
Wochenende: Wenn gleiche Leistung ungleich belohnt wird – das Handelsblatt-Wochenende
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich habe diese Woche wirklich noch etwas Neues über diese Bundesregierung gelernt: Sie ist nicht nur unglaublich gut darin, jede gute Idee einfach zu vertändeln. Sie kann sich mittlerweile auch sehr gut auf schlechte Ideen einigen.
So sollen ausländische Fachkräfte künftig bis zu 30 Prozent weniger Steuern auf ihr Gehalt zahlen. Menschen, die schon in Deutschland wohnen und die gleiche Arbeit für das gleiche Gehalt erledigen, sollen davon hingegen nicht profitieren. Das soll Menschen überzeugen, die bisher nicht so die Lust haben, in Deutschland zu arbeiten. Insgesamt soll so, wenn ich das richtig verstanden habe, in Deutschland mehr und besser gearbeitet werden.
Ich habe noch nie mit dem Gedanken gespielt, dauerhaft in einem anderen Land arbeiten zu wollen. Deswegen weiß ich natürlich nicht, was Menschen dazu bewegt oder auch nicht. Vielleicht kann ich aber etwas zu der Antwort beitragen, was Menschen insgesamt motiviert.
Dazu würde ich die Urheber dieser Fachkräfte-Idee gerne einladen, mich nachmittags zu begleiten, wenn ich meinen Sohn aus der Kita abhole. So Zweijährige und ihr Sozialverhalten geben ja einen recht unverfälschten Einblick in die Dynamiken menschlichen Zusammenlebens.
Jedenfalls läuft das da fast jeden Mittag so: Nach dem Mittagsschlaf werden die zwei Gruppen der Kita zusammengelegt. Die Zwerge sollen dann, bevor wir sie abholen, noch schnell den Sandkasten – oder je nach Wetter den Spielraum – in einen Zustand versetzen, in dem man ihn über Nacht lassen kann. Zuvor gibt es aber etwas Süßes für alle, was sie im Kita-Jargon „Imbiss“ nennen. Meist ist das ein kleiner Kuchen, ein Riegel, ein Fruchtjoghurt, manchmal aber auch Obst oder kleine Gemüsesticks.
Das Problem entsteht dann, wenn die Kinder aus der einen Gruppe einen Riegel bekommen, die aus der anderen aber eine klein geschnittene Gurke. Vorsichtig gesagt, führt das nicht dazu, dass die mit der Gurke sich in ihrer Motivation gestärkt fühlen. Die Gurke ist eben eher der voll versteuerte Verdienst, während das Stück Kuchen dem 30-Prozent-Steuerrabatt nahekommt.
Ich hoffe, Sie stehen vor einem Wochenende voller guter Ideen – vielleicht bringen Sie ja auch einige unserer zehn Leseempfehlungen auf solche. In einer lesen Sie auch, was Deutschland ernsthaft attraktiver für gut ausgebildete Menschen aus dem Ausland machen könnte.
Ihr
Sven Prange
Ressortleiter Wochenende & Report

„Weniger Zuwanderung nach Europa wird es nicht geben“
Womöglich haben Menschen aus dem Ausland auch deswegen keine Lust, in Deutschland zu arbeiten, weil über Menschen aus dem Ausland hier eher schlecht geredet wird. Zu viele Zuwanderer, die falschen Zuwanderer – der Deutsche an sich hat laut Umfragen sehr viel Angst vor Migration. Bei der Europawahl wurde es oft als das drängendste Problem angegeben. Vielleicht muss dieses Land also das Thema Zuwanderung und Flucht einmal realistisch diskutieren, in der Hoffnung, dass es dann besser wird – der Migrationsforscher Ruud Koopmans hat ein paar Vorschläge gemacht.
Fällt der deutsche Mittelstand auf einen Trickbetrüger herein?
Ich muss hier vorsichtig formulieren, weil Anwälte mitlesen. Deswegen: Wenn ich ein mittelständisches Unternehmen hätte und Michael Flacks würde sich bei mir melden, wäre ich vorsichtig. Der US-Investor steigt gerne bei namhaften deutschen Mittelständlern ein. Die sind in den unterschiedlichsten Geschäften aktiv, haben aber nach Flacks Einstieg eine Gemeinsamkeit: Ihnen fehlt schnell Geld. Nun liegt der Verdacht nahe, dass da ein Zusammenhang besteht. Vinzenz Neumaier und Laura Thalmeyer sind diesem Verdacht nachgegangen – ich sag mal so: Es könnte etwas dran sein.

