Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Bernd Pischetsrieder „Signal der Verlegenheit“: Daimlers neuer Chefaufseher stößt auf Kritik

Der 72-jährige Bernd Pischetsrieder wird Nachfolger von Manfred Bischoff. Auch im Konzern selbst gilt der frühere VW-Chef nur als Übergangslösung.
03.12.2020 Update: 03.12.2020 - 17:05 Uhr 4 Kommentare
Bei der Daimler Hauptversammlung 2021 übergibt Manfred Bischoff seinen Posten an Bernd Pischetsrieder. Eigentlich war der frühere Daimler-Chef Dieter Zetsche dafür vorgesehen. Quelle: picture alliance/dpa
Bernd Pischetsrieder

Bis zum vergangenen Jahr hatte der Manager den Aufsichtsrat des Rückversicherers Münchener Rück geführt.

(Foto: picture alliance/dpa)

München, Frankfurt Der Lebenslauf von Bernd Pischetsrieder ist einzigartig in der Autoindustrie. Der Münchener war in seiner Karriere bereits BMW-Chef und Vorstandsvorsitzender von Volkswagen. Nun übernimmt er auch noch bei Daimler ein Hochamt – dem dritten großen deutschen Fahrzeughersteller. Am Donnerstag um acht Uhr morgens berieten sich die 20 Aufsichtsräte des Mercedes-Herstellers und besiegelten wenig später, dass Pischetsrieder der neue Leiter des Kontrollgremiums werden soll.

Manfred Bischoff, der bisherige Aufsichtsratschef von Daimler, verabschiedet sich mit der Hauptversammlung des Dax-Konzerns Ende März 2021 in den Ruhestand. Mit der Übergabe an Pischetsrieder bleibt der Posten des Oberkontrolleurs in Stuttgart in den Händen eines „car guys‧“.

Der 72-jährige Pischetsrieder gilt als ausgewiesener Autofan und ist sogar an einem Oldtimer-Händler am Chiemsee beteiligt. Von 1993 bis 1999 war er BMW-Chef, stolperte aber über die verpatzte Übernahme des britischen Autoherstellers Rover. Von 2002 bis 2006 führte er dann den VW-Konzern, bevor er sich mit dem damaligen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch überwarf.

Anschließend übernahm Pischetsrieder selbst Kontrollratsmandate, unter anderem bei der Münchener Rück. Bei Daimler sitzt er seit 2014 im Aufsichtsrat und gilt dort als Flügelspieler neben Bischoff. In wichtige Entscheidungen und Überlegungen wurde er demnach immer früh eingebunden. Die Wahl als Nachfolger erschien daher logisch, verlautet aus Konzernkreisen. Gleichwohl hatte Bischoff ursprünglich jemand ganz anderen im Auge: Dieter Zetsche.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der ehemalige Daimler-Chef wäre auch gern Oberkontrolleur in Stuttgart geworden. Nach wachsender Kritik von Investoren an seiner Rolle im Dieselskandal und der dürftigen Bilanz zum Ende seiner Ära verzichtete Zetsche aber freiwillig auf ein Comeback bei der Marke mit dem Stern. Neben Pischetsrieder wurde für den Aufsichtsratsvorsitz lange auch Siemens-Chef Joe Kaeser gehandelt.

    Daimler hat die Chance für einen Generationswechsel im Aufsichtsrat vertan. Ingo Speich, Deka Investment

    Die ausgewiesene Automobilkompetenz dürfte dem ehemaligen VW-Chef dann aber den Vorzug gegeben haben. „Bernd Pischetsrieder ist einer der international anerkanntesten Automobilexperten“, begrüßte Bischoff die Festlegung auf seinen Nachfolger.

    Bei Investoren sorgt die Personalie hingegen für Kritik. „Das ist eine Not- und maximal Übergangslösung“, sagte Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), dem Handelsblatt. Bernd Pischetsrieder sei zwar ein qualifizierter Kandidat, aber keine langfristige Lösung. Tüngler wertet seine Wahl als „Signal der Verlegenheit“, da Daimler offenbar niemand anderen gefunden habe. „Neuanfang sieht anders aus“, konstatiert der Aktionärsschützer.

    Ingo Speich, Leiter des Bereichs Nachhaltigkeit beim Sparkassen-Fondsanbieter Deka Investment, zeigt sich ebenfalls enttäuscht. „Daimler hat die Chance für einen Generationenwechsel im Aufsichtsrat vertan“, sagte Speich dem Handelsblatt. „Wir hätten uns einen Kandidaten gewünscht, der das Gremium über die nächste Dekade hinweg führen kann.“ Auch Hendrik Schmidt, Corporate Governance Analyst der DWS, hätte sich eine mutigere Entscheidung erhofft.

    Telekom-Chef wird starker Mann

    Michael Muders, Fondsmanager von Union Investment, reagierte überrascht auf die Personalie: „Seine fachliche Kompetenz ist unbestritten, aber er kann das Amt aufgrund seines Alters nur bis 2024 ausüben. In diesem Zeitraum muss die Neuausrichtung des Konzerns weiter konsequent vom Vorstand umgesetzt werden, wofür die Rückendeckung des neuen Aufsichtsratsvorsitzenden nötig ist. Eine Kontrolle und Begleitung mit ruhiger Hand ist jetzt angezeigt.“

    Auch bei Daimler selbst gilt Pischetsrieder aufgrund seines fortgeschrittenen Alters nur als Brückenkandidat an der Spitze des Aufsichtsrats. Bei seinem Amtsantritt Ende März 2021 wird er 73 Jahre alt sein, mehr als eine Periode werde Pischetsrieder wohl nicht führen.

