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Morning Briefing Wenn das Virus Waffen zum Schweigen bringt

16.04.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wie ein Leuchtfeuer in dunkler Nacht wirkt, was Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron aktuell verkündet hat. Er habe die Unterstützung der USA, Chinas und des Vereinigten Königreichs für eine große Initiative: einen globalen Waffenstillstand während der Zeit der Corona-Pandemie. Und er sei guter Dinge, so Macron weiter, sich auch der Hilfe des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin versichern zu können. Dem Mann aus dem Élysée geht es um den Rückhalt der permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats für einen Aufruf von UN-Generalsekretär Antonio Guterres, angesichts der Virusgefahr die Waffen in den ohnehin nicht mehr funktionsfähigen Kriegsstaaten schweigen zu lassen. Auch Papst Franziskus hat Waffenruhe angemahnt: „Setzen wir uns dafür ein, dass die Todesschreie verstummen, genug der Kriege! Die Produktion und der Handel von Waffen mögen gestoppt werden, denn wir bedürfen des Brotes und nicht der Gewehre.“

Quelle: via REUTERS
Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von einem „zerbrechlichen Zwischenerfolg“.
(Foto: via REUTERS)

Aus der Finanzkrise kennen wir die Formel vom „The New Normal“. Sie schließt eine Welt ohne Zinsen ein, in der der Kampf gegen Inflation ein Kampf gegen Deflation ist. Auch in der nächsten großen Weltkrise, der Corona-Pandemie, werden wir uns an eine neue Normalität gewöhnen, die uns vor sechs Monaten noch als Fantasie eines durchgedrehten Science-Fiction-Horror-Autors erschienen wäre. Zum „New Normal 2020“ gehört, was Bund und Länder gestern gegen das sich weiter ausbreitende Virus Sars-CoV-2 beschlossen haben: bis Anfang Mai Kontaktsperre, Grenzkontrollen und geschlossene Schulen, keine Großveranstaltungen bis Ende August, aber Öffnung erster (kleinerer) Geschäfte nächste Woche. Im Zweifel für die Vorsicht und gegen den Übermut, das ist die Botschaft nach dem erreichten „zerbrechlichen Zwischenerfolg“ (Angela Merkel). Die Botschaft kam am Tag, an dem die Welt erstmals mehr als zwei Millionen Infizierte meldete.

Wir werden uns also neue Routinen angewöhnen müssen, denn sie ermöglichen eine „Handlungsautonomie“, erklärte bereits der britische Soziologe Anthony Giddens. Er spricht vom „hohen Wert der Gewohnheit“ – die bald darin bestehen wird, Mundschutz in Bahn und Bus zu tragen, auf 1,50 Meter Distanz zu achten und Desinfektionsmittel in der Handtasche mitzuführen. Bierzeltfreunde werden 2020 auf die Routine des Oktoberfests verzichten müssen: Das kann sich Ministerpräsident Markus Söder, der „Red Adair“ der Corona-Bekämpfung, schon heute „kaum vorstellen“.

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    Sicher: Für die Ungeduldigen unter uns ist die neue Normalität ein Horrorbild der Geldvernichtung. Wirtschaftsverbände kritisieren deshalb die gewählte zögerliche „Exit“-Politik. Da ist der Unternehmer, dessen Maschinen rosten (auch wenn VW wieder startet). Da sind die Dienstleister, die Aufträge verlieren, die Kurzarbeiter mit weniger Einkommen, die Vermieter mit Mietausfall, die Banken mit Kreditrisiko. Und doch: Die Lage erlaubt die alte Fröhlichkeit des „Schaffenlandes“ noch nicht. Von „Lockerungen mit Augenmaß“ schreibt Chefredakteur Sven Afhüppe im Leitartikel, die schrittweise Abkehr vom Shutdown sei der „richtige Weg“, der die Warnungen der Mediziner und die Sorgen der Wirtschaft berücksichtige. Etwas allerdings sei unbefriedigend: die fehlenden Konzepte zur Öffnung der Schulen. Hier ist „Nachsitzen“ Pflicht.

    Quelle: AFP
    Frankreichs Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire: „Die Zukunft der EU als politischer Kontinent, als Währungsunion und als Wirtschaftsmacht steht auf dem Spiel.“
    (Foto: AFP)

    Leider nur ein Vakuum herrscht in der Frage der Corona-Bewältigung dort vor, wo nach den schönen Rhetorik-Etüden der Ursula von der Leyen das Zentrum des modernen Europas ist: in Brüssel. Unsere französischen Nachbarn lassen nichts unversucht, mehr Schwung ins Krisenmanagement zu bekommen. Und so sagt Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire mehreren europäischen Zeitungen, darunter dem Handelsblatt, dass in Sachen Pandemie „die Zukunft der EU als politischer Kontinent, als Währungsunion und als Wirtschaftsmacht“ auf dem Spiel stehe. Er plädiert dafür, eine Billion Euro in einen Wiederaufbaufonds für Covid-19-Leidtragende wie Italien und Spanien zu stecken und dabei „neuartige Finanzierungsinstrumente“ auszuprobieren. Das bei der Union und Olaf Scholz auf dem Index stehende Wort „Euro-Bonds“ vermeidet er.

    Angepasst an „The New Normal“ des Finanzwesens haben sich viele deutsche Sparkassen und Volksbanken – und sind Bauherren und Vermieter von Immobilien geworden. Da das klassische Zinsgeschäft inzwischen so aussichtsreich ist wie der Zitronen-Anbau in Neufundland, verdienen die Geldinstitute kurzerhand dort ihr Geld, wohin es auch betuchte Anleger zieht. Nichts geht über ein schönes „alternative investment“. Den Trend beschreiben die Kollegen aus dem Finanzressort in einem großen Report. Und zitieren den CDU-Politiker Sepp Müller, der die Sparkassen anmahnt, sich bloß nicht vor den Karren der Kommunen spannen zu lassen: Die dürften sich beim Thema Wohnungsbau nicht aus der Verantwortung stehlen und sagen: „Sparkasse, mach mal!“

    Haben Sie schon einmal von Rush Limbaugh gehört? Von dem rechtskonservativen US-Radiomoderator, der täglich 15 Millionen Amerikaner drei Stunden lang live beschallt mit Erkenntnissen einer Güteklasse, in der Coronavirus als „gewöhnliche Erkältung“ gilt? Heiserkeit ist hier Heiterkeit. Der Infotainer ist auch der Grund, warum US-Präsident Donald Trump von einem geradezu schrillen Plan wieder Abstand nahm: einer eigenen Zwei-Stunden-Radioshow, um das Volk wegen Corona zu beruhigen. Trump selbst schlug offenbar im März seiner Corona-Taskforce vor, in einer solchen Sendung eine Hotline einzurichten, über die Bürger anrufen und Fragen stellen könnten. Dann aber kam der Präsident selbst darauf, dass er seinem Golfpartner und Gesinnungsfreund lieber keine Konkurrenz mache wolle. Trump-Weisheiten verkündet Limbaugh schon von ganz alleine.

    Quelle: dpa
    Skyline von Hamburg hält sich offenbar zu unrecht für eine Gründermetropole.

    Und dann ist da noch die Freie und Hansestadt Hamburg, die sich selbst für eine Gründermetropole hält – offenbar ganz zu Unrecht, wie mein Kollege Christoph Kapalschinski recherchierte. „Hamburg ist Meister der Selbsttäuschung, was das Tech-Umfeld angeht“, wettert Gunnar Froh, Gründer des Navigationssoftware-Anbieters Wunder Mobility. Es fehlten Erfolge wie große Exits von Gesellschaftern, es gäbe aber viel „PR-Sprech und Zuckerguss“. Man erinnert sich wehmütig an die Zeit der „Online-Kapitäne“ vor 20 Jahren mit Namen wie Kabel New Media, Pixelpark und Netzpiloten sowie der Deutschlandzentrale von AOL. Bei Start-ups ist Hamburg gegenüber München und Berlin klar ins Hintertreffen geraten, ergibt die Analyse. Mit About You gibt es an der Elbe zwar ein „Einhorn“ – aber das ist eine Gründung des Otto-Konzerns.

    Ich wünsche Ihnen einen innovativen Tag ganz ohne Selbsttäuschung. Es grüßt Sie herzlich

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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