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Gas-Streit Nord Stream 2: Die größten Probleme der unvollendeten Pipeline

Noch nie war die Fertigstellung so unwahrscheinlich wie heute, noch nie lagen Gegner und Befürworter so weit auseinander: Das Handelsblatt erklärt den Streit um Nord Stream 2.
10.09.2020 - 19:01 Uhr 4 Kommentare
Baustelle in Mecklenburg-Vorpommern: Weshalb ist die Pipeline noch nicht fertig – und was würde ein Baustopp für Verbraucher bedeuten? Quelle: AFP
Streit um Nord Stream 2

Baustelle in Mecklenburg-Vorpommern: Weshalb ist die Pipeline noch nicht fertig – und was würde ein Baustopp für Verbraucher bedeuten?

(Foto: AFP)

Für die Bundesregierung war Nord Stream 2 lange ein rein „privatwirtschaftliches Projekt“, die geopolitischen Aspekte wurden verdrängt. Doch der Nervengiftanschlag auf den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny hat die Debatte auf den Kopf gestellt. Auch Berlin behält sich jetzt vor, die Pipeline als Machtinstrument zu nutzen. Das Bauvorhaben ist endgültig zum Spielball widerstrebender Interessen geworden, wirtschaftliche Erwägungen treten in den Hintergrund. Die wichtigsten Fragen und Antworten:


Nord Stream 2 ist doch so gut wie fertig. Weshalb kann die Pipeline nicht vollendet werden?

Es stimmt: Bis zur Fertigstellung der Pipeline fehlen nur wenige Kilometer. Doch der Bau steht still, nachdem die Vereinigten Staaten Ende 2019 ihre Sanktionen gegen das Projekt verhängt haben. Seit der Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny werden nun auch in Deutschland die Forderungen nach einem Ende des Projekts lauter. Die Bundesregierung sieht es nach Untersuchungen eines Speziallabors der Bundeswehr als zweifelsfrei erwiesen an, dass Nawalny mit dem militärischen Nervengift Nowitschok vergiftet wurde – und fordert Aufklärung von Russland. Die Pipeline wurde damit zum politischen Faustpfand.

Wie steht die Bundesregierung zu Sanktionen gegen Nord Stream 2? Ist das Verbot schon ausgemacht?

Nein. Zwar haben Außenminister Heiko Maas (SPD) und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Nord Stream 2 zur Disposition gestellt, sollte Russland den versuchten Giftmord an Nawalny nicht aufklären. Und Angela Merkel (CDU) schloss sich über ihren Sprecher dieser Haltung an. Man sollte diese Positionierung allerdings nicht überbewerten.

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    Merkel hat den Ausstieg aus dem Pipelineprojekt zwar als Option in den Raum gestellt, er ist aber kein bevorzugtes Mittel. Das öffentliche Infragestellen der Pipeline dienst vor allem dem Zweck, Moskau klarzumachen, wie ernst Berlin den Fall Nawalny nimmt. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) stellt den Sinn von Sanktionen sogar grundsätzlich infrage.

    Wie positionieren sich die Regierungsparteien zu Nord Stream 2?

    In den Koalitionsparteien ist das Stimmungsbild nicht eindeutig. In der Union hat die Pipeline prominente Gegner, aber auch einflussreiche Unterstützer, CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt etwa. Die SPD setzt sich traditionell für eine Entspannungspolitik gegenüber Moskau ein, das System Putin ist ihr jedoch zuwider. Angesichts der internen Debatten sind derzeit Einreisesperren und Finanzstrafen gegen russische Amtsträger, die mit dem Anschlag in Verbindung stehen könnten, weitaus wahrscheinlicher als die Aufgabe von Nord Stream 2 durch die Bundesregierung.


    Grafik

    Wie viel fehlt noch bis zur Fertigstellung der Pipeline?

