Morning Briefing: Die Fed schaut in die Glaskugel und sieht schwierige Zeiten
Konjunktur: US-Notenbank korrigiert Prognose / Türkei: Erdogan spielt Autokrat
Liebe Leserinnen und Leser,
viermal im Jahr schaut das Federal Open Market Committee der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) in die Glaskugel und veröffentlicht seine Projektion für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung. Gestern wurde es wieder Zeit für diesen sogenannten „Dot Plot“, und das zum ersten Mal seit der Amtseinführung Donald Trumps. Das Ergebnis: Auch die Fed ist vom aktuellen Kurs des Präsidenten verunsichert.
So rechnen die Notenbanker im laufenden Jahr nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent. Bei der vorherigen Projektion waren sie noch von 2,1 Prozent ausgegangen. Gleichzeitig hoben die Geldpolitiker ihre Inflationserwartungen an, von 2,5 auf 2,7 Prozent bis zum Jahresende. Angesichts der diffusen wirtschaftlichen Erwartungen möchte die Fed beim Leitzins erstmal abwarten. Er verharrt auf der Spanne von 4,25 bis 4,5 Prozent, was von den Märkten so erwartet worden war.
Erdogan auf dem Weg in die Autokratie
Noch sind nicht alle Hintergründe klar, aber es sieht doch stark so aus, als wolle sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seines stärksten politischen Gegners entledigen. Sicherheitskräfte sind gestern massiv gegen die oppositionelle Republikanische Volkspartei (CHP) vorgegangen. Der Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoglu, und mehr als 100 weitere Personen wurden festgenommen.
Der von der Zentralregierung in Ankara ernannte Gouverneur der Stadt verhängte bis Sonntag ein viertägiges Demonstrations- und Versammlungsverbot sowie eine Nachrichtensperre. Imamoglu werden die Führung einer kriminellen Organisation, Verbindung zu einer Terrororganisation und Korruption vorgeworfen. Beobachter bewerten diese Vorwürfe als absurd. Oppositionelle Politiker mit Vorwürfen von Terrorismus und Korruption aus dem Verkehr zu ziehen und Demonstrationen zu verbieten, klingt wie ein Kapitel aus dem Lehrbuch „Einführung in die Autokratie“. Es wäre nicht das erste Kapitel dieses Buches, das der türkische Präsident in die Tat umsetzt.
Trumps neue Möglichkeiten in der Ukraine
Für den US-Präsidenten wird Geopolitik mehr und mehr zu einer Art imperialistischem Monopoly. Den Panamakanal würde er gerne kaufen, Grönland sowieso, den Gazastreifen findet er als Immobilienentwickler höchst spannend, und aus der Ukraine hätte er gerne die Rohstoffe und neuerdings auch die Atomkraftwerke. Bei seinem gestrigen Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Selenskyj schlug Trump vor, die USA könnten dortige Kraftwerke übernehmen. Trump führte aus:
Die USA argumentieren, Putin so vom Beschuss der Kraftwerke abzuhalten, um den im Raum stehenden Waffenstillstand gegen Ziele der Energieinfrastruktur durchzusetzen. Das Kalkül Trumps ähnelt dabei dem des bisher nicht zustande gekommenen Rohstoffdeals. Die USA möchten wirtschaftlich profitieren und hoffen, dass Putin es nicht wagt, Ziele mit amerikanischen Beteiligungen anzugreifen.
„Jahrhunderttransformation“ der Autoindustrie
Mercedes-Chef Ola Källenius hat im Handelsblatt-Interview einige interessante Diagnosen zum aktuellen Zustand seiner eigenen Branche getätigt. Die Autobranche sei in einer „schizophrenen“ Lage, sagte Källenius.
Beides sei nötig, um gegen neue Wettbewerber bestehen zu können. In den nächsten drei bis sechs Jahren dürfte es für die Autobauer kaum einfacher werden und selbst ein Koloss wie Mercedes, so muss man die Källenius-Ausführungen interpretieren, kämpft dabei potenziell um sein wirtschaftliches Überleben.
Die Autoindustrie stecke in einer „Jahrhunderttransformation“ analysiert der Mercedes-Chef. Er betont im Interview auch, wie wichtig das Exportgeschäft vor allem für die Autobranche ist und erklärt, wie sein Unternehmen auf die drohenden hohen amerikanischen Zölle reagieren will. Källenius macht dabei auch einen Vorschlag, der wohl bei der US-Regierung kaum auf Gegenliebe stoßen dürfte: „Lasst uns doch die Zölle beidseitig auf null absenken.“
Deutsche Bank will Stellen abbauen
Die Deutsche Bank will ihr Filialnetz weiter ausdünnen und rund 2000 Stellen streichen. Das kündigte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing gestern auf einer von Morgan Stanley organisierten Konferenz an. Im vergangenen Jahr hat die Frankfurter Bank bereits 125 Filialen geschlossen. Die Schließungen sind Teil von Sewings Programm mit dem Namen „Deutsche Bank 3.0“, mit dem er den Dax-Konzern auf Gewinn und Wachstum trimmen will.
Das Dilemma der Familienunternehmen
In Weinheim an der badischen Bergstraße steckt der Mischkonzern Freudenberg in einem Dilemma, in dem sich derzeit viele Familienunternehmen befinden. Denn das Unternehmen spielt mit der Idee, Komponenten an die Rüstungsindustrie zu liefern. „Das Thema muss besprochen werden“, betont Freudenberg-Chef Mohsen Sohi. Damit steht Freudenberg möglicherweise vor einem elementaren strategischen Richtungswechsel.
Bisher hat sich der Konzern Geschäfte mit der Rüstungsindustrie selbst untersagt. „Wir stellen keine Produkte her, die dazu bestimmt sind, Menschen Schaden zuzufügen (zum Beispiel Waffen)“, heißt es in den Geschäftsgrundlagen. Doch jetzt sieht Firmenchef Sohi keine andere Wahl, als sich den aktuellen weltpolitischen Themen zu stellen. Vom geplanten dreistelligen Milliarden-Euro-Schub bei Staatsinvestitionen erhofft sich auch Sohi Schwung fürs Geschäft. Die Statuten zu ändern, wäre auch aus historischer Perspektive heikel. Denn Freudenberg hat im Zweiten Weltkrieg Rüstungskomponenten produziert – auch mithilfe von Zwangsarbeitern.
Zum Abschluss noch ein Blick auf eine aktuelle ökonomische Debatte, die angesichts der Weltlage womöglich an Ihnen vorbeigegangen ist. Es geht um den Wirtschaftsfaktor Biber und die Frage, ob die Nager wichtige Leistungsträger unserer Volkswirtschaft sind oder doch eher Problembiber, die man zum Abschuss freigeben sollte. Die Biberpopulation in Deutschland hat sich erholt, weshalb immer mehr Landwirte Überschwemmungen durch Biberdämme beklagen.
In Tschechien zeigte sich allerdings kürzlich, was die Biber leisten können, wenn man sie lässt. In der Nähe von Prag sollte ein Bach renaturiert werden, die Anträge waren genehmigt. Doch als die Bagger loslegen wollten, waren die geplanten Dämme bereits fertig – von Bibern in kurzer Zeit errichtet.
Ich schlage vor, wir überlassen den flotten Bibern einfach unsere schwierigsten Bauprojekte – Stuttgart 21 oder der Elbtower würden mir da einfallen. Erweisen sich die Tiere dort als ebenso flinke Bauherren, dürfte das Thema Abschuss wohl vom Tisch sein.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem sich unangenehme Aufgaben von selbst erledigen.
Es grüßt Sie herzlich Ihre
Teresa Stiens