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Autoindustrie Fehlstart bei VWs eigener Autosoftware: Topmanager muss seinen Posten räumen

Christian Senger sollte ein Autobetriebssystem für VW schaffen. Der Start des konzerneigenen Softwarehauses ist verpatzt, der Manager muss weichen.
12.07.2020 - 15:54 Uhr Kommentieren
Für den Manager wird eine neue Aufgabe gesucht. Quelle: Volkswagen AG
Christian Senger

Für den Manager wird eine neue Aufgabe gesucht.

(Foto: Volkswagen AG)

Frankfurt, München In den Reihen von Volkswagen zählt Christian Senger zu den fähigsten Köpfen. Der Diplomingenieur hat für den Autohersteller die Entwicklung der Elektrobaureihe ID geleitet, mit der Volkswagen den Eintritt in die Elektromobilität schaffen will. Das Tempo, mit dem Senger lieferte, beeindruckte Vorstandschef Herbert Diess.

Der übertrug ihm gleich die nächste große Aufgabe. Seit dem März 2019 bastelt Senger an der Car.Software.Org. Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich das ambitionierteste Projekt im VW-Konzern: Die Softwareschmiede soll auf rund 10.000 Mitarbeiter aufgestockt werden, um ein eigenes Betriebssystem für alle Automodelle im gesamten VW-Konzern zu entwickeln.

Senger ist Vorstand der Kernmarke Volkswagen und seit dem Start am 1. Juli zudem offiziell Chef von Car.Software.Org - also erst seit knapp zwei Wochen. Diese Positionen wird er nun bereits wieder räumen müssen, wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfahren hat.

Beim Aufbau der Car.Software.Org hat sich der Shootingstar mit zu vielen Akteuren im VW-Reich überworfen, berichten übereinstimmend mehrere Konzernmanager. Zudem wird zukünftig Audi-Chef Markus Duesmann die Entwicklung der digitalen Einheiten des VW-Konzerns verantworten. Das Unternehmen äußerte sich nicht zu der bevorstehenden Ablösung.

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    Dabei sind weder die Personalie Senger noch der Zeitpunkt ein Zufall. Seit Anfang Juli wird die zweite Führungsebene im VW-Konzern kräftig umgebaut. Mit Andreas Renschler und Thomas Sedran müssen die Chefs der Sparten Lastwagen und Vans gehen.

    Mitte vergangener Woche kündigte der Konzern auch noch den Abgang von Skoda-Chef Bernhard Maier an. Auch die Kernmarke VW sowie Seat und Audi haben in den vergangenen Wochen jeweils eine neue Leitung erhalten.

    Die Personalie ist auch eine Machtdemonstration

    Der Umbau ist in den vergangenen Monaten von VW-Chef Diess vorbereitet worden, wie es in Konzernkreisen hieß. Dabei hat er sich eng mit dem Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh und Vertretern der Eigentümerfamilie Porsche/Piëch abgesprochen. Der Aufsichtsrat will frischen Wind in der Führungsmannschaft.

    Zwischenzeitlich stand auch Diess auf der Kippe. Der VW-Boss hatte auf einer Tagung mit über 3000 Führungskräften dem Aufsichtsrat Gesetzesverstöße vorgeworfen, ohne diese aber belegen zu können. Von einer fristlosen Entlassung nahm der Aufsichtsrat nach ersten Beratungen wieder Abstand und erteilte Diess lediglich eine Rüge.

    Der nun angelaufene Managementumbau ist für Diess eine Gelegenheit, seine frisch gefestigte Macht intern zu demonstrieren, wie ein Aufsichtsrat sagte. Dabei macht er vor ehemaligen Weggefährten wie Senger nicht halt. Dieser zählt zu dem Kreis von Führungsleuten, die Diess von BMW zu Volkswagen gefolgt sind. Dort war Senger für die Entwicklung der sogenannten i-Reihe zuständig, dem Pendant zum VW-Elektroauto ID.

    Bei Volkswagen stieß Senger auf eine andere Kultur. Während bei BMW Entscheidungen vom Vorstand gefasst und dann umgesetzt werden, haben bei VW viele Fraktionen eine Mitsprachemöglichkeit. Wie schwer damit umzugehen ist, zeigte sich an der neuen Softwareeinheit.

