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Kommentar Coronakrise: Wir brauchen den Ausstieg aus dem Stillstand

Derzeit herrscht eine kollektive Lähmung, aus der die Gesellschaft bald herauskommen muss. Sonst verlieren wir nicht nur unseren Wohlstand, sondern auch die Lust am Leben.
31.03.2020 - 14:50 Uhr 18 Kommentare
Die Menschen müssen bald wieder zur Arbeit gehen, sonst stehen zu viele Jobs auf dem Spiel. Quelle: dpa
Es muss bald wieder losgehen

Die Menschen müssen bald wieder zur Arbeit gehen, sonst stehen zu viele Jobs auf dem Spiel.

(Foto: dpa)

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Das ist die Kleine Fabel von Franz Kafka. Veröffentlicht im Jahr 1920. Die Kurzgeschichte trifft unsere derzeitige Misere sehr gut. Wir stecken auch in der Falle. Das Coronavirus treibt uns voran, hinter uns die Toten, vor uns die Rezession.

Um aus dieser Falle des Jahres 2020 herauszugelangen, brauchen wir Eliten, die es wert sind, dass wir sie so nennen. Wir brauchen Politiker, Unternehmer und Manager, die im Sinne der Gemeinschaft agieren.

Ich lebe und arbeite inzwischen wie viele von Ihnen auch seit drei Wochen im Homeoffice – mit drei kleinen Kindern und Ehemann in Düsseldorf. Es war und ist der private Stresstest schlechthin. Ich fühle mich wie viele andere Familien auch in dieser Krise alleingelassen. Wir Eltern sollen bitte arbeiten und Ergebnisse abliefern, als wäre nichts, und unsere Kinder sollen bitte lernen, als wäre Schule.

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    Das Fazit: Wir haben das zwar geschafft! Wir schaffen das auch noch drei Wochen länger. Doch wir schaffen das nicht auf Dauer. Es muss einen Ausstieg aus dem Ausstieg geben. Wir können unseren Kindern nicht langfristig die Lehrer ersetzen, wir drohen unseren hart erarbeiteten Wohlstand und die Lust am Leben zu verlieren. Derzeit sind wir alle nur angestrengt, doch daraus könnte bald auch verzweifelte Wut werden.

    Eliten aus Politik und Wirtschaft müssen sich beweisen

    Wir müssen raus aus dieser Falle. Wir brauchen eine neue Normalität. Vielleicht brauchen wir Massentests, Maskenpflicht, Handytracking und Virenschleusen vor öffentlichen Einrichtungen, all das ist besser zu ertragen als dieser Stillstand. Das alles ist besser – um noch einmal im Stil der Fabel zu sprechen – als weiter wie das Kaninchen erstarrt vor der Schlange zu sitzen.

    Die Eliten aus Politik und Wirtschaft sollten deshalb alsbald beweisen, dass sie zu Recht zu den Eliten zählen. Sie sollten Führungsqualitäten an den Tag legen. Wofür haben wir die einen schließlich gewählt? Wofür bekommen die anderen gewaltige Gehälter?

    Die Eliten sollten uns nichts vormachen – weder durch gewaltige Worte noch durch Verschweigen. Die großen Worte von Bundesfinanzminister Olaf Scholz („Bazooka“) erinnern mich an die „blühenden Landschaften“ von Helmut Kohl oder an „Die Rente ist sicher“ von Norbert Blüm. Ihre Aussagen holten beide Politiker wie ein Bumerang wieder ein und führten zu Politikverdrossenheit.

    Angela Merkels „Ich bitte Sie, geduldig zu sein!“ ist zwar ehrlicher und realistischer. Doch einen Ausweg aus der Falle zeigt die Kanzlerin bisher nicht auf. Nur NRW-Ministerpräsident Armin Laschet macht sich schon mal Gedanken. Er sagte, jetzt sei die Zeit, Maßstäbe für die Rückkehr ins soziale und öffentliche Leben zu entwickeln.

    Dafür brauche es einen gesellschaftlichen Konsens, und dieser könne nur nach intensiver „Abwägung aller medizinischen, sozialen, psychologischen, ethischen, wirtschaftlichen und politischen Implikationen“ wachsen.

    Na bitte! Die Zeit drängt. Schließlich zeigen sich schon jetzt die negativen Seiten dieses Shutdowns und die negativen Folgen einer Krisenpolitik, die dem Gießkannenprinzip folgt – gesamtgesellschaftlich und zwischenmenschlich.