    Die Pipeline besteht aus zwei parallel verlaufenden Strängen mit jeweils gut 1200 Kilometern Länge. In dänischen Gewässern fehlt noch ein Abschnitt von 64 Kilometern, in Deutschland sind es gerade mal 16 Kilometer. Es müssen also zur Fertigstellung beider Stränge noch Rohre auf einer Strecke von 160 Kilometern verlegt werden. Das entspricht etwas mehr als sechs Prozent der Gesamtlänge des Doppelstrangs.

    Könnte Nord Stream 2 das Gas billiger machen?

    Ja, aber das Ausmaß ist umstritten. Felix Matthes vom Öko-Institut ist davon überzeugt, die Pipeline habe „nur in sehr begrenztem Umfang“ Auswirkungen auf das Preisgefüge. Es gehe um Preiseffekte in einer Größenordnung von „wenigen Prozentpunkten auf dem Großhandelsmarkt und unterhalb der Nachweisgrenze für die meisten Verbrauchsbereiche“. Eine Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) an der Uni Köln kommt dagegen zu dem Ergebnis, dass die Pipeline für die europäischen Konsumenten einen Wohlfahrtsgewinn von mehreren Milliarden Euro pro Jahr bedeutete.

    Allerdings verweisen die Gegner der Pipeline darauf, dass die Untersuchung von der Betreibergesellschaft, der Nord Stream 2 AG, in Auftrag gegeben wurde. Am stärksten profitieren der EWI-Untersuchung zufolge neben Deutschland, das direkt an die Pipeline angeschlossen ist, Länder, die gut an das deutsche Gasnetz angebunden sind, wie beispielsweise Polen, Dänemark oder die Niederlande. Aufgrund des integrierten EU-Gasbinnenmarkts könnten die positiven Preis- und Wohlfahrtseffekte innerhalb Europas weiterverteilt werden. Experten der TU Ilmenau und der Stadtwerke München sagen zumindest eine „moderate“ Preisdämpfung voraus.

    Warum ist die Pipeline aus russischer Sicht so wichtig? 

    Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits rückt die russische Erdgasförderung immer weiter nordwärts, der Erdgastransit durch die Ukraine wird damit immer aufwendiger und ineffizienter. Andererseits wollen die Russen ihren Druck auf die Ukraine erhöhen. Die Spannungen zwischen den beiden Ländern haben eine historische Dimension, sie gehen weit über die energiewirtschaftlichen Beziehungen hinaus. Anfang 2006 und Anfang 2009 hatten die Russen den Gasfluss in die damals noch komplett von russischen Lieferungen abhängige Ukraine unterbrochen.

    Damals waren die Auswirkungen bis in die EU zu spüren: Wohnungen in Südosteuropa blieben kalt, es kam zur Beschränkung von Gaslieferungen an Unternehmen, auch in Deutschland. Wird Nord Stream 2 fertiggestellt, kann Moskau den Druck auf die Ukraine erhöhen, ohne fürchten zu müssen, den wichtigen Gasexport in die EU zu gefährden. Zwar hat sich Moskau dazu verpflichtet, auch nach einer Fertigstellung der Pipeline noch Gas durch die Ukraine zu leiten, allerdings in stark reduziertem Umfang. Die geopolitische Schwächung der Ukraine durch Nord Stream 2 ist eines der wichtigsten Argumente der Pipelinegegner und spielt gerade in den USA eine wichtige Rolle.

    Welche Kapazität hat die Pipeline?

    Die Kapazität der Pipeline liegt bei 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Das entspricht exakt der Kapazität der Schwesterpipeline Nord Stream 1, durch die seit 2011 Erdgas nach Deutschland fließt. Zusammengenommen übersteigt das rechnerisch den deutschen Jahresverbrauch von knapp 90 Milliarden Kubikmetern.

    Wie stehen die EU-Staaten zu der Pipeline?

