Kommentar: Olaf ist nicht Julian

Olaf Scholz war bei fast allen Spielen der deutschen Nationalmannschaft im Stadion. Was man aber sicher sagen kann, der Bundeskanzler ist nicht der Bundestrainer. Was Julian Nagelsmann nach dem dramatischen Aus der Nationalmannschaft in seiner nur wenige Minuten dauernden Rede erreicht hat, schaffte Scholz nicht einmal in seiner dreijährigen Regierungszeit.
Einen Tag nach dem K. o. gegen Spanien richtete Nagelsmann in einer außergewöhnlich emotionalen Pressekonferenz unter Tränen eindrückliche Worte an das gesamte Land. Gutes gelinge nur gemeinsam, und sei es bloß der Heckenschnitt. Wer nur immer Schwarzmalerei betreibe und sich aufs Negative fixiere, lähme sich selbst und verkenne, ich welch schönem Land man lebe.
Es nütze nichts, nur über Probleme zu reden, man müsse auch an Lösungen arbeiten. Die Reaktionen in den Medien sind überwältigend. Offenbar gibt es eine ungestillte Sehnsucht nach Gemeinsinn in der Bevölkerung.
Es ist nicht so, dass Scholz nicht auch einen solchen Moment sucht, in dem er einen intensiven Kontakt zu den Deutschen aufnehmen kann. Natürlich darf ein Kanzler nicht bei einer Pressekonferenz weinen. Das verbietet die Würde des Amtes. Doch Olaf ist nicht Julian. Der Kanzler fordert, den Standort Deutschland nicht kaputtzureden. Er verspricht den Deutschen: You’ll never walk alone. Scholz arbeitet an einem grünen Wirtschaftswunder und Wachstumsraten bis zu acht Prozent. Doch nichts verfängt. Warum ist das so? Warum springt kein emotionaler Funke wie bei Nagelsmann auf die Menschen über?
Scholz will das Aus nicht wahrhaben
Es kann nur daran liegen, dass Scholz, um im Bild zu bleiben, das Aus für die Nationalmannschaft nicht wahrhaben will. In seiner Welt geht das Turnier weiter, die Mannschaft ist hervorragend aufgestellt und das Finale in greifbarer Nähe. Es ist wohl diese Wirklichkeitsverweigerung, die die Menschen davon abhält, seinen Weg mitzugehen. Für Scholz ist das schlechteste Wahlergebnis seiner SPD bei der Europawahl ein kaum beachtenswerter Ausrutscher.
Wer auf die Stagnation der Wirtschaft verweist, redet den Standort schlecht. Nur, wenn alles bestens ist, wer sollte dann selbst in seinem kleinen Umfeld an Lösungen arbeiten und wenn es nur der Heckenschnitt ist. Jeder weiß, das Land funktioniert nicht mehr, aber laut dem Kanzler wird alles gut.
Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hat mit seiner Hauruck-Rede in der Stimmung der Menschen etwas bewegt. Genauso wie Julian Nagelsmann, der die Bevölkerung wieder hinter der Nationalmannschaft versammelt hat. Scholz sollte es vielleicht einfach versuchen und das Land positiv überraschen.
Mehr: Der Abkanzler
