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Kommentar Der Fall Wirecard offenbart gefährliche Lücken bei der Aufsicht

Technologiefirmen und Finanzdienstleister wachsen immer schneller zusammen. In diesem Graubereich droht eine gefährliche Regulierungslücke. Das beweist der Fall Wirecard.
24.06.2020 - 18:41 Uhr 2 Kommentare
Der Bilanzskandal beim Münchener Dax-Konzern schadet dem Ruf der gesamten Technologiebranche. Quelle: dpa
Die Konzernzentrale von Wirecard

Der Bilanzskandal beim Münchener Dax-Konzern schadet dem Ruf der gesamten Technologiebranche.

(Foto: dpa)

„Entdecken Sie die Plattform der unbegrenzten Möglichkeiten“, mit diesen Worten wirbt Wirecard auch heute noch auf der eigenen Website um das Vertrauen der Kunden. Bei Großinvestoren, Wirtschaftsprüfern, Aufsehern und Bilanzkontrolleuren sorgte der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München in den vergangenen Tagen eher für unbegrenztes Grauen. Denn all diese Instanzen haben am Ende bei der Aufdeckung des Skandals versagt.

Binnen weniger Tage verwandelte sich einer der großen Hoffnungsträger für den Technologiestandort Deutschland in den größten Katastrophenfall, den der Dax, die Eliteklasse des deutschen Aktienmarkts, jemals erlebt hat.

Bleibt die Frage: Hätte sich diese Katastrophe verhindern lassen? Noch ist der Fall Wirecard längst nicht aufgeklärt. Noch ist nicht endgültig klar, ob und in welchem Umfang kriminelle Energie bei den verschwundenen Milliarden eine Rolle spielte. Aber der Verdacht eines gigantischen Betrugs steht im Raum, und er hat sich in den vergangenen Tagen konkretisiert.

Vor diesem Hintergrund ist zumindest eine erste Annäherung an die Frage möglich, ob und wie sich solche Fälle in Zukunft vermeiden lassen. Die vorläufige Diagnose lautet: Der Strukturbruch nach der Finanzkrise hat in der Aufsicht über die Finanzbranche Lücken hinterlassen, und der Fall Wirecard zeigt, wie gefährlich solche Lücken sein können.

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    Nach der Finanzkrise haben sich die Aufseher erst einmal darauf konzentriert, die klassischen Banken sicherer zu machen. Das hat auch zu großen Teilen funktioniert, das zeigt sich gerade in der Coronakrise. Aber stabilere Banken bedeuten nicht unbedingt gleich ein stabiles und krisensicheres Finanzsystem.

    Denn in dem Jahrzehnt nach der Pleite von Lehman Brothers gewannen sogenannte Schattenbanken an Bedeutung, die ähnliche Geschäfte wie die klassischen Banken betreiben, aber nicht die gleichen strengen Vorgaben erfüllen müssen und weniger streng kontrolliert werden. Zum Reich dieser Schattenbanken gehören Spieler wie Hedgefonds, Kreditfonds, Verbriefungsgesellschaften, aber auch immer öfter Technologiefirmen.

    Banken wollen sich in digitale Plattformen verwandeln

    In den vergangenen Jahren haben sich die Technologie- und die Finanzbranche immer weiter angenähert und vermischt. Klassische Banken wollen sich in digitale Plattformen rund ums Thema Geld verwandeln. Gleichzeitig wildern die großen Internetkonzerne wie Facebook, Apple oder Amazon immer mehr im Revier der Banken. Dazu kommen Myriaden von kleinen aufstrebenden Technologiefirmen, die sogenannten Fintechs, von denen nur ein Bruchteil mit einer vollen Banklizenz operiert.

    Ein Problem bei der Überwachung von Wirecard war, dass die deutsche Finanzaufsicht nur für einen kleinen Teil des Konzerns, die Wirecard Bank zuständig war. Dahinter steckt die Entscheidung, den hochkomplexen Konzern als Technologieunternehmen einzustufen und nicht als Finanzdienstleister.

