit mit sich bringen sollte.

    Drähte in die Politik

    Bemerkenswert sind die engen Verflechtungen zwischen der Politik und Cerberus. Zur Führungsriege gehört unter anderem Dan Quayle, der von 1989 und 1993 unter Georg H. W. Bush Vizepräsident der Vereinigten Staaten war. Cerberus-Aufsichtschef John Snow arbeitete unter dessen Sohn Georg W. Bush von 2003 bis 2006 als Finanzminister.

    Vorstandschef Feinberg leitet aktuell das „Intelligence Advisory Board“ von Donald Trump, das den Präsidenten in Geheimdienstangelegenheiten berät. Ein Bericht der „New York Times“ hatte im April Spekulationen angeheizt, dass Feinberg im Falle einer Wiederwahl von Trump im November ein hohes Regierungsamt übernehmen und bei Cerberus kürzertreten könnte.

    Doch die Lage ist kompliziert. Zu Cerberus’ Portfolio gehören auch Militärdienstleister. Solange Cerberus die nicht verkauft, müsste sich Feinberg in bestimmten Entscheidungen möglicherweise für befangen erklären. Schon im Wahlkampf 2016 gehörte Feinberg zu Trumps Wirtschaftsberatern und spendete fast eine Million Dollar – mehr als je zuvor. In diesem Jahr hat er sich bislang noch zurückgehalten. Insidern zufolge sei ein Wechsel in die Politik derzeit unwahrscheinlich.

    Feinberg gilt als leidenschaftlicher Jäger und Schütze, mit einer Schwäche fürs Militär. Manager seiner Portfolio-Unternehmen bezeichnen ihn als Patrioten. Zum Cerberus-Portfolio gehören unter anderem die Militärdienstleister DynCorp, Tier 1 Group und Navistar Defense.

    Der Cerberus-Chef berät auch US-Präsident Donald Trump. Quelle: Cerberus
    Stephen Feinberg, der Chef des US-Finanzinvestors Cerberus

    Der Cerberus-Chef berät auch US-Präsident Donald Trump.

    (Foto: Cerberus)

    Auch in Deutschland setzt Cerberus auf beste Drähte in die Politik. Deutschlandchef David Knower gilt als Freund der Familie Bush und sammelt aktuell Geld für Trumps Wahlkampf. Bereits 2018 war Knower in der engeren Auswahl, um US-Botschafter in Deutschland zu werden. Am Ende bekam jedoch Richard Grenell den Zuschlag. Doch der ist inzwischen zurück in Amerika, und als Nachfolger hat sich Trump erst einmal für den ehemaligen Armee-Oberst Douglas Macgregor entschieden.

    Engagement fürs Image

    Knower ist das nette Gesicht von Cerberus in Deutschland, einige transatlantische Manager nennen ihn „the Schmuser“. Und er versucht alles, um das Image des Finanzinvestors aufzupolieren. Als die Arbeitslosenzahlen in Deutschland stiegen und viele Jugendliche vergeblich nach einem Job suchten, spendete Cerberus von 2007 bis 2011 rund zehn Millionen Euro, um 600 zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Auch bei Wohltätigkeitsveranstaltungen sind die Amerikaner regelmäßig zu Gast. In Frankfurt sponsern sie unter anderem einen Wettbewerb beim Festhallen-Reitturnier, bei dem Geld für Kinderheime gesammelt wird.

    Darüber hinaus setzt sich Knower in einer Reihe von Ehrenämtern für den Austausch zwischen Deutschland und Amerika ein. Unter anderem ist er Kuratoriumsmitglied beim Aspen Institut, Vizepräsident der American Chamber of Commerce in Deutschland und der Steuben-Schurz Gesellschaft. Beim American Institute for Contemporary Germany Studies engagiert er sich gemeinsam mit Star-Bankerin Dorothee Blessing von JP Morgan, der Chefin der Deutschen Bank in Amerika, Christiana Riley, und Heiner Herkenhoff, dem Cheflobbyisten der Commerzbank in Berlin. Außerdem sitzt er im Wirtschaftsrat der CDU. „David, du bist ein echter Frankfurter“, sagt die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth, als sie ihm 2012 die Ehrenplakette für sein Engagement für die Mainmetropole verleiht.