    Der starke Mann im Kontrollgremium dürfte daher absehbar Tim Höttges werden, heißt es in Konzernkreisen. Der Telekom-Chef ist im Sommer als Nachfolger des österreichischen Bankmanagers Paul Achleitner in den Daimler-Aufsichtsrat eingezogen. Mit seiner Digitalexpertise überzeugt Höttges seither sowohl Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmerseite, verlautet aus Konzernkreisen. Dem 58-Jährigen wird zudem ein guter Draht zu Daimler-Chef Ola Källenius nachgesagt.

    Aktuell kommt Höttges für den Vorsitz des Daimler-Aufsichtsrats zwar aufgrund seiner Rolle als amtierender Vorstandschef eines Dax-Konzerns nicht infrage. Das könnte sich aber schon in zwei oder spätestens vier Jahren ändern. Höttges’ Vertrag bei der Telekom läuft 2024 aus.

    Grafik

    Der Manager ist technikversiert und damit jemand, der Daimler bei den Themen Digitalisierung helfen kann. Vor allem ist der Vater von zwei Söhnen aber im Herzen ein Controller. Mehr als jeder andere Telekom-Chef hält er ein waches Auge auf die Kosten der Gesellschaft. Er wäre damit ein gutes Gegengewicht bei Daimler zum Vorstand um Ola Källenius.

    Pischetsrieder und Höttges eint eines: Sie sind akzeptiert bei den Betriebsräten und in den politischen Stellen. Gerade in Phasen der Transformation sind diese beiden Anlaufstellen wichtig, um geräuschlos Veränderungen vorzunehmen. Zuletzt krachte es bei Daimler aufgrund des harten Sparkurses gehörig. Mehr als 20.000 der 300.000 Stellen sollen gestrichen werden.

    Am Donnerstag gab es jedoch erste Friedenssignale. So soll der Umbau der deutschen Werke mithilfe eines Transformationsfonds abgemildert werden, der mit einer Milliarde Euro ausgestattet wird.

    Bischoff war 15 Jahre lang Chefaufseher

    Manfred Bischoff ist nicht der einzige Aufsichtsrat, der das Gremium verlässt. Auch Petraea Heynike und Jürgen Hambrecht werden ihr Mandat niederlegen. Dafür rücken die IT-Unternehmerin Elizabeth Centoni, Shell-Chef Ben van Beurden und BASF-Chef Martin Brudermüller nach. Vertreter der beiden chinesischen Großaktionäre Geely und BAIC sind weiter nicht in dem Gremium vertreten.

    Deka-Experte Speich hat nicht nur bei der Wahl von Pischetsrieder Bedenken, sondern auch bei van Beurden und Brudermüller. Diese seien zwar zweifelsfrei honorige Manager. „Die Frage muss aber erlaubt sein, ob die beiden als amtierende CEOs von großen Konzernen überhaupt die nötige Zeit mitbringen, ein Aufsichtsratsmandat bei Daimler voll ausfüllen zu können.“ Daimler sei kein Standardmandat, der Konzern stecke in einem riesigen Wandel.

    Manfred Bischoff begleitet diese Transformation noch ein paar Monate. Dann scheidet er nach 15 Jahren als Aufsichtsrat bei dem Stuttgarter Industriekoloss aus. Unter seiner Führung hat Daimler unter anderem die Trennung von dem US-Autohersteller Chrysler vollzogen sowie den Ausstieg aus dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus.

    Daimler taumelte unter ihm aber auch in die Dieselaffäre, die den Konzern viel Geld und Ansehen kostete. Seine letzte große Aufgabe sah er in dem Übergang vom langjährigen Vorstandschef Dieter Zetsche zu Ola Källenius. Dieser leitet das Unternehmen seit Mai 2019.

    Mehr: Ranking der Kontrolleure: Karl-Ludwig Kley ist Deutschlands mächtigster Aufsichtsrat

    Startseite
    Mehr zu: Bernd Pischetsrieder - „Signal der Verlegenheit“: Daimlers neuer Chefaufseher stößt auf Kritik
    4 Kommentare zu "Bernd Pischetsrieder: „Signal der Verlegenheit“: Daimlers neuer Chefaufseher stößt auf Kritik"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • "alter Hut" , Geld stinkt nicht.

    • Das ist keine erquickende Nachricht.
      Wieso fehlt der Mut zu jüngeren Leuten?

    • Die old economiy kommt nicht voneinander los.
      Das sieht nicht nach Umbruch, sondern nach Beharrung aus.
      So wird das nichts gegen Tesla.
      Die Reihenfolge der sterbenden deutschen Automobilunternehmen ist 1. Daimler, 2. BMW und 3. VW.
      Letztere hat eine Chance, die sie ev. gerade verspielen.
      Natürlich wird Daimler nicht sterben. Die Marke ist viel zu wertvoll. Die Chinesen werden es abräumen und unter dem Namen Mercedes incl. Logo in China Autos bauen. Es geht schon los.

    • noch mal zum Mitschreiben: 1993 - 99 CEO BMW, 2002 - 06 CEO VW und jetzt Aufsichtsratschef Daimler.

      Kann das wirklich gesund sein?

      Hat der bei seinen ehemaligen Firmen keine Freunde oder Anteile? Eher beides.

      Was ist das? Deutschland AG 2.0?

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%