Morning Briefing: Risiko ist out, Sicherheit ist in – Anleger fürchten US-Rezession
Finanzmarkt: Angst vor einer US-Rezession / Bundesregierung: Machtkampf um Kabinettsposten
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
die Angst vor einem globalen Zollstreit erfasst die Finanzmärkte und lässt Anlegerinnen und Anleger immer hektischer nach sicheren Häfen für ihr Kapital suchen. Im Börsenjargon spricht man vom sogenannten Risk-off-Modus. Risiko ist out, Sicherheit ist in. Das bedeutet, dass Aktien und Kryptowährungen unattraktiver werden, während die Kurse für Gold und Staatsanleihen steigen.
Die Investmentbank Goldman Sachs taxiert das Risiko für eine Rezession in den USA in den nächsten zwölf Monaten mittlerweile auf 35 Prozent. Grund ist die schlechte Stimmung in Wirtschaft und bei Privathaushalten sowie die Ankündigung der Regierung, kurze ökonomische Schwächephase hinzunehmen.
Mark Haefele ist eine Art Influencer der Finanzwelt. Bei der Großbank UBS verwaltet er mit seinem Team 4,2 Billionen Dollar an investiertem Vermögen – daher wird sein Rat von Profiinvestoren und von Kleinanlegern gleichermaßen verfolgt. Er rät Anlegerinnen und Anlegern dazu, in Zeiten, in denen Regierungen etwa in Europa und in China große Summen an Geld investieren, den großen Trends zu folgen und für Turbulenzen gerüstet zu sein. Das sogenannte „Stock-Picking“ einzelner Aktien reiche heutzutage nicht mehr aus.
Auf die Frage meiner Kollegin Astrid Dörner, ob Haefele überrascht sei, dass europäische Aktien amerikanische derzeit hinter sich lassen, antwortet er: „Zugegeben, die Konjunkturmaßnahmen in Deutschland haben uns positiv überrascht.“ Wenn der Rest Europas nachziehe, könnte daraus eine echte Dynamik entstehen. Doch er warnt auch davor, die Korrekturen der großen Tech-Aktien und den schlechten Kurs des Aktienindexes S&P 500 überzubewerten. Haefele sagt: „Wir sehen immer noch Wachstum in der US-Wirtschaft, die Gewinne sind stark, und es ist immer noch unser wahrscheinlichstes Szenario, dass der S&P zum Jahresende höher liegt als heute.“
Wer gewinnt den Berliner Machtkampf?
Dass die Politik ein hartes Spiel ist, zeigt sich in der ein oder anderen martialischen Metapher. Im aktuellen Postenpoker um die wichtigsten Ministerämter ist das letzte Wort erst am Ende der Koalitionsverhandlungen gesprochen – nach der sogenannten „Nacht der langen Messer“. Der Ausdruck beschreibt, wie sich politische Kontrahenten gegenseitig auf dem Weg zur Macht aus dem Weg räumen. Historisch ist die „Nacht der langen Messer“ allerdings vor allem mit dem Vorgehen Adolf Hitlers gegen die SA assoziiert. Damals ließ Hitler unter anderem SA-Führer Ernst Röhm ermorden. So brutal dürfte es im Berlin des Jahres 2025 nicht zugehen, doch auch zwischen Union und SPD wird es wohl noch einige politische Opfer geben.
Langsam zeichnet sich ab, wer sich am Ende der internen Machtkämpfe um einen Posten auf der Regierungsbank durchsetzen könnte. Hier einige mögliche Konstellationen:
- Außenministerium: Die SPD könnte das Außenamt der CDU überlassen. Als mögliche Kandidaten gelten Armin Laschet, Norbert Röttgen oder Johann Wadephul.
- Wirtschaftsministerium: Für das Wirtschaftsressort kommen Jens Spahn (CDU), aber auch Hubertus Heil (SPD) oder Verena Hubertz (SPD) in Frage.
