1. Startseite
  2. Meinung
  3. Morning Briefing
  4. Handelsblatt Morning Briefing von Hans-Jürgen Jakobs

Morning BriefingStreit um Klimakanzler Scholz

Hans-Jürgen Jakobs 25.10.2021 - 06:15 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wir gehen in die Woche vor der Weltklimakonferenz, die am nächsten Sonntag in Glasgow beginnt. Eine Fülle von Statements hierzu werden zu lesen, zu hören, zu sehen sein. Den Anfang macht bei uns die heimische Industrie. Es bestehe die Gefahr, dass sich EU und Deutschland „so weit vom Rest der Welt entfernen, dass die industrielle Wettbewerbsfähigkeit massiv beeinträchtigt wird“, warnt BASF-Chef Martin Brudermüller in unserer Titelgeschichte. „Nationale Sonderwege helfen nicht“, assistiert Evonik-Chef Christian Kullmann.

Und der Kölner Verhaltensökonom Axel Ockenfels kritisiert die EU noch aus einem anderen Grund: „Wenn man auf die nächste Weltklimakonferenz fährt und dort erklärt, dass die Klimaziele unabhängig vom Verhalten anderer Länder bereits feststehen, gibt man Verhandlungsmacht aus der Hand.“ Und er sagt: „Klimaziele senken keine Emissionen.“

Allerdings ist der Begriff „Klimaklub“ so schillernd wie unbestimmt. Und wenn der „Klub“ dann von Anfang an die ganze Welt umfassen soll, könnte es sehr lange mit einem effizienten Umweltschutz dauern.

Ungeachtet der Kritik aus der Industrie ist Robert Habeck überzeugt: „Wenn Olaf Scholz zum Kanzler gewählt wird, wird er Klimakanzler sein. Auch weil wir in der Regierung sind.“
Das sagte der Co-Chef der Grünen gestern Abend bei „Anne Will“. Und der belobigte Noch-Vizekanzler-vielleicht-bald-Vollkanzler lobte in der ARD die Vorbildfunktion Deutschlands im Kampf gegen den Klimawandel: „Es gibt hier die nötige Wirtschaftskraft und wissenschaftliche Leistungsfähigkeit, um nötige Technologien zu entwickeln.“

Man müsse die Ausbauziele erreichen. So wolle die Autoindustrie für die Elektromobilität den Bau von 2000 Ladepunkten pro Woche, aktuell aber komme man auf diese Zahl nicht einmal im Monat. Habeck übrigens bestätigte, dass es beim Thema Finanzen keine Dynamik gebe: Die Liberalen verhinderten Reformen bei Vermögens- und Erbschaftssteuer, SPD und Grüne eine Senkung der Unternehmenssteuer. Manchmal steht die Ampel lange auf Rot.

Sie ist die älteste Bank der Welt – und derzeit die größte Last in der Wirtschaftspolitik Italiens: Monte dei Paschi di Siena (MPS). Nun wurde bekannt, dass der von langer Hand geplante Verkauf der verstaatlichten Bank an den Rivalen Unicredit geplatzt ist. Die Verhandlungen seien abgebrochen und würden nicht mehr fortgesetzt, so Unicredit und das Wirtschaftsministerium unisono.

Ministerpräsident Mario Draghi muss die 2017 mit 5,4 Milliarden Euro vom Staat gerettete Traditionsbank bis Mitte 2022 wieder verkaufen, das sieht die Absprache mit der EU vor. Der Deal ist offenbar daran gescheitert, dass die Unicredit forderte, der Staat solle angesichts erforderlicher Korrekturen in den Geschäftsbüchern weitere 6,3 Milliarden in die Monte Paschi stecken.

Es kommentiert Dante: „Überall, wo Zwist herrschen kann, da muss es auch eine Entscheidung geben.“

Über Resilienz wird in Lebenshilfe-Artikeln und auf Wirtschaftskongressen ausführlich geredet. Die Wahrheiten hinter dem Schlagwort aber beschreibt der Ökonom Markus K. Brunnermeier, der an der Princeton University in den USA lehrt. Er lieferte mit „Die resiliente Gesellschaft“ eine Grundlagenarbeit ab – für die eine prominent besetzte Jury den „Deutschen Wirtschaftsbuchpreis“ verlieh.

Das Handelsblatt führte die Veranstaltung nun bereits zum 15. Mal durch, Partner waren erneut Goldman Sachs und die Frankfurter Buchmesse. Der auf Finanzpolitik spezialisierte Brunnermeier hält es angesichts dauerhafter Nullzinsen derzeit für müßig, von der Geldpolitik mehr Resilienz, also eine zurückfedernde Anpassungsfähigkeit, zu verlangen. Der Spielraum läge jetzt bei der Fiskalpolitik, allerdings könnten Niedrigzinsen kein Dauerzustand sein, erklärte er: „Jetzt müsste die Politik versuchen, die Schulden zurückzufahren und neue Reserven für den nächsten Schock zu schaffen. Nur dann ist man resilienter.“
Brunnermeier fügt auch noch den Wunsch an, die Europäische Zentralbank solle wieder ein bisschen mehr wie die Deutsche Bundesbank sein.

Foto: Uta Wagner für Handelsblatt

Auch einen Sonderpreis für das „beste Unternehmerbuch des Jahres“ verlieh die Jury an „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ von Bill Gates. Die Laudatio hielt die Unternehmerin Verena Pausder, die im Vorjahr diesen Spezialpreis bekommen hatte.

In einem Exklusivinterview mit dem Handelsblatt erklärte der Mitgründer von Microsoft, er habe das Buch geschrieben, um das Verständnis dafür zu vergrößern, „wie schwierig es ist, das Klimaproblem zu lösen – und dass es dennoch möglich ist“. Es gehe darum, die Bürger einzubinden. Man brauche ihren Konsum, ihre Wählerstimmen und ihr Verhalten, um vom weltweiten Ausstoß von 51 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr auf Null zu kommen.

Von der Neigung der Milliardärskollegen Jeff Bezos, Elon Musk und Richard Branson ins All zu fliegen, hält Bill Gates wenig bis nichts: „Das Interesse am Weltraum teile ich mit ihnen nicht.“ Seine zwei großen Leidenschaften seien vielmehr globale Gesundheitsversorgung und Klimawandel.

Der erste Wirtschaftsbuchpreisträger war im Übrigen im Jahr 2007 Daniel Schäfer, ein gestandener Journalist, der bei der „Frankfurter Allgemeinen“, „Financial Times“, „Handelsblatt“ und Bloomberg gearbeitet hat. In seiner Keynote setzte sich der heutige Partner der Kommunikationsagentur Finsbury Glover Hering mit der Zukunft des Journalismus auseinander. Er entwickelte drei Hauptthesen.

  • Es sind Profis am Werk. Der Journalismus habe sich stark professionalisiert, so gebe es zum Beispiel kaum mehr Einladungsreisen, die zu Gefälligkeitsartikeln führten. Auch zeige moderne Datenanalyse heute, was die Leser wollten.
  • Paid-Modelle sind auf dem Siegeszug. Abonnenten seien die Zukunft, die Kostenloskultur auf dem Rückzug. Zunehmend seien die Menschen bereit, für digitalen Qualitätsjournalismus zu zahlen.
  • Die Nachfrage nach Qualitätsjournalismus ist ungebrochen. 53 Prozent der Deutschen würden traditionellen Nachrichtenquellen vertrauen und nur 14 Prozent den sozialen Medien. Im jungen Publikum sehe es jedoch anders aus. Hier müssten die traditionellen Medien „ihren Wandel nochmals beschleunigen“ und mehr Geld in digitale Strategie und Technologie wie Datenanalyse und Künstliche Intelligenz investieren.

Nicht alle würden das schaffen, resümierte Schäfer in seinem Vortrag der offenen Worte, aber auch im digitalen Zeitalter habe der Qualitätsjournalismus „eine glänzende Zukunft“. Ein Pflichtstück für Medienexperten.

Foto: Getty Images for ZFF

Und dann ist da noch Oliver Ziegenbalg, 50, den der Streamingdienst Netflix vom Drehbuchautoren zum Erfolgsproduzenten machte. Der Spross einer Mathematikerfamilie, der selbst zunächst Wirtschaftsmathematik studierte, hat die erfolgreiche Kultminiserie „The Billion Dollar Code“ produziert, die Geschichte einiger Berliner Künstler und Nerds, die frühzeitig auf so etwas wie „Google Earth“ kamen – lange, bevor es Google überhaupt gab. Deshalb klagten sie gegen den US-Konzern. Der Fall beruht auf einer wahren Begebenheit, wurde aber genretypisch aufgehübscht.

Ziegenbalg freut sich über sein Multimillionenbudget. „Das Geile an Netflix ist: Wenn die das wollen, dann wollen die das einfach“, sagt er. Drehbücher und Sicherheiten wollte niemand sehen, die Amerikaner hätten einfach erklärt: „Hier ist das Geld, wir glauben euch, dass ihr das hinbekommt.“ So ist Ziegenbalg, der zuvor unter anderem den Kinofilm „25 km/h“ abgeliefert hat, auf einmal zum Herrn über dicke Budgets geworden: „Das beflügelt mich.“ Wir enden da mit Jean de La Fontaine, dem Dichter der Fabeln: „Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon.“

Ich wünsche Ihnen einen fabelhaften Start in die Woche, der Flügel verleiht.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

Verwandte Themen
Europäische Union
Olaf Scholz
Robert Habeck
Bill Gates
Netflix
Mario Draghi

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren:

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt