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MuseumGroße Defizite der Provenienzforschung in der Sammlung Bührle

Die Herkunftsgeschichten jener Bilder, die der Rüstungsindustrielle Emil Bührle gesammelt hatte, sind methodisch unzureichend aufgearbeitet. Das zeigt eine neue Überprüfung.Susanne Schreiber 28.06.2024 - 15:15 Uhr
Der Waffenfabrikant inmitten seiner Schätze. Emil Bührle profitierte mit seiner Sammlung von der Not verfolgter Juden. Foto: D. Kessel

Zürich. Das Kunsthaus Zürich hat unvermindert Probleme mit der Dauerleihgabe der Sammlung Bührle. Die von Stadt und Kanton finanzierte Zürcher Kunstgesellschaft als Trägerin des Museums hatte 2023 nach Protesten Raphael Gross mit einer Überprüfung der bisherigen Provenienzforschung beauftragt.

Der Schweizer Historiker ist Präsident des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Diese Woche legte er seinen 167-seitigen Bericht vor. So sachlich dieser formuliert ist, so sehr er die anderen Zeitumstände berücksichtigt, Gross’ Analyse ist eine Klatsche für alle Wissenschaftler und Politiker, die die Dauerleihgabe Sammlung Bührle an Land gezogen haben.

Die „Überprüfung“ von Raphael Gross ist erschütternd, weil sie Lücken und methodische Fehler nachweist. Wie von den Kritikern der ersten und der zweiten revidierten Ausstellungspräsentation mit Kunst des Rüstungsindustriellen Emil Bührle befürchtet, finden sich mehr NS-verfolgungsbedingt entzogene Gemälde im Kunsthaus als bisher bekannt.

Gross’ „Überprüfung“ weist systematische Mängel der von der Stiftung Sammlung E. G. Bührle betriebenen Herkunftsrecherche nach. Sie war unzureichend um die individuelle Herkunftsgeschichte bemüht. Sie war vielmehr von einem „anlassbezogenen Erkenntnisinteresse“ geleitet:

„Es ging darum, Werk für Werk zu überprüfen, ob man es ohne Bedenken öffentlich ausstellen könne.“ Für die Brauchbarkeit in der Ausstellung hatte die Sammlung Bührle nachträglich elf Kriterien ausgebildet, anstatt sie als „forschungsleitende Unterscheidungsmerkmale systematisch“ zu entwickeln.

Kriterien waren in der Sammlung Bührle nicht Unterscheidungsmerkmale der Provenienzforschung, sondern eine Klassifizierung. „Zahlreiche Einordnungen treffen selbst dann nicht zu, wenn man nur die von der Stiftung entwickelten Kriterien anwendet.“

Provenienzforschung

Zürichs Last mit Sammlung Bührle

Raphael Gross und sein Team recherchierten 21 weitere jüdische Vorbesitzerinnen und Eigentümer von Gemälden der Sammlung Bührle. „Die Gesamtzahl der Fälle, in denen ein Werk aus der Sammlung Bührle jüdische Vorbesitzer*innen hat, die von NS-Verfolgung betroffen waren, erhöht sich damit vorläufig auf 62 Vorbesitzer.“

Im Rahmen der Sichtung wurden 18 Werke neu identifiziert, bei denen davon ausgegangen oder nicht ausgeschlossen werden kann, „dass es einen jüdischen Vorbesitz und von diesem aus einen Handwechsel im Verfolgungszeitraum gab“. Der Bericht geht von 133 Werken mit jüdischem Vorbesitz in der Sammlung Bührle aus.

„90 jener Werke, die von der Stiftung in die stiftungseigene Kategorie B – und damit als angeblich unproblematisch – eingestuft wurden, müssen zusätzlich neu überprüft werden. Der Sammler Emil Bührle profitierte in zahlreichen Fällen von der Not verfolgter jüdischer Sammler.

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Wer bezahlt neue Forschung?

Raphael Gross spricht drei Empfehlungen aus. Es muss weitere Provenienzforschung betrieben werden nach heutigen Standards. Doch wer das bezahlen soll, ist noch offen. Ein fachlich und biografisch multiperspektivisches Gremium sollte eingerichtet werden. Dessen Aufgabe wäre es, ein Prüfschema zu entwickeln für den NS-verfolgungsbedingten Entzug eines Kunstwerks. Danach werden etliche Gemälde restituiert werden müssen.

Schließlich wird der Zürcher Kunstgesellschaft geraten, „sich kritisch mit dem Namensgeber seiner Dauerleihgabe, Emil Bührle, zu beschäftigen“. Schlimmer geht es kaum.

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