    Auch unsere europäischen Nachbarn sind sich in der Frage nicht einig. Insbesondere osteuropäische Länder wie Polen, die baltischen Staaten und die Slowakei bekämpfen das Projekt. Die Motive dafür sind unterschiedlich. An erster Stelle steht das Argument, man wolle nicht noch abhängiger von russischen Gaslieferungen werden. Aber auch handfeste wirtschaftliche Interessen der einzelnen Staaten sind nicht zu unterschätzen. So will Polen selbst zu einer Drehscheibe für den Gashandel in der Region werden. Ein Bypass wie Nord Stream 2, der einen Bogen um Polen macht, passt da nicht ins Konzept.

    Für die Slowakei dürfte zudem eine Rolle spielen, dass das Land selbst von Transiteinnahmen profitiert: Die Leitungen, die russisches Erdgas durch die Ukraine nach Westeuropa bringen, führen auch durch die Slowakei. Die Transiteinnahmen würden durch Nord Stream 2 erheblich zurückgehen, weil die Pipeline einen Teil des Transits überflüssig machte.

    Und was sagt die EU-Kommission?

    In Brüssel überwiegt die Skepsis. Die EU-Kommission hat daher die Initiativen der Gegner der Pipeline unter den EU-Staaten stets unterstützt. Mehrere Anläufe, eine für Nord Stream 2 nachteilige Regulierung zu etablieren, scheiterten zunächst. Erst als sich auch die Franzosen im vergangenen Jahr dafür starkmachten, Pipelines aus Drittstaaten der Regulierung des EU-Binnenmarkts zu unterwerfen, kam die Kommission ihren Zielen näher.

    Die entsprechend geänderte EU-Binnengasmarktrichtlinie sieht zwar vor, dass Ausnahmen gewährt werden können. Doch die zuständige Bundesnetzagentur lehnte einen entsprechenden Antrag der Nord Stream 2 AG in diesem Jahr ab. Die Nord Stream 2 AG hat gegen die Entscheidung Beschwerde beim OLG Düsseldorf eingelegt.


    Bis zur Fertigstellung des Projekts fehlen nur noch wenige Kilometer. Doch die Chancen schwinden. Quelle: Reuters
    Rohre für die Pipeline im russischen Tscheljabinsk

    Bis zur Fertigstellung des Projekts fehlen nur noch wenige Kilometer. Doch die Chancen schwinden.

    (Foto: Reuters)

    Was bedeuten die europäischen Regeln für Nord Stream 2?

    Für die Leitung im deutschen Hoheitsgebiet der Ostsee gelten nun die gleichen Regeln wie für andere Pipelines, die ihren Start- und Endpunkt innerhalb der EU haben. Das bedeutet etwa, dass die Betreiber Dritten im deutschen Hoheitsgebiet diskriminierungsfrei Zugang zur Leitung gewähren müssen. Außerdem werden für diesen 54 Kilometer langen Abschnitt die Entgelte für die Nutzung der Pipeline von der Regulierungsbehörde kontrolliert. Das ist im Fall von Nord Stream 2 die Bundesnetzagentur.

    Gravierendere Folgen hat die sogenannte Entflechtung: Gasproduzent und Betreiber des Pipelinestücks auf deutschem Hoheitsgebiet dürfen nicht identisch sein. Wie die Betreibergesellschaft Nord Stream 2 AG praktisch mit dieser Auflage umgehen will, ist unklar.

    Wann soll die Pipeline fertig sein?

    Der ursprünglichen Planung nach hätte die Pipeline schon im Jahr 2019 fertiggestellt werden sollen. Doch im Dezember vergangenen Jahres hatten die USA mit ihren Sanktionsdrohungen gegen die Verlegeschiffe des schweizerischen Unternehmens Allseas einen Baustopp erzwungen. Kurz darauf, im Januar 2020, gab sich der russische Präsident Wladimir Putin noch zuversichtlich: „Wir werden das sicherlich eigenständig zu Ende bringen – unabhängig und ohne Beteiligung von ausländischen Partnern“, hatte der Kreml-Chef nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Januar gesagt. Er hoffe, dass die Gasleitung spätestens im ersten Quartal 2021 abgeschlossen werde und in Betrieb gehen könne, sagte er damals.