    Als Beleg für ihr Geschick mit Sanierungsfällen verweisen die Amerikaner gerne auf den südbadischen Autozulieferer Peguform. Ende 2004 übernahm Cerberus das insolvente Unternehmen, 5500 Arbeitsplätze waren damals in Gefahr. Anschließend baute der Finanzinvestor die Firma kräftig um, Hunderte Stellen fielen weg. Doch die Sanierung zahlte sich aus. Peguform erwirtschaftet wieder Gewinne – und wächst kräftig. Als Cerberus das Unternehmen 2008 an die österreichische Polytec Group weiterverkaufte, hatte der Autozulieferer rund 7000 Beschäftigte.

    Doch solchen Erfolgen, die sich auch gut nach außen verkaufen lassen, stehen große Flops gegenüber. Feinbergs Vision, aus mehreren Übernahmen einen großen Waffenkonzern zu schmieden, scheiterte. Der Waffenhersteller Remington, dessen Wurzeln bis 1816 zurückreichen, meldete 2018 Insolvenz an, um die hohe Schuldenlast zu restrukturieren.

    Den Konzern plagen Umsatzrückgänge und hohe Rechtsrisiken, nach dem Amoklauf in der Grundschule Sandy Hook 2012, bei dem der Attentäter eine Waffe von Remington verwendet hatte. Mit dem Insolvenzverfahren ging der Besitz nach elf Jahren im Cerberus-Portfolio an Geldgeber wie JP Morgan und den Vermögensverwalter Franklin Resources über. Doch die Probleme bleiben bestehen. Erst am Dienstag beantragte Remington erneut Gläubigerschutz.

    Auf Schnäppchenjagd

    Auch die Restrukturierung von Chrysler misslang. Der Autobauer meldete zwei Jahre nach der Übernahme durch Cerberus Insolvenz an und musste in der Finanzkrise Milliarden an Staatshilfen in Anspruch nehmen. Für die verschwiegene Private-Equity-Firma sei das „ein sehr öffentliches Desaster“, titelte damals die „New York Times.“

    Auch Kunden wendeten sich damals von Cerberus ab. Immerhin: Der Finanzinvestor konnte als Teil des Deals die Anteile von der Finanzsparte Chrysler Financial behalten und verkaufte diese 2010 an die kanadische TD Bank. Medienberichten zufolge konnte immerhin der Kaufpreis von 7,4 Milliarden Dollar wieder herausgeholt werden.

    In Deutschland ist Cerberus derzeit nur in der Finanzbranche engagiert, aber das könnte sich ändern: Vor rund zwei Jahren hatte Konzernchef Feinberg vor Managern in Deutschland noch klare Worte gesprochen: „We don’t touch it“, sagte er mit Blick auf zyklische Unternehmen, die ihm viel zu teuer erscheinen, berichtete ein Teilnehmer des Treffens.

    Heute, in Corona-Zeiten, scheint sich das zu ändern. Die Pandemie lässt zwar die operativen Gewinne der Unternehmen schmelzen, aber dadurch fallen auch die Bewertungen, und das ist für Cerberus offenbar interessant. Der Investor habe „mehrfach die Fühler nach dem süddeutschen Anlagenbauer Eisenmann ausgestreckt, der in der Insolvenz steckt“, heißt es in Finanzkreisen. Die Cerberus-Leute in Deutschland wollten den Deal durchziehen, und auch die Senior-Berater sprachen sich dafür aus.

    Nur aus den USA kam ein klares Nein. Offenbar will Feinberg weiter warten, um noch günstiger zum Zug zu kommen. So läuft es weiter wie in den letzten Jahren. Cerberus schaut sich viele deutsche Firmen an, greift aber kaum zu. Anfang 2020 meldete der Finanzinvestor Interesse an der Einzelhandelskette Real an, wollte die Metro-Tochter aber quasi zum Nulltarif übernehmen. Am Ende erhielt deshalb die russische Investmentgesellschaft SCP den Zuschlag.

    Zweifel an den Fähigkeiten von Cerberus im Finanzsektor

    In Deutschland ist Cerberus vergleichsweise schlank aufgestellt. Insgesamt arbeiten hier für den Investor nur ein gutes Dutzend Mitarbeiter. Ein Teil davon ist für die Beratungssparte COAC sowie die Tochter CES tätig, die sich um das Management von Immobilien und um Portfolios mit faulen Krediten kümmert.