    Aus allen Bereichen der VW-Welt hatte Senger die Fachkräfte zusammengezogen, um die Entwicklungsarbeit unter einem Dach der Car.Software.Org zu bündeln. Für Volkswagen war das Neuland. In der Regel wird die Arbeit unter den Konzernmarken aufgeteilt. Mit der Car.Software.Org soll aber eine eigenständige Tochter die Arbeit für alle übernehmen.

    Senger kommt mit der VW-Politik nicht klar

    Unter Führungskräften der einzelnen Marken stieß das auf wenig Gegenliebe, fürchteten diese doch um Einfluss und Macht. Auch die Betriebsräte waren wenig begeistert. Lange Zeit verzögerte sich der Start, weil die einzelnen Tarifverträge der Marken für die Car.Software.Org aufeinander abgestimmt werden mussten. „Senger hat immer neue Ressourcen angefordert, ohne aber zu erklären, was er eigentlich vorhat“, erklärt ein Insider. „Er wäre besser andersherum vorgegangen: Erst das Projekt erklären, dann anfordern.“ Die Widerstände wurden zu groß, Senger machte sich zu viele Feinde. Die Führung der Car.Software.Org, die ihren Sitz auf dem Audi-Innovationscampus in Ingolstadt bezieht, wird Senger nicht mehr antreten.

    Dabei steht die Car.Software.Org ganz oben auf der Agenda von Diess. Für den VW-Boss ist diese Einheit ein zentraler Schlüssel für die Entwicklung des Volkswagen-Konzerns. Bislang spielt die Software-Entwicklung kaum eine Rolle, gerade einmal zehn Prozent der verwendeten Codes stammen aus dem eigenen Haus. Meistens greift VW auf die Software von Autozulieferern wie Continental, Bosch oder dem koreanischen LG-Konzern zurück. Software galt bislang als ein notwendiges Übel. Bei VW begnügt man sich meist damit, die verschiedenen Programmierungen der Zulieferer in einem Fahrzeug aufeinander abzustimmen und zum Laufen zu bringen. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich im Auto und im Konzern - schließlich vertraute jede der zwölf Einzelmarken auf ihre eigenen, meist bescheidenen Softwarekompetenzen.

    Das soll jetzt grundsätzlich anders werden, denn die Industrie wandelt sich. Das Auto werde ein Smartphone auf vier Rädern, predigt Konzernchef Diess. Tesla macht neben der Batterie die Software zum zentralen Bestandteil seines Angebotes. Ständig mit dem Internet verbunden, sendet und empfängt das Auto permanent Daten.

    Mit immer neuen Updates hält Tesla seine Autos fit, füttert etwa den Navigationscomputer oder erhöht die Batteriekapazität. „Tesla baut um einen Computer das Auto“, sagt ein führender VW-Manager. „Wir versuchen jetzt, den Computer ins Auto zu bekommen.“

    Eine Möglichkeit aufzuholen wäre der Rückgriff auf Google. Der US-Internetriese investiert massiv in Autosoftware und hat kürzlich eine umfangreiche Kooperation mit Volvo geschlossen. Für Volkswagen, nach Stückzahlen der größte Autokonzern der Welt, ist das keine Option. In der deutschen Autoindustrie fürchtet man die Abhängigkeit von großen amerikanischen IT-Konzernen.

    Das Ziel bleibt ein einheitliches Betriebssystem

    Mit der Car.Software.Org will Volkswagen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Software-Eigenanteil im Konzern bis zum Jahr 2025 auf mehr als 60 Prozent steigt. VW würde dadurch wesentliche Teile der Softwarekompetenz im eigenen Haus bündeln. „Volkswagen will die Hoheit über die komplette Fahrzeugarchitektur behalten, das schließt die Elektronik ein“, hatte Senger kürzlich noch gesagt. Was nun aus dem Topmanager wird, ist offen.

    Man wolle ihn auf jeden Fall im Konzern halten, hieß es in VW-Kreisen. Derzeit werde daher nach einer neuen Aufgabe für ihn gesucht. Diese zu finden wird nicht leicht sein. Senger gilt als sehr ambitioniert - mit einem klaren Fokus auf neue Technologien. Für die allerdings ist nun Audi-Chef Duesmann zuständig.

    Der ehemalige BMW-Manager, der seit April Audi führt, ist im VW-Konzernvorstand übergreifend für die Technologieentwicklung zuständig. Er will die Entwicklung schneller und zielstrebiger machen. Das Schaffen eines einheitlichen Betriebssystems wird auch nach der Ablösung Sengers oberste Priorität haben.

    Mehr: Tesla plant mit weniger Beschäftigten in deutschem Werk.

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