- Finanzen: Die SPD besteht darauf, das Finanzressort als Gegengewicht zum Kanzleramt zu übernehmen. Als wahrscheinlichste Besetzung gilt SPD-Chef Lars Klingbeil.
Aus für das Verbrenner-Aus?
Auch innerhalb der EU-Kommission findet momentan ein Machtkampf statt. Sein Ausgang dürfte große Auswirkungen auf die deutsche Automobilindustrie haben. Es geht um die Zukunft des Verbrennermotors. Im Kern dreht sich der Streit um ein noch nicht veröffentlichtes Dokument zu Abgasvorschriften für Fahrzeuge, das meiner Kollegin Olga Scheer in Brüssel vorliegt.
In einer ersten Version des Dokuments gab die EU-Kommission noch ein klares Bekenntnis zum für das Jahr 2035 beschlossenen Verbrenner-Aus ab. In der neusten Version des Dokuments, die dem Handelsblatt vorliegt, ist dieses Bekenntnis nicht mehr enthalten. Es scheint also, als setzten sich die Befürworter des Verbrenners nun durch – im Sinne der deutschen Autoindustrie.
Trump strebt dritte Amtszeit an
In den USA können politische Beobachter im Zeitraffer der Demontage einer jahrhundertealten Demokratie beiwohnen. Die US-Regierung unter Donald Trump geht dabei exakt nach dem Lehrbuch vor und lässt keine Schritte aus: Die Einschränkung von Presse- und Wissenschaftsfreiheit ist genauso im Repertoire wie das Ignorieren juristischer Entscheidungen und neuerdings auch die Aushebelung machtbeschränkender Faktoren. Eigentlich dürfen Präsidenten in den USA laut dem 22. Verfassungszusatz nur zwei Amtszeiten lang regieren. Doch mittlerweile denkt Donald Trump laut über einen dritten Term nach.
Marine Le Pen darf nicht mehr antreten
Während Donald Trump von einer dritten Amtszeit träumt, muss die französische Rechtsnationale Marine Le Pen ihren Traum von der Präsidentschaft wohl vorerst begraben. Ein Gericht hat die Galionsfigur des Rassemblement National (RN) gestern wegen Veruntreuung von EU-Geldern zu einer vierjährigen Haftstrafe sowie zu einer Strafzahlung von 100.000 Euro verurteilt. Besonders bitter für Le Pen dürfte allerdings sein, dass ihr das Gericht auch das passive Wahlrecht entzog. Das bedeutet, dass sie 2027 voraussichtlich nicht zur Präsidentschaftswahl antreten darf.
Handelsblatt-Frankreich-Korrespondent Gregor Waschinski warnt, dass das Urteil den Opfermythos der Rechten anheizen könnte – obwohl die Rechtslage klar sei. Mein Kollege schreibt:
Sorge vor neuer Chipkrise
Als gäbe es nicht schon Krisen genug, steht die Weltwirtschaft jetzt auch noch vor einer erneuten Chipkrise. Experten warnen vor Lieferengpässen zum Jahresende. Der Grund: Die Kunden bestellen wieder deutlich mehr, während die Halbleiterhersteller zuletzt kaum Geld für neue Werke ausgegeben haben. Treffen wird dies nach Ansicht von Marktbeobachtern insbesondere die Autohersteller, aber auch andere für Deutschland wichtige Branchen wie die Medizintechnik oder Rüstung – Industrien also, die auf Halbleiter angewiesen sind.
Gerne hätte ich Sie heute mit einem kleinen Aprilscherz in den Tag entlassen. Doch es sind schlechte Zeiten für gute Witze, denn absurder als die Realität kann es kaum noch werden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber die letzten Wochen fühlen sich für mich an wie ein nicht enden wollender Aprilscherz. Die USA wollen Grönland annektieren? April, April. Da wären Sie jetzt fast drauf reingefallen.
Lassen Sie uns alle hoffen, dass wir uns in einer besonders langen Folge von „Versteckte Kamera“ befinden. Es wäre dringend an der Zeit, das mal aufzulösen.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie sich nicht veräppeln lassen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Teresa Stiens