Deutschlands lebenswerteste Stadt? Kommen Sie nicht drauf
Wirtschaft, Gründungen, Freizeitwert, Dynamik – wenn Sie dabei jetzt an München denken: Sie liegen falsch. Laut der Forschungsgesellschaft Prognos ist die lebenswerteste Stadt Deutschlands eine ganz andere. Spoiler: Sie hat weniger Einwohner als München und liegt nördlich davon. Annika Keilen war dort zu Besuch – und beschreibt, wie eine Stadt so lebenswert wird.
Der beliebteste Bahnchef Deutschlands
Für mich als Tübingen-Düsseldorf-Pendler wird es ab Dienstag richtig unangenehm: Dann sperrt die Deutsche Bahn für zwei Monate die wichtigsten Verbindungen des Landes komplett: Zwischen Mannheim und Frankfurt und zwischen Frankfurt und Köln. Generalsanierung ist angesagt. Da geht es Bahn-Chef Richard Lutz wie Matthias Hartmann. Auch der steht vor einer Generalsanierung von Gleisen und Anlagen. Nur dass Hartmann die Herzen deutscher Bahnkunden zufliegen, dem Deutsche-Bahn-Chef Lutz dagegen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass bei Hartmann alles drei Nummern kleiner ist, schreibt Sebastian Dalkowski.
Dieser Mann will deutschen Unternehmen Toleranz beibringen
Noch bevor Russland die Ukraine überfiel, ist Pavlo Stroblja nach Deutschland geflohen. Weil er schwul ist. Heute berät er die Arbeitswelt in Sachen Vielfalt – denn die ist weniger divers, als sie sich gibt. Von seinen Erfahrungen wollen offenbar viele Unternehmen nun profitieren. Was er ihnen beibringt, steht hier.
Warum eigentlich zieht bei Nahtoderfahrungen das Leben an einem vorbei?
Als mir der sehr junge Kollege Benjamin Ansari dieses Thema vorschlug, machte ich mir kurz Sorgen um ihn. War aber unbegründet. Er wollte sich nicht mit sich, sondern mit der Frage beschäftigen, warum viele Menschen, die einen Nahtod erlebt haben, diesen als positiv in Erinnerung haben. Die Antwort sagt viel darüber aus, wie unser Gehirn in Extremsituationen arbeitet.

Ein Monster für die ganze Familie
Sie haben viele Kinder und brauchen deswegen ein großes Auto? Sie möchten, damit diese Kinder eine Zukunft haben, aber vielleicht auch nicht so viel CO2 in die Luft pusten, wie die meisten Autos das tun? Dann verspricht Kia, eine Lösung für Sie zu haben: den EV9. Katharina Schnurpfeil und ihre Familie haben den Elektro-SUV eine Zeit lang getestet. Die Idee, sagt Katharina, ist gut. Aber die Umsetzung leider nicht.
Keiner hat mehr Lust, Chef zu werden
Ich mag meinen Job, ja. Aber ich habe auch ein tolles Team. Da macht ein bisschen Führungsverantwortung auch Spaß. Damit bin ich aber offenbar zunehmend ein Exot: Immer weniger Menschen wollen Führungspositionen übernehmen. Das aber, schreibt unsere Kolumnistin Nese Oktay-Gür, liegt gar nicht an diesen Menschen. Sondern daran, dass Unternehmen Führungsjobs so unattraktiv gemacht haben. Wie es besser geht, hat Nese hier aufgeschrieben.
So gehen Sie mit Kritik im Büro richtig um
Vielleicht mag auch deswegen keiner mehr Chefin oder Chef werden, weil man manchmal auch einfach die volle Breitseite abbekommt. So erging es Per Ledermann, dem Chef von Edding. Er hatte verheerende Ergebnisse einer Mitarbeiterumfrage. Ich habe mich mit ihm lange darüber unterhalten, welche Schlüsse er daraus zog und wie er mit so viel persönlicher Kritik umging – daraus sind fünf Punkte zum Umgang mit Kritik im Büro entstanden.
Das Beste zum Schluss
Machen wir mal, was wir im Handelsblatt selten machen: Reden wir über die untere Körperhälfte. Dort sitzt mit dem Darm eines unserer komplexesten Organe. Und dessen Wohlergehen ist auch entscheidend für unsere Leistungsfähigkeit. Wie das zusammenhängt und wie Sie Ihren Darm gesund halten, hat Dietrich Grönemeyer für Sie aufgeschrieben.