Vorstandsumbau: Herbert Diess bleibt VW-Chef – zieht sich aber weitgehend aus dem operativen Geschäft zurück
Der Volkswagen-Chef bleibt im Amt und bekommt neue Aufgaben.
Foto: alto.press / Alto PressDüsseldorf. Bei Volkswagen ist der Streit um Vorstandschef Herbert Diess beigelegt, der 63-jährige Automanager bleibt an der Spitze des Wolfsburger Konzerns. Das ist das Ergebnis der Aufsichtsratssitzung vom Donnerstag. Diess muss sich zugleich mit einer Einschränkung seiner Aufgaben abfinden: Er zieht sich weitgehend aus dem operativen Geschäft zurück und konzentriert sich auf die Konzernstrategie.
Der Aufsichtsrat hat zudem das neue Investitionsprogramm freigegeben. Der VW-Konzern investiert in den nächsten fünf Jahren fast 160 Milliarden Euro in seine Werke und in neue Modelle.
Die wichtigste Veränderung im Vorstand betrifft das Chinageschäft. Mitte kommenden Jahres verliert Diess die Verantwortung für den bedeutendsten Absatzmarkt des gesamten Konzerns. Dann übernimmt Ralf Brandstätter die Zuständigkeit für China, im Moment ist er noch Vorstandschef der Marke Volkswagen Pkw. Der VW-Konzern, Marktführer in der Volksrepublik, ist dort gehörig unter Druck geraten. Die Verkaufszahlen sind massiv gesunken, die neuen E-Modelle verkaufen sich nur schleppend.
Brandstätter soll das Chinageschäft wieder auf Kurs bringen. Er rückt schon zum Jahreswechsel in den Konzernvorstand ein, ein deutlicher Karrieresprung für den 53-Jährigen. Während der vergangenen Wochen war er sogar schon als möglicher Diess-Nachfolger an der Konzernspitze gehandelt worden. Brandstätter genießt vor allem das Vertrauen der Arbeitnehmerseite.
Wenn er im Sommer nach China geht, braucht auch die Marke VW einen neuen Chef. Diesen Posten soll Thomas Schäfer übernehmen, derzeit noch Vorstandsvorsitzender bei der tschechischen Konzerntochter Skoda.
Neues Vorstandsteam
Volkswagen-Chef Diess gibt zudem die Verantwortung für den Konzernvertrieb ab. Dafür rückt Hildegard Wortmann neu in das oberste Führungsgremium des Konzerns ein. Aktuell leitet sie das Vertriebsressort im Audi-Vorstand in Ingolstadt, im nächsten Jahr übernimmt sie in Personalunion auch den Konzernvertrieb.
Neu in den Konzernvorstand rückt auch VW-Chefjustiziar Manfred Döss ein. Er tritt die Nachfolge von Rechtsvorständin Hiltrud Werner an, die Ende Januar aus dem Unternehmen ausscheidet. Der 63-jährige Döss ist ein Vertrauter der Eigentümerfamilie Porsche/Piëch. Wie es in Wolfsburger Konzernkreisen heißt, ist sein Verhältnis zu Vorstandschef Diess eher distanziert.
Seine Präsenz im Konzernvorstand soll auch dafür sorgen, dass Diess moderatere Töne vor allem gegenüber dem Betriebsrat anschlägt und nicht wieder für eine tiefgehende Verstimmung wie in den vergangenen Wochen sorgt. Neue IT-Vorständin wird zudem Hauke Stars, die zuvor bei der Deutschen Börse gearbeitet hatte.
Im September hatte Diess an den Arbeitnehmern und am Aufsichtsrat vorbei durchrechnen lassen, ob sich die Zahl der Beschäftigten am Stammsitz in Wolfsburg halbieren lasse. Aktuell arbeiten in der Konzernzentrale gut 60.000 Menschen, davon etwa 13.000 in der Produktion. Diess hatte auch in der Vergangenheit wiederholt darauf hingewiesen, dass Volkswagen unbedingt produktiver werden müsse, um gegen neue Mitbewerber wie Tesla dauerhaft bestehen zu können.
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Deshalb hatte die bei Volkswagen so einflussreiche Arbeitnehmerseite die Zusammenarbeit mit Diess komplett infrage gestellt und ihm sogar das Misstrauen ausgesprochen. Eine Zeit lang war sogar unklar, ob sich der Vorstandsvorsitzende an der Konzernspitze halten würde.
In wochenlangen Verhandlungen unter Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch war der Kompromiss gefunden worden, durch den Diess seinen Posten zwar behalten darf, sich aber mit der Beschneidung seiner Kompetenzen abfinden muss.
Betriebsratschefin Cavallo: „Die kommenden Monate werden hart“
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Donnerstag mit Pötsch, Diess und Betriebsratschefin Daniela Cavallo demonstrierten die unterschiedlichen Lager immerhin so etwas wie eine gewisse Geschlossenheit. VW-Chef Diess sagte, dass er sich durch den beschlossenen Vorstandsumbau gestärkt fühle.
Zudem würde der Konzern auch wieder das Vertrauen der Kapitalmärkte bekommen. VW-Aktien hatten in den vergangenen Monaten massive Kursverluste hinnehmen müssen. Auch die Nachrichten zum Vorstandsumbau lösten keine Belebung aus, die Volkswagen-Papiere notierten am Donnerstag erneut im Minus.
Betriebsratschefin Cavallo sprach nach den Beschlüssen des Aufsichtsrats von einem „guten Tag“ für Volkswagen. Auch sie wolle, dass in Wolfsburg wieder Ruhe einkehre und dass die Streitigkeiten nicht wie in den zurückliegenden Wochen über Medien ausgetragen würden.
Cavallo sparte wegen der schlechten Chipversorgung in der Fahrzeugproduktion allerdings nicht mit Kritik. „Die kommenden Monate werden hart, vor uns liegt eine echte Durststrecke“, sagte sie. Schließtage und wegfallende Schichten würden das Unternehmen noch eine Zeit lang begleiten. Aufsichtsratschef Pötsch räumte ein, dass VW zuletzt kein gutes Bild in der Öffentlichkeit abgegeben habe. „Das war alles andere als toll für das Unternehmen“, sagte er.
Einigkeit herrschte bei der Investitionsplanung. Für die kommenden fünf Jahre veranschlagt der größte europäische Autohersteller Gesamtinvestitionen von 159 Milliarden Euro. 56 Prozent davon fließen in Zukunftsthemen wie Elektromobilität, Vernetzung und Software.