    Knower ist Chef der Cerberus Deutschland Beteiligungsberatung GmbH, für die neben ihm noch der ehemalige Dresdner-Bank-Manager Thomas Wiegand arbeitet. Wenn Knower und seine Mitstreiter Deals in Angriff nehmen oder Firmen sanieren wollen, bekommen sie Unterstützung aus der New Yorker Zentrale sowie von Cerberus-Teams in anderen Ländern.

    Allein in der Beratungssparte COAC arbeiten rund 120 ehemalige Vorstände sowie Experten für Bereiche wie IT, Produktion oder Personalmanagement. Der frühere Vorstand des US-Finanzriesen JP Morgan, Matt Zames, wurde 2018 auch angeheuert, um Cerberus’ Probleme mit den deutschen Banken zu lösen. Zames galt als ein möglicher Nachfolger von CEO Jamie Dimon, doch er wollte nicht warten, bis dieser in Rente geht, und ist bei Cerberus nun für alle Investments in die Finanzbranche verantwortlich.

    Zudem greifen die Amerikaner auf externe Berater zurück. Bei der Auseinandersetzung mit der Commerzbank lässt sich Cerberus beispielsweise vom ehemaligen Goldman-Sachs-Banker Thomas Schweppe unterstützen. Er berät Investoren mit seiner Firma 7Square bei Meinungsverschiedenheiten mit Unternehmen und hat unter anderem schon für den für seine aggressiven Attacken bekannten Hedgefonds Elliott gearbeitet.

    Trotz aller Expertise: Das schwache Abschneiden der Engagements bei Commerzbank und Deutscher Bank schüren die Zweifel an den Fähigkeiten von Cerberus im Finanzsektor. Dabei können die Amerikaner auch in diesem Sektor in Europa durchaus auf Erfolgsgeschichten verweisen. Die wahrscheinlich größte schrieb die österreichische Bawag.

    Der Finanzinvestor hat die einstige Gewerkschaftsbank 2007 übernommen und in den Folgejahren zusammen mit seinem Partner Golden Tree grundlegend saniert. Die Führungsetage wurde ausgedünnt, Personal abgebaut. Im Herbst 2017 ging das viertgrößte österreichische Geldhaus dann an die Börse – und beschert seinen Eigentümern große Gewinne.

    Berichte über verbalen Dauerdruck

    Auch die frühere HSH Nordbank, die Cerberus 2018 gemeinsam mit dem britischen Investor JC Flowers übernahm, scheint sich ordentlich zu entwickeln. Die Bank steckt zwar noch immer mitten im Umbau von einer Landesbank zu einem Spezialfinanzierer, aber immerhin schreibt das einst als Milliardengrab verschriene Geldhaus inzwischen wieder schwarze Zahlen.

    Doch die Minderheitsbeteiligungen an den größten Finanzhäusern des Landes sind damit nicht vergleichbar. „Ich glaube nicht, dass Cerberus einen Beitrag zu einer nachhaltigen Wertsteigerung einer komplexen Universalbank von der Größe einer Commerzbank oder einer Deutschen Bank leisten kann“, warnt Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität Frankfurt.

    Cerberus habe „nicht verstanden, dass sich die Institute in einer schwierigen Transformation befinden, die mehrere Jahre dauern wird“. Es sei ungewöhnlich, dass sich Private-Equity-Firmen mit Minderheitsbeteiligungen an hochregulierten und komplexen Finanzinstituten beteiligen. „In der Regel streben sie die Kontrolle bei ihren Beteiligungen an“, gibt Brühl zu bedenken.

    Insider bei der Commerzbank monieren, dass sich Cerberus auch eher so verhält, als hätten sie die Mehrheit der Stimmen hinter sich. Einige sprechen von verbalem Dauerdruck mit Zügen von Erpressung. „Es ist berechtigt, dass Cerberus den Kurs der Bank hinterfragt“, meint Aufsichtsratsmitglied Wittmann. „Aber bei den gewählten Methoden schießt Cerberus hier und da über das Ziel hinaus.“

    Im persönlichen Gespräch seien die Vertreter des Finanzinvestors ihm gegenüber immer höflich und zuvorkommend aufgetreten, erzählt der Arbeitnehmervertreter. „Aber die Briefe an den Aufsichtsrat lassen darauf schließen, dass der Umgangston mit der Commerzbank-Spitze und dem Management deutlich rauer und bisweilen auch unverschämt ist.“

    Seit dem Einstieg bei der Commerzbank im Sommer 2017 hat Cerberus in über 70 Treffen auf Änderungen gedrängt – unter anderem bei Vorstandschef Zielke, den Aufsichtsratschefs Stefan Schmittmann und Klaus-Peter Müller sowie den Finanzchefs Stephan Engels und Bettina Orlopp.