    Dafür mag es in den Anfangsjahren der Wirecard AG, als das Unternehmen noch deutlich kleiner war, nachvollziehbare Gründe gegeben haben. Aber die Münchener haben sich längst zu einem global agierenden Zahlungsabwickler entwickelt, auch wenn heute nicht mehr klar ist, wie viel davon real ist und wie viel Erfindung.

    Die Entscheidung der Bafin hatte Folgen: Für den Finanzriesen Wirecard, der die Commerzbank aus dem Dax verdrängte und zeitweise mit der Deutschen Bank anbandeln wollte, war bis zuletzt zum Beispiel in Geldwäschefragen die Bezirksregierung in Bayern zuständig und nicht die bundesweite Finanzaufsicht.

    Schärfere Kontrollen für Schattenbanken und Technologiefirmen

    Die Konsequenz ist klar: Natürlich wäre es falsch, Schattenbanken und Technologiefirmen jetzt unter Generalverdacht zu stellen. Aber je ähnlicher sie den Banken werden, desto strenger müssen sie überwacht werden. Selbst wenn sie nicht die gleiche Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems darstellen, rechtfertigt allein der Schutz von Kunden und Investoren schärfere Kontrollen.

    Bleibt die Frage: Hätte sich damit ein Fall wie Wirecard tatsächlich verhindern lassen? Die Aufseher hätten zumindest schärfere Instrumente zur Überprüfung der Geschäfte in der Hand gehabt. Und klar ist: Das Rechtfertigungsargument, wenn Insider mit genügend krimineller Energie zu Werke gehen, lassen sich Betrugsfälle kaum verhindern, zieht im Fall von Wirecard nur sehr bedingt. Die ersten kritischen Artikel in der „Financial Times“ erschienen bereits vor Jahren und die Zeitung war nicht die einzige, die die Seriosität der Bilanzen hinterfragte.

    Wirecard hat sich zwar mit aller Vehemenz gegen die Vorwürfe gewehrt, und natürlich galt auch in diesem Fall die Devise, im Zweifel für den Angeklagten, der ja immerhin ein Mitglied der seriösen Dax-Familie mit damals noch testierter Bilanz war. Aber die Zweifel waren eben gesät, und sie konnten niemals restlos ausgeräumt werden. Angesichts dieser Zweifel hätten Wirtschaftsprüfer und Aufseher deutlich früher deutlich genauer hinschauen müssen.

    Mehr: Die ersten Kunden von Wirecard suchen nach anderen Partnern.

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    2 Kommentare zu "Kommentar : Der Fall Wirecard offenbart gefährliche Lücken bei der Aufsicht"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • ich sehe paralleln zum Dieselskandal. Dieser hat doch klar gezeigt, dass sich das KBA eher als Unterstützungseinheit der Autoindustrie als Kontrolleinheit verstanden hat. Bei der BAFIN bekommt man genau den gleichen Eindruck. Das Argument der BAFIN, sie sei nicht zuständig, wirk mehr als hilflos. Ich empfehle das Buch: "Das Ende der Banken, warum wir sie nicht brauchen (Jonathan McMillan). Darin wird sehr schön beschrieben, wie das Schattenbanken System funktioniert und dass es wiedermal ein Vehikel der Banken ist, um den Eingenkapital Einsatz der Banken zu reduzieren. Auch der COM-EX Skandal hat gezeigt, dass das Finanzsystem noch lange nicht im grünen Bereich ist.

    • Das Wirecard-Desaster zeigt klar auf, dass

      - Das Testat der Wirtschaftsprüfer neue, allgemein gültige vertiefende Prüfungsregeln benötigt. Man darf nicht einfach alles glauben, was einem vorgelegt wird, sondern muss dies auch hinterfragen.
      - Die staatlichen Aufsichtsbehörden beim Auftreten von Hinweisen auf eine unangemessene Geschäftsführung diesen aktiv mit fachkundigem Personal zügig nachgehen müssen.

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