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Interview mit Christian MumenthalerSwiss-Re-Chef warnt vor zweiter Corona-Welle und Milliardenbelastungen für die Branche

Der Vorstandschef des Schweizer Rückversicherers glaubt nicht an ein rasches Ende der Corona-Pandemie. Eine Impfstoff werden seiner Einschätzung nach nicht so bald verfügbar sein.Carsten Herz, Christian Schnell 09.06.2020 - 04:00 Uhr

Der Vorstandschef des Rückversicherers warnt vor verfrühter Euphorie in Sachen Corona-Bekämpfung.

Foto: Reuters

Frankfurt, München. Christian Mumenthaler, der Chef des Rückversicherers Swiss Re, fürchtet, dass sich die Hoffnung auf eine schnelle Normalisierung nach der Coronakrise als trügerisch erweisen könnte. Im Interview mit dem Handelsblatt zeigt sich der Topmanager skeptisch, dass es schon bald einen Impfstoff für die Krankheit geben wird, und er glaubt, dass der Kampf gegen die Pandemie noch mindestens ein bis zwei Jahre dauern wird – auch, weil er mit einer zweiten Infizierungswelle rechnet. Der Schweizer studierte Physik am Institut für Molekularbiologe und Biophysik in Zürich.

Swiss Re will die Krise auch nutzen, um sich Ende des Jahres nach Akquisitionszielen umzusehen. Insgesamt hält Mumenthaler Schätzungen für die Belastung der Branche durch Corona von 50 bis 100 Milliarden Dollar versicherten Schaden für realistisch.

Außerdem verteidigt er die zögerliche Auszahlung bei Betriebsschließungspolicen und legt dar, dass das Risiko einer Pandemie nicht allein privatwirtschaftlich versicherbar sei. Mumenthaler plädiert deshalb für eine Lösung mithilfe der öffentlichen Hand und stellt sich damit hinter entsprechende Wünsche von Allianz-Boss Oliver Bäte und Axa-Boss Thomas Buberl.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Mumenthaler, Ihr Unternehmen ist ein Spezialist darin, Risiken zu bewerten. Wie groß ist die Chance, dass die Menschheit mit Covid-19 das Schlimmste hinter sich hat?
Nun, da kann ich keine Entwarnung geben. Alle Länder machen eine ähnliche Entwicklung durch: Zunächst hatten wir einen Zeitraum, als das Virus überraschend angriff – und die Länder sehr unterschiedlich schnell reagierten. Dann kam der heiße Krieg gegen das Virus, in dem wir alle abgetaucht sind. Diese Phase verlief in Europa sehr erfolgreich. Aber das Virus ist überall auf der Welt noch vorhanden. Es kann möglicherweise regional zwar verschwinden. Aber dass es global bald ausstirbt, ist sehr unwahrscheinlich. Ich erwarte, dass wir uns noch länger in einer Phase befinden werden, die ich den Kalten Krieg gegen das Virus nennen würde.

Sie studierten am Institut für Molekularbiologie und Biophysik und näher am Thema als viele andere: Wie lange wird es dauern, bis wir alle zu so etwas wie Normalität zurückkehren werden?
Das wird meiner Meinung nach mindestens noch ein, zwei Jahre brauchen. Viel hängt davon ab, welche Fortschritte wir bei den Impfstoffen machen werden und was Sie als normal bezeichnen. Ich denke aber, dass wir uns auf jeden Fall auf eine zweite Welle der Epidemie einstellen sollten. Es ist keineswegs ausgemacht, dass wir schon bald ein Mittel gegen Corona haben werden. Es werden zwar Milliarden Euro ausgegeben und viele Versuche gemacht, aber gegen andere Coronaviren haben wir bis heute Mühe, Gegenmittel zu finden.

Ist Corona der berühmte Schwarze Schwan, ein völlig unerwartetes Jahrhundertereignis, auf das niemand vorbereitet war?
Nun, Corona ist eigentlich das Gegenteil davon. Die Definition eines Schwarzen Schwans des Autors Nassim Taleb ist ja ein Risiko, das niemand kennt und über das niemand nachgedacht hat. Doch es gab schon immer Pandemien: 1918 die Spanische Grippe, in den 50er- und 60er-Jahren Grippe-Epidemien, dann 2003 Sars. Corona ist also ein weißer Schwan. Eine Katastrophe, von der viele wussten, dass sie passieren wird. Auch die Swiss Re hat immer wieder auf die Gefahren einer Pandemie hingewiesen. Chief Risk Officers verschiedener Rückversicherungsunternehmen – ich war einer davon – haben 2007 eine Studie zu Pandemierisiken verfasst. Es läuft Ihnen kalt den Rücken herunter, wenn Sie das lesen. Es steht alles drin, was jetzt passiert. Die Notenbanken werden reagieren, es wird in Asien passieren, und es wird sich schneller ausbreiten als die Spanische Grippe.

Vorbereitet war dennoch kaum jemand. War die Bedrohung einfach zu abstrakt?
Das hat sicher viel mit Psychologie und Verhaltensökonomie zu tun. Risiken, die Menschen nicht selbst erlebt haben, nehmen sie auch nicht so ernst. Das menschliche Gehirn hat Mühe, Interesse an Dingen zu finden, die noch nicht geschehen sind. Das war ein Fehler. Heute haben wir die einmalige Gelegenheit, aus unseren Fehlern zu lernen und uns besser auf künftige systemische Risiken vorzubereiten.

Ein teurer Fehler. Was wird Corona am Ende kosten? Lloyd’s of London schätzt die Schäden allein für die Versicherer auf 200 Milliarden Dollar…
Wir selbst haben keine Prognose abgegeben, aber die Schätzungen, die ich kenne, gehen überwiegend von 50 bis 100 Milliarden Dollar versicherter Schäden aus – das ist eine realistische Größe. Aufteilen wird sich die Summe auf Lebens-Policen, auf Kredit-Policen und mehr als die Hälfte dürfte auf die Betriebsschließungspolicen entfallen. Im Jahr 2017 betrugen die gesamten versicherten Schäden durch Natur- und von Menschen verursachte Katastrophen sogar 144 Milliarden Dollar. Es gibt also vergleichbare Schäden.

Ihr Konkurrent Munich Re deutete an, dass dies auch die Zeit für Akquisitionen sei. Sehen Sie sich auch nach Übernahmezielen um?
Ich glaube, es ist noch zu früh. Derzeit sind alle Vorstandsetagen und Aufsichtsratsgremien dabei, sich einen Überblick über die finanziellen Folgen zu machen. Die Lage ist unsicher. Da denkt niemand daran, ein Unternehmen zum Verkauf anzubieten. Aber es wird darauf ankommen, wie groß der finanzielle Stress in den nächsten Monaten sein wird. Es ist möglich, dass sich das Übernahmekarussell im vierten Quartal oder Anfang des kommenden Jahres wegen Corona in Gang setzen wird. Für die Swiss Re könnten sich dann Gelegenheiten bieten. Wir werden uns sicher genau anschauen, wenn Angebote auf den Tisch kommen.

Swiss Re schrieb im ersten Quartal einen Verlust. Wird Corona das Unternehmen stärker treffen als die finanziellen Folgen der bisher schwersten Hurrikansaison im Jahr 2017?
Das ist momentan unmöglich zu sagen. Es wird bis zum zweiten oder dritten Quartal dauern, bis wir bessere Schätzungen haben. Wenn es aber in dem Bereich von 50 bis 100 Milliarden Dollar für die Branche bleibt, wird das ein Schaden sein, der für uns nichts Außergewöhnliches ist. Der Umgang mit Großschäden ist schließlich unser Geschäft.

Dennoch gibt es viele Klagen über das Verhalten der Versicherer, gerade bei den Policen gegen Betriebsschließungen. Bestätigt die Branche nicht das alte Klischee, dass sie letztlich nicht zahlt, wenn es darauf ankommt?
Das muss man differenzierter sehen. Wir sind kein Erstversicherer, deshalb möchte ich das nicht allzu ausführlich kommentieren. Aber das Problem für die Versicherer ist die Diversifikation des Risikos, also die Streuung der Gefahr. Zum Beispiel werden ein Hurrikan in den USA und ein Taifun in Japan kaum gleichzeitig stattfinden. Deshalb kann man günstige wirtschaftliche Effekte für alle Beteiligten erwirtschaften – eine Art Solidaritätsfonds. Eine Pandemie ist aber ein Risiko, das überall gleichzeitig eintrifft – und deshalb ist es für die Versicherungsindustrie nur bis zu einem gewissen Grad tragbar. Wenn Sie sich den ökonomischen Schaden von Corona anschauen, dann ist er größer als die Marktkapitalisierung der ganzen Branche. Aus diesem Grund hat die Versicherungsindustrie immer darauf geachtet, nicht zu viel Pandemierisiko zu zeichnen, und hat entsprechende Klauseln in den Verträgen eingebracht.

Die Versicherungsbranche kann technisch überhaupt nicht die Lösung sein für eine umfangreiche, globale Pandemie-Deckung

Tausende von Firmen sind durch Covid-19 darauf aufmerksam geworden, dass eine Pandemie-Versicherung ein lohnendes Investment sein könnte. Schlägt jetzt die Stunde der Versicherer?
Nein, genau aus den Gründen, die ich vorher genannt habe. Das heißt, die Versicherungsbranche kann technisch überhaupt nicht die Lösung sein für eine umfangreiche, globale Pandemie-Deckung. Da wird es Lösungen brauchen wie öffentlich-private Partnerschaften, weil Pandemien einen großen Teil der Bevölkerung betreffen und alle 30 bis 100 Jahre mehrere Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts kosten. Anders ist es nicht handhabbar.

Wären Sie demnach dafür, einen europäischen Fonds aufzubauen?
Es wäre eine Möglichkeit für Europa. Als Schweizer mit italienischem Pass darf ich dazu zumindest etwas sagen. Man sollte aber auch andere Risiken wie Cybercrime in die Überlegung einbeziehen. Auch hier können einzelne starke Events die ganze Welt lahmlegen. Es wäre ein Fehler, „nur“ Lösungen für Pandemien zu erarbeiten und andere potenzielle große Risiken zu ignorieren. Es ist an der Zeit, ein besseres Bewusstsein für systemische Risiken zu schaffen.

In solchen Fällen geht es um Billionen. Wo soll das ganze Geld herkommen?
Für einzelne Länder sind es Milliarden. Und es muss nicht der gesamte Schaden abgedeckt sein. Ordnungspolitisch wäre es wichtig, dass die Risikoeigner, also die Versicherungsnehmer, via Versicherungsprämie das Ereignis möglichst vorfinanzieren. So können auch Anreize zur Risikominderung geschaffen werden. Auch der Staat kann einen Beitrag leisten, und die Versicherungsindustrie genauso.

Doch die Politik ist nicht überall gut auf die Branche zu sprechen. Einige US-Bundesstaaten wollen Versicherer zwingen, Schäden aus Betriebsunterbrechungen auszuzahlen. Betrifft das mittelbar auch die Swiss Re?
Zuallererst betrifft es die Erstversicherer, die wiederum unsere Kunden sind. Es gehört zum politischen System der USA, dass solche Versuche vorkommen. Allerdings glaubt niemand, dass die USA Vertragsbedingungen ex post aufheben. Betroffen ist lediglich der Graubereich, in dem es ohnehin zu Verhandlungen kommen würde.

Die EU-Kommission hat Hilfen in nie da gewesener Höhe bereitgestellt. Deutschland und Frankreich wollen einen gemeinsamen Wiederaufbau-Fonds auflegen. Ist das eine gute Idee?
Auf wirtschaftlicher Seite hat man keine andere Wahl, als massiv zu intervenieren. Die Krise wird 6,4 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020 auslöschen. Bei der Spanischen Grippe 1918 lag die Schätzung bei 4,8 Prozent. Ohne Hilfe der Staaten wird es nicht funktionieren.

Nun machen sich viele Länder wieder locker, man spricht auch unter anderem über Sommerurlaube. Ist das jetzt schon passend?
Die Länder haben die Lage einigermaßen unter Kontrolle. Da ergibt es Sinn, jetzt stufenweise zu öffnen. Wir müssen aber auch einen sinnvollen Plan haben, sollte es zu einer zweiten Welle kommen. Wie können wir dann mit der gleichen Effizienz, aber mit deutlich geringeren Einflüssen auf die Wirtschaft reagieren? Jetzt müssen wir zurück ins Leben und auch Risiken auf uns nehmen. Auch auf die Gefahr hin, dass wir manches womöglich zurücknehmen müssen. Ein Verharren im Lockdown kann nicht die Lösung sein.

Seit 2016 ist Mumenthaler Vorsitzender der Geschäftsleitung bei Swiss Re.

Foto: Bloomberg

Der Chef der US-Bank JP Morgan, Jamie Dimon, hat vor wenigen Tagen die Hoffnung geäußert, dass die Krise als Katalysator wirkt. Wie sehr wird Corona das Wirtschaftsleben verändern?
Auch nach den Anschlägen vom 11. September dachten wir, dass alles anders wird. Man passt sich dann aber schnell den alten Gewohnheiten an, obwohl gewisse Veränderungen bleiben. Das erwarte ich diesmal auch. Ich hoffe, dass beispielsweise etwas mehr Solidarität zwischen den Ländern in Europa aufkommt und dass wir uns überlegen, ob man so viel konsumieren, so viel fliegen, so viel im Büro sein muss. Vielleicht können die Schulen digitaler werden. Es ist ein Lernprozess für uns alle, den sollten wir unbedingt nutzen. Bei Swiss Re wollten wir in diesem Jahr unsere CO2-Emissionen im Flugverkehr um 15 Prozent senken. Das gab teils großen Widerstand, jetzt erreichen wir dieses Ziel sicher. Und wir haben nicht vor, wieder auf das alte Niveau zu kommen.

Was ist die wichtigste Lektion, die wir aus der Lungenkrankheit ziehen sollten?
Aus meiner Sicht hat eindeutig die Wissenschaft gesiegt. Als Wissenschaftler war ich besorgt, wie stark sie in den vergangenen fünf bis zehn Jahren angegriffen wurde. Dabei hat die Wissenschaft der Menschheit mehr gebracht als alle Prozesse Tausende Jahre davor. Länder, die sich für Wissenschaft und Debatte interessieren, konnten Entwicklungen voraussehen und haben dann richtig reagiert. Ich hoffe, dass wir aus dieser Krise zu einem rationalen, vernünftigeren Ansatz zurückfinden und unsere Wirtschaftssysteme wieder belastbarer machen. Ich plädiere deswegen nicht für ein Ende der Globalisierung, sondern für mehr internationale Organisationen und Kooperationen. So werden wir die nächste Krise besser überstehen.

Aus meiner Sicht hat eindeutig die Wissenschaft gesiegt.

Wird Corona auch das Verhalten der Privatperson Christian Mumenthaler verändern?
Privat bin ich eher introvertiert, insofern hat die jetzige Situation auch positive Seiten. Ich musste viel weniger reisen, konnte mich im Büro intensiver mit Themen beschäftigen und war auch mehr zu Hause. Das Privatleben war bereichernd. Wobei das Thema Homeschooling für meine Frau bedeutet hat, dass viel mehr Arbeit auf sie übertragen wurde. Insgesamt hat die Krise für mich mehr Ruhe bedeutet. Das will ich auch beibehalten, soweit es geht.

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Der Philosoph Alain de Botton empfiehlt, im Umgang mit der Krise eine Art fröhlichen Pessimismus an den Tag zu legen, gepaart mit Galgenhumor und Galgenhoffnung. Ist das die richtige Einstellung?
Ich bin wohl positiver als er, das klingt mir zu pessimistisch. Da halte ich mich lieber an die alten Stoiker. Die Erkenntnis, dass wir viele Dinge nicht beeinflussen können, gehört zum Leben. Hier lohnt es sich nicht, zu viel Energie zu investieren. Ich versuche mich eher darauf zu fokussieren, was ich verändern kann.

Herr Mumenthaler, vielen Dank für das Interview.

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