Managementkultur: Aufstand gegen die Zahlenknechte: Braucht es mehr Kreatives in deutschen Chefetagen?
„Manager“ ist für Autor Frank Dopheide ein „Killerbegriff“.
Foto: Birgit Schössow für HandelsblattMünchen. Stefan müssen wir uns als unglücklichen Menschen vorstellen. Er ist CEO, ein „Endoptimierter“. Er hat wie seine Kollegen an den Konzernspitzen die Effizienzschraube überdreht. Sein Steckbrief: männlich, BWLer, Ende vierzig, glatt rasiert, schlanke Marathon-Gestalt.
Er kommuniziert auch nicht viel, nur auf der Weihnachtsfeier im „ugly christmas sweater“. Der Tag beginnt mit dem persönlichen Fahrer auf Lebenszeit, er nutzt den eigenen Vorstandsaufzug, isst im eigenen Vorstandscasino, genießt speziellen chinesischen Tee – und sitzt dann einsam im großen Chefbüro. Im Homeoffice bei der Familie ist er ein Verirrter. Kein Mächtiger.
So jedenfalls beschreibt der langjährige Top-Werber und Medienlenker Frank Dopheide den typischen Vorstandschef. Der 58-Jährige nimmt die deutsche Managementkultur in einem heiteren, auch bitterbösen Sach- und Lachbuch auseinander – ein bisschen Report, ein bisschen Satire, ein bisschen Ratgeber.
„Gott ist ein Kreativer – kein Controller“ beklagt mit Verve die Abwesenheit des Schöpferischen und die Allmacht der Zahlenknechte in deutschen Chefetagen. Und es schildert, wohin der Verlust des Menschlichen in der Wirtschaft führt – vor allem, da sich der Kapitalismus auf eine neue Zeit einstellen muss. Für die seien ein paar Ideen mehr nötig und nicht einfach neue „Key Performance Indicators“ (KPI).
Den größten Markterfolg mit kritischer Managementliteratur hatte bisher vor fast 30 Jahren der Wirtschaftsjournalist Günter Ogger. Sein Werk „Nieten in Nadelstreifen“ hielt sich von Juni 1993 bis April 1994 oben in den Bestsellerlisten. Wo Ogger konkrete Fehlleistungen anprangerte, tritt Dopheide eine ausgedehnte Kulturreise an. Eine subjektive Erkundung jenes Reviers, wo der Nadelstreifen „out“ und der Slim-Anzug „in“ ist.
Dopheide weiß, worüber er schreibt. Der studierte Sportlehrer hat als Werbetexter begonnen. 2005 rückte er an die Spitze der Werbeagentur Grey. Die wurde jedoch just zu dieser Zeit vom WPP-Konzern des einst omnipotenten Briten Martin Sorrell geschluckt, einem „Über-Stefan“ sozusagen.
In dieser Welt der Controller habe er sich wie ein „Alien“ gefühlt, sagt Dopheide, auf globalen Meetings sei nur über Ziffern, nie über Ideen oder Kampagnen gesprochen worden. Man schied im gegenseitigen Nicht-Verstehen. Der inzwischen von WPP-Aktionären längst gefeuerte Sir Martin sei „eine große Nummer gewesen, am Ende aber doch auch nur eine Zahl“, so Dopheide.
Der Sorrell-Schock hat den einstigen Mitgeschäftsführer des Handelsblatts erkennbar geprägt. Wann immer er CEOs traf, wurde ihm meist eine Kreativitätslücke rasch bewusst. Aus dem Land der Erfinder sei eine „Nation der Optimierer“ geworden, bilanziert er. Seine Chronik geht so: Erst kam der Unternehmer, dann der Generaldirektor, schließlich der Manager. Und jetzt ist da leider ein Vakuum.
An der Spitze wurde es unter „Homo Stephanus“ immer einfältiger, so Dopheides Sicht. Monokultur breitete sich aus. Der Mensch sei in der Firmenwelt als Name im Organigramm oder in der Massenzucht der Zielgruppe geendet. „Manager“ ist für den Autor ein „Killerbegriff“. Hier werde nichts Emotionales, nichts auf den ersten Blick Unlogisches gewagt. Große Erfindungen seien aber immer wieder aus Zufall oder Blödsinn oder Spielereien entstanden.
Jetzt ist es seine selbst erklärte Mission aufzurütteln. Dopheide will die nächste Führungsgeneration ansprechen, ihnen Mut zum Ungewöhnlichen machen. Immer wieder penetriert er die Botschaft, die rechte Gehirnhälfte (Künstlerisches, Emotionales) sei genauso wichtig wie die linke (Mathematisches, Logik).
Vitamintablette für Veränderer
Sein Buch sei wie eine „Vitamintablette“ für all jene, die trotz gigantischer Beharrungskräfte die Firmenkultur verändern wollen, sagt Dopheide, „eine Gegenbewegung braucht Supporter“. Noch müsse jeder mit einer kreativen Idee am Controller vorbei, der aber müsse seine Vorschläge nirgendwo durchbringen: „Es darf keine Alleinherrschaft sein, Ratio darf nicht zur Ultima Ratio werden.“
An vielen Orten sind Chief Financial Officer (CFO) zu CEOs avanciert, überall betrieben sie „Financial Engineering“. Sparen nach dem Motto: „Kein Euro verlässt den Raum“, witzelt Dopheide. Jetzt aber wüssten sie nicht recht weiter: „Es verstärkt sich der Eindruck, dass die permanent energetische Überforderung durch immer neue Chefdynamiker sowie das Rattenrennen um schöne Quartalszahlen die Organisation auslaugen und so thermodynamisch gesehen zum Zerfall der Unternehmen führen.“ Stefan ist müde.
So weit Dopheides Lagebeurteilung. Und nun?
Nun müsse ein CEO sein Geld in R&D-Labs stecken, schreibt er, in Innovationsteams, Prototypen und strategische Kommunikation. Jetzt müsse er raus aus dem Hamsterrad und aus dem selbsterhaltenden System der Männerwelt, er müsse sich mehr Denkzeit und weniger Meetings verordnen. Das Ziel: „schöpferische Zerstörung“ wie bei Joseph Schumpeter. Und Stefan müsse zur Identifikationsfigur werden, zum Meister der Kommunikation. Nur Geschichten, das ist das Mantra dieses Buchs, stiften Sinn, Zahlen haben keine verbindende Kraft, wecken keine Energie.
Der Autor selbst hat zwei Helden: Richard Branson und Viktor Frankl. Hier der 70-jährige britische Firmen-Imperator, ein Schulabbrecher, der irgendwann Schallplatten verschickte, der zur Wirtschaft fand wie die Jungfrau zum Kind („Virgin“). Dort der österreichische Psychotherapeut Viktor Frankl (1905–1997), der Auschwitz überlebte und formulierte: „Das Gefühl kann viel feinfühliger sein als der Verstand scharfsinnig.“ Frankl sei der Vater der Sinnfrage, weiß Dopheide: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“
Buchführung ist nicht Führung
Natürlich ist das Buch im Grunde eine herrliche Übertreibung. Jeder weiß: Ein Unternehmen in den Händen eines wilden Haufens Kreativer hätte wenig Überlebenschancen. Der Friedhof der Wirtschaftsgeschichte ist voll mit Unternehmern, die glaubten, schlauer als Adam Riese zu ein. Und jeder weiß natürlich auch, dass Gott nicht einfach ein Super-Kreativer war, sondern seinen Controller Noah genau checken ließ, wer vor der Sintflut auf die Arche durfte.
Die Bibel selbst steckt, aus dem Althebräischen heraus begründet, voller wichtiger Zahlen. Ein Symbol für Gott ist etwa die Ziffer „26“. Aber „Gott ist ein Kreativer“ will ja kein Wissenschaftswerk sein, es sucht Provokation durch Zuspitzung. Auch in einer Karikatur steckt Wahrheit. Wer an Gott denke, wisse, dass er Schöpferisches getan hat, so Dopheide: „Die etwas kleinere Leistung vollbrachte Moses, indem er sagte: Hier haben wir zehn KPIs.“
Alles in diesem Buch ist Dramaturgie oder besser: Storyline. Aus Gründen der Inszenierung wird nicht vertieft, dass auch ein Ex-CFO wie Timotheus Höttges von der Deutschen Telekom durchaus ein ideenreicher Vorstandschef ist. Das ahnt Dopheide selbst. Eine seiner Stärken ist das Finden von Merksätzen: „Buchführung ist etwas anderes als Führung.“ „Was früher Zuckerbrot und Peitsche war, heißt heute Zielvereinbarung.“ „Folgen dir die Menschen, dann folgen auch die Zahlen.“
Unterhaltsam ist diese Schrift auf jeden Fall. Mit ihr löst er seinen Selbstanspruch ein: „Werber schaffen Mehrwert für die Gesellschaft – Kreativität.“ Seine eigene Düsseldorfer Agentur beschäftigt sich ganz mit „Purpose“, mit dem Sinn all des emsigen Wirtschaftens. Dopheide: „Werber sind darauf dressiert, in allem das Positive zu sehen. Als Kreativer fällt dir immer etwas sein. Du fühlst dich nie hilflos, du hast immer eine Idee, mit der du hier gut herauskommt.“
Stefan ist übrigens wirklich der meistvertretene Vorname der Chefs im Dax.