Kommentar: Macron nahm Deutschunterricht – und überstrahlt seine Gastgeber

Vielleicht ist es unfair, Emmanuel Macron zum Maßstab für Olaf Scholz und Frank-Walter Steinmeier zu machen. Schließlich ist das Amt des französischen Staatspräsidenten anders angelegt. Macron vereint zwei Rollen, die sich Kanzler und Bundespräsident qua Verfassung untereinander aufteilen. Er hat die Macht der Politik und die Macht des Wortes.
Dennoch hinterlässt der Macron-Besuch ein Gefühl, dass Deutschland an der Spitze der Regierung und an der Spitze des Staates gerade etwas fehlt. Wo der Kanzler zögert, strotzt der französische Präsident vor Handlungswillen. Wo Steinmeier nach den richtigen Worten sucht, hält Macron emotional aufgeladene und visionäre Reden.
Und das sogar auf Deutsch, wie beim Trauerstaatsakt für Wolfgang Schäuble im Januar und nun vor der Frauenkirche in Dresden. Macron hat sich schon vor einiger Zeit einen Deutschlehrer genommen, um die Sprache des Nachbarn zu üben. Es ist nicht nur eine charmante Geste.
Macron hat die Bedeutung von Symbolen verstanden, um politische Interessen durchzusetzen. Das ist oft sehr mühsam und kann auch lange dauern. Im Verhältnis zu Deutschland verfolgt der französische Präsident aber einen langfristigen Plan: Er möchte mit den Nachbarn die EU in der sich verändernden Welt des 21. Jahrhunderts als Macht neu positionieren – wenn auch nach seinen Vorstellungen.
Darum hat er die zentralen Forderungen seiner Sorbonne-Rede bei seinem bejubelten Auftritt in Dresden noch einmal übersetzt. „Errichten wir ein mächtiges, ein souveränes und ein humanistisches Europa.“ Das sind die deutschen Untertitel zur französischen Originalversion.
„Ich zähle auf Sie!“ Mit diesem Aufruf meinte Macron nicht nur die europäische Jugend, an die er sich in Dresden offiziell wandte, sondern gerade auch die politischen Entscheidungsträger in Deutschland.
Mit der Wortmacht während seines Staatsbesuchs setzte der Präsident dann auch den Ton für die Gespräche beim deutsch-französischen Ministerrat in Meseberg. Die Differenzen zwischen Paris und Berlin bleiben natürlich. Bei ihrer Agenda für mehr Wachstum und eine größere Wettbewerbsfähigkeit, mit der Scholz und Macron die Linie der nächsten EU-Kommission prägen wollen, werden unterschiedliche Sichtweisen in entscheidenden Fragen wie der Haushalts- und Handelspolitik weiter mit vagen Formulierungen übertüncht.
Es stimmt: Macron hat bei einigen Dingen noch nicht geliefert, etwa bei der Sanierung der französischen Staatsfinanzen. Für die deutschen Positionen mag es außerdem gute Gründe geben. Doch das Bild des Schaumschlägers, das manche in Berlin von ihm verbreiten, ist ebenso falsch wie arrogant. Die politische Symbolik, mit der Macron auch auf dem Staatsbesuch in der Bundesrepublik seine Interessen unterfütterte, darf nicht mit Symbolpolitik verwechselt werden.
Macron sprüht vor strategischem Gestaltungswillen. Scholz spielt auf Defensive, ohne mit eigenen Plänen für Europa von einer vergleichbaren Tragweite aufwarten zu können. Vielleicht nimmt sich der Kanzler einen Französischlehrer. Es wäre ein Anfang.