Stahlindustrie: Klingbeils Stahlgipfel-Idee stößt in der Branche auf Skepsis
Düsseldorf. SPD-Chef Lars Klingbeil ging es um ein starkes Signal: Seine Partei dringe auf einen baldigen Stahlgipfel, um angesichts der hohen Energiepreise und der US-Zölle über Hilfen zu reden und die Weichen für den klimaneutralen Umbau der Stahlindustrie zu stellen. Das sagte der Vizekanzler und Bundesfinanzminister vor wenigen Tagen den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.
Der Zeitpunkt für Klingbeils Vorstoß ist brisant, denn die Branche steckt wegen hoher Energiekosten, schwacher Nachfrage und massiven Importdrucks in einer existenziellen Krise. Doch trotz der verfahrenen Situation bleibt der Applaus der Stahlindustrie aus. Statt eines weiteren Gesprächsformats verlangen die Stahlhersteller konkrete Maßnahmen – wettbewerbsfähige Energiepreise, wirksamen Handelsschutz und klare Förderzusagen für den klimaneutralen Umbau.
Dem Handelsblatt sagte der Chef des Stahlherstellers Salzgitter, Gunnar Groebler, ein Stahlgipfel könne zwar ein Signal setzen. Doch er dürfe sich nicht darauf beschränken, „uns gegenseitig die Probleme zu beschreiben“. Es gebe in der Politik und der Stahlindustrie kein Erkenntnisproblem. Was es brauche, seien messbare Entscheidungen und Fortschritte. „Die Politik muss ins Tun kommen, die Lage ist ernst.“
Zwar begrüße man jedes politische Signal, das die Bedeutung der Stahlindustrie für Deutschland hervorhebt, betonte auch Anne-Marie Grossmann, Vorstandsmitglied beim Stahlhersteller Georgsmarienhütte. Ein Gipfel ergebe aber nur Sinn, wenn er zu konkreten Maßnahmen und verbindlichen Zeitplänen führe. „Der Dialog hat lange genug gedauert – jetzt ist es Zeit zu handeln“, sagte sie dem Handelsblatt.
Auch Thyssen-Krupp mahnte konkrete Ergebnisse an. „Wir brauchen Maßnahmen, die sofort in die Umsetzung gehen und Wirkung entfalten, entsprechende Vorschläge dazu liegen bereits in Berlin und Brüssel vor“, sagte ein Sprecher dem Handelsblatt.
Tatsächlich steht die Stahlindustrie exemplarisch für die Herausforderungen der deutschen Industriepolitik. Sie ist Grundstofflieferant für die Autoindustrie, den Maschinenbau und die Bauwirtschaft – zugleich ist sie einer der größten CO2-Emittenten.
Milliardeninvestitionen in Wasserstofftechnologien und Direktreduktionsanlagen sind nötig, um klimaneutral zu produzieren. Doch ohne wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen sind diese Projekte kaum finanzierbar.
„Ein Stahlgipfel muss dabei helfen, den direkten Austausch mit der Bundesregierung zu fördern“, heißt es bei Arcelor-Mittal. „Wir benötigen umgehend konkrete Maßnahmen für den effektiven Handelsschutz und wettbewerbsfähige Energiepreise.“ Handelsschutz sei aktuell das wichtigste Thema. Ziel müsse ein fairer Handelsdeal mit den USA sein, damit Umlenkungseffekte und direkte Auswirkungen auf die Stahlindustrie und verbundene Branchen reduziert werden.
Branche fürchtet billige Einfuhren aus Asien
Zwar liefern deutsche Stahlhersteller vergleichsweise wenig Stahl in die Vereinigten Staaten. Dennoch könnten sich die US-Importzölle mittelfristig als Nachteil für den deutschen Stahlmarkt erweisen. Statt direkter Auftragsverluste fürchtet die Branche auf lange Sicht die indirekten Folgen: Ware aus Asien, die eigentlich für den Export in die USA vorgesehen war, könnte ersatzweise auf den europäischen Markt drängen.
„Außerdem muss sich die Bundesregierung intensiv einbringen – bei der Gestaltung des Nachfolgeinstruments der Safeguards auf EU-Ebene“, sagt Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl (WV Stahl). Die sogenannten Safeguard-Maßnahmen der EU wurden 2019 eingeführt, um die Stahlindustrie vor einem extremen Anstieg von Importen infolge der US-amerikanischen Marktabschottung zu schützen.
OECD rechnet mit drastischen Überkapazitäten
„Es wird höchste Zeit für ein langfristig wirksames europäisches Handelsschutzinstrument," betont Rippel. „Andernfalls werden Deutschland und die gesamte EU zum großen Verlierer der geopolitischen Neuordnung!“ Schon jetzt sei die Lage dramatisch: Jede dritte in der EU verbrauchte Tonne Stahl komme aus Ländern jenseits der Gemeinschaft. Gleichzeitig befinde sich die Nachfrage in Europa auf einem historischen Tief.
Und die OECD prognostiziert zudem eine weitere Verschärfung: Die weltweiten Überkapazitäten an Stahl steigen von 600 Millionen Tonnen im Jahr 2024 auf über 700 Millionen Tonnen bis 2027. In Verbindung mit den weiterhin geltenden US-Zöllen von 50 Prozent entsteht ein Umfeld, das die europäische Stahlindustrie zunehmend ins Abseits drängt.
Neben dem Importdruck belasten vor allem die Energiekosten. Die Unternehmen fordern Strompreise von 40 bis 50 Euro pro Megawattstunde, also deutlich unter dem aktuellen Niveau. „Die seit Jahren angekündigte Absenkung der Übertragungsnetzentgelte muss endlich umgesetzt werden“, sagt Rippel. Ohne Entlastung drohten Standortschließungen und eine Abwanderung von Investitionen.
Auch Gaspreise sind ein Problem. Für die Übergangsphase der Transformation sind große Mengen an Erdgas unverzichtbar. Doch die Kosten liegen weit über denen internationaler Wettbewerber. „Nur wenn wir kurzfristig wirtschaftlich produzieren können, gelingt langfristig der klimaneutrale Umbau“, betont Arcelor-Mittal.
Die Stahlindustrie beschäftigt hierzulande direkt rund 85.000 Menschen, indirekt hängen Hunderttausende Arbeitsplätze in Automobilindustrie, Maschinenbau oder Bauwirtschaft daran.