    Experten finden Haltung der Commerzbank nachvollziehbar

    Mehrfach hatten die Amerikaner dabei gefordert, dass sich die Commerzbank bei ihrem Umbau von der Cerberus-Beratungssparte COAC unterstützen lassen soll. Die Commerzbank-Spitze lehnte dies jedoch stets ab, weil sie einen Interessenkonflikt darin sieht, wenn Cerberus sowohl als Großaktionär als auch als Berater auftritt. Die Deutsche Bank sah das offenbar etwas anders und ließ sich von Cerberus bis Ende 2019 beraten.

    Allerdings löste das Engagement der Amerikaner auch bei einigen hochrangigen Deutschbankern durchaus Irritationen aus. „Die Frage war schon, wer ist Cerberus eigentlich, und wenn ja, wie viele“, meint ein Insider. Immerhin sei der Finanzinvestor nicht nur Großaktionär und Berater, sondern auch noch ein wichtiger Kunde gewesen.
    Viele Experten und Politiker finden die Haltung der Commerzbank nachvollziehbar. Es sei unseriös, wenn Cerberus bei Banken gleichzeitig als Investor, Berater und Klient auftrete, sagt beispielsweise der Grünen-Europaparlamentarier Sven Giegold. Aber für den Höllenhund kam die Weigerung der Commerzbank einer Kriegserklärung gleich – sein Geschäftsmodell beruht schließlich darauf, bei Unternehmen Veränderungen anzustoßen und somit am Ende den Wert seines Investments zu steigern.

    Als die Frankfurter im September 2019 mit ihrer Strategie „Commerzbank 5.0“ die Erwartungen von Cerberus und anderen Investoren erneut enttäuschten, erhöhen die Amerikaner hinter den Kulissen den Druck. Maßgeblich involviert ist dabei auch Cerberus-Co-Chef Frank Bruno.

    Als Commerzbank-Chef Zielke die Strategie des Instituts auf der Hauptversammlung im Mai 2020 dann im Grundsatz erneut verteidigte, riss den Amerikanern endgültig der Geduldsfaden. „So kann das nicht weitergehen“, lautete die klare Botschaft aus New York.

    Reger Kontakt zum Finanzministerium

    Mit der Bundesregierung, die seit der staatlichen Rettung der Commerzbank mit 15,6 Prozent beteiligt ist, hat sich Cerberus im Vorfeld intensiv ausgetauscht. Mit Finanzstaatssekretär Jörg Kukies sprachen Vertreter des Finanzinvestors am 8. und 17. Juni – also kurz vor und kurz nach dem Versand des Protestschreibens. Der regelmäßige Austausch zwischen Kukies und Cerberus-Managern legt aus Sicht von FDP-Finanzexperte Frank Schäffler nahe, „dass der Bund vorab über die Cerberus-Attacke auf die Commerzbank informiert war und nichts daran auszusetzen hatte“.

    Möglicherweise habe die Bundesregierung Cerberus sogar darin bestärkt, Druck auf die Commerzbank auszuüben, sagt Schäffler. „Herr Kukies wollte die Drecksarbeit offenbar nicht selbst machen und hat alte Kontakte genutzt, um personelle Veränderungen bei der Commerzbank herbeizuführen.“

    Kukies hat vor seinem Wechsel ins Finanzministerium 17 Jahre für die Investmentbank Goldman Sachs gearbeitet und kennt Vertreter von Cerberus aus dieser Zeit noch sehr gut. Und er hat mehrfach erkennen lassen, dass die Bundesregierung mit der Entwicklung der Commerzbank nicht zufrieden ist und härtere Einschnitte für nötig hält.

    Zuletzt hat der Staat deshalb unter anderem seine zwei Aufsichtsräte bei der Commerzbank ausgetauscht und das Institut von der Beratungsgesellschaft BCG durchleuchten lassen. Absprachen mit Cerberus hat es nach Darstellung des Finanzministeriums jedoch nicht gegeben. Der Bund „nimmt seine Interessen eigenständig und nicht über andere Anteilseigner der Commerzbank wahr“, erklärt ein Ministeriumssprecher.

    Da neben der Bundesregierung auch andere Investoren die inhaltliche Kritik von Cerberus an der Commerzbank teilen, wird Vorstandschef Zielke Anfang Juli klar, dass er nicht mehr genügend Rückhalt hat. „Die Bank braucht eine tief greifende Transformation und dafür einen neuen CEO, der vom Kapitalmarkt auch die notwendige Zeit für die Umsetzung einer Strategie bekommt“, sagt er zum Abschied. Da der Aufsichtsrat Zielkes Kurs stets unterstützt hat, wirft auch Chefkontrolleur Schmittmann hin. Zudem findet der 63-Jährige den Umgang von Cerberus mit ihm und der Bank respektlos – und will sich das nicht mehr länger antun.

    „Unangenehme Meetings“

    Bei der Deutschen Bank ist ein Knall wie beim Frankfurter Nachbarn bisher ausgeblieben. Doch hinter den Kulissen hat Cerberus auch auf Deutschlands größtes Geldhaus massiven Druck ausgeübt. „Es hat viele unangenehme Meetings gegeben“, berichtet ein Beteiligter.

    Der Top-Manager genießt nach wie vor das Vertrauen des Großaktionärs Cerberus. Quelle: Reuters
    Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing

    Der Top-Manager genießt nach wie vor das Vertrauen des Großaktionärs Cerberus.

    (Foto: Reuters)

    Doch im Vergleich zur Commerzbank gibt es zwei wesentliche Unterschiede: Die Deutsche Bank hat sich eben anders als der Konkurrent von Mitte 2018 für rund anderthalb Jahre von der Cerberus-Tochter COAC beraten lassen. Vor allem hat Vorstandschef Christian Sewing aber im Sommer 2019 harte Einschnitte angekündigt und damit auch wesentliche Forderungen von Cerberus erfüllt. Er genießt deshalb das Vertrauen des Finanzinvestors.

    An den Verlusten der Beteiligung ändert das allerdings nichts. Commerzbank-Gewerkschafter Wittmann hat den Eindruck, dass Cerberus den deutschen Bankenmarkt an vielen Stellen falsch einschätzt hat – und dies immer noch tut. „Viele Vorschläge, etwa zu harten Einschnitten beim Personal und den Filialen, tragen eine sehr amerikanische Handschrift“, sagt der Aufsichtsrat. „Aber in Deutschland kann man Personal nicht so schnell und leicht entfernen wie in Amerika. Cerberus muss damit leben, dass die Beschäftigten in Deutschland mehr Rechte haben.“

    Auch die Eigenkapitalrenditen, die Cerberus vorschweben, sind aus Sicht von Wittmann am hart umkämpften deutschen Bankenmarkt unrealistisch. „Kein anderes Institut kommt derzeit auf eine Rendite von mehr als sieben Prozent“, sagt das Aufsichtsratsmitglied. „Und mir erschließt sich nicht, wie ausgerechnet die Commerzbank mit ihrem risikoaversen Geschäftsmodell zum ertragsreichsten Institut der Republik werden soll.“

    Mitarbeit: Yasmin Osman, Robert Landgraf, Michael Maisch

    Mehr: Nicholas Teller sagt als Commerzbank-Aufsichtsratschef ab.

    Startseite
    Mehr zu: Report - Wie es zum Eklat um Cerberus und die Commerzbank kam
    2 Kommentare zu "Report: Wie es zum Eklat um Cerberus und die Commerzbank kam"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Also rettete Cerberus Daimler vor dem Untergang mit Chrysler ?

    • Die Möglichkeiten von Cerberus werden überhöht dargestellt. Die 10% Position reicht dafür nicht aus. Vermutlich haben Zielke und Schmittmann das Handtuch geworfen, weil ihnen die Vertreter der Bundesregierung in den Rücken gefallen sind. Damit ist der Bundesregierung ein Fehler unterlaufen, denn sie hat die Commerzbank damit zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt in eine schwierige Lage gebracht.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%