    Aus heutiger Sicht erscheint das aber unwahrscheinlich, zumal sich neue Sanktionsdrohungen aus Washington gegen alle Akteure richten, die die Fortführung der Arbeiten unterstützen. Selbst der Hafen von Mukran, das Logistik-Drehkreuz für die Verlegearbeiten, sieht sich solchen Drohungen ausgesetzt. Der Hafen gehört der Stadt Sassnitz und dem Land Mecklenburg-Vorpommern.

    Wer könnte die Verlegearbeiten vollenden?

    Das schweizerische Unternehmen Allseas, das die Fertigstellung der Arbeiten aufgrund der US-Sanktionsdrohungen Ende vergangenen Jahres einstellen musste, ist schwer zu ersetzen. Die Russen bemühen sich seit Monaten, die beiden eigenen Schiffe „Fortuna“ und „Akademik Tscherski“ für die Fertigstellung der Arbeiten umzurüsten. Brancheninsider sagen, das sei bislang noch nicht gelungen. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht. Die „Akademik Tscherski“ liegt untätig im Hafen von Mukran, die „Fortuna“ im Hafen von Rostock.

    Vielleicht lockern die USA ihre Sanktionen ja, wenn Donald Trump die Präsidentschaftswahl verliert?

    Das ist möglich, aber längst nicht sicher. Zu den außenpolitischen Prioritäten einer neuen US-Regierung dürfte zählen, das zerrüttete Verhältnis zu Europa und speziell zu Deutschland zu reparieren. Zudem lehnen außenpolitische Berater des Trump-Herausforderers Joe Biden Sanktionen gegen enge Verbündete eigentlich entschieden ab.

    Allerdings ist die innenpolitische Gemengelage in den USA im Fall von Nord Stream 2 für Berlin besonders ungünstig. Die Pipeline trifft auf überparteiliche Ablehnung, wenngleich aus unterschiedlichen Motiven. Präsident Trump geht es vor allem darum, der Bundesrepublik zu schaden, die er nicht als Alliierten, sondern als handelspolitischen Rivalen und sicherheitspolitischen Trittbrettfahrer sieht.

    Demokraten und Republikaner im Kongress betrachten einen Stopp der Pipeline dagegen als Instrument einer Eindämmungspolitik gegenüber Russland. Die Sanktionen, die Ende 2019 den temporären Baustopp von Nord Stream 2 bewirkt haben, waren eine Initiative des Parlaments, nicht der Regierung. Verständnis dafür, dass die Bundesregierung die Pipeline unterstützt, gibt es in Washington kaum. Selbst die Biden-Berater, die Sanktionen gegen Alliierte ablehnen, setzen darauf, dass Berlin das Projekt fallen lässt – aus eigener Einsicht.

    Wie wehren sich die Europäer gegen die US-Sanktionen?

    Die Europäer haben bisher kein effektives Gegenmittel gefunden. Zwar hat die EU die sogenannte Blocking-Verordnung aus den 90er-Jahren reaktiviert. Ihr Ziel ist es, „den unrechtmäßigen Auswirkungen von extraterritorialen Sanktionen, die von Drittländern verhängt werden, (…) entgegenzuwirken“, erläutert die EU-Kommission in einem Leitfaden. Konkret verbietet die Blocking-Verordnung europäischen Unternehmen, Sanktionsgesetze anderer Länder zu befolgen. In der Praxis hat sich diese Regelung aber als Papiertiger erwiesen.

    Schon die Drohung mit Sanktionen genügte Amerika, um europäischen Firmen seinen Willen aufzuzwingen. Auf Initiative der Bundesregierung wollen die Europäer die Blocking-Verordnung nun weiterentwickeln. Doch die US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 eignen sich als Testfall für die Bestrebungen zur Selbstbehauptung Europas denkbar schlecht. Deutsche Politiker betonen zwar empört, dass europäische Energiepolitik in Brüssel entschieden werden müsse, nicht in Washington. Doch das Problem ist, dass über Nord Stream 2 vornehmlich in Berlin und Moskau entschieden wurde, nicht in Brüssel; die Pipeline ist eben kein gesamteuropäisches Projekt. Erst diese Woche wieder sprach sich die polnische Regierung dafür aus, die Pipeline endgültig zu stoppen.