    Ausweg aus der Falle

    Asoziales Verhalten legen selbst schon Eliten an den Tag, die bisher über Zweifel erhaben waren: Kasper Rorsted, der hochdekorierte Vorstandschef von Adidas, zum Beispiel. Er will die Mieten für seine Filialen nicht mehr zahlen. Trotz Milliardenrückstellungen und sonst postulierter Corporate Social Responsibility.

    Wir brauchen einen Ausstieg aus dem Ausstieg, einen Ausweg aus dieser Falle. Wir müssen die Misere vom Ende her denken – und lösen. Es kann auf Dauer nicht nur darum gehen, gesundheitlich schwache oder alte Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, zu retten. Die Rezession wird auch Menschenleben und Existenzen kosten. Es werden dann auch wieder die Schwächsten sein, die zu den Opfern zählen. Dann sind es aber die wirtschaftlich Schwächsten.

    Und die Mittelschicht macht derzeit zwar das Unmögliche möglich und schafft in traditioneller Selbstaufgabe den Dreiklang aus Arbeit, Fürsorge für Kinder und Alte sowie gesellschaftliche Solidarität. Doch wie lange geht das noch gut?

    Spätestens wenn die ersten Angestellten ihren Arbeitsplatz verlieren, ihre Aktiensparpakete wertlos sind und der Auszug aus dem Eigenheim droht, weil der Kredit nicht mehr bedient werden kann, wird die Stütze dieser Gesellschaft aufbegehren.

    Ich sage deshalb: Solidarität ja, aber nicht bis zur Selbstauflösung. Oder anders ausgedrückt: Wir können nicht aus Angst vor dem Tod gesamtgesellschaftlichen Selbstmord begehen.

    Mehr: Chefreporterin Tanja Kewes berichtet aus ihrem Homeoffice – mit drei kleinen Kindern und Ehemann. Es ist der private Stresstest schlechthin mit lustigen und nachdenklichen Momenten.

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    18 Kommentare zu "Kommentar: Coronakrise: Wir brauchen den Ausstieg aus dem Stillstand"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Wenn die Autorin zusammen mit ihrem Ehemann zu Hause ist und behauptet, sie „verliere die Lust am Leben“, dann wäre es ggf. an der Zeit, mal die Beziehung zu überdenken oder sich diesbezüglich beraten zu lassen. Es gibt nämlich auch Leute, die in vergleichbarer Situation sehr glücklich sind und äussern, dass sie seit den Flitterwochen nicht mehr soviel - ich drücke es mal Handelsblatt-kompatibel aus - Nähe zu ihrem Partner erleben konnten zB in der Mittagspause. Eine Beziehung macht doch nur dann Sinn, wenn sie beiden Seiten gut tut und nicht die Lust am Leben nimmt.

    • Vielen Dank für diesen Artikel - spricht mir aus der Seele!
      Hat sich mal jemand angeschaut, wie effektiv die intensivmedizinische Betreuung der beatmungspflichtigen Patienten letztlich ist ? All die aktuellen Restriktionen werden ja damit gerechtfertigt, dass man allen Menschen die bestmögliche medizinische Betreuung zukommen lassen möchte - erst einmal völlig nachvollziehbar.
      ABER: nur 25 bis 30 Prozent der Beatmeten profitieren von der Beatmung, erleiden aber irreversible zusätzliche Gesundheitsschäden und 50 Prozent von ihnen wiederum versterben im Zeitraum eines weiteren Jahres.
      Soll nicht heißen, dass man alles ungehindert laufen lässt, aber wer nicht über den Exit nachdenkt verhält sich tatsächlich so, wie die Autorin es beschreibt: Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Das ist unseren Kindern gegenüber unverantwortlich!

    • Das in dem Artikel eine „Falle“ suggeriert und anhand einer Kafka-Fabel bebildert wird, kann nur kafkaesk wirken. Soll heißen, der Artikel beschwört geradezu Ausweglosigkeit, Düsterheit und innere Verzweiflung.
      Die Ungeduld und das wirtschaftliche Motiv müssen nicht der Rationalität weichen, die vielen der hier veröffentlichenden Kommentatoren offenbar viel besser beschienen ist. Ich stimme einer „sowohl-als auch“- Strategie, z. B. nach den Empfehlungen des Herrn Thierry Kaicher oder den aktuellen politischen Entscheidungen ausdrücklich zu.
      Gefangen wie Odysseus zwischen Skylla und Charybdis lassen wir uns eine Zeitlang an den Mast binden und kommen mitten durch: Fasten your seat belts! Insbesondere auch wirtschaftlich- so war es immer, wenn die düstere Saat NICHT aufging.
      Frau Kewes, Sie mussten sich nach den 3 Wochen „Stresstest im HO“ bestimmt mal Luft machen. Das Blatt hat´s gedruckt und Kommentare angeregt, Chapeau! Und wat mutt, dat mutt. Wir werden uns anpassen.

