Wahlprogramme 2021 im Vergleich: Vom besseren Ansehen bis hin zur Garantie: Was die Wahlprogramme für Ausbildung und Weiterbildung versprechen
Mittlerweile gibt es mehr als 2,1 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsausbildung.
Foto: HandelsblattBerlin. Die nächste Regierung steht vor der Jahrhundertherausforderung, die duale Ausbildung zu retten – und so die Fachkräfteversorgung zu sichern. Gleich mehrere Parteien wollen das Problem mit einer weit aktiveren Rolle angehen als bisher üblich, zeigt der Blick in die Wahlprogramme.
Die Union hingegen will lediglich das Ansehen der dualen Ausbildung weiter stärken – und hofft, das werde genügen, um dieser den früheren Stellenwert für die Fachkräfteversorgung zurückzugeben.
Bisher galt im Prinzip, dass die Wirtschaft am besten weiß, in welchen Berufen sie wie viele Nachwuchskräfte ausbilden muss – und dies auch bedarfsgerecht tut. Überbetriebliche Ausbildungsgänge waren daher stets die Ausnahme, so wie etwa nach der Wiedervereinigung im Osten, wo es noch viel zu wenige Unternehmen gab, die hätten ausbilden können.
Hintergrund für den akuten Handlungsbedarf, den inzwischen auch die Liberalen sehen, ist der Rückzug der Wirtschaft aus der dualen Ausbildung:
- Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist seit 2007 von gut 625.000 auf zuletzt 468.000 gesunken. Einen besonders deutlichen Einbruch gab es in der Finanzkrise in den Jahren 2008/09 – danach wurde das Vorkrisenniveau nie mehr erreicht. Einen ähnlichen Effekt fürchten Fachleute nun durch die Pandemie.
- Gleichzeitig bleiben viele Jugendliche auf der Strecke: Mittlerweile gibt es mehr als 2,1 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsausbildung. Ihr Anteil an ihrer Altersgruppe steigt seit Jahren und betrug zuletzt fast 15 Prozent.
Junge Menschen sind das Ziel der Parteien
Dieses ungenutzte Reservoir ist das Ziel der drei Parteien: Die Liberalen versprechen eine „Zukunftsgarantie“ für die, die keine Lehrstelle finden. Dazu wollen sie dort, wo eine „erhebliche Unterversorgung“ an Ausbildungsplätzen herrscht, außerbetriebliche Ausbildungsangebote durch den Staat machen.
Dafür will die FDP das in den vergangenen Jahren entstandene kleinteilige „Übergangssystem“ bundesweit organisieren – und die Effektivität prüfen. Aktuell werden in diesem System zwischen Schule und Arbeit – das einige abschätzig „Warteschleifen“ nennen – rund 234.000 Jugendliche nachgeschult oder schlicht beschäftigt, bis sie nicht mehr schulpflichtig sind.
Um die Berufsausbildung aufzuwerten, plant die FDP eine Exzellenzinitiative nach dem Vorbild der Hochschulen, eine Begabtenförderung, wie es sie für Studenten gibt, und ein Zentrum für digitale Berufsbildung.
Ein Austauschdienst soll einem Fünftel der Azubis einen Auslandsaufenthalt ermöglichen. Verwandte Berufe will die FDP zusammenfassen und in der ersten Phase gemeinsame Kompetenzen vermitteln, zudem plant sie mehr Teilqualifizierungen in der Lehre.
Im Prinzip ist die Strategie der Liberalen, grundsätzlich jedem ein Angebot zu machen, nah an den Vorstellungen von Sozialdemokraten und Grünen. Auch die Grünen haben eine „Ausbildungsgarantie“ in ihr Programm geschrieben. Sie wollen diese vor allem dadurch einlösen, indem sie die gemeinsame Ausbildung mehrerer Unternehmen stärker fördern – aber eben auch, „wo notwendig“, durch außerbetriebliche Ausbildungen.
Auch viele Dax-Konzerne haben die Berufsausbildung zurückgefahren
Zudem kündigen die Grünen aber auch finanzielle Hilfe für die Unternehmen an, die noch ausbilden. Zuletzt engagierte sich nicht einmal mehr jeder fünfte Betrieb in der Lehre – im Jahr 2007 tat dies noch ein Viertel der Betriebe. Die große Masse ging in Kleinbetrieben verloren – doch auch die Dax-Konzerne bilden heute weit weniger aus
Ein entscheidender Unterschied zur FDP ist: Geht es nach den Grünen, sollen diejenigen Unternehmen, die sich aus der Lehre zurückgezogen haben, über eine Umlagefinanzierung beteiligt werden.
Für die Sozialdemokraten steht eine „Ausbildungsgarantie“ schon traditionell auf dem Zettel. Alle erfolglosen Bewerber sollen eine praxisnahe Ausbildung in einer Berufsschule oder außerhalb bekommen. Wie die Grünen wollen auch die Sozialdemokraten das über Umlagen oder Fonds finanzieren – etwa innerhalb der jeweiligen Branchen.
Mit einer solchen Ausbildungsabgabe hatte 2004, zur Zeit der „Lehrlingsschwemme“, der damalige SPD-Chef Franz Müntefering der Wirtschaft gedroht. Diese verhinderte die Abgabe, indem sie den „Pakt für Ausbildung“ schloss. Das erhöhte das Angebot an Ausbildungsplätzen zwar für kurze Zeit – konnte aber den tendenziellen Niedergang nicht aufhalten.
Unterm Strich dürfte es einer Ampelkoalition also nicht schwerfallen, sich auf ein System überbetrieblicher Ausbildung zu einigen – zumal oftmals betont wird, die Lehre in den Betrieben müsse auch künftig stets Priorität behalten. Lediglich bei einer Umlagefinanzierung wäre die FDP vermutlich nicht mit von der Partie.
Im Gegensatz zu Liberalen, Grünen und SPD bietet das Programm der Union weder eine durch den Staat gedeckte Ausbildungsgarantie – noch eine Alternative. CDU und CSU verweisen lediglich auf ihr „Herzensanliegen“: die „Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung“. Daher wollen sie „wieder mehr Gewicht auf die Ausbildung junger Menschen als Facharbeiter und Handwerker legen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen“, heißt es schwammig.
Sollte die CDU regieren, wäre es allerdings vermutlich schwieriger als früher, einem Koalitionspartner aus dem Kreis der drei anderen die staatliche Ausbildungsgarantie zu verwehren. Denn der Druck ist angesichts der schlechten Lage am Ausbildungsmarkt und des sich verschärfenden Fachkräftemangels weit größer als in früheren Wahljahren.
Das Ampel-Trio verspricht mehr Hilfe bei der Weiterbildung
Größere staatliche Aktivität zeichnet sich daneben auch in der Weiterbildung ab – dem zweiten großen Hebel, um die Qualifikation der Erwerbstätigen entscheidend zu steigern. SPD und Grüne fordern jeweils ein Recht auf Weiterbildung. Die FDP kündigt ein „zweites Bildungssystem für das ganze Leben“ an.
Die Sozialdemokraten wollen den Anspruch „auf beruflichen Neustart“ erfüllen, indem sie Lohneinbußen während der Weiterbildung oder Umschulung „lange genug kompensieren, um anerkannte Abschlüsse zu erwerben“ – zumindest denjenigen, die das nicht aus eigener Kraft können. Zudem sollen die Volkshochschulen mit Bundesmitteln in die Lage versetzt werden, weit mehr in die Weiterbildung einzusteigen.
Die FDP verspricht ein „Midlife-Bafög“ von bis zu 1000 Euro im Jahr und die Möglichkeit, steuer- und abgabenfrei Geld für Bildungsauszeiten zu sparen. Auch die Grünen wollen ein „Weiterbildungs-Bafög“.
Nur die Union kündigt vage an, das Bundesprogramm Bildungsprämie auszubauen. Und sie verspricht, jedem einen Platz in einem Alphabetisierungskurs anzubieten. Nach letztem Stand gibt es in Deutschland rund sechs Millionen Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können.