Morning Briefing Plus – Die Woche: Wenn virtuelle und reale Welt verschmelzen – Der Rückblick des Chefredakteurs

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
willkommen zurück zu unserem gemeinsamen Blick auf die wichtigsten Nachrichten der Woche. Ich musste in den vergangenen Tagen öfter an das Jahr 1995 denken: als man auf den Straßen vereinzelt erste Handys sah, die SMS wurde gerade eingeführt. Und Deutschland beschäftigte sich mit der Frage, ob die Welt wirklich Mobiltelefone braucht.
Wohl eher nicht, meinten einige Kommentatoren, weil es ja ohnehin Telefonzellen an jeder Ecke gibt. Nun, heute gibt es keine Telefonzellen mehr.
Bei Technologiesprüngen machen Menschen oft den Fehler, die Gegenwart linear in die Zukunft fortschreiben zu wollen. Wie falsch man damit liegen kann, zeigt eine Forbes-Titelgeschichte, in der die Journalisten 2007 einfach die Wachstumszahlen des finnischen Handyherstellers Nokia fortgeschrieben hatten.
Genau an so einem Punkt stehen wir gerade wieder. Apple hat diese Woche mit seiner Vision Pro nicht einfach eine vernetzte Brille vorgestellt. Der Konzern hat die Tür zu einem neuen Computerzeitalter aufgestoßen. Denn diese Geräte werden die Art verändern, wie Menschen mit Computern interagieren – und wichtiger noch: Sie werden verändern, wie wir uns durch den digitalen Raum bewegen.
Apple-Chef Tim Cook stellte am Montag die 3500 Dollar teure Datenbrille Vision Pro vor.
Foto: BloombergUm das zu verstehen, müssen wir ein paar Jahre zurückgehen: In der frühen Phase des Internets mussten Nutzer klobige Rechner auf ihren Schreibtischen hochfahren, um ins Netz zu gehen. Dann kamen Laptops und das Internet erreichte das Sofa. Die größte Disruption aber waren Smartphones, die das Internet in jede Hosentasche brachten.
In einem nächsten Schritt verschmelzen nun reale und virtuelle Welt: Augmented Reality (AR) heißt diese Entwicklung, dadurch entsteht sozusagen eine mit digitalen Elementen angereicherte Realität. Während sie ihre Umgebung sehen, werden Nutzern zusätzlich für sie relevante Informationen angezeigt. Via Spracherkennung beantworten sie E-Mails, mit einem Blick oder einem Handstreich öffnen sie durch den Raum schwebende Apps. Futurologen sagen voraus, dass solche Geräte in Teilen Laptops und Tablets ersetzen können.
Das brauchen Sie alles nicht? Mag sein, bislang ist tatsächlich noch unklar, wie Menschen die neuen Geräte nutzen werden. Aber denken Sie an die Telefonzellen-Debatte vom Anfang. Das Gerät ist zu schwer? Vergessen Sie nicht, dass die ersten Handys durchaus mehrere Kilo wogen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass AR-Brillen in ein paar Jahren noch so groß sind wie heute. Sie wollen keine Brille tragen? Auch das dürfte sich in ein paar Jahren erledigt haben. In den Laboren arbeiten Forscher längst an vernetzten Kontaktlinsen.
Egal wie Sie nun dazu stehen: Die nächsten Jahre werden interessant. Solche Technologiesprünge schaffen nämlich immer auch Raum für neue Geschäftsmodelle. Als Steve Jobs 2007 das iPhone präsentierte, gab es den App Store noch nicht einmal. Daraus wurde in den Jahren darauf ein milliardenschwerer Wirtschaftszweig. Mal sehen, was nun alles entsteht.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Die EU verliert die Geduld mit den Mitgliedstaaten: Die Umsetzung von Sicherheitsvorkehrungen für 5G verlaufe zu langsam, mahnt EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton bei einem Treffen mit den Chefs europäischer Mobilfunkkonzerne in Brüssel, hört unser Büroleiter Moritz Koch. Breton fordert, sicherheitskritische IT-Komponenten von chinesischen Herstellern aus den Netzen zu entfernen – um Schwachstellen und Abhängigkeiten zu verringern. Es ist klar, welches Unternehmen hier im Fokus steht: Huawei.
2. „Cybertruck“ nennt Elon Musk das bullige Gefährt, mit dem Tesla den Markt für Pick-ups aufrollen will. Seit 2019 gibt es einen Prototyp, die Serienproduktion kommt aber einfach nicht in Gang. In den Tesla-Files, mit denen das Handelsblatt vor zwei Wochen weltweit Schlagzeilen machte, hat unser Investigativteam nun ein Dokument gefunden, das eine Erklärung für die immer neuen Verzögerungen nahelegt. Der mutmaßliche Statusbericht beschreibt Probleme beim Lenken, Beschleunigen und Bremsen – praktisch bei allem also, was das Fahren ausmacht. Wer das als geheim gestempelte Dokument mit dem vergleicht, was Musk seit Jahren ankündigt, dürfte sich wundern.
