Preiskampf der Versicherer: Wie Autofahrer von der Rabattschlacht bei Kfz-Versicherungen profitieren können
Autofahrer können auf günstigere Preise in der Kfz-Versicherung hoffen.
Foto: dpaFrankfurt, München. Es wird geklotzt – nicht gekleckert. Zwei Filmteams wurden aufgeboten, es wurde in Holland und in Jamaika gedreht, um Usain Bolt, den achtfachen Olympiasieger, Weltmeister und Weltrekordhalter richtig in Szene zu setzen. Die neue europäische Allianz-Direktversicherungstochter Allianz Direct greift in die Vollen, um für ihr neues Angebot an Kfz-Versicherungen rechtzeitig zur anstehenden Wechselsaison im November die Werbetrommel zu rühren.
Der kurze Werbespot, den der Münchener Dax-30-Versicherungskonzern seit Kurzem in den sozialen Medien verbreitet, ist mehr als ein Werbegag. Er ist auch Bestandteil einer langfristigen Offensive der Münchener. Denn im umkämpften Geschäft mit Kfz-Versicherungen für die 47,7 Millionen Autos in Deutschland hat nicht die erfolgsverwöhnte Allianz die Nase vorne, sondern seit Längerem der kleinere Konkurrent Huk Coburg. So versicherte die Allianz Ende letzten Jahres rund 8,7 Millionen Fahrzeuge. Die Franken haben dagegen etwa 12,4 Millionen Fahrzeuge in Deutschland unter Vertrag und sind damit der größte Autoversicherer.
Die Allianz möchte das langfristig gerne ändern. Deswegen sei man in diesem Jahr auch sehr früh in die Abwerberunde gestartet und habe schon höhere Zuwächse als im vergangenen Jahr zu dieser Zeit erzielt, erklärt Frank Sommerfeld, Vorstand der deutschen Allianz-Tochter.
Der Konkurrenzkampf in der Branche wird nicht nur über Spots ausgetragen – sondern auch über den Preis. „Der Wettbewerb verschärft sich“, sagt Jörg Rheinländer, zuständiger Vorstand der Huk Coburg, dem Handelsblatt. Die ersten Anbieter scharrten bereits spürbar mit den Hufen. „Wir stellen uns auch wieder auf die eine oder andere Überraschung ein – die gab es jedes Jahr bei den Tarifen.“ Natürlich sei Allianz Direct ein sehr starker Wettbewerber. Aber es gebe auch junge Insurtechs, die auf den Markt drängten. Aus Rheinländers Sicht „wird der Herbst 2020 sehr spannend“.
Beiträge seit Juli um 10 Prozent gesunken
So ist acht Wochen vor Ende der Wechselfrist für kalenderjährliche Verträge der Preiskampf um neue Kunden in der Kfz-Versicherung in vollem Gang. Verbraucher zahlten aktuell durchschnittlich 303 Euro jährlich, berichtet der Online-Makler Check 24. Das seien zehn Prozent weniger als auf dem Höchststand im Juli, der aber unter dem höchsten Wert der vergangenen Wechselsaison gelegen habe. Bis Ende November dürften die Preise im Durchschnitt weiter sinken. Allerdings erhöhten erfahrungsgemäß einzelne Versicherer ihre Beiträge schon vorher wieder. Spätestens nach dem 30. November zögen die Preise wieder an.
Millionen Autofahrer in Deutschland können damit auf günstigere Preise in der Kfz-Versicherung hoffen. „Der Wettbewerb wird wohl dazu führen, dass Durchschnittsbeiträge in der Kfz-Versicherung in den kommenden Monaten geringfügig nachgeben werden, sagt der Huk-Vorstand voraus. Das sei ein Effekt, der sich häufig in den Wochen um den November beobachten lasse. „Einige Anbieter drehen dafür auch an der Preisschraube“, meint er.
Für Verbraucher ist das eine gute Nachricht: Konkret bedeutet das, die Kfz-Versicherungen werden vielfach im zweiten Jahr in Folge leicht billiger. Zuvor waren die Preise der Policen in diesem Jahrzehnt bisher meist angestiegen.
Für die Versicherer geht es auf dem Automarkt um viel. Traditionell sind die Kfz-Policen das zweitwichtigste Geschäft nach den Lebensversicherungen: 28,55 Milliarden Euro spülten die deutschen Autofahrer allein im vergangenen Jahr den Assekuranzen als Beitragseinnahmen in die Kassen.
Doch der Markt ist umkämpft. Die Schaden-Kostenquote, die besagt, ob eine Firma Geld mit den Policen verdient, lag 2019 bei 98,4 Prozent – bei über 100 Prozent zahlen die Versicherer drauf. So können die flotten Sprüche aus der Werbung nicht überdecken, dass mit harten Bandagen gespielt wird – und sich der Preiskampf im Schatten von Corona in der Wintersaison wieder verschärfen könnte. Denn die Sparte zählte im Sommer zu den wenigen Profiteuren der Pandemiefolgen in der sonst von hohen Schäden gebeutelten Branche.
Denn durch den Trend zu Homeoffice und Corona-Einschränkungen müssen viele Kfz-Versicherer weniger Schäden bezahlen, weil insgesamt weniger gefahren wurde. Gleichzeitig haben die Kunden aber ihre Prämien meist schon auf einen Schlag am Jahresanfang geleistet. Marktführer Huk-Coburg geht für 2020 von einem Minus von fünf Prozent aus.
Doch zugleich geriet wegen des Einbruchs bei Neuzulassungen von Autos in Deutschland auch das Neugeschäft mit Kfz-Policen unter Druck. Außerdem konnten Kunden, die seither deutlich weniger fahren als vorher angenommen, ihre jährliche Fahrleistung nach unten anpassen und bekamen so Geld zurück. Allein bei der Allianz waren das über 60.000 Kunden.
Corona-Effekt ebbt ab
So blickt Talanx-Finanzchef Jan Wicke wenig optimistisch nach vorn. „Natürlich war 2020 bisher für die deutschen Kfz-Versicherer ein sehr gutes Jahr, weil viele Kunden während des Höhepunktes der Coronakrise gar nicht oder kaum Auto gefahren sind – und insofern kaum Schäden angefallen sind“, räumt er ein.
Aber dieser Effekt sei inzwischen weitgehend verschwunden. Der Pendelverkehr liege zwar noch knapp unter dem Normalniveau, aber dafür habe sich die Höhe der einzelnen durchschnittlichen Schadenkosten erhöht, auch weil wegen Corona mehr Aufwand von den Werkstätten betrieben werden müsse.
Unter dem Strich werde 2020 zwar dennoch ein sehr gutes Jahr für die Kfz-Versicherer sein. Dafür dürften sie „im kommenden Jahr deutlich Federn lassen“, sagt der Topmanager voraus. „Ich gehe davon aus, dass die Ergebnisse der Kfz-Versicherer 2021 kräftig leiden werden.“
Autofahrer sollten also in der Wechselsaison die Augen offen halten. Wer weniger Auto gefahren ist, kann von seinem Versicherer Geld zurückbekommen. „Wir haben zu den ersten Versicherern gehört, die gesagt haben, dass wir den Versicherten Geld zurückzahlen werden, wenn die Schäden und die Fahrleistung 2020 deutlich unter dem Vorjahr liegen sollten“, sagt Huk-Chef Rheinländer. „Wir gehen davon aus, dass wir aus Unternehmenssicht eine signifikante Summe an die Kunden zurückgeben werden.“
Doch nicht alle Versicherungen geben Beiträge rückwirkend für das ganze Jahr von sich aus an die Versicherten zurück. „Eine ganze Reihe von Versicherern passt den Beitrag erst ab dem Zeitpunkt an, ab dem sich der Versicherte meldet“, warnt Kathrin Gotthold vom Portal „Finanztip“. Betroffene Versicherte sollten darum von sich aus aktiv werden.
Denn der Markt ist in Bewegung. Auch junge Firmen wie Friday, Emil oder die Ergo-Tochter Nexible buhlen um neue Kunden. Nexible hat es beispielsweise drei Jahre nach dem Start nach eigener Aussage auf rund 60.000 Kunden gebracht. Zugute kommt allen Insurtechs, dass in Deutschland mittlerweile jede dritte Kfz-Police online abgeschlossen wird – Tendenz steigend. In Großbritannien liegt der Internetanteil schon bei 70 Prozent, in Österreich sind es allerdings erst 2,5 bis drei Prozent.
John-Paul Pieper, Geschäftsführer von Nexible, ist sicher, dass der Aufwärtstrend in Deutschland anhalten wird. Dabei glaubt er an zwei Antriebskräfte. Erstens habe der Gebrauchtwagenmarkt weiter hohe Bedeutung. Zweitens erwartet der Nexible-Manager in den kommenden Jahren eine deutliche Zunahme des Themas Car-as-a-Service, also Abos für Neuwagen. „Der Anteil der Abo-Fahrzeuge bei Neuwagen wird im Jahr 2030 bei rund 40 Prozent liegen“, sagt Pieper.
Tesla greift im Versicherungsgeschäft an
Doch längst buhlen die Versicherer nicht mehr allein um Kfz-Versicherungskunden. So bereitet sich mit Tesla auch ein Hersteller auf den Einstieg in das Geschäft mit Kfz-Policen in Europa vor und fordert damit die heimischen Anbieter von Autoversicherungen heraus. Kalifornische Besitzer des E-Autos können ihren Tesla bereits seit knapp einem Jahr direkt beim Hersteller versichern. Die Police gibt es beim Kauf eines Neuwagens dazu.
Der Tesla-Chef verspricht, seine Versicherung werde „überwältigender sein als alles, was es sonst so draußen gibt“.
Foto: ReutersDoch mit Kleinkram hielt sich Tesla-Chef Elon Musk noch nie auf. Seine eigene Versicherung werde „überwältigender sein als alles, was es sonst so draußen gibt“, versprach er bereits selbstbewusst. Die Versicherer sollten das durchaus als Kampfansage verstehen. In der Autobranche hat Musk bereits bewiesen, dass er Märkte aufmischen kann.
Günstig wird die Versicherungsprämie für Tesla-Fahrer trotzdem nicht. Der Versicherungsverband GDV hat alle Fahrzeugtypen in Deutschland neu eingestuft. Ein Tesla Model 5 kletterte danach in der Vollkasko-Versicherung noch eine Stufe höher auf die Typklasse 31. Die Bandbreite reicht hier von niedrigen zehn auf sehr hohe 34.