    Ist die Versorgung mit Erdgas gefährdet, wenn Nord Stream 2 nicht kommt?

    Nein, eine Gefährdung der Versorgung ist nach Einschätzung von Fachleuten nicht zu befürchten. Einerseits könnten die Russen den Gastransit durch die Ukraine wieder stärken, was sie allerdings nur schweren Herzens tun dürften. Andererseits gibt es für die Europäer Alternativen: Länder wie die USA und Katar bieten verflüssigtes Erdgas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) derzeit an wie Sauerbier. In der EU gibt es über 30 LNG-Terminals, die im Durchschnitt zu weniger als einem Drittel ausgelastet sind.

    Fachleute rechnen vor, dass sich rechnerisch 40 Prozent des europäischen Erdgasbedarfs über LNG abdecken ließen. Allerdings, auch darüber besteht Einigkeit, dürfte das zu steigenden Preisen führen. Denn LNG ist teurer als pipelinegebundenes Erdgas. Hauptursache dafür ist, dass die Verflüssigung mit erheblichem Aufwand verbunden ist. Zwar verfügt Deutschland im Moment noch nicht über ein eigenes LNG-Terminal. Das LNG könnte aber über Anlagen in Nachbarstaaten in das europäische Erdgasnetz eingespeist werden.

    Wie wird sich der Erdgasbedarf in Deutschland und Europa entwickeln?

    Das ist umstritten. Die Nord Stream 2 AG geht von einem steigenden Gasbedarf aus. Das deckt sich mit der Einschätzung der Internationalen Energie-Agentur (IEA). „Aufgrund des Kernenergie- und Kohleausstiegs wird der Erdgasbedarf für die Stromerzeugung trotz des massiven Ausbaus der erneuerbaren Energien zunehmen, zumal Erdgas auch als Reserveenergie für die Erneuerbaren benötigt wird“, heißt es im IEA-Länderbericht „Germany 2020“. Die wachsende Nachfrage nach Erdgas werde den ohnehin schon hohen Bedarf an Erdgasimporten weiter steigern, heißt es weiter in dem Bericht.

    Felix Matthes vom Öko-Institut teilt diese Einschätzung nicht. Er geht von einem Rückgang der erforderlichen Erdgasimporte in die EU und nach Deutschland in den nächsten Jahren aus. Pipelinegegner verweisen darauf, dass Deutschland aus fossilen Brennstoffen aussteigen muss, um seine Klimaziele zu erreichen.

    Hätten die beteiligten Unternehmen Schadensersatzansprüche, falls die Leitung nicht fertiggestellt werden darf?

    Davon geht man in der Bundesregierung aus, auch wenn es offiziell niemand einräumt. Gegen welche Länder sich entsprechende Forderungen und Klagen richten würden, ist im Moment nicht klar. Unbestritten ist allerdings, dass der Nord Stream 2 AG sämtliche erforderlichen Genehmigungen für den Bau der Pipeline aus allen betroffenen Ostsee-Anrainerstaaten vorliegen.

    Die Nord Stream 2 AG und die an der Finanzierung des Projekts beteiligten europäischen Unternehmen – das sind Engie, OMV, Shell, Uniper und Wintershall-Dea – haben Aufträge im Volumen von mehreren Milliarden Euro vergeben und bezahlt. Sie dürften nichts unversucht lassen, den Schaden ersetzt zu bekommen. Am Ende könnte der Fall vor dem Internationalen Schiedsgerichtshof zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID) in Washington landen. Für die Bundesregierung wäre das nichts Neues. Sie streitet sich seit Jahren mit dem Vattenfall-Konzern vor dem ICSID über Schadensersatz für den Atomausstieg.