    • Wir brauchen definitiv den Ausstieg aus dem Stillstand. Wir werden nicht mit einem Schlag aus dem Dornröschenschlaf zurückkehren, sondern müssen schrittweise den Lock-down abbauen. Und das möglichst früh, um unsere wirtschaftlichen Grundlagen nicht nachhaltig zu schädigen. Dazu bedarf es eines Plans. Die Forderung nach diesem Plan ist aus meiner Sicht völlig legitim und notwendig.
      Eine Bemerkung, dass dies nahe der AFD bzw. der FDP ist, halte ich für polemisch und wenig dienlich. Ich empfehle hier Befürwortern, wie Gegnern, sachlich zu argumentieren. Die Zahlen der Erkrankten und gestorbenen haben wir, den bewerteten wirtschaftlichen Einfluss weiniger.
      Ein Menschenleben mit einem Wert beziffern zu wollen, unterbindet jede Argumentation, da dieser unermesslich ist. Aber genauso wenig wie wir Verkehrstote oder andere Krankheiten zu 100% verhindern können, sowenig können wir 100% der Corona-Toten verhindern.
      Wir brauchen einen Weg aus der Krise und den müssen wir jetzt starten.

    • Recht witzig, Herr Kiebert; nicht nur die über 70jährigen sind gefährdet, sondern auch Jüngere - siehe Statistik bei den Todesfällen. Im übrigen sind Männer generell etwas mehr gefährdet für Corona als Frauen. Sie vertreten scheinbar auch die These der Herden-Immunisierung; viel Spaß dabei!

    • Frau Kewes, ich muss mich nochmal zu Wort melden, da ich gerade eben erst den Artikel gelesen habe:
      https://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/online-tagebuch-teil-12-lieber-osterhase-kommst-du-oder-hast-du-corona/25700104.html?ticket=ST-225487-hfQCrtB32pMurLTc49eQ-ap4

      Irgendwie kommt mir das ambivalent vor. Auf der einen Seite Bedauern über die aktuelle Situation (dieser Artikel), auf der anderen Seite Normalität mit Baumarkt-Besuch, Wohnung schick machen, grillen (ggf. ein kleinen Rotwein dazu) und den Kindern im Garten toben und das zwei Stunden vor diesem Artikel. Irgendwie passt das nicht zusammen. Vielleicht fehlt mir zum Verstehen auch nur etwas :-).

    • Kollektive Hysterie! Um eine gefährdete Gruppe von Über 70 jährigen mit Vorerkrankungen zu retten , setzen wir den Wohlstand vor allem der jungen Generationen aufs Spiel! Ich will nich das der Staat mich zu diesem Preis "rettet". Ich denke all diejenigen , die sich zur Risikogruppe zaehlen sollten fuer sich selbst entscheiden ob sie sich isolieren wollen oder nicht.Das ist heutzutage gut möglich.

    • "Wir müssen die Misere vom Ende her denken – und lösen"
      Liebe Frau Kewes, genau so ist es. Aber mit absoluter Sicherheit werden Sie in der deutschen Politik niemanden finden, der das tut bzw. der bereit ist über seinen nächsten Wahltermin hinaus zu denken.
      Ich erhalt derzeit die Antwort auf meine oft gestellte Frage an die nächste Generation: "Wie geht Ihr mit einer Situation um, in der es viele gewohnte Dinge nicht mehr gibt?" Die Antworten, die das Verhalten vieler Deutscher zeigt, erschreckt mich.

    • Vielen dank für Ihre klaren Worte !

    • Es handelt sich nicht um eine kollektive Lähmung sondern um ein ausharren. Ausharren zugunsten der Menschen, welche etwas schwächer konstitutionell veranlagt sind in erster Linie.
      Ich würde gern den Kommentar von Frau Heidel 16:01 aufgreifen. Es ist schon bemerkenswert, dass die Lust am Leben verloren geht, wenn in den eigenen 4 Wänden mit Heizung, fließend Wasser, medialer Anbindung, den Laden um die Ecke, drei gesunden Kindern und einen (wahrscheinlich) netten Ehemann und bezahlten Jobs eine Zeit lang ausgeharrt werden soll um eine neuartige Pandemie möglichst zeitnah einzudämmen.
      Hätten unsere Großeltern unter wesentlich schwierigen Bedingungen ebenfalls die Lust am Leben verloren, so hätten wir diese Luxussorgen wie im Artikel beschrieben wahrscheinlich nicht. Frau Kewes, halten Sie einfach durch, Ihrer Kinder willen. Danke!

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