Überschwemmungen: Elementarschadenversicherung: Versicherer eilen der Politik voraus
Viele der Flutschäden waren nicht versichert.
Foto: Daniel Hofer/laifFrankfurt, München. Knapp zwei Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal erhält die Diskussion um einen umfassenden Versicherungsschutz für Immobilienbesitzer neuen Schwung. Über den Bundesrat forderten die Länder am Freitag die Bundesregierung auf, die entsprechenden Schritte in Richtung einer umfassenden Pflichtversicherung gegen Naturkatastrophen in die Wege zu leiten.
Die Versicherer selbst sind inzwischen weiter: Im Neugeschäft bieten die meisten Assekuranzen nur noch Policen mit Elementarschutz an. Was wie vorauseilender Gehorsam wirkt, hat handfeste wirtschaftliche Gründe - denn der Elementarschadenschutz ist auch ein Zusatzgeschäft.
Neben den menschlichen Tragödien war es bei der Flut im Ahrtal zu hohen Schäden an Brücken, Straßen und vor allem Häusern gekommen. Viele davon waren nicht versichert.
Denn während die meisten Wohnhäuser zwar gegen Schäden durch Brand, Blitzschlag, Sturm, Hagel, Leitungswasser und Überspannung abgesichert sind, verfügt nur rund die Hälfte der privaten Gebäudeeigentümer über eine Elementarschadenversicherung.
Sie wird bislang in der Regel als Zusatzbaustein zur Wohngebäudeversicherung angeboten und deckt Schäden durch Starkregen, Überschwemmung und Rückstau ab.
Uneinigkeit in der Politik
Seitdem diskutiert die Politik über die Einführung einer Pflichtversicherung für Elementarschäden. Nachdem die Debatte zum Jahreswechsel ins Stocken geraten war, machten Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen im März einen neuen Vorstoß für eine bundesweite Pflichtversicherung.
Am Freitag nun kündigte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst im Bundesrat an, dass sich die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder einig seien, dass eine bundesweite Pflichtversicherung für Elementarschäden kommen müsse. Nun sei es Aufgabe der Bundesregierung, das Thema anzugehen. Die FDP im Bundestag lehnte jedoch umgehend eine Pflichtversicherung für Elementarschäden ab und begründet das mit der Angst vor erhöhten Wohnkosten.
Die Versicherer selbst sind gegen eine Pflichtversicherung. Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands GDV, betont, dass Kundinnen und Kunden frei entscheiden sollten, ob und wie sie versichert sind.
Der GDV plädiert dafür, dass die Versicherer den Elementarschutz automatisch mit anbieten, sodass die Kunden ihn aktiv abwählen müssen (Opt-out). Zugleich fordert Asmussen ein Gesamtpaket aus Präventionsmaßnahmen, zum Beispiel im Baurecht, aus Klimafolgenanpassung und aus Versicherungsschutz. Dieses sei Voraussetzung für bezahlbaren Versicherungsschutz in der Zukunft.
Doch während andernorts noch diskutiert wird, haben die meisten Versicherer bereits reagiert. Im Neugeschäft bieten sie nur noch Policen mit Elementarschutz an.
Beispiel Huk-Coburg: Seit Herbst vergangenen Jahres haben die Oberfranken rund 40.000 Neuverträge für Wohnimmobilien abgeschlossen, drei Viertel davon mit einer umfassenden Absicherung vor Naturkatastrophen.
Die übrigen Kundinnen und Kunden haben den umfassenden Schutz bewusst abgewählt. Doch anders als früher erhält diese Gruppe bei Huk nun den Elementarschutz Basic, bei dem selbst bei einem Komplettschaden des Hauses die Eigenbeteiligung bei maximal 100.000 Euro liegt. Mit einer Mindestabsicherung ist so die Existenz im schlimmsten Fall nicht komplett bedroht. Früher mussten Kundinnen und Kunden den Gesamtschaden komplett tragen.
Andere Anbieter haben ähnliche Modelle. Bei der Ergo ist der Elementarschutz im Neugeschäft ebenfalls im Antragsprozess vorausgewählt. Zudem machen die Düsseldorfer auch Angebote in hochgefährdeten Gebieten. Auch das war in der Branche früher oft anders, als Hausbesitzer in diesen Gebieten gar kein Versicherungsangebot mehr erhielten.
Zonierungssystem zeigt besonders gefährdete Gebiete
Mit dem Zonierungssystem ZÜRS Geo können die Versicherer seit Jahren erkennen, wo im Land Immobilien besonders stark durch Überschwemmungen oder Starkregen gefährdet sind. Von den rund 22 Millionen Adressen im Land befinden sich nur 0,4 Prozent in der höchsten Gefahrenzone, der mindestens einmal in zehn Jahren Hochwasser droht.
Die genossenschaftliche R+V hat kürzlich den neuen Baustein „Naturgefahren Plus“ entwickelt. Neben Überschwemmung, Erdrutsch oder Schneedruck sind damit auch Schäden durch Starkregen und Rückstau umfassend versichert. Im Neugeschäft enthalten inzwischen 80 Prozent der Verträge den Schutz gegen Elementarschäden. Der gesamte Bestand liegt mit 70 Prozent über dem bundesweiten Schnitt, nach dem jedes zweite Gebäude umfassend versichert ist.
Dass die Branche nach der Katastrophe im Ahrtal selbst aktiv geworden ist, liegt allerdings auch an handfesten Eigeninteressen. Einerseits wollen die Assekuranzen so eine mögliche generelle Versicherungspflicht abwenden.
Andererseits bedeutet der Elementarschadenschutz Zusatzgeschäft – wenn auch kein einfaches. Wegen steigender Baukosten und Handwerkerpreise ist es für die Versicherer seit Jahren nicht einfach, in der Wohngebäudeversicherung profitabel zu arbeiten.
Sonderfall Baden-Württemberg
Ein historischer Sonderfall ist dabei Baden-Württemberg. Bei der SV Sparkassen Versicherung, die sowohl dort als auch in Hessen und Thüringen am Markt ist, heißt es, dass bereits etwa 70 Prozent der Kunden mit der Wohngebäudeversicherung einen vollständigen Elementarschutz hätten.
In Baden-Württemberg, wo es bis 1994 eine Versicherungspflicht gab, seien es sogar nahezu 100 Prozent. Dort biete die SV Policen schon immer nur mit vollständigem Elementarschutz an. In Thüringen biete man ihn an, aber Kunden können ihn abwählen.
Denn eines ist nicht wegzudiskutieren: Mit dem umfassenden Versicherungsschutz gegen Naturgefahren steigen für Hausbesitzer die Kosten für die Versicherungsprämie. Im Gegensatz zu einer Wohngebäudeversicherung ohne Elementarschutz liegen die Kosten mit diesem Baustein für ein durchschnittliches Einfamilienhaus in der niedrigsten ZÜRS-Kategorie rund 130 Euro höher pro Jahr, heißt es bei der Versicherungskammer Bayern. Wobei das nur ein Richtwert ist: Je nach Größe, Ausstattung und der Lage in der jeweiligen ZÜRS-Zone kann es auch deutlich mehr werden.
Schon jetzt aber drängt die Zeit. Der Rückversicherer Swiss Re hat gerade erst den Trend bestätigt, wonach in den vergangenen drei Jahrzehnten die versicherten Schäden aus Naturkatastrophen um fünf bis sieben Prozent pro Jahr gestiegen sind. Mit Beginn des Frühjahrs nehmen tendenziell auch in Deutschland die schweren Unwetter zu.
In der Praxis treffen die Versicherer aber auf die üblichen Muster nach Großkatastrophen. Unmittelbar nach dem Sturmtief Bernd sei die Nachfrage nach umfassendem Versicherungsschutz hoch gewesen, heißt es bei der LVM in Münster. Ein Jahr danach sei sie aber längst nicht mehr so dynamisch. Ein Trend, den die anderen Versicherer bestätigen. Bei der Versicherungskammer spricht man deswegen gar von „Hochwasserdemenz“.