    Das russische Verlegeschiff „Akademik Tscherski“ soll die Fertigstellung der Pipeline übernehmen. Doch dazu muss es erst umgebaut werden. Quelle: dpa
    Verlegeschiff auf Rügen

    Das russische Verlegeschiff „Akademik Tscherski“ soll die Fertigstellung der Pipeline übernehmen. Doch dazu muss es erst umgebaut werden.

    (Foto: dpa)

    Schneidet Nord Stream 2 die Ukraine vom europäischen Gasmarkt ab? 

    Nein. Die Ukraine bezieht seit Jahren kein Gas mehr direkt aus Russland, sondern nur solches Gas, das aus Westeuropa ins Land kommt. Noch vor einigen Jahren war die Ukraine von direkten Gaslieferungen aus Russland komplett abhängig. Das hat sich vollständig gewandelt. Ursache ist, dass sich die EU nach den russisch-ukrainischen Gaskonflikten der Jahre 2006 und 2009 massiv dafür eingesetzt hat, das Gasversorgungssystem resilienter zu machen. Strömte das Gas früher im Prinzip nur von Ost nach West, so gehört heute der sogenannte Reverse-Flow zum Alltag.

    Zudem würde der Gastransit durch die Ukraine nach einer Inbetriebnahme von Nord Stream 2 nicht enden. Die russische Seite hat sich – auf Vermittlung der EU-Kommission und auf Drängen Deutschlands – Ende Dezember vergangenen Jahres in einem Transitabkommen mit der Ukraine dazu verpflichtet, auch künftig Erdgas durch die Ukraine zu leiten.

    Allerdings im verringerten Umfang: Statt der bisher rund 90 Milliarden Kubikmeter im Jahr sollen 2020 nur 65 Milliarden Kubikmeter russisches Gas durch die Ukraine nach Europa gepumpt werden. Von 2021 bis 2024 sind 40 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr für den Transit geplant. Wenn man annimmt, dass der Gasbedarf der Europäer in den kommenden Jahren nicht zurückgehen dürfte, wird der Transit durch die Ukraine für Russland auch auf längere Sicht nicht komplett verzichtbar sein.

    Würde der Gastransit durch die Ukraine wieder in vollem Umfang aufgenommen, falls Nord Stream 2 nicht fertiggestellt würde?

    Sollte Nord Stream 2 in diesem Jahr nicht mehr fertiggestellt werden, könnte Russland darauf angewiesen sein, den Gastransit durch die Ukraine wieder zu erhöhen, um seine Lieferverpflichtungen gegenüber seinen Kunden in Europa zu erfüllen. Sollte das Projekt komplett scheitern, wäre Russland auf absehbare Zeit auf die alten Transitstrecken angewiesen und müsste das Leitungsnetz modernisieren, was Milliardeninvestitionen erfordern dürfte.

    Mehr: Der CDU-Politiker Norbert Röttgen sagt: „Wir brauchen die Pipeline energiepolitisch nicht“

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    4 Kommentare zu "Gas-Streit: Nord Stream 2: Die größten Probleme der unvollendeten Pipeline"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • artikel sachlich und recht informativ. Ich kann mir
      meine eigene Meinung bilden und fühle mich
      nicht manipuliert

    • @ Herren Moritz Koch und Klaus Stratmann:
      Hervorragender Artikel - da muss ich nicht kommentieren! Ihr habt das Thema Nord Stream 2 sehr sachlich und recht vollständig dargestellt - gut lesbar - DANKE!

    • @ H. Ax
      Und die "Gutdeutschen" bedanken sich auch noch.
      the stupid germans

    • Das ist ein unsägliches Kapitel.
      Deutschland macht so viel für die EU.
      Wir subventionieren den Aufbau der Ost-EU.
      Wir halten die Pleitestaaten im Süden am Leben.
      Und trotzdem werden wir von allen nur in den Arsch getreten.

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