Cybertruck von Tesla macht Probleme.
Foto: Tesla [M]3. Das Chaos an den Märkten blieb zwar erst einmal aus: Der Zahlungsausfall der US-Regierung ist abgewendet. Doch nun müssen die leeren Staatskassen schnell gefüllt werden, dafür muss das US-Finanzministerium den Markt mit Anleihen regelrecht fluten, Analysten rechnen mit einem Volumen um die 1,1 Billionen US Dollar. An den Aktienmärkten dürfte das schnell zu spüren sein. Aber das ist nicht das einzige Problem für Anleger. Mein Kollege Frank Wiebe hat alle Details.
4. Aus gutem Grund sprechen wir hier oft über Taiwan. Sicherheitsexperten bezeichnen den Inselstaat, den China für sich beansprucht, als den gefährlichsten Ort der Welt. Aber wie fühlt sich eigentlich das Leben in Taiwan an? Mit dieser Frage ist Dana Heide nach Taipeh gereist. In einem lesenswerten Report beschreibt sie einen Alltag zwischen Katastrophenübungen, Notfallplänen und rosa Kirschblüten.
Taiwans Präsidentin Tsai Ing-Wen und Chinas Staatspräsident Xi Jinping (r.).
Foto: Reuters (3)5. Den Verdacht gab es lange, dass Peking mithilfe von chinesischen Gastwissenschaftlern in Deutschland Firmengeheimnisse ausspioniert. Konkrete Fälle aber waren bislang kaum bekannt, bis jetzt. Ein Handelsblatt-Reporterteam hat sich der Sache nun angenommen. Sie haben mit Geheimdienstlern gesprochen, in Unternehmen recherchiert – und sie können einen konkreten Fall nachzeichnen, der sogar das Potenzial hat, die für den 20. Juni geplanten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen zu belasten. Die Geschichte zeigt, dass die Sorgen der deutschen Sicherheitsbehörden alles andere als unbegründet sind.
6. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Meldungen über Drohnenangriffe in der Ukraine. Doch dahinter stecken meist eher traditionelle Geräte, die teils sogar bei Amazon zu haben sind. Rüstungskonzerne bringen gerade die nächste Generation der KI-gesteuerten, unbemannten Flugobjekte heraus. Unsere Reporterin Larissa Holzki hat sich die Drohnen einmal genauer angesehen und beschreibt, wie sie Kriege in Zukunft verändern werden.
7. Die Inflationsraten sinken – und es ist ein allgemeines Aufatmen zu spüren. Doch dafür ist es zu früh, argumentiert ein Autorenteam rund um Meinungschef Jens Münchrath in unserem großen Titel zum Wochenende. Zahlreiche Argumente sprechen dafür, dass wir uns an dauerhaft höhere Inflationsraten, schwache Wachstumsraten und Turbulenzen an den Märkten gewöhnen müssen. Ihr Fazit: Wir stehen vor einer neuen Finanzwelt, in der sich herausstellen könnte, dass unser Wohlstand – zumindest in Teilen – eine Illusion ist. Was das für Politik, Notenbanker und Anleger bedeutet, beschreibt unsere große Coverstory zum Wochenende.
Hohe Inflation und überforderte Notenbanken: Eine Vielzahl von Krisen hat unseren Wohlstand ins Wanken gebracht. Ist er nur noch eine Illusion?
Foto: Handelsblatt8. Was passiert eigentlich, wenn Maschinen Menschen besser verstehen, als Menschen sich selbst verstehen? Dieser Frage geht unsere Autorin Miriam Meckel diese Woche in ihrer Kolumne „Kreative Zerstörung“ nach. Und so viel vorab: Es bringt bahnbrechende Veränderungen – auch für Marketing und Meinungsforschung.
9. Es gibt eine Technik, die mich seit vielen Jahren fasziniert, weil sie nichts weniger als eine Revolution der konventionellen Landwirtschaft ist: Vertikale Indoor-Farmen, in denen Ernährungspflanzen aller Art unter optimalen Bedingungen wachsen können. Anna Gauto beschreibt die neuesten Innovationen. Dabei ist mir eine Zahl besonders in Erinnerung geblieben: Vertikale Farmen, so versprechen Forscher, können pro Hektar 6000-mal mehr Weizen produzieren als ein herkömmliches Feld. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass sich viele der großen Probleme unserer Zeit nur mit Technologie lösen lassen.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt
Das Morning Briefing plus können Sie im Rahmen Ihres Handelsblatt-Digitalabonnements kostenfrei erhalten oder hier separat abonnieren.