Ukraine-Krieg: Europa spielt nach Amerikas Regeln
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!
Das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin hatte vor allem ein Ergebnis: mächtige Bilder.
Bilder von zwei Männern, die zwar geopolitisch an unterschiedlichen Enden stehen, die aber ein ähnliches Verständnis von Macht besitzen und deshalb politisch dieselbe Sprache sprechen. Es sind Bilder, die vor allem dem russischen Präsidenten helfen, das Treffen in der Heimat als großen Erfolg zu verkaufen.
Stefan Meister, Russlandexperte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), sagte im Handelsblatt-Interview:
Als die beiden Präsidenten vor die Mikrofone traten, prangte hinter ihnen die Botschaft „Pursuing Peace“ – fast zynisch wirkte dies, wenn man bedenkt, dass Russland seine Angriffe auf die Ukraine auch während der Verhandlungen fortsetzte.
Putin durfte entgegen der Gepflogenheit als Erster das Wort ergreifen und konnte seine Interpretation über die Ursachen des Krieges unwidersprochen wiedergeben. Meister spricht von einem „neuen Tiefpunkt der US-Diplomatie“. Der Gipfel sei ein Desaster für die europäischen Bemühungen gewesen, die Ukraine zu stärken.
Heute werden die Europäer noch einmal versuchen, die Dynamik zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Es gilt zu verhindern, dass ihnen die ganze Sache unwiderruflich entgleitet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reist nach Washington und wird dabei von der selbsternannten „Koalition der Willigen“ flankiert.
EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, Nato-Generalsekretär Mark Rutte und die Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Finnland werden Selenskyj begleiten. Auf der Themenliste stehen Sicherheitsgarantien, territoriale Fragen, die fortdauernde Unterstützung der Ukraine und auch der Sanktionsdruck auf Moskau.
Das große Aufgebot ist der drängenden Sorge geschuldet, dass Trump und Putin über die Köpfe der Europäer hinweg über territoriale Fragen entscheiden könnten. Es dürfte der Versuch sein, Trump zu beeindrucken und im besten Fall zu beeinflussen.
Auch deshalb hatte sich Europa mit Kritik an dem amerikanisch-russischen Treffen am Wochenende auffallend zurückgehalten. Die Europäer wissen, dass ihnen nichts anderes übrigbleibt, als nach Amerikas Spielregeln zu spielen.
Hybridauto statt Holzpferd
Das trojanische Pferd des 21. Jahrhunderts ist keine Attrappe aus Holz, es ist ein Hybridauto. Mithilfe von Modellen wie dem „Seal 6“, einem Verbrenner mit zusätzlichem Elektromotor, will der chinesische Autohersteller BYD die Einfuhrzölle der Europäischen Union umgehen.
Das Argument: Das ist ja gar kein Elektroauto, der fährt ja hybrid. Denn seit Oktober 2024 erhebt die EU bis zu 45 Prozent Zölle auf Elektroautos „made in China“, weil sie dem Land wettbewerbsverzerrende Subventionen vorwirft. Doch es gibt Schlupflöcher, um hohe Aufschläge für die Einfuhr nach Europa zu vermeiden – und Hersteller wie BYD, MG und Geely haben sie offensichtlich entdeckt.
Dass chinesische Autobauer derzeit verstärkt auf Hybrid setzen, ist kein Zufall, sondern ein Strategieschwenk. Innerhalb eines Jahres hat Chinas größter E-Auto-Hersteller BYD die Zulassung von Hybridfahrzeugen in der EU um 17.000 Prozent gesteigert.
Beatrix Keim, Direktorin des Center Automotive Research, warnt deutsche Hersteller vor den Konsequenzen dieser Entwicklung. „Das sind Kampfpreise“, ist sie sich sicher und sieht Europa am Anfang einer Plug-in-Preisschlacht. Es ist eine Schlacht, die europäische Hersteller gegen die staatlich gepäppelten chinesischen Konkurrenten wohl kaum gewinnen können.
Mercedes’ großer Sprung nach vorn
Nicht nur in Europa, auch in China selbst droht ein Preiskrieg auf dem Automarkt. Perspektivisch dürften dort vielleicht nur zehn von 130 Fahrzeugmarken überleben, schätzte Mercedes-Chef Ola Källenius bei einem internen Topmanagement-Meeting im Juli.
Keine gute Nachricht für die deutsche Konkurrenz, denn im Sinne des „survival of the fittest“ könnten die Überlebenden der chinesischen Preisschlacht echte Produktivitätschampions werden. Mercedes will deswegen angreifen und plant ganz in chinesischer Tradition einen großen Sprung nach vorne was die Effizienz angeht. Ein hochrangiger Manager bei Mercedes betont:
Denn die Warenströme aus Europa in die Volksrepublik könnten trockengelegt werden, stattdessen sollen bis zu 100 Prozent der sogenannten Faktorkosten bei lokal gefertigten Modellen direkt vor Ort anfallen. Für Källenius eine Strategie gegen Preisverfall und Protektionismus – und gegen den eigenen Abgang. Denn wegen mehrerer Fehlschläge gerät Källenius derzeit immer mehr in die Kritik.
Die Hoffnung wird staatlich belebt
Es gibt diese Kennzahlen in der Wirtschaft, die eher selten in der Öffentlichkeit stehen und doch viel aussagen über die Stimmung in Deutschlands Unternehmen. Eine dieser Kennzahlen ist die Kreditvergabe an Firmenkunden. Denn leiht sich ein Unternehmen Geld, um es dann zu investieren, glaubt es an eine positive Zukunft, die das geliehene Geld vermehren kann. Momentan schauen viele Entscheidungsträger allerdings noch recht skeptisch in diese Zukunft.
Laut Berechnungen der staatlichen Förderbank KfW ist das Kreditneugeschäft im zweiten Quartal nur um 1,3 Prozent gewachsen. Das war weniger als im ersten Quartal mit 2,9 Prozent. Doch es gibt Hoffnung, die allerdings momentan noch künstlich belebt wird – und zwar vom Staat.
Denn der plant, in den nächsten zwölf Jahren 500 Milliarden Euro für Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz auszugeben. Jenny Körner, Kreditmarktexpertin bei KfW Research, beobachtet, dass sich die ersten Unternehmen so langsam auf mehr staatliche Investitionen einstellen. Allerdings rechnet sie damit, dass sich die positiven Auswirkungen der Fiskalpolitik erst Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres zeigen werden.
Wenn der Computer die Gedanken liest
Zum Abschluss werfen wir noch einen kurzen Blick auf ein neues Wunder der Technik. Die sogenannten BCI-Systeme können Gedanken lesen und Menschen mit Lähmungen oder eingeschränkter Muskelkontrolle ihre Sprache zurückgeben. Um das Programm davon abzuhalten, auch die intimsten Gedanken vorzulesen, gibt es eine simple Lösung: ein Passwort. Das System beginnt erst mit der Entschlüsselung, wenn die Nutzer an ein bestimmtes Wort denken.
Ich stelle es mir herausfordernd vor, dieses Wort nicht ständig im Kopf zu haben, wenn man es einmal festgelegt hat. Wenn ich Ihnen sage: Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten! Woran denken Sie? Richtig.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie Ihre Gedanken auch mal für